caspars Arbeiterleben I

Das hier notierte ist aus einem Blog “caspars Arbeiterleben”, den oder das ich ca. 2012, kann auch 2011 gewesen, begann und der dann leider irgendwie gehackt wurde; ich hatte einige Einnahmen mit Werbung erzeilt, mein Geschriebenes wurde begutachtet, doch soviel Aufmerksamkeit ruft dann wieder Neider hervor und so war der Titel des Blogs mit einem Mal in anderen Händen. Ich änderte den Namen in “Messingredner” […] von Dylan Thomas inspiriert und schrieb einige Zeit online weiter…. bis?
Alles Notierte wird dann hier veröffentlicht. Einiges wird nicht mehr aktuell sein. Anthony Bourdain hat sich erhängt und die Literatur der Arbeitswelt hat auch den Stellenwert verloren, den sie mal besaß. Heute schreibt man über… ein Großteil unserer Mitmenschen liest gar nicht mehr, sondern schaut Serien auf Netflix. Darüber wird sich dann ausgetauscht. Meine Mutter erzählt mir jedes Mal am Telefon von all ihren Serien. Das ist jetzt ihr Leben. Eskapismus… Viel Spaß.

 

1_ Die Literatur der Arbeitswelt!
Die Neuentdeckung des Genre der Literatur der Arbeitswelt!
Karen Duve schreibt über ihre 13jährige Beschäftigung als Taxifahrerin. Anna Sam berichtet über ihre Beobachtungen als Kassiererin in einem Supermarkt, bloggt, was das Zeug hält und wird sogar “verlegt”.  Anthony Bourdain köchelt seine Buchstabensuppe und plaudert seine Kochkunstgeheimnisse aus. Wallraff ist “out”… Die Bedingungen unter denen die Menschen arbeiten interessieren niemanden mehr, einzig die Identifizierung mit der schreibenden Person, die in unseren katastrophalen Jobs malochen, bringt uns etwas Kurzweil, Amüsement und vor allem zeigt es, dass es überall die gleiche Scheiße ist: unbefriedigende, seelenlose Arbeit.
Nun ja, lange Rede, kurzer Sinn: meine Erfahrungen aus der Arbeiterwelt sind ein endloses Kauderwelsch und wollen geordnet werden. Angefangen bei den ersten Erlebnissen als 14jähriger auf dem Bau, eine Lehre zum Maschinenschlosser, Gesellenjahre im Drei-Schicht-Betrieb, das wiederholte Drücken der Schulbank, Realschulabschluss nachmachen, in den Ferien als Friedhofsgärtner jobben, als Aushilfsfahrer von Salaten, Abitur nachholen, als Kellner jobben(!)(?)… ein Studium als Künstler beginnen und wieder abbrechen, Postbote, Nachtwächter, Lagerarbeiter(!)… 6m lange, fette Stahlträger mit einem elektrischen Kran auf Lastkraftwagen verladen… jobben auf dem Weihnachtsmarkt bis selbst das Innere kandiert ist und man im Traum dieses Bing Crosby Lied nachsingt:” I´m dreaming of a White Christmas”, schließlich für sechs Jahre der Postbote, Tonnen von Reklamesendungen in die Chinesenaugen der Briefkästen stopfen und sich ewig nach dem Sinn des Ganzen fragen, Messebau, Modemesse, Automesse, Küchenmesse, Essenmesse, Elektromesse, Gartenmesse, Häusermesse, Flugzeugmesse, da arbeitet man mit Menschen zusammen, die ihr Hirn völlig aufgegeben haben. Ihren Lauten entnimmt man, dass eigentlich nur noch wenige Funktionalität vorhanden ist: Saufen und Ficken!
Jobben an der Tankstelle, kassieren, Autos waschen, kassieren und Regale mit überteuerten Waren füllen. Irgendwann muß man sich einfach fragen, wer sich dieses idiotische System ausgedacht hat, wo die Menschen für Belohnung arbeiten, diese Belohnung aber in keiner Weise seelischer Natur ist, sondern rein materieller. Naja, Fromm hat da ausgiebig drüber lamentiert… immer wieder werden Reize geschaffen, die den einzelnen manipulieren und ihm weissmachen, wenn er dies und das besäße, ginge es ihm gut. Der einzelne arbeitet dafür und kauft sich um den Verstand, kaufen ist die einzige Belohnung unserer harten Arbeit… noch ein Auto, noch eine Digital-Kamera, noch ein Handy oder am besten gleich fünf, Computer, Schuhe, Hosen, Ketten, Uhren, Luxusartikel, die keiner braucht. Dafür mühen wir uns ab!
Ich bin nun seit zehn Jahren in einem Job als Kellner. Mit 50 Jahren bleibt nichts übrig außer die Kellnerei, lächerlich und …lächerlich!

 

2_ Anfang ist schwer!
Mit 14 Jahren malochte ich bereits auf dem Bau. Ich hatte Sommerferien und wollte unbedingt Gitarre spielen; das Problem war nur: ich besaß keine Gitarre. Also heuerte ich im Betrieb meines Vaters an und schleppte über fünf Wochen lang Steine, Sand und Bierkästen.
Der erste Tag zeigte mir gleich wo es lang ging. Gegen sieben Uhr morgens stellte ich mein Fahrrad an den Bauwagen und kletterte die kleine Treppe hinauf ins Innere. In der hintersten Ecke saß “Hase”. Ein bulliger Kerl von zwei Metern und einem Lebendgewicht von zwei Zentnern. Wer ihm diesen Spitznamen gegeben hatte, mußte irgendwie die Ironie für sich gepachtet haben. Hase saß ruhig und blätterte, wie alle Bauarbeiter, in der Bildzeitung.
“Morgen!” sagte ich und setzte mich auf die Bank. Diese Bauwagen hatten nur Bänke als Sitzplätze, keine Stühle und man saß dicht an dicht mit diesen übel riechenden Trollen an einem Tisch. Der Geruch von Erde schwebte im Wagen, Erde, tiefe, schwere Erde, dicke, braune Erde…
“Mmmogn!” antwortete Hase, ohne von seiner Zeitung auf zu blicken.
Vor sich hatte er eine durchsichtige Flasche mit klarem Inhalt stehen. Ich schaute genauer hin und erkannte Korn, Schnaps. Der Kerl trank zum Frühstück um viertel vor sieben erstmal ´ne Flasche Korn. Prost Mahlzeit, dachte ich, da mußte ich die fünf Wochen über sicher Stehvermögen zeigen.

 

3_ Steine,Sand und Schnaps!
In den nächsten Minuten trudelten sämtliche Bauarbeiter ein, kramten ihre Bildzeitung hervor, redeten kein Wort und raschelten nur mit dem Zeitungspapier. Als der Polier in der Tür stand, gingen alle Augen in seine Richtung und wir erhoben uns, um an die Arbeit zu gehen. Ich latschte dem Polier hinterher und wartete auf eine Zuteilung oder irgendwas, wo ich anpacken konnte.
Zuerst mußten Kopfsteinpflastersteine aus der Erde gehackt werden. Dazu sollte ich eine Spitzhacke benutzen und die Steine dann entlang der Straße aufschichten. Ich fragte nach Handschuhen, die es aber nicht gab. Ich schaute die Straße entlang und schätzte die Strecke auf etwa einem bis anderthalb Kilometer Länge, da würde ich sicher den ganzen Tag dran hacken. Warum man die Steine wieder heraus holte, fragte ich erst gar nicht, weil ich so wenig von Straßen- und Tiefbau verstand wie eine Frau vom Reifenwechsel.
Die anderen Arbeiter taten ähnliches wie ich, karrten Sand durch die Gegend, schleppten Steine in großen Schubkarren, hämmerten Eisenstangen in den lockeren Sand. Um diese Eisenstangen wurden dann Fäden gewickelt auf einer Länge von vielleicht zweihundert Metern, wahrscheinlich so was wie eine Horizontale, damit man eine Höhe beim Setzen erreichte, mutmaßte ich. Fußwegplatten wurden mit Hacken ausgehebelt, Kantensteine, kleine Pflastersteine und so weiter. Die gesamte Straße wurde also umgepflügt…
Ich ging zum Werkzeugwagen, holte Spitzhacke heraus und machte mich an die Arbeit. Schon der erste Schlag durchzuckte mich wie der Thorhammer. Die Kopfsteinpflastersteine sahen in Sand gesetzt nicht sonderlich groß aus, doch beim Hacken und heraus holen, wurden daraus riesige Findlinge, die mehrere Kilos wogen. Nach einigen Minuten war ich schon völlig durchnäßt und meine Arme schmerzten. Weil ich keine Handschuhe trug und meine Hände die schwere Arbeit nicht gewohnt waren, bekam ich innerhalb von Sekunden Schwielen.

“FRÜHSTÜCK!” brüllte der Polier.

Ich wunderte mich. Wir hatten doch eben erst angefangen und jetzt schon Pause?Ich ließ die Hacke fallen und ging mit krummen Rücken zum Bauwagen. Zum Glück hatte ich eine Riesentüte mit Stullen eingepackt und eine Thermoskanne Tee…
Da ich Neuling war, mußte ich erstmal warten bis alle Arbeiter an IHREN Plätzen saßen und konnte mir dann aussuchen, wo ich die nächsten Wochen sitzen wollte. Natürlich hatte jeder einen Stammplatz und das wohl schon über Jahre.
Ich durfte mich direkt am vordersten Ende einer Bänke setzen und mampfte gleich drauf los.
“Kannste Skat spielen?” fragte mich der Polier und schmatzte seine Hackstulle.
Ich nickte kauend und blickte fragend in die Runde.
“Kalle ist krank,wohl für´n paar Wochen. Wir brauchenErsatz. Haste Lust?”
Ich nickte erneut und wartete ab.
Der ganze Wagen stank nach Hack, Zwiebeln, Leberwurst, Stinkekäse, Kaffee, Schnaps und Bier. Aber irgendwie war es gemütlich und die Kerle erwiesen sich als reichlich kumpelhaft.
“Hier is ´n Zettel und ´n Stift. Schreib´ma´auf, was die Männer wollen!”
Ich verstand nicht. Was die Männer wollen? Was soll ich denn aufschreiben?
Hase fing an, er knurrte was von Bier und Pudding… und eine Tafel Schokolade, sagte er nach einer kleinen Pause, die mit ganzen Nüssen. Ich schrieb.
Molle meinte, er bräuchte heute nichts, vielleicht nur ´n Korn, ´n Flachmann reichte. Der Polier redete auch was von Bier, meinte aber gleich, ich solle den kleinen Hänger nehmen und ´n Kiste Wolters Pils mitbringen. Richard wollte Brötchen und Aufschnitt zum Mittag, Joghurt, fettarm und am besten mit Kirschgeschmack. Hans wollte Schwarzbrot, Aufschnitt, Mortadella und sowas und zum Nachtisch auch Pudding, den mit Früchten drin…
Ich nickte und nickte und notierte. Dann wurde das Geld eingesammelt, der Hänger rausgekramt und ich durfte zum nächsten Sparmarkt hetzen. Unterwegs besah ich mir den Zettel und wurde unruhig, wenn ich nun was vergessen sollte? Die würden mich in die Kanalisation hinablassen, zu den Ratten und den Deckel überwerfen…
Als ich zurück kam mit beladenem Hänger, hockten die Männer noch im Wagen. Ich war vielleicht dreizig Minuten unterwegs gewesen, hatte mich beeilt, weil ich am ersten Tag einen guten Eindruck hinter lassen wollte. Sie hockten da und spielten Skat, schrien und lachten, kloppten wie Irre ihre Karten auf den Holztisch und brüllten… Ich schleppte den Bierkasten hinein ,zwei großen Plastiktüten mit den anderen Dingen, verteilte diese und setzte mich wieder hin. Mittlerweile waren so an die sechzig Minuten vergangen, aber keiner machte Anstalten zurück an die Arbeit zu gehen. Es wurde wie wild gepafft, jederhielt eine brennende Kippe im Mundwinkel und glotzte auf die übriggebliebenen Bildzeitungsartikelwenn er nicht eben Skat spielte.
Man fragte mich dann nochmals nach einem Spiel und wollte auch wissen, ob ich denn um Geld spielen würde. Ich nickte natürlich, blieb weiterhin stumm und wartete auf mein Blatt.

4_ Gestank aus allen Himmelsrichtungen
Ich spielte noch nicht lange Skat, nur ab und zu mal unter den Kumpels oder zuhause mit dem Alten. Also ließ ich mich anfangs ganz schön über den Tisch ziehen. Zwar war der Einsatz nur ein Pfennigbetrag, aber wenn man Stunden spielt, dann kann die Börse schnelle leer werden. Ich versuchte mich zu konzentrieren und überlegt zu spielen… Hatte ich vier Karten einer Farbe und zwei Buben dazu, überlegte ich nicht lange, sondern ging hoch ´ran. Dazu zwei Asse, vielleicht ´ne Zehn und ich konnte mein verlorenes Geld wieder einspielen.
“Der Junge wird warm!” meinte Richard und schob mir seinen Pfennigeinsatz zu, wie auch der Polier und Wolle.
Ich hatte mittlerweile die Schwielen an den Händen vergessen und vertiefte mich völlig ins Spiel.
Als nächstes gab es einen Grande Hand für mich und ich pfeffterte die Karten nur so auf den klappernden Tisch, sackte die Pfennige ein und mischte erneut, aber der Polier sah jetzt auf die Uhr und meinte, wir müßten schon noch was tun. Ich glaube, den ersten Tag saßen wir knapp zwei Stunden im Wagen zum Frühstück.
Jeder Budenwagen hatte an einem Ende die Eingangstür und am anderen eine kleine Tür, wo es zu einem Plumpsklo ging. Das war eine Holzbrille, eigentlich mehr ein Holzbrett mit einer runden Öffnung und da drunter stand ein Eimer, der vor Feierabend geleert wurde. Schon seit einiger Zeit grummelte es mir im Magen und ich mußte dringend abseilen. Ich ließ die Hacke fallen und ging unter Beobachtung des Poliers zum Klo, riß die Tür auf, schloß sie von innen ab und setzte mich zu einem herrlichen Schiß über den Eimer. Der ganze Wagen stank nach meinen Innereien, aber peinlich war mir das nicht. Nach den ersten Stunden als Bauarbeiter kam ich mir ziemlich tough vor, ein Kerl mit dickem Bizeps, ordentlich was in der Hose und einem Gang wie John Wayne in “Vierizg Wagen westwärts”. Ich kam aus der Klotür und trabte breitbeinig zurück zu meinen Kopfsteinpflastersteinen, die mich mit ihren blauen Augen anstarrten.
Ein LKW kam vorbei und brachte Kies und Sand. Der Polier wies den Fahrer eine entsprechende Stelle zu und dieser ließ die Ladefläche in den Himmel ragen. Dann brüllte der Polier meinen Namen, winkte mich zu sich heran und gab mir eine neue Aufgabe. Ich sollte mir eine Schubkarre besorgen, eine Schaufel und den Sand dort hinschleppten, wo Richard ihn hin haben wollte. Richard war der Steinsetzer. Er großer Kerl von einsneunzig, krummbeinig, schwarzglänzendes Haar und ein Schwerenöter. Wir arbeiteten ja in der Öffentlichkeit, auf offener Straße. Die war zwar für Autos gesperrt, aber Fußgänger trippelten geschäftig auf und ab. Natürlich gab es unter den Fußgängern auch junge Damen und Mädchen und Richard konnte es sich nie verkneifen einen Pfiff aus zu stoßen, wenn die Hübschen an ihm vorüber gingen. Manchmal machte er nur so Geräusche:
“Heyhey…mmmhhh…aaahhh!” und lachte lauthals.
Richard begann die Steine, die ich mühsam aus der Erde gehackt hatte, wieder an anderer Stelle in selbige zu klopfen. Dazu brauchte er den angelieferten Sand, den ich ihm mit der Karre vor die Füße kippte.
So eine Baukarre ist nicht zu vergleichen mit einer Gartenschubkarre. Die ist wesentlich tiefer, fasst bestimmt das Doppelte und wiegt dementsprechend. Meine Arme wurden länger und länger und der Haufen aber nicht kleiner.
“SAAANND!” brüllte Richard und ich machte, dass ich schnell auf lud, die Karre hoch wuchtete und sie zu den gewünschten Stellen schaukelte.
Die anderen Bauarbeiter waren mittlerweile am Ende der Straße angelangt, hatten alles umgepflügt und Steine und Platten aufgeschichtet. Hase lehnte alle paar Minuten auf seiner Schaufel, kramte eine Kippe aus seiner Brusttasche und glotzte durch die Gegend. Ab und zu griff er zum Flachmann, schaute kurz nach links und rechts und warf seinen Kopf in den Nacken, schluckte und schaute wieder und versteckte den Flachmann wieder im Hemd.
Molle bediente den Bagger, wühlte sämtliche Erde auf und ordnete diese zu kleinen Häufchen längst der Straße an. Er trug ein Holzfällerhemd, eine schmuddelige Bauhose und schwere Stiefel mit Stahlkappe. Wenn er aus seinem Bagger heraus kletterte, hörte man die Schritte durch die Luft donnern und dachte sogleich an Riesen oder Trolle. Auch er genehmigte sich manchmal ein Schlückchen aus seinem Flachmann.
Der Polier wuselte ständig hin und her zwischen Hase und Richard, gab Anweisungen, besah sich Baupläne und gab sich verantwortungsbewußt. Sein dicker Bauch stach hervor wie eine Kugel. Er hatte kurze Beine, machte kurze Schritte und es sah drollig aus wie er über die Baustelle raste, ohne eigentlich viel vom Fleck zu kommen.
“MITTAG!” schrie er.
Ich ließ sofort die Karre stehen, wischte mir die Hände an den Hosen ab und latschte zum Bauwagen. Himmel, dachte ich, noch fünf Wochen!!!
Als sämtliche Arbeiter am Bauwagen angekommen waren, hörte ich ein riesiges Raunen in meinen Ohren. Was war denn da los? Der Polier stand vor der Klotür, hielt die Klinke in der Hand und verzog sein Gesicht.
“Mann Gottes!” sagte er gelassen, “so ein Schiß!”
Er erklärte mir, dass das Klo nur zum Pissen benutzt wird, Kacken kann man zu hause.
“Und nu´?” fragte ich dumm.
“Du wirst den Eimer fein leeren, die Tür offen stehen lassen, damit der Gestank verfliegt.”
“Wohin soll ich denn den Eimer kippen?”
“Da gibt es nur einen Ort…in die Kanalisation!”
Ach-du-scheiße!.dachte ich.

 

5_ in den Abgrund
Natürlich gafften die anderen Bauarbeiter aus der Bauwagentüre und grinsten sich eins, als sie mich mit dem stinkenden Eimer zum nächsten Gullideckel latschen sahen. Hase besorgte eine Brechstange und bewegte mühelos den schweren Eisendeckel zur Seite, glotzte einmal nach unten und grinste weiter…
Zum Glück war der Eimer mit Pisse und meinem Haufen nicht sonderlich voll, nichts schwappte mir über die Beine oder so. Ich starrte doof in den Abgrund der Kanalisation,ging in die Knie und kletterte die Treppe hinab in den Moloch. Ich erwartete Ratten, Monster, Urviecher aus einer anderen Welt, Höllengestalten mit Reißzähnen und… Gestank. Unten angekommen, rutschte ich gleich zur Seite, pladderte die Brühe im Eimer über die Gosse. Ich blickte nach rechts und links und sah nur Dunkelheit. Man konnte gar nicht viel erkennen, aber da verzweigten sich Wege, Kanäle, die in alle Richtungen verliefen. Es roch nach… klar, nach Scheiße, Schlamm und Moder. Auf der Stelle schüttete ich den Inhalt des Eimers im weiten Boden in irgendeine Richtung und krakselte wieder hinauf. Oben aus der runden, hellen Öffnung glotzten dämlich alle Arbeiter nach unten und wollten sich nicht mehr einkriegen. Sie fanden das sicher lustig. Für mich war der Einstieg in das Arbeiterleben nicht gerade ruhig verlaufen und ich schämte mich etwas.
Als sich alles beruhigt hatte, fragte ich mich, wo ich mich denn nun waschen konnte. Meine alte Hose hatte etwas abbekommen, was sich weiter tragisch war, schließlich war es eine Bauhose und die MUßTE stinken, nur würde man mich sicherlich nicht in den Bauwagen lassen und schon gar nicht am Skatspiel beteiligen, bei den Ausdünstungen.
Überall auf den Straßen gibt es diese kleine Vierkantanschlüsse für Wasser. Der Polier kam mit einem Werkzeug, drehte kräftig den Hahn auf und ich wusch mir die Hände unter eiskaltem Wasser. Mein Essen nahm ich im Freien zu mir…
Von dem Tag an versuchte ich jeden Morgen nach meinem Tee, gleich aufs Klo zu gehen, damit ich nie wieder auf der Baustelle scheißen mußte. Ich quälte mich auf der Schüssel ab, doch gab nicht nach,bis es plumpste.

Als ich nach dem ersten Tag heim fuhr, konnte ich die Arme nicht mehr bewegen. Sie gehorchten einfach nicht meinen Anweisungen. Schlaff hingen sie an den Seiten herab und baumelten wie totes Fleisch hin und her. Mein Rücken schmerzte und die Schlutern brannten. Ich duschte, zog mich um und ging sofort ins Bett.
Am nächsten Morgen hatte ich einen Muskelkater und konnte nicht mehr laufen, nicht mehr stehen und nicht mehr gehen. Jede Bewegung war eine Willensanstrengung. Auf dem Fahrrad lockerten sich die Mukeln etwas, aber die Extremitäten zitterten wie Pappeln.
Ich bot natürlich mit meinem Scheißhaufen für Tage Gesprächsstoff und war der Kasper der Baustelle. Man blickte mich an und lachte lauthals los. Richard vergaß selbst die vorbei flanierenden Girlies und pfiff bald mir hinterher. Dann drückte er sich die Nase zu, verzog komisch das Gesicht und haute sich auf die Schenkel.
Die Tage verflogen aber rasch und bald war mein Mißgeschick vergessen, Richard starrte den Frauen auf den Arsch, Hase trank munter seine Flachmänner, Wolle spielte mit seinem Bagger im Sand und der Polier kam seiner Verantwortung nach, alles und jeden im Auge zu behalten.
Ich hatte mich einigermaßen integriert und die Arbeit machte sogar Spaß. Nach Tagen der Schlepperei und Schaufelei, des Steineputzens und der Karrerei durfte ich dann auch mit Richard zusammen Steinsetzer spielen.
“Trauste dir das zu?” wollte der Polier wissen.
“Klar!” nickte ich.
“Hol´dir Knieschützer und geh´zu Richard, wir müssen mal ´n bißchen reinhauen, heute kommt der Chef vorbei.”
“Okay!” antwortete ich und versorgte mich mit Knieschützern und Steinsetzerhammer.

“Ran hier!!” brüllte Richard Frohnatur. “Kannst gleich loslegen. Hock´dich neben mich und schau´zu!” befahl er in freundlichem Ton.
Der Steinsetzerhammer hat eine Seite zum Sandloch ausheben und eine zum Kloppen der Steine. Ich stellte mich ganz gut an, suchte passende Steine, die ich allerdings immer erst selber von einem Haufen holen mußte, schüttete diese an meinen Arbeitsplatz und stopfte Stein um Stein in den Sand bis sich eine große Fläche ergab. Das Ganze sollten Parkplätze werden und die Straße wurde komplett ausgebessert, weil Baumwurzeln das Pflaster und die Steine ausbuddelten.
“Hey!” rief Richard zu mir rüber,” du bist ja fast so schnell wie ich. Mußt nur auch aufpassen, dass du nicht alles krumm und schief pflasterst.”
Is gut!” gab ich zur Antwort und haute drauf los. Ich machte meinen eigenen kleinen Wettbewerb mit Richard und versuchte ihn einzuholen, indem ich wie wild Stein um Stein hineinklopfte. Aus dem Tritt kam ich nur, wenn die Steine ausgingen. Dann mußte ich hoch, die Karre nehmen und wieder neue besorgen. Das machte ich allerdings auch immer schneller und schneller. Dann nahm ich mir als Hilfsmittel eine Wasserwaage und platzierte diese über die von mir gepflasterten Steine. Ich sah jede Unebenheit und beglich sie gleich wieder. Richard bekam das natürlich mit und legte auch einen Zahn zu. Für einen Kerl kurz vorm Rentenalter war er agil wie ein junger Bursche. Ich denke mal, dass das auch an der täglichen Arbeit liegt… immer an der frischen Luft, Knochenarbeit, Muskeln anstrengen, sowas hält fit. Und Richard war fit. Natürlich mußte ich bald aufgeben und konnte mit seiner Geschwindigkeit nicht mithalten. Ich wurde langsamer und langsamer. Hase schaute immer mal wieder rüber und machte Zeichen zu Wolle und dem Polier, die dann auch glotzten und grinsten.
“Is wohl ´ne Art Kampfsport, was?” fragte ein Kerl mit stechend blauen Augen und blondem Haar.
Ich nickte nur und schaute zu Richard rüber, der sich erhob, den Sand von den Hosenbeinen abklopfte und dem Mann die Hand reichte.
“Mogn Chef!” sagte Richard und machte einen Diener. Sowas hatte ich noch nie gesehen, wie der in die Beuge ging.
“Morgen Richard”, sagte der Chef, der lächelte und zu mir trat.
“Wie macht er sich denn?” fragte er an Richard gewandt und schaute auf mich.
“Is ´n große Hilfe. Mittlerweile macht er mir Konkurrenz im Steinesetzen.”
“Aha!”
Er reichte mir seine saubere Hand und meinte: “Weiter so!” Mehr nicht. Er drehte auf dem Absatz um und winkte den Polier zu sich heran.

 

6_ vom grünen Jungen zum Rockstar
Ich machte mich mit Richard weiter an die Arbeit, hämmerte die Steine in den Sand, schleppte neue Steine ran und beachtete den Chef nicht weiter. Der besprach sicher mit dem Polier die Fertigstellung der Straße. Außerdem, was hätte der Chef auch groß mit mir reden sollen? Ich war ein grüner Junge, der sich eine Gitarre zusammen sparen wollte und dafür auf dem Bau ackerte. Wenn ich meine Arbeit machte und nicht sonderlich auffiel, würde ich in ein paar Wochen hier raus sein und zum Rockstar werden.
In dieser Zeit gab es nichts, was meine Tage groß beeinflußte. Arbeiten von sieben bis fünf, nach Hause radeln und vor die Glotze hängen, dann ab ins Bett und am Morgen wieder los. So vergingen natürlich auch die Tage relativ schnell und ich hatte einen ganzen Batzen Geld gespart. Damals gab es noch Lohntüten, die der Chef persönlich an jede seiner Baustelle brachte. Immer Freitags fuhr er vor, kramte die Tüten aus und wir standen vor ihm und warteten, dass unsere Namen aufgerufen wurden. Die erste Tüte, die ich bekam, riß ich auf und schaute auf die Scheine, zählte nach und versteckte sie in meiner Hosentasche. Den ganzenTag lang griff ich ständig am Arsch herum und befühlte, ob die Tüte doch drin steckte. Als ich dann zum Steinsetzer aufgestiegen war und der Chef wieder mal am Freitag mit unserem Lohn erschien, ich sie aufmachte und nach zählte, stelle ich fest, dass es sogar eine Lohnerhöhung gab. Ich war stolz wie Bolle…
Jeden Morgen besorgte ich den Einkauf, latschte zum Sparmarkt rüber und kaufte für die Arbeiter ein. In jeder Pause kloppte ich die Karten auf den Tisch und versuchte den Jungs ihre Kohle aus den Taschen zu ziehen. Ich schlug mich wacker im ersten Job, setzte auch riesige Kantensteine mit Richard ein und verlegte Gehwegplatten. Allerdings mußte ich die vorm Verlegen immer erst sauber kratzen. Steine wurden nie neu rangeschafft, die ausgebuddelten wurden gesäubert und wieder verwendet.
Was diese Jungs an Getränken in sich schütteten ging auf keine Kuhhaut. Ich konnte da nicht mithalten ,obwohl ich ein gutes Training absolviert hatte. Denn Hase hatte irgendwann auf einem Freitag einen ausgegeben und man fragte mich, ob ich wollte, dürfte. Klar, durfte ich, schließlich wollte ich meinen Mann stehen. An diesem Tag kam ich später als sonst heim, schloß mich im Klo ein und reiherte die Badewanne voll. Das war sozusagen mein Einstieg.
An meinem letzten Tag kaufte ich wie üblich ein und nahm den Hänger zum Transport mit. Zuerst kaufte ich für die Arbeiter ein und besorgte dann noch eine Kiste Bier und eine Flasche Korn. Zurück am Bauwagen klatschten die Jungs gleich und lachten aus vollem Hals.
“So läßt sich der Tag gut angehen.” meinte Hase und griff in die Bierkiste, warf die Flaschen den anderen Jungs zu. Ich köpfte eine Pulle für mich und wir stießen auf meinen Ausstieg an.

Kurz vor Feierabend war ich so besoffen, dass der Polier meinen Vater anrief, der mich mit dem LKW abholte und mit zum Betriebshof nahm. Ich lallte nur vor mich hin, kicherte und gackerte dumm daher. Wolle war auch dort und wusch seinen Bagger. Er hatte diesen Riesenschlauch und bespritzte das Teil wie ein Wahnsinniger. Der ganze Hof stand unter Schlamm. Er kam dann zum Lkw, klopfte mir auf die Schulter und sagte, ich hätte echt gut mitgearbeitet, was für einen Burschen wie mich nicht selbstverständlich war. Ich war damals tatsächlich erst vierzehn Jahre alt.
“Da kann sich dein alter Herr ´ne Scheibe von abschneiden.”
Das verstand ich nun nicht. Aber es rotierte in meinem Hirn. Wieso sagte Wolle sowas? Ich war zu besoffen, um weiter darüber nach zu denken und wollte nur heim und ins Bett, den Rausch ausschlafen.
In der darauffolgenden Woche fuhr ich mit dem Bus in die Innenstadt. In meiner Hosentasche fühlte ich deutlich die Geldscheine. Es gab zwei große Instrumentengeschäfte, die ich besuchen wollte. Im ersten Laden gab es nur Anfänger-Gitarren, nichts für mich. Wenn, dann sollte es eine Gibson sein oder eine Fender, etwas RICHTIGES, das ein Leben hält. Diese Anfänger-Gitarren waren Nachbauten, schlecht verarbeitet, häßlich und mit Schriftzügen am Kopf, die keine Sau kannte. Also fuhr ich zum zweiten Geschäft, wo die Auswahl wesentlich größer war. Ich spielte nun seit drei Jahren, hatte einiges drauf, von den Stones und so. Ich ließ mir die Vorführgeräte verkabeln und griff mir eine Gitarre nach der anderen… irgendwie wollte mir nichts gefallen, bis ich schließlich meinen ersten VIERSAITER sah. Eine Fender Bass-Gitarre, der Fender JAZZ BASS. Wie ich nun darauf kam, kann ich nicht mehr rekonstruieren, aber ich kaufte das Teil und wollte Bassist werden, so wie Jaco Pastorius spielen und alle Schülerbands in der Stadt sollten nach mir schreien. Gitarre spielen doch alle.
Das Geld war ruckizucki weg. Ich kaufte noch Ersatzsaiten, einen Gurt und natürlich einen Koffer. Von da an sollte kein Tag vergehen, an dem ich meinen geliebten Bass nicht wenigstens acht Stunden pro Tag spielte.
Später erfuhr ich, dass die schlechte Auftragslage die Straßen-und Tiefbau Firma, in der ich gejobbt hatte, den Chef gezwungen hatte, einige seiner Leute zu entlassen. Der wollte aber niemanden entlassen und hatte echte Gewissensbisse, berief eine Versammlung ein und erläuterte die Situation. So jemanden mit diesem Verantwortungsbewußtsein traf man selten an. Schließlich machte der Chef den Vorschlag, man solle abstimmen… in geheimer Wahl sollten sämtliche Mitarbeiter Vorschläge machen, wer entlassen werden sollte. Der Betrieb beschäftigte etwa dreizig bis vierzig Leutchen, doch einige mußten gehen. Hilfsarbeiter waren die ersten, Leute, die eben erst angefangen hatten, wurden gefeuert. Und der Betrieb mußte sich von einem Fahrer trennen. Es gab vier LKW-Fahrer. In der geheimen Wahl bekam die meisten Stimmen mein Vater. Nach fünfundzwanzig Jahren im Fahrdienst wurde er gefeuert. Fünfundzwanzig Jahre Kumpelei, die keine Kumpelei war. Fünfundzwanzig Jahre Freundschaft, Kollegialität, die keine war. Man hatte ihn gefeuert, weil er in seinem Führerhaus hockte und Radio hörte, während andere den LKW entluden. Andere Fahrer halfen mit, packten an, griffen zu, nicht mein Alter. Der paffte seine Zigaretten, hockte mit dem dicken Hintern im Auto und grinste. Die Abstimmung war so ausgefallen, weil mein Alter keinen Finger gerührt hatte, weil er schlicht und einfach stinkendfaul war.
Ich konnte dann auch die damalige Bemerkung von Wolle verstehen. Für meinen Alten brach eine Welt zusammen und er ging “stempeln”…

 

7_ Und was kommt noch?
Ich muß etwa sechszehn gewesen sein, als ich den nächsten Job antrat. Nach dem Hauptschulabschluß, zu mehr reichte es damals nicht, wohl auch wegen übermäßigem Drogenkonsum; ich war von morgens bis abends zugekifft, naja, nach dem Hauptschulabschluß bekam ich nicht gleich eine Lehrstelle. Ich wollte irgendwas mit Buchstaben machen, Zeitungen, Zeitschriften, Druckereien, Schriftsetzer, leider war da nichts zu machen und ich rief in einer Friedhofsgärtnerei an, wegen einer Aushilfestelle. Die brauchten eigentlich immer jemanden, der ihnen den Dreck wegräumte, das Laub zusammen harkte oder den Müll wegfuhr. Ich hatte Glück und bekam die Stelle, konnte am nächsten Tag beginnen und sollte mich um sieben Uhr in der Frühe auf dem Gärtnereihof einfinden.
Es war arschkalt. Der Herbst stand breitbeinig auf dem Land und blies seinen schlechten Atem durch die Gegend. Ich fuhr noch immer mit dem Rad, eingepackt in Schals und Handschuhen bis zur Vermummung. Auf dem Hof standen diese kleinen Traktoren mit Anhängern, mit denen die Gärtner über die Friedhöfe rasten und ich erlaubte mir den Gedanken, dass ich ja vielleicht auch mal damit fahren dürfte. Aber ich hatte eigentlich keine Ahnung, was auf mich zukam, was es für Arbeiten geben würde und so.
Der Hof war von Häusern eingekreist. Gleich rechts neben dem Eingang lag ein zweistöckiges Wohnhaus, davon ging im rechten Winkel ein ziemlich großen Schuppen ab. Dem Wohnhaus direkt gegenüber lag ein Blumenverkaufsladen mit großer Glocke über der Tür. Dorthin trabte ich, öffnete die Tür und trat in wohlige Wärme.
“Komm´durch!” rief eine weibliche Stimme und mußte mich meinen.
Ich ging am Tresen vorbei auf eine andere Tür zu und klopfte nochmal zur Sicherheit.
“Nu´komm´doch ´reich!” befahl die Stimme.
Ein Aufenthaltsraum für die Angestellten. In der Mitte ein Tisch mit unmodischer Plastikdecke, darauf ein voller Aschenbecher, Kippen, Streichhölzer, Thermoskannen usw.
Die Stimme gehörte einer dicken Frau mittleren Alters, die mich anlächelte und fragte:
“Hast du gestern angerufen?”
“Ja.” sagte ich und zog die Handschuhe aus , nahm den Schal ab und wartete weiter.
“Setz´dich, dauert noch etwas bis die Chefin kommt. Ich bin immer die Erste hier.”
Sie reichte mir ihre Hand und sagte: “Monika!”
Ich gab ihr die meine und antwortete: “Max.”
“Max.” wiederholte sie, “wie Max und Moritz?”
“Nein”, sagte ich, “wie Max. Eben Max.”
Monika schlürfte heißen Kaffee und paffte ihre Zigaretten. Sie winkte mit der Hand ab. Dann ging auch schon die Tür auf und andere Leute kamen rein. Ein junges Mädchen, die Tochter der Chefin, ein alter Kerl mit gegerbter Haut, faltig und dürr, ein Türke mit elender Knoblauchfahne und alle hockten sich an den Tisch und pafften, lasen die Bild-Zeitung,d ie überall gelesen wurde… Bildchen, nicht zuviel Text… und warteten. Ich wartete auch.
Es war überall das gleiche am Morgen, gesenkte Köpfe, verschlafene Gesichter, kaum wach zu kriegen, nur mit Kaffee und Kippen und niemand redete auch nur ein Wort.
Dann kam die Chefin, begrüßte alle und auch mich, teilte mich der Monika zu und verschwand wieder ganz schnell.
Wir sollten winzigkleine Plastiktöpfe mit Erde füllen, in die dann Setzlinge gepflanzt werden sollten. Hinter dem Verkaufsladen gab es ein Gewächshaus, zig Quadratmeter groß, mit langen Tischen, die vollgestellt mit diesen Töpfchen waren.
Ich latschte hinter Monikas großem Arsch hinterher und beobachtete wie der wackelte. Ihre dicken Beine schabten bei jedem Schritt aneinander und machten seltsame Geräusche. Nicht eben meine Traumfrau. Zu der Zeit war ja Dauerwelle total “in” und jede Frau mußte sich dieser Prozedur hingeben, wollte sie als modisch gestylt gelten. Monika trug ein Kopftuch, damit die Frisur nicht verunstaltet wurde. Andauernd befasste sie das Tuch,r ückte es zurecht, nach hinten, zur Seite, nach vorn, nur um ihre Löckchen zu schützen. Hätte sie dreizig Kilo weniger gewogen hätte der Affentanz Sinn gemacht, aber für mich sah sie aus wie eine behaarte Kugel.
Im Gewächshaus zeigte sie mir wie man Blumenerde in die Töpfe verfrachtete. Man ließ eine Handvoll locker hinein fallen, nicht drücken, dann noch eine Handvoll und dann nur leicht andrücken, alles wässern und den nächsten… Das würde mächtg eintönig werden, dachte ich bei mir und begann.
Monika ging davon. Sie ging immer weiter davon, hinaus sogar und ich stand dann da allein, schaute erst kurz umher, ob es nicht auch irgendwelche Spione oder so gab, drehte mir eine Kippe, zündete sie an und rauchte genüßlich. Eintönig, dachte ich, aber mit sehr viel Ruhe…

 

8_ Blumenerde
Den ganzen Vormittag grabschte ich nach Erde, träufelte diese in die Pötte, wässerte und ging an den nächsten Pott. Man muß sich das so vorstellen, dass da etwa tausende von Pötten auf den langen Tapeziertischen standen, die ich abging. Langweiliger kann eine Arbeit gar nicht sein.
Kurz vor der Mittagspause erschien Monika mit leichtem Gang, zuppelte sich am Tuch herum und quiekte, dass es zum Essen ginge. Sofort latschte ich ihr hinterher, bloß raus aus dieser Ödnis.
Im Aufenthaltsraum saßen sie schon, als ich mit Monika eintraf. Mehmet, der Türke, wortkarg, aber freundlich. Obwohl ich nie wußte, ob sein Lächeln Freundlichkeit meinte oder nur Hinterlist war. Vielleicht kaschierte er sein gemeines Wesen mit übertriebenem Lachen oder so. Wenn ein Mensch nicht meine Sprache spricht, werde ich verlegen, mißtrauisch und bilde mir die seltsamsten Dinge ein. Kann doch sein, dass Mehmet zu einer türkischen Mafia gehörte, dass er hier nur als Schläfer arbeitete, bald seinen Auftrag bekäme und die Knarren auspackte, losballerte und seinen Sold kassierte, der zehnmal so hoch war wie meiner. Naja, mein Sold war wohl eher noch geringer. Ich glaube, ich bekam so um die drei bis vier Mark die Stunde.
Karin, die Tochter der Chefin. Sie saß neben Mehmet. Ein hübsches Ding von jungen siebzehn Jahren und genau meine Kragenweite. Ihre blauen Augen fanden nie meine rotgeränderten Linsen. Sie hatte blondes Haar, eine große Hakennase, die ich besonders attraktiv fand. Es gab ihr etwas Obszönes. Die Lippen waren voll und rot. Ich mag das nicht, wenn Frauen so schmale Lippen haben. Das zeigt doch irgendwie Verklemmtheit oder Verschlossenheit. Wenn die sich die Lippen röten wollen mit einem Lippenstift, gibt´s doch gar nichts zum Anmalen. Karins Mund war eine Versuchung. Während sie ihr Frühstücksbrot aß leckte sie sich immer die Krümel aus dem Mundwinkel und befeuchtete die Lippen.
Ihr Haar war strähnig und hinten zusammen gebunden, so dass man das volle Gesicht sehen konnte. Zarte Wangen, ein spitzes Kinn und eine ovale Form wie gemeißelt. Ihre Kleidung war natürlich den Arbeitsumständen angepasst. Dickes Oberteil, ein Pullover in beige, eine feste Jeanshose und klobige Stiefel. Dass sie während der Arbeit Handschuhe benutzte, konnte ich an den manikürten Händen erkennen. Ein Blick von ihr und ich würde es wagen, dachte ich.
Monika setzte sich auf IHREN Platz, denn genau wie in jedem anderen Betrieb hatte jeder Arbeiter seinen Stammplatz. Das Einhalten der Sitzplätze war Pflicht, sonst gäbe es Rausschmiß oder Verwarnung. Ich suchte mir einen freien Platz und drehte eine Zigarette, weil ich keinen Hunger hatte. Wovon auch? Diese Arbeit verlangte einem Kerl nicht eben mächtige Anstrengung ab.
Wir saßen eine halbe Stunde stumm da, Mehmet las in der Hurrieyt, Monika blätterte in einer Zeitschrift und Karin war nach dem Essen gleich aufgestanden und verschwunden. Der alte Kerl mit dem harten Gesicht war nicht aufgetaucht. Vielleicht machte er seine Frühstückspause draußen, auf dem Friedhof oder sonstwo.
Der erste Tag wollte einfach nicht vorüber gehen, egal was ich tat. Ich sang vor mich hin, machte eine Hitliste im Kopf, angefangen bei den Stones mit “Jumpin´Jack Flash” bis zu den Slade oder anderen populären Muckern aus der Zeit. Immer wieder sah ich meine dreckige Hand in den Beutel mit Blumenerde greifen, träufeln, drücken, wässern. Ich versuchte mich an bestimmte Akkord-Reihenfolgen zu erinnern und spielte im Geiste auf einer Riesenbühne vor einem johlenden Publikum. Ich spielte Solo-Gitarre, riß an den Saiten wie Beelzebub persönlich, aber nichts konnte die Eintönigkeit, die Monotonie dieser Tätigkeit verdrängen. Mein Paket Tabak war leer. Die Füße schmerzten und Karin war nirgends zu sehen. Da beschloß ich eine kleine Ausflugstour zu unternehmen. Wenn man mich ansprach, wollte ich einfach sagen, ich müsse auf die Toilette. Zuerst mal mußte ich aus diesem Gewächshaus raus. Ich latschte über das Grundstück und beäugte die vielen Beete mit Stiefmütterchen, Rosen, Tulpen, Nelken, Hortensien und so´n Zeugs. Also: Gärtnern kann ja Spaß machen, aber warum mußten DIE aus allem einen Wettbewerb machen, wer denn in drei-teufels-namen die meisten Blumen, Büsche und Pflanzen angebaut hatte? Warum mußte aus allem ein Geschäft gemacht werden? Kaum hatte man mal irgendeinen idiotischen Kurs in Irgendwas belegt, wollte man auch schon Kursleiter werden oder Lehrer mit dem einzigen Ziel, Geld zu machen. Nur Kohle zählte…
Ich ging von außen her über den Hof und sah Karin im Verkaufsladen stehen. Sie trug natürlich eine grüne Schürze und häßlich grüne Plastikhandschuhe, die seltsame Assoziationen in mir hervor riefen, auf die ich aber nicht näher eingehen will. Sie allein sollte der Grund sein, warum ich solange diesen Gärtnerjob ertrug. Warum ich jeden Morgen freudestrahlend in dem schäbigen Aufenthaltsraum erschien, pünktlich.
Zurück im Gewächshaus träufelte ich weiter und wartete auf den Feierabend.

 

9_ die unsichtbaren Toten
Ich muß etwa ein Woche diese dämliche Arbeit im Gewächshaus gemacht haben, als es plötzlich hieß, die Gärtnerei hätte einige Pflegeaufträge bekommen und wir müßten rausfahren und mit anfassen. Ich konnte mir unter Pflegeaufträge nun gar nichts vorstellen, aber sicher würde die Arbeit besser sein, als diese stupide Befüllung von Plastiktöpfen mit einem zehn cm Durchmesser in einem Haus mit Plastikdach.
Gleich früh kam die Chefin mit ihren schnellen, trippelnden Schritten über den Hof zum Aufenthaltsraum und befahl, wer mit Egon, dem schmalen Typen mit der Gruselvisage, hinaus fahren sollte.
“Max!”, sie zeigte auf mich, “du fährst heut´mit. Egon wird dir sagen, was du zu tun hast.”

Egon war nicht zu sehen. Ich hatte ihn eigentlich immer nur kurz am Morgen gesehen oder am Nachmittag vor Feierabend. Er sprach fast nie ein Wort, griff sich seine Jacke, die im Aufenthaltsraum am Haken hing und verschwand wie ein Gespenst. Am Morgen das gleiche Bild, ein Gruß ohne Worte, nur ein Nicken und schon war er wieder raus.
“Karin!” meinte die Chefin, “ich übernehme den Laden und du fährst mit. Ich gebe dir die Unterlagen über die einzelnen Gräber und was da jeweils zu tun ist.”
Karin nickte. Sie hatte mich einige Male angesprochen, seitdem ich gärtnern durfte. Nichts Bewegendes, nur die Arbeit betreffend, was ich tun sollte, was ich holen sollte, was ich wegkarren sollte, was ich umschaufeln sollte, was vorsichtig behandelt werden sollte, was ich vorn ins Haus tragen sollte usw. Mehr als Kommandos geben hatte sich aus unserer Beziehung noch nicht entwickelt; und die Kommandos gab sie.
Ich stand auf und wartete auf Karin, die sich im Haus die Unterlagen geben ließ. Auf dem Hof winkte sie mich zu sich heran und wir gingen ums Haus herum zur Straße, wo ein Traktor mit Hänger stand.
“Hol´mal noch Werkzeug!” kommandierte sie mich herum, “wir brauchen Harken, Spaten und diese kleinen Dreizacker für die Beete. Ich besorge die Blumen!”
“Okay!” sagte ich in freundlichem Ton.
Sobald der Hänger beladen war ging es ab. Langsam wurde mir klar, was die unter Pflegeaufträge verstanden. Das waren Gräber, die gepflegt werden sollten. Wir fuhren direkt auf den Friedhof, zu den Toten.
Natürlich fuhr Karin den Traktor, ich hatte gar nicht erst danach gefragt, das Gefährt steuern zu dürfen, weil ich auch nicht damit umgehen konnte. Zwar bin ich schon Moped gefahren und hatte auch schon meine erste Fahrstunde im Auto absolviert, aber so´n Traktor ist doch ein eigentümliches Teil, was Einweisung verlangt, um es bewegen zu können.
Karin raste wie ein Irre über Fußwege und Straßen, dass die Geräte hinten mächtig Krach machten und umher polterten. Ich saß neben ihr, etwas erhöht über dem linken Vorderrad und krallte mich an einer Stange fest, um nicht hinaus zu fallen. Der seichte Fahrtwind wehte mir ihren Duft in die Nase, dass ich näher an sie heran rückte und schnupperte.
“Halt dich fest,mensch!” befahl sie”, sonst liegst du gleich auf dem Hintern.
Ich lachte ihr zu und freute mich über meine neue Chefin. So einen Job machte man ja mit links, das gab mir Ehrgeiz, das gab mir Kraft und ich wollte um keinen Preis in der Welt vor ihr versagen. Wobei man bei Gärtnerarbeiten es auch nicht schwer hat NICHT zu versagen.

 

10_ die unsichtbaren Toten  Teil 2
Karin fuhr den Traktor langsam durch ein großes, offenes Tor, welches in diese andere Welt führte. Überall senkrechte Steine, davor eingefasste Blumenbeete oder Kraut und Rüben, was für die Hinterbliebenen sprach. Wahrscheinlich gab es bei derlei Gräbern keinen Grund für sie das Grab des Verstorbenen sonderlich zu pflegen. Entweder weil der Tote nicht eben der angenehmste Mensch war oder weil er oder sie oder es bereits vor Äonen begraben wurde und die Leichenteile vermodert waren.
Der Traktor fuhr noch langsamer, bedächtig kurvte er über die Wege zwischen den Totenplätzen. Ab und an sah ich Frauen oder alte Männer, die an einem Grab standen, sich die Augen wischten oder ins Leere sprachen. Die Atmosphäre dort hatte etwas Geheimes an sich. Es war, als sei die treibende Welt draußen, nur einige Meter entfernt, gar nicht vorhanden, als sei man in ein anderes Reich vorgedrungen, das elende Ruhe ausstrahlte, die mich bedrückte.
Wir hielten an einer Wasserstelle und luden die mitgebrachten Geräte in eine Schubkarre, die ich hinter Karin herschob. An einem frischen Grab machten wir Halt und Karin meinte, ich solle zuerst die verwelkten Blumen einsammeln, am besten in einen Eimer und dann mehrmals darüber harken. Sie würde Egon suchen gehen und ihm helfen. Gegen Mittag wollten wir uns an der Wasserstelle treffen, um weiteres zu besprechen.
“Was machst du heute abend?” fragte ich sie plötzlich, einer Eingebung folgend.
“Was soll ich schon machen? Schlafen wahrscheinlich, damit ich morgen früh wieder hoch komme.”
“Aber wir könnten doch irgendwo was trinken gehen, vielleicht in einem Cafe oder so.”
“Nein, ich habe keine Lust. Außerdem trinke ich keinen Alkohol.”
“Du trinkst keinen Alkohol?”
“Ganz recht. Was der so anrichten kann habe ich zur genüge selbst gesehen.”
“Na, dann trinken wir eben Saft oder Mineralwasser oder Kaffee oder so was, was weiß ich. Hast du wirklich keine Lust?”
“Nerv`mich nicht.”
“Ich dachte ja nur, wir könnten mal was…”
“Und da mußt du dir diesen Ort aussuchen, um ein Date mit mir zu vereinbaren? Vielleicht denkst du mal nach, bevor du mir so eine Frage stellst.”
“Okay,okay…hast ja recht!”

Ich ärgerte mich über meine Tolpatschigkeit. Wieso komme ich auch gerade auf einem Friedhof darauf, Karin einzuladen? Da gab es andere Orte und andere Gelegenheiten, die ein besseres Ergebnis verspachen. Ich mußte also nochmals meinen Mut zusammen nehmen und sie ein anderes Mal fragen.
Die Arbeit auf dem Friedhof war deprimierend. Ständig latschten alte, gebückte Menschen an mir vorbei, brabbelten vor sich hin und schleppten ihre Gießkannen zu den Gräbern. Die grauen Menschen sah man kaum zwischen den grauen Grabsteinen und den grauen Bäumen und den grauen Wegen. Ein graues Einerlei von Tod und Verwesung.
Als ich die verwelkten Blumen eingesammelt hatte, griff ich zur Harke und begann das frisches Grab ordentlich sauber zu kehren. Himmel, dachte ich, im Leben reißen sie sich die Köpfe ab und im Tot bepflanzen sie sich mit Stiefmütterchen, wie heuchlerisch und elendig selbstverliebt. Die Harke fuhr in langen geraden Bahnen über die Grabstelle und ich stellte mir vor, wenn nun Menschenteile oder sowas aus der Erde ragen würden. Konnte ja sein, dass man jemanden lebendig begraben hatte oder vielleicht, wenn er schon tot war, nicht tief genug, dass ich nun eine Hand entdecken würde. Mir lief es kalt den Rücken runter und ich mußte schleunigst an Karin denken, um mich ab zu lenken.

“Junger Mann!”
Eine graue Frau kam so leise an mich heran, dass ich zusammen zuckte und völlig steif wurde, so hatte ich mich erschrocken.
“Baaahhh…!” stieß ich aus und die graue Frau wich ängstlich zurück, “wieso müssen sie einen denn so erschrecken?”
“Oh, das tut mir leid, das wollte ich nicht.”
Sie trug einen grauen Mantel unter dem ihr gebeugter Körper versteckt war. Kleine Füße steckten in großen Turnschuhen. Ihre Hände rieb sie aneinander und wollte es sich warm machen.
“Was ist denn?” fragte ich sie ziemlich barsch.
“Könnten sie vielleicht meine Gießkanne tragen. Sie ist zu schwer für mich. Sie steht gleich da hinten? Nur bis zu meinem Mann, bitte?”
Bis zu ihrem Mann? Sollte der doch die Kanne tragen.
“Ja, klar…” antwortete ich und ging mit ihr zur Wasserstelle, griff mir die Kanne und latschte ihr nach. Natürlich hatte sie das Grab ihres Mannes gemeint, aber trotzdem… das war doch komisch, wie die Menschen so redeten. Die graue Dame sprach tatsächlich so, als sei ihr Mann dort unter der Erde und nicht irgendein verwesender Körper… einer von Tausenden. Der Tod macht aus den Menschen Idioten, dachte ich. Und er ist verpöhnt. Er ist nicht geduldet, gehört verbannt auf eine einsame, menschenleere Insel, um dort seine Sichel zu schwingen, meinetwegen bei den Affen oder so.
“Hier liegt er!” sagte sie mit zittriger Stimme.
Um Gottes Willen, jetzt bloß nicht heulen, das kann ich ja gar nicht haben. Ich fühle mich dann immer so hilflos. Ist doch völlig egal, was ich ihr sagen würde, wenn sie nach hause käme, wäre sie allein… allein und ohne ihren Mann. Ich hasste das. Als ob ich irgendwie ein Samariter wäre, der die leidenden Menschen von ihrem Kummer befreien könnte. Wenn sie jetzt heulen sollte, dann haue ich ab.
Sie begann von ihrem Mann zu erzählen, zwang sich aber nicht in Tränen auszubrechen, während ich das Grab begoß und die Kanne dann beiseite stellte.
“Wir waren über vierzig Jahre verheiratet. Er war kein guter Mann, aber er war verläßlich. Auch wenn er etliche Affären gehabt hatte, kam er immer wieder zu mir zurück. Wir hatten ein erfülltes Leben.”
Na toll, dachte ich, wen´s interessiert. Verläßlich! Pah! Wenn ich das Wort schon höre kommt´s mir hoch. Genauso redet meine Mutter. Ständig sind die Kerle unterwegs, nachdem sie Gören in die Welt gesetzt haben, suchen neue Abenteuer, weil die Frau nach den Geburten die Lust verloren hat, die Lust auf Sex. Und die Frauen bleiben still, tun nichts, sagen nichts, machen nichts… dass er nur wieder kommt, heul und schluchz. Ich kannte diese Geschichten von zu hause. Sowas brauchte ich nicht, hier , wo ich auch noch arbeiten muß. Mein Alter war nur unterwegs. Der interessierte sich nur für seinen Schwanz.

“Er war ein guter Mann,” behauptete sie jetzt.
Sie konnte oder wollte sich wohl nicht entscheiden, ob ihr verstorbener Mann nun gut oder nicht gut war. Wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Fakt war, dass sie es nicht ertrug allein zu sein, jetzt, wo er tot war.
“Ich muß dann mal wieder,” meinte ich und ging zurück zu meinem Toten. Ich hatte das Grab ausgiebig geharkt und gesäubert und wartete nun auf Karin oder Egon, dass sie mir sagten, was weiter anläge. Die graue Frau blieb lange am Grab ihres Mannes stehen und sprach, wie alle, mit den Geistern.

 

11_ herbstig herbstlich
Es wurde mir kalt, schließlich war es Herbst und der Wind sauste durch die Gruften. Außerdem konnte ich nun wahrlich nicht mehr auf den von Karin verwiesenem Grab herumstochern, sonst würde ich den Leichnam noch ausbuddeln. Doch weder Karin noch Egon tauchten auf und ich stand hilflos in der Gegend herum, wartete auf Anweisungen meiner Obrigen.

Nach einer halben Stunde erschien Egon, der mürrische Kerl mit dem groben Gesicht und nuschelte irgendwas von mitkommen und anfassen oder so. Ich war erleichtert endlich wieder eine Menschenstimme zu hören. Wenn man auf einem Friedhof herumsteht und in der Erde scharrt, kommen einem die seltsamsten Gedanken. Vielleicht gibt es ja ein Leben nach dem Tod? Der Körper stirbt ab und die glitzernde Seele fährt aus dem Grab auf, hinauf in den Himmel der Gemeinschaft aller Wesen. Was weiß ich? Ich stellte mir vor, wie so ein durchsichtiges Ding über mir davon schwebte, vielleicht noch winkte und :”Bis bald!” rief. Ich war zu dieser Zeit sehr empfänglich für all diesen esoterischen Quatsch und hätte einen Eid darauf geschworen unter den Auserwählten ein ordentliches Mitglied zu sein. Man kann sich vorstellen, dass solch ein ängstlicher Schisser auf einem Friedhof alle möglichen Erscheinungen sieht. Naja, ich sah nichts dergleichen, eigentlich sah ich nur graue Steine mit komischen Inschriften, graue Bäume und graue Menschen. Vielleicht würde ich ja irgendwann von selbst draufkommen, dass ich zu den grauen Menschen gehörte. Aber noch nicht zu dieser Zeit.
Egon schlurfte über die grauen Wege und ich folgte ihm. Der Kerl war schon unheimlich. Nie sagte er etwas und wenn, dann konnte man kein Wort verstehen, weil er die Lippen nicht auseinander kriegte. Die dürre Gestalt stakste vor mir her wie ein Strich, den jemand gezogen hatte. Ein Bleistiftstrich mitten in der Landschaft. Er trug eine dunkelblaue Schiebermütze, riesige Stahlkappenschuhe und eine dreckige Jeans. Die Mütze war so weit ins Gesicht gezogen, dass man seine Augen nicht sehen konnte, sicher mit Absicht. Menschen seines Schlages versteckten sich vor den Augen der Öffentlichkeit. Sie sind Einzelgänger, Vertriebene, Verlorene oder auch Heiler oder Hellseher… ich konnte Egon nicht ausstehen, weil ich nicht wußte, wer er war. Meine Spekulationen über seine Natur waren eher aus einer Furcht entstanden, denn aus Wissen.

Ich freute mich Karin zu sehen. Sie hockte auf den Knien in einem Grab und pflanzte Stiefmütterchen. Alles voll mit den kleinen häßlichen Dingern. Stiefmütterchen für Stiefmütterchen. Löchlein buddeln, Stiefmütterchen greifen, hinein ins Loch, Erde drüber, feststopfen und das nächste Blümchen. Das gesamte Grab war vollends mit Stiefmütterchen bedeckt.
“Ich brauche Blumen und Erde!” kommandierte sie und drehte sich zu uns, den Ankommenden.
Egon nickte und wippte nur ganz kurz mit dem Kopf, als Zeichen, dass ich ihm weiterfolgen sollte. Mit großen Augen nahm ich auch gleich wieder Abschied von Karins Hintern, der wie ein Turm in die Höhe ragte, wenn sie die Stiefmütterchen pflanzte.

Mit dem Traktor besorgten Egon und ich die geforderten Utensilien und waren gleich wieder zurück an Karins Hintern.
“Da sind noch drei weitere Gräber zu machen,” posaunte sie, “jeder eines, ja?”
Wir nickten, Egon und ich und fast waren wir Verbündete. Ein Paar, das Gemeinsamkeit besitzt, allerdings nur während der Arbeit.
“Ich komme gleich nach” sagte Karin und lächelte mir zu.
Vielleicht hatte sie ja doch Lust mit mir aus zu gehen? Vielleicht hatte sie sogar Interesse an meiner Person? Vielleicht hatte ich ja doch Eindruck auf sie gemacht? Vielleicht…

Ich arbeitete noch etwa zwei Wochen in der Gärtnerei, als schließlich ein Brief eintraf und ich ein Vorstellungsgespräch in einem großen Betrieb hatte. Nach meinem Hauptschulabschluß hatte ich einige Bewerbungen geschrieben und nun endlich mal Antwort erhalten. Ob ich diese Ausbildung, für die ich mich beworben hatte, machen wollte, konnte ich nicht sagen, wie ich auch so nichts darüber sagen konnte, was ich werden wollte und wozu. In mir steckte eine gut funktionierende Konditionierung, die meinte, einen “anständigen Beruf” brauchen zu müssen. Ich würde mit Sicherheit das Vorstellungsgespräch machen und sehen, was daraus werden könnte.

12_ lerne fleißig etwas Anständiges
Ich habe Karin nie wieder gesehen. Wahrscheinlich sitzt sie heute noch auf Gräbern und pflanzt Stiefmütterchen oder ist verheiratet, hat Kinder und einen fürsorglichen Mann, der ihren dicken Hintern tätschelt. Ich konnte sie damals nicht noch einmal ansprechen, weil mein Selbstbewußtsein keine besondere Sicherheit hergab. Der Versuch auf dem Friedhof war ein Ausrutscher und zeigte mir eben deutlich wie tolpatschig ich noch war.
Mehr fällt mir eigentlich auch nicht zu diesem Job ein. Es war ständig kalt, meine Hände waren täglich mehr zerkratzt, die Arbeiten waren langweilig, stupide, brachten aber Geld zum Überleben.
Meine liebestollen Ambitionen hielten sich in Grenzen und Karin war einfach´ne Nummer zu groß für mich. Mit ihren siebzehn Jahren war sie mir überlegen, wie das immer so zwischen Mann und Frau ist. Die pubertierenden Girlies lesen Nietzsche und die Jungs saufen sich den Schädel weg, paffen bis die Lunge platzt und zeigen ihr Gorillagebiss ihren Rivalen. Das Spiel machte keinen Spaß und Karin… so toll war sie nun auch wieder nicht.

Das Vorstellungsgespräch verlief idiotensicher ab. Ich hockte in der Personalabteilung eines großen Betriebes, die Blechdeckel-und dosen herstellten, beschäftigten etwa sechs bis siebenhundert Leute und bildeten Menschen wie mich aus, ihre hämmernden Maschinen zu warten.
Vor mir saß ein kahlköpfiger, älterer Kerl in grauem Anzug und mit sauberen Fingernägeln. Sein Gesicht war freundlich, Augenfarbe trübblau, aber wachen Blickes. Ich konnte die Menschen damals in keinster Weise einschätzen. Als Halbwüchsiger bist du nicht in der Lage abzuwägen, ob vor dir ein Idiot und Aufschneider sitzt oder ein richtiger Mensch. In seinem Falle hätte ich heute gesagt, dass Kerl in Ordnung war.
Er fragte den üblichen Stuß, warum ich nun Maschinenschlosser werden wolle, warum ich in diesem Betrieb arbeiten wolle, warum, warum, warum? Eine ehrliche Antwort wäre gewesen, weil mir alle Welt gesagt hat, ich bräuchte einen Ausbildungsplatz. Echte Lust verspürte ich nur nach Rockmusik spielen. Ich konnte den Verwachsenen aber schlecht sagen, ich wolle Rockstar werden, um die Welt fliegen, Mädchen vernaschen und mich besinngunslos saufen, man hätte die allseits bekannten Aussagen auf mein Hirn niederprasseln lassen: lerne etwas “Anständiges”…

Nachdem ich die wohl richtigen Antworten gegeben hatte, entließ mich der Personalchef, schüttelte mir die Hand und ich besaß eine “anständige” Ausbildung, die ich bis heute nie wieder in Anspruch genommen habe.

13_ erstes Ausbildungsjahr
Nachts träumte ich von Karin, wie sie sich an mich lehnte, mich drückte und küsste und ich sie berühren durfte, wo ich wollte. Die paar Wochen in der Gärtnerei hatten Spuren hinterlassen. Äußerlich sicher nicht, meine Finger funktionierten einwandfrei und ich spielte den Bass wie kein anderer, aber innerlich konnte ich mich nicht vom anderen Geschlecht freimachen. Alles in mir schrie auf, wenn ich Brüste sah oder schlingernde Hinterteile. Karin war dabei nur ein Katalysator gewesen mir meine Gier aufzuzeigen. Es hätte zu dieser Zeit jedes andere Frauenzimmer sein können, das meine ungestillte Sehnsucht nach Körperkontakt aufzeigte, aber da gab es keine und langsam wurde ich kirre im Kopf. Ich mußte endlich eine Frau haben, irgendwie.

August 76 ging es in die Lehre. Heißer Sommer. Haut überall. Meine pubertätsüblichen Pickel und Pusteln gedeihten wie Kirschblüten. Ich verschanzte mich hinter üppigen Wollstoffen und schwitzte in der Sonne wie ein Schwein. Kumpels fragten, warum ich so eingehüllt herum lief. Aber ich war weit davon entfernt ihnen mein Dilemma zu beichten. Stattdessen entdeckte ich den herrlichen Ausgleich eines Unbefriedigten durchs Essen. Ich fraß wie ein Irrer. Alles. Fette Mahlzeiten mit Fleischklumpen, brauner Soße und Riesenkartoffeln, Schokolade, Chips, Erdnüsse und dazu zuckerhaltige Getränke, Cola, Fanta und natürlich Bier literweise, damit ich vergessen konnte, was ich mit meinem Körper anstellte. Obwohl ich nichts zu vergesen hatte, weil mir gar nicht bewußt war, was ich tat.
Ich fuhr noch immer Fahrrad, konnte aber bald das Trampeln nicht mehr ertragen, weil ich zu sehr in die Breite gegangen war. Das Radeln strengte an und ich stieg auf die Straßenbahn um. Jeden Morgen Punkt sieben Uhr schlich ich zur Haltestelle, wartete und fuhr in den Betrieb.
Die ersten Tage der Ausbildung wurde ich nur herumgeführt, lernte weitere Auszubildende kennen, freundete mich mit einigen sogar an und hatte wie immer keine Ahnung, was da kommen sollte.
Zuerst ging es ans Feilen. Jeder Auszubildende bekam einen eigenen Platz zugewiesen, mit Schraubstock, Werkzeugen und Tisch. Drei Monate bearbeiteten wir ein blankes Stück Metall, schrubbten die Späne, überprüften die Flächen mit einem Haarwinkel und wurden in die Geheimnisse der Metallverarbeitung eingeführt. Diese entpuppten sich recht bald als überaus überflüssig und uninteressant. Täglich acht Stunden feilen, dass einem Blasen nur so an den Handflächen wachsen, kann keinen befriedigen, schon gar nicht dauergeile Teenager wie ich einer war. Interessant dagegen waren die Sekretärinnen aus dem Haupthaus. Die weiblichen Mitarbeiter des Betriebes, die ihre Mittagsmahlzeiten in der Kantine einnahmen. Auszubildende im Bereich Kaufmann/frau.
Morgens kauften wir uns belegte Brötchen für das Frühstück und da standen sie schon, fein heraus geputzt für den Tag, dufteten nach Eau de Cologne und verdrehten mir den Kopf. Bei ihrem Anblick konnte man den Unfug dieser Ausbildung vergessen und sich in andere Gefilde vorwagen, die man bisher vernachlässigt hatte. Da ich aber immer mehr in die Breite ging und schnaufend die Lachsbrötchen fraß, Cola soff und rauchte wie ein Schlot, waren meine Chancen eigentlich gleich Null. Ich konnte Blicke erhaschen, durfte schauen, aber nicht anfassen, was ich mich sowieso nicht getraut hätte. Ich konnte mir ausspinnen wie ich eine junge Lady ansprach, mit ihr ausging, sie mir griff und küsste, mehr als Fantasien waren aber zu dieser Zeit nicht drin. Mein Äußeres war dabei mein größtes Handycap…
Nach drei Monaten Feilen ging es für die Erstjahrlehrlinge in die einzelnen Bereiche des Betriebes, verbunden mit Tätigkeiten zur Metallverarbeitung, sowas wie Drehen, Fräsen, Bohren, Schweißen und ähnliches. Nachdem nun der ruhige Part der Ausbildung gähnend und widerwillig überstanden war, machte der Betrieb ernst, schließlich sollten wir gutfunktionierende Mitarbeiter werden, die den Betrieb zur Gewinnmaximierung führen sollte.
Es wurde laut und stinkend. Eigenartige Wesen nahmen mit mir Kontakt auf, denen ich niemals im Dunkeln hätte begegnen wollen. Als erstes war da ein massiger Typ an der Fräsmaschine. Bullige Arme wie ein Oran Utan, klobige Finger und Augenschlitze, die mich kaum erkannten. Inmitten einer Halle mit aufgereihten Werkbänken und seltsamen Maschinen, deren Funktion ich noch erlernen sollte, gafften mich etliche Kerle an. Ein ohrenbetäubender Lärm herrschte dort. Alle trugen sie blaue Kittel mit Namensschildchen wie bei einem Treffen der anonymen Alkoholiker, die sie alle waren. Sie soffen alle, alle durch die Bank weg. Kaum jemand, der nicht betrunken an seinem Arbeitsplatz wackelte und irgendeine, stupide Tätigkeit ausübte.
Um sieben Uhr meldete ich mich in der Halle der Werkzeugmacher, stellte mich dem Abteilungsleiter vor und wartete auf Anweisungen. Das konnte ich schon mal gut: warten, dass mir jemand Anweisungen gab, was ich zu tun hatte. Alles andere interessierte mich eigentlich nicht die Bohne, doch ich vollführte einen Eiertanz aus Duckmäusertum und Überheblichkeit auf, stopfte fleissig Nahrung in mich hinein, bis mir ein runder Bauch wuchs und entledigte mich meiner Körperfähigkeit der Bewegung.

14_ Fett unter Wölfen
Ich hatte das Stück Metall, ein U-Stahl in der Fachsprache, welches ich drei Monate befeilt hatte, mit zu den Werkzeugmachern mitgenommen. Dort sollte ich nach meiner Vorstellung bei den einzelnen Arbeitern an der Fräsmaschine irgendwas mit diesem Ding anstellen. Ich hatte keine Ahnung, was daraus werden sollte, weil niemand es mir sagte. Einen Sinn konnte ich in meinen Tätigkeiten kaum finden; feilen, bohren, fräsen, drehen lernen, ja gut, aber wozu und warum?

Nachdem mich der Abteilungsleiter dem Typen an der Fräse vorgesteltt hatte, stand ich wie immer erstmal dumm in der Gegend herum. Karl, der Fräser, murmelte was vor sich hin, das ich nicht verstand und auch eigentlich nicht verstehen wollte. Die Litaneien der Arbeiter gingen mir sowieso auf die Nerven. Ob das nun auf´m Bau war oder in der Gärtnerei oder hier im Betrieb. Es war immer das gleiche: alle wollten raus aus dem Job, alle stellten sich eine rosige Zukunft vor, redeten sich in Rage, wenn es um Lottogewinne ging und was sie nicht alles anstellen würden, wenn sie doch bloß mal die richtigen Zahlen treffen würden. Oder sie prahlten in ihrer vulgären Sprache über ihre überlangen Penisse, die wahrscheinlich nicht größer waren als die Fingerkuppe meines kleinen Fingers.
Mein Ausbilder zum Beispiel, ein hochgewachsener Mann von zwei Metern, dicht behaart, dass ihm die schwarzen Flusen aus dem Hemdkragen glotzten, konnte sich kaum einkriegen, wenn er uns, dem ersten Lehrjahr, mit seinen Anekdoten fütterte. Er war gelernter Werkzeugmacher und hatte einen Lehrgang zum Ausbilder absolviert, war dann von der Personalleitung befördert worden und man ließ ihn auf uns unschuldige Jugendliche los. Abgesehen von den Tätigkeiten, die er uns beibrachte, er lief immer durch die Gänge zu den einzelnen Werkbänken und gab Hilfestellungen, zeigte wie man die Feile zu packen hatte, abgesehen davon, quakte er dauernd über seinen “göttlichen Samen” und über die Frauen, die er vernascht hatte. Er schien nichts anderes im Kopf zu haben als Sex. Und die ihm zuteil gewordene Stellung als Ausbilder bei den Halbwüchsigen ließ ihn zu einem Übermenschen heranwachsen. Unten bei den Werkzeugmachern, die er auf seinen Spaziergängen während der Arbeitszeit besuchte, hielt er sicher die Klappe und redete über die üblichen Belanglosigkeiten, also über den Betrieb. Sobald er bei uns im Ausbildungszentrum war riß er das Maul auf und profilierte sich als Hengst der ersten Stunde. Eigentlich eine armseelige Gestalt.
Ich konnte dieses Gerede von seiner ach-so-grandiosen-Männlichkeit bald nicht mehr ertragen und schaltete dann in diesen Momenten meine Gehörgänge auf “mute”…
Ging es um Anweisungen zur Handhabung und Wirkungsweise von zweckbestimmten Metallverarbeitungsmaschinen horchte ich mit nur einem Ohr hin, weil ich ganz einfach keinen Ehrgeiz für die Arbeit entwickeln konnte. Das brachte mir natürlich nicht eben gute Noten in der Bewertung meiner ausgeführten Handlungen, aber auch das war mir egal. Irgendwie ahnte ich, dass dieser Job auf Dauer nichts für mich war. Stattdessen stopfte ich mich weiter mit allem Essbaren voll und erhöhte mein Kampfgewicht auf satte zweihundert Pfund, bei einer Größe von ca. einem Meter achtundsiebzig.

Der Typ an der Fräse trug eine Woche lang dieselbe Kleidung und roch dementsprechend streng. Es gab zwei Fräsmaschinen, eine zur Ausbildung, an der ich stand und eine für betriebliche Tätigkeiten. Karl erklärte mir zunächst die einzelnen Hebel und Kurbeln und Messgeräte, wobei er mir ziemlich dicht auf die Pelle rückte. Mir stockte der Atem. Baaah, dachte ich, der stinkt wie eine Kloake. Und das sollte ich über vier Wochen ertragen? Es reichte nicht aus, dass ich mit Neandertalermännern auskommen mußte, die stanken auch noch alle so wie diese Vorzeitmenschen.
Mit halbem Ohr hörte ich seinen Reden zu und trat etwas zurück, was nicht sonderlich auffiel. Karl bekam kaum die Zähne auseinander und ständig mußte ich auch noch nachfragen, wie denn dieses oder jenes genau funktionierte. Er knurrte nur wie ein alter, stinkender Wolf und man merkte ihm an, wie wenig Lust er auf so einen Frischling wie mich hatte. Aber Anweisung ist Anweisung und Karl tat wie ihm geheißen wurde.
Er hatte ebenso wie ich eine Kugel als Bauch, kaufte ständig im Betriebskiosk was zu essen. Morgens Salami- oder Käsebrötchen, mittags hockte er abseits in der Kantine und stopfte die üblichen Kantinenessen in sich hinein und er trank wie ein Walroß. Täglich an die etlichen Flaschen Bier, übrigens wie alle in der Firma. Hinter den zwei Fräsmachinen stand eine etwa drei Meter lange Werkbank mit Schraubstock, Werkzeugen und Messgeräten, alles zur Metallbearbeitung. Die Werkbank hatte zwei Schubladen, die mit Bohrern und verschiedenen Fräsköpfen gefüllt war. Darunter gab es zwei Türen mit Fächern für Feilen, Hämmer, Meißel und so´n Zeugs. In einem Regalbrett war ein großer Schlitz gesägt als Aussparung für eine Bierflasche, die sonst nicht hineingepasst hätte. Und diese Aussparung war im Betrieb in jeder, aber auch wirklich jeder Werkbank zu finden. Wie hätten die Kerle sonst auch die Schichten überstanden, wenn nicht besoffen? Die Arbeiten konnte man nur in völliger Trunkenheit ertragen.
Karl war jeden Tag besoffen. Die vier Wochen Fräse waren kein großes Übel für mich. Ich hatte schnell raus wie man so ein Ding bediente, wie man Höhen und Breiten einstellte, die nötige Kühlflüssigkeit bestimmte und eben alles automatisch abspulen ließ. Aber vier Wochen Karl zu ertragen, war eine Herausforderung. Er trug diese Brille mit Lupengläsern, dahinter verbargen sich stumpfe, glanzlose Augen und dahinter ein gebrochener Kerl, der längst aufgesteckt hatte. Der hatte sich aufgegeben. Wozu waschen? Wozu denken? Wozu reden? Im Suff ertrug er dieses Einerlei. Im Suff mußte man nicht denken. Im Suff schaltete man ab und ließ die stupiden Abläufe eines Arbeitstages über sich ergehen. Mir konnte das egal sein. Nach vier Wochen würde ich in die nächste Abteilung wechseln, zum nächsten Einweiser, zum nächsten Arbeitsgang, zum nächsten Säufer… aber Spuren würde es doch hinterlassen. Spuren einer aussichtslosen Suche nach einer Aufgabe, einer Bestimmung oder so was in der Art. Ich nahm diese jämmerlichen Gestalten in mich auf und würgte an ihnen. Ich hörte mir den unsaglichen Blödsinn ihrer verkorksten Hirne an, ich akzeptierte sie als Vorbilder, ich dachte, so muß das sein. So ist das Leben. Genau so hat man sein Schicksal hinzunehmen, nicht mannhaft, sondern qualvoll, leidend, aber stumm. Ich war nun Mitglied dieser Fabrikgesellschaft, dieser wuselnden Menge aus lauter kleinen Hamstern in ihren Hamsterrädchen. Um mir das nicht bewußt machen zu müssen, erhöhte ich mein Kampfgewicht, fraß und stopfte mich auf 240Pfund ran. Und ich begann mehr und mehr dem Alkohol zu frönen. Meine Haut platzte auf. Überall traten rote Dehnungsfugen auf. Auf meinem Bauch sah es besonders häßlich aus, als könnte die Haut das Innere nicht mehr halten. Vielleicht würde ich ja eines Tages einfach platzen… wie ein Ballon mit zuviel Luft. Rumms und weg…?

15_ Kursives
Die Halle der Werkzeugmacher stand voller Werkbänke und an jeder Werkbank stand irgendein Kerl, der schraubte, hämmerte, bohrte oder eben trank. Nach einigen Tagen ist man als Auszubildender integriert in dieses Sammelsurium von seelenlosen Handlangern und bewegt sich zwangsläufig wie sie, spricht wie sie, trinkt wie sie und das Schlimmste, man denkt wie sie. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht morgens die Bildzeitung zu kaufen, zum Frühstück dann zwischen den riechenden Metallern zu sitzen und in dieser Idiotenzeitung zu lesen. Einfach als Zeichen der Akzeptanz meiner Zugehörigkeit. Wie ein Automat funktionierte ich und ahmte sie alle nach, nur waschen wollte ich mich dann doch noch. Bei meinem Gewicht kam ich leicht ins Schwitzen und stank wie ein Kanalratte. Jeden Abend benutzte ich die betrieblichen Duschen, war darauf bedacht, dass man mich nicht nackt sehen konnte und verbarg mich unter Tüchern.
Mein Wortschatz schrumpfte bis auf die gebräuchlichen Grunzlaute, die man von allen Seiten hörte. Entweder erzählte jemand einen schweinischen Witz, was ein lautes Gröhlen zur Folge hatte oder die Anweisungen des Abteilungsleiter wurden kommentiert, meist mit einem Johlen oder Fluchen. Ich selbst sprach das Bildzeitungsdeutsch, knapp, bildhaft und verblödet. Eigene Gedanken konnte ich nicht fassen, weil ich keinen Zugang zu mir hatte. Ich hatte auch nie gelernt eigene Gedanken zu formulieren, weder in der Schule noch zu hause. Meine Eltern gehörten ebenfalls der Fabrikgesellschaft an und redeten die gleiche Sprache wie die Arbeiter im Betrieb. In der Schrankwand standen Buchattrappen. Überflüssige Informationen bekam man aus dem Fernseher, dem damaligen Babysitter der Nation und außerdem war man vom Job so erledigt, dass das Einschalten des Hirns zuviel Energie verbraucht hätte. In der Schule lernte ich Gehorsam. Ich lernte lesen, lernte schreiben, aber würde diese Fertigkeiten eigentlich für die späteren Ausübungen der angebotenen Berufe gar nicht benötigen. So dass ich bald das Schreiben verlernte und auch das Lesen sich auf besagte “BILD” Zeitung reduzierte. Integration nennt sich das. Vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft aus hirntoten Wesen.

Man mußte als Auszubildender in dieser Halle von Bank zu Bank hüpfen. Von der Fräsmaschine zum Maschinenschlosser, der einem dann die Geheimnisse des Wechseln von Bremsbelägen nahebrachte. Einer von ihnen war Heinz. Ein, klar, bulliger Kerl, zwei Meter hoch, riesige Hände mit Hornhaut übersät und einem eisernen Griff, den er jeden Morgen freudestrahlend an mir ausprobierte.
“Nu´hab´dich nich´so!” brummte er, wenn ich das Gesicht verzog und dem Knacken meiner zarten Knochen lauschte. Trotz meines Wahnsinnsgewicht von zweieinhalb Zentnern war ich ein Weichei. Ich hatte ja noch nichts zum Aufbau von Muskeln oder Hirnmasse getan. Fressen konnte ich, weiter nichts.
Heinz war am längsten von allen hier beschäftigt. Eigentlich hätte man meinen müssen, er könne deshalb nur noch Grunzlaute artikulieren, aber dem war nicht so. Gleich am ersten Tag erklärte er mir seine Aufgabe im Betrieb und das doch verständlich und überaus freundlich. Er war so eine Art Springer, der gerufen wurde, sobald eine Maschine ausetzte. Ich muß dazu erwähnen, dass die Riesenmaschinen rund um die Uhr liefen und täglich Millionen von tellerrunden Deckeln ausspukten. Ich lernte in einer Deckel- und Dosenfabrik. Dort wurden die bekannten Coca Cola Dosen hergestellt, Dosen für Fertiggerichte, Bierdosen, Dosen für Gemüse, Dosen für Obst, Dosen für andere Dosen usw. Am ersten Tag meiner Ausbildung durften wir einmal in die Hallen schauen und uns vom Lärm dieser Monster überzeugen. Ausserirdische Metallklumpen, die pfiffen und jaulten wie die Fans im Fußballstadion.
Heinz war, was ich ziemlich bald erfuhr, ein kompetenter Kerl auf seinem Gebiet. Durch seine jahrelange Zugehörigkeit kannte er die Maschinen aus dem Effeff. Gab es ein Problem, wurde zuerst Heinz kontaktiert, was ihn dann auch schließlich zum Ausbilder unsererseits qualifizierte.
Einziges Manko war wie bei allen Mitarbeitern der Alkohol. Heinz trank literweise Bier und brauchte das Zeugs wie andere Menschen die Luft zum Atmen. Das machte den Umgang mit ihm nicht eben leicht. Man kann sich ja vorstellen wie ich jeden Morgen vor ihm stand, mir die Hand malträtieren ließ und eine Fahne in die Nase geweht bekam, dass es mir schlecht wurde.
Die ersten Tage latschte ich ihm nur hinterher und schaute auf das, was er so machte. Ich zog seinen Werkzeugwagen, besorgte Frühstück und Bier, reichte ihm Werkzeugschlüssel oder fasste bei kleinen Reparaturen mit an.
Gesprochen wurde nie viel. Es gab vier große Produktionshallen und dieser Lärm dort war so unerträglich, dass jeder Mitarbieter Hörschutz tragen mußte. Mit solchen Dingern auf dem Kopf konnte man keine Konversation machen. Da ich sowieso lieber für mich war, begrüßte ich die betriebliche Unterstützung und lief bald nur noch mit diesen Teilen auf dem Kopf herum.
Heinz und ich wurden zu Reparaturen gerufen und er schaute nach den Fehlern. Bei besonders aufwendigen Arbeiten gingen wir zurück in die Werkzeugmacherhalle, Heinz kramte dann seine Werkzeuge durch und gab mir eine Aufgabe. Meistens mußte ich nur Teile säubern, von Fett und Öl befreien, die Späne mit einem Druckluftschlauch absprühen und sie ihm dann vorlegen.

Nach drei Wochen waren wir wieder einmal in der Produktionshalle und Heinz werkelte unter dieser Höllenmaschine herum. Das Getriebe war in seine Einzelteile zerlegt worden und nun mußte es ausgebaut und repariert werden.

“Haste ja Glück, was?” brüllte Heinz und robbte unter der Maschine hervor.
“Wieso´n?” fragte ich und lockerte meinen Hörschutz, damit ich ihn verstand.
“Kommt nich´alle Tage vor, dass ´n Getriebe zerfetzt wird.” schrie er.

Mein Gott, dachte ich, als ob mich das nun vom Hocker reißen würde, ein Getriebe. Wahrscheinlich sollte das auch noch interessant sein für einen angehenden Maschineschlosser.
“Wir werdn das Ding zerlegen, komplett auseinanderbauen. Wird spannend werdn.” behauptete er.

“Ìs gut!” kreischte ich zurück.

16_ Getriebeschaden
Im Lärm der riesigen Produkionshalle krochen Heinz und ich auf den Knien, um sämtliche Schrauben des Getriebes zu lösen; dann dies fette Ding auf einen Hubwagen absenken ließen und hinaus in die Werkzeugmacherhalle verfrachteten. Eine elende Keulerei und sinnloses Gerobbe.
Sobald das Ding an Heinz Arbeitsplatz angekommen war, wir mußten noch Hilfe besorgen, begann er mir zu erzählen, wie dies Monstrum funktionierte und dass ich nun in der Verantwortung stand. Irgendetwas Falsches, ein Handgriff, eine Schraube schief eingeschraubt und Tausende von damlas noch D-Mark hätte ich in den Sand gesetzt. Ich bekam richtig Schiß und zitterte ständig bei der Montage. Nun ja, ich will nun wirklich nicht in allen Einzelheiten den Unsinn eines Getriebes der Minstermaschine erläutern, das ist mehr als mühselig und auf die Dauer sowas von langweilig. Wir schraubten und putzten, hämmerten und bogen, bis das Ding wieder lief. Dann wurde es eingebaut und die Produktion konnte weiter gehen. So ein Ausfall kostete die Firma etliche Märker, was mich aber nicht weiter interessierte, weil mich eben gar nichts interesierte, außer vielleicht das Halten meines Gewichts, was ich mühelos schaffte. Im ersten Lehrjahr nahm ich bestimmt zwanzig Kilo zu, wälzte mich von Station zu Station, ertrug die mürrischen Männer mit ihren ewigen Anleitungen. Betrank mich am Wochenende und wartete, dass die Zeit verging.
Freitags, gleich nach Feierabend, raste ich nach hause, was zu der Zeit noch meine elterliche Wohnung war. Ich puhlte mich aus den Stinkeklamotten und duschte, zog frische Kleidung an und rief meinen Kumpel Robert an. Robert war etwas jünger als ich, schüchtern, aber er markierte immer den großen Mann in unserer Clique. Als Sohn eines Fleischermeisters mit gutgehendem Geschäft konnte Robert allerhand besorgen, was er immer stahl. Entweder kroch er des nachts auf allen vieren durch den Laden seines Vaters und steckte Würste und Zehnerträger Bier ein, oder er machte sich an den Safe, um die Tageseinahmen zu plündern. Dann tauchte er immer freudestrahlend auf, wedelte mit Bierflaschen und Geld, was wir verprassten. Ich glaubte immer, Robert erkaufte sich irgendwie meine Freundschaft, was wohl auch stimmte. Wenn ich ihm sagte, ich sein blank, bräuchte Kohle für Schallplatten oder neue Jeans, rückte er sofort einen Hunderter raus.
“Max hier, was machts´n heute?” fragte ich ihn an einem Freitagabend.
“Ich kann nich´raus, hab Stubenarrest. Mein Alter hat mitgekriegt, wie ich Bier geklaut habe, hat mir die Nase blutig gehauen. Ich versuchs heute nacht, ja?”
“Scheiße”, sagte ich.
“Is nich´weiter schlimm, den haue ich sowieso bald selber um…”
“Wann kommste?!
“Gegen eins!”
Ich wartete vor der Familienglotze bis alle ins Bett gegangen waren, meine Eltern und meine Schwester, sagte ihnen, ich wolle noch schauen und guckte dann ständig auf die Uhr. Mir fielen die Augen zu und ich ging ins Zimmer, wo auch meine Schwester schlief. Bis heute frage ich mich, warum die nie etwas mitbekommen hat, wenn ich nachts unterwegs war. Wahrscheinlich der Schlaf der Unschuldigen oder Schuldigen…
Die Wohnung befand sich im ersten Stock in einem Mehrfamilienhaus inmitten einer Sozialbauwohngegend. Meine Eltern waren ganz stolz auf diese kleine Bude, täglich raste meine Mutter mit dem Staubsauger hin und her und lärmte, dass einem die Ohren abfielen.
“Max!” schrie sie immer, “wann willst du denn endlich aufstehen? Es ist bereits Mittag!”
Von mir kam nie eine Antwort. Ich schlief an den Wochenenden bis zu vierzehn Stunden, weil ich nämlich nachts herum rannte.
Ich hörte das Klackern von Steinen an der Scheibe unseres Zimmers, schaute heraus und sah Robert unten stehen. Er winkte. Leise zog ich mich an, ging hinaus auf den Flur, horchte nochmals nach menschlichen Geräuschen und als ich sicher war, dass alle pennten, stahl ich mich ins Freie.
“Was liegt an?” fragte ich und latschte mit Robert an der Seite durchs Viertel.
“Wir können heute nacht in den Laden. Ich hab einen Schlüssel. Laß uns die Taschen vollstopfen und aufn Putz hauen.”
“Okay,” antwortete ich und zündete mir eine Zigarette an.
“Mein Alter hat die Einnahmen heute nicht gezählt, weißt du was das heißt?”
“Hmm..” machte ich und blies den Rauch in die kalte Nacht. Der Himmel war wolkenverhangen. Kein Mond zu sehen, der mit seinem weißen Gesicht unsere Straftaten erhellen würde.
“Mann, Alter, Max… das ist unsere Chance. Wir müssen nur noch bis etwa drei Uhr durchhalten.”
“Warum denn das? Was solln wir denn so lange machen?”
“Ich hab im Versteck noch ein paar Pullen Bier. Wir trinken und warten!”
“Hmm…” machte ich wieder.
Unser Versteck war eine gegrabene Kuhle hinter einem Garagenhaus. Zwischen Büschen und Sträuchern hatten wir einfach ein Loch gebuddelt und unser Diebesgut dort versteckt. Dort hockte wir herum, pafften, tranken und bangten dem Moment entgegen, wo wir an den Safe konnten. Ich weiß gar nicht mehr, was wir so redeten. Wahrscheinlich nur son Zeugs, was Typen in diesem Alter so reden. Über Weiber, Alkohol und Drogen und natürlich über Geld.

Die Zeit verging und wir machten uns auf den Weg. Wir huschten durch die Straßen und vermieden es großen Lärm zu verursachen. In so einer Gegend hängen die Menschen nächtelang in den Buden, schlafen kaum, weil sie nichts zu tun haben. Glotzen in den Fernseher bis die Augen Rechtecke geworden sind.
Leise kamen wir zum Hintereingang des Geschäfts. Robert schnappte den Schlüssel, steckte ihn ins schloß und öffnete sachte die Tür. Seine Eltern schliefen direkt über dem Laden, also war Obacht angesagt. Auf Zehenspitzen trippelten wir nach vorn zur Theke mit Wurst und Fleisch. Robert griff nach Plastiktüten und stopfte ganzen Enden von Salami, Leberwurst, Teewurst und was weiß ich nicht noch hinein. Wir gingen auf die Knie runter und er gab mir die Plastiktüten. Dann rutschten wir so leise wie möglich zurück nach hinten und hielten vor einer Holztür.
“Du wartest hier!” flüsterte Robert, “ich gehe rein und hole noch unsere Belohung.!”
Ich konnte nur nicken. Langsam wurde mir klar, was ich hier tat. Ich bestahl den Fleischermeister, mitten in der Nacht. Sollte der wach werden und irgendwas merken, wären wir dran. Dran sein, hieße, es gäbe richtig was aufs Maul, mit Pranken wie ein Metzger. Und, was mich nun noch viel mehr ängstigte, die Bullen würden anrücken. Und wenn die Bullen anrücken, dann geht es aufs Revier, Personalien aufnehmen, die Eltern benachrichtigen, mein Alter fährt vor und es gäbe wieder was ins Gesicht. Je länger ich dort unten auf den Knie hockte und Wache schob, desto mehr bekam ich auf die Fresse. Ich malte mir das so herrlich bunt aus, dass ich plötzlich nicht mehr dort sein wollte. Ich stand auf, schaute mich um und spitzte meine Ohren, ob irgendwo der Metzger lauerte.
“Was machst du denn?” hüstelte Robert, ” bleib unten, warte, ich bin gleich soweit.”
Ich ging wieder in die Knie und watschelte näher an den Ausgang heran. Sollte ich etwas Verdächtiges hören, konnte ich wenigstens noch türmen. Mein Herz bollerte mir bis zum Hals. Wenn ich den Mund öffnete, hörte man ganz deutlich jeden Schlag im Innern.
“Robert!” flüsterte ich, “ich muß hier raus, ich scheiß mir gleich ins Hemd.!”
“Ich komm ja schon. Ich muß noch die Spuren verwischen…”
Die Spuren verwischen? Naja, von da an wußte ich, dass ich ein Verbrecher war.

17_ Wer hat den Längsten?
“Los, raus hier jetzt!” meinte Robert und ich schaffte meinen fetten Körper nach draußen.
“Wohin jetzt?” fragte er und rannte drauflos.
“Ins Versteck!” hechelte ich und versuchte mit ihm Schritt zu halten.
Himmel, mein Gewicht war wahnsinnig. Ich wälzte mich über den Asphalt und schnaufte wie ein wilder Stier. Meine Beine konnten sich kaum vom Boden heben, so massig war ich.
Als wir im Versteck ankamen, lachten wir beide und schlugen uns gegenseitig auf die Schulter, auf den Rücken, auf den Arm, immer wieder. Robert war ganz außer sich, dass er zuerst mal eine Pulle Bier auf EX kippte, um sich zu beruhigen. Ich tat es ihm gleich.
Es war früher Morgen und langsam sollten wir machen, dass wir nach hause kamen, also verstauten wir die Wurstwaren, jeder für sich und Robert zählte das Geld ab. Meine Augen wurden größer und größer und meine Gier wuchs. Na, her damit, dachte ich…
Robert schob zwei Hundertmark Scheine rüber und lächelte.
“Wir sehen uns!” meinte er, ” können ja morgen in die Stadt fahren?”
“Hmm…!” machte ich und stopfte die Scheine in die Hosentasche. Dann lief ich ins Bett und schlief meine gesegneten vierzehn Stunden, bis meine Mutter ihren Staubsauger hervorholte und lärmte.
“Max!” schrie sie und bollerte mit dem Stiel gegen die Tür, “wann willst du denn endlich aufstehen?”
Ich zog die Decke über den Kopf und versuchte weiter zu schlafen, was aber nicht möglich war. Der Lärm war unerträglich. Ich hob einen Schuh, der vor meinem Bett stand und warf das Teil mit voller Wucht gegen die Tür, damit meine Mutter endlich aufhörte zu krakelen. Meine Schwester war längst unterwegs. Am Samstag verabredete sie sich immer mit ihren Freundinnen, fuhr in die Innenstadt und latschte sinnlos an endlosen Kleidungsstücken, Schmuckständen und Schuhhäusern entlang. Sie gafften, aber kaufen konnten sie nie, weil sie kein Geld besaßen.
Meine nächtlichen Wanderungen mit Max verscheuchten das Einerlei der Ausbildung und ließen mich diese idiotische Wissensanhäufung über Kohlenstoff und Eisen vergessen. Samstagnachmittag ging es hinaus in die Welt, hieß Getränke besorgen und Leute informieren, dass wir was zu feiern hätten. Aber niemand sollte erfahren, woher die Kohle stammte. Meine Mutter fragte nur ab und an recht kleinlaut, wieso denn der Kühlschrank voll mit Wurstwaren sei. Kleinlaut deshalb, weil sie sich freute über die Heinzelmännchen, die das brachten, denn wir hatten kaum Geld und somit war Essen rar. Ich behauptete immer, ich sei bei Robert gewesen und sein Vater hätte uns einiges eingepackt. Der Fleischer war bekannt in der Gegend und meine Eltern wußten, dass ich mit Robert unterwegs war. Sie ging nie näher darauf ein, eben weil es endlich Abwechslung im Kühlschrank gab.
Nachdem wir einigen Leuten Bescheid gegeben hatten, dass wir uns an unserem Versteck treffen wollte, um einige Biere zu kippen, machte ich mich daran meine Geldscheine zu zählen. Ich sammelte, verdiente gut und das Geld von Robert gab mir die Möglichkeit mich mit Schallplatten einzudecken. Ich versteckte das Geld in einer Tasche, die unter meinem Bett lag. Da meine Eltern nie sonderlich aufmerksam waren, was meine Aktivitäten betraf, entdeckten sie auch nie die sich immer mehr verlängernde Reihe an Schallplatten.

Wir hockten hinter den Garagen, rauchten und tranken, erzählten über Mopeds und Autos und jeder sprach von seinen Wünschen. Meist drehte es sich dabei um materielle Dinge. Einer wollte sich einen BMW kaufen, der andere ein Motorrad und nur wenige interessierten sich für Musik. Ich war der einzige, der ein Instrument spielte. Ich war der einizge, der Schallplatten sammelte wie andere junge Girlies. Das hatte natürlich seinen Grund darin, dass ich weder ein Moped noch ein Auto besaß und ich war auch noch nie in Kontakt mit einem Mädchen gekommen. Man kann sich ja vorstellen, was ich allein durch mein Äußeres bei denen anrichtete. Die hielten genug Abstand zu mir, als sei ich ein Aussätziger. Vor meiner Freßzeit war ich noch mutig gewesen, hatte ja mal Karin angesprochen und noch früher auch schon mal küssen dürfen. Doch jetzt war der Ofen restlos aus. Was blieb, war das Trinken und die nächtlichen Streifzüge mit Robert. Jedes Wochenende war ich betrunken, torkelte umher und kotzte mir die Seele aus dem Leib.
Montags, in der Ausbildung, war ich dementsprechend drauf, hatte einen Brummschädel und ertrug kaum das Gelärme der Maschinen und Männer.
“MAAAAX!” brüllte Heinz, der mal wieder die Bremsbeläge von einer der Anrollermaschinen wechselte.
Ich war hellwach und lauschte dem Dröhnen in meinem Kopf. Warum mußten die Kerle eigentlich immer so brüllen? Warum mußten die sich immer so aufführen, als gäbe es irgendwo eine versteckte Kamera, die ihr Gebrüll aufzeichnete, um es nachher der interessierten Welt zu präsentieren? Warum mußten die sich aufführen wie unsere Vorfahren, die Affen, mit schwingenden Armen durch die Hallen toben und mich armen Künstler so verschrecken? Gab es irgendeine Formel für ihr Gebahren? Einen Code, auf den sie alle funktionierten? Ein Horde wildgewordener Irrer umgab mich, tagaus, tagein. Das Verrückte an diesem Geschehen war dieser Gruppenzwang. Kaum hatte einer mit seinem Brüllen angefangen, setzten andere gleich mit ein und schlugen sich auf die Schenkel, prosteten sich zu und rissen ihre Mäuler auf, wer denn nun den Längsten besaß. Als Siebzehnjähriger denkt man zwangsläufig, man müsse so werden wie die, damit man in das soziale Gefüge integriert, damit man Mitglied in ihrem Verein wird. Dass es noch etwas anderes gab, außer Saufen und Brüllen,kam mir nicht in den Sinn.

 

18_ Göttlicher Samen
Mein Ausbilder entpuppte sich mehr und mehr als Aufschneider. Sein Gehabe ähnelte dem eines pubertierenden Jünglings, der zulange die Klappe hatte halten müssen und nun seinen Schutzbefohlenen von seinen großen Taten erzählen durfte.
Ich hatte die vier Wochen bei Heinz rumgebracht, war nun wieder im Ausbildungszentrum und wurde in die Wirkungsweisen einer Drehbank eingewiesen. Was bedeutete, dass ich mir über Wochen das Gerede meines Ausbilders anhören mußte. Keine Ahnung, ob es unter den Auzubildenden welche gab, die ähnlich dachten wie ich. Wahrscheinlich dachten die gar nicht, sondern nahmen die Sprüche des Ausbilders für Wahrheiten, schließlich hatte der Mann Erfahrung gesammelt und war uns, auf das Alter bezogen, überlegen.
Wir hockten im zweiten Stock in einem Riesenraum voller Werkbänke, Dreh-und Bohrmaschinen und einer abgeteilten Ecke mit Tisch und Stühlen für unsere Frühstückspause. Der Ausbilder besaß am Ende des Raums einen in Glas eingefassten Käfig mit Schreibtisch, bequemen Drehstuhl und Telefonanschluß, mit dem er auch nach draußen telefonieren konnte, was er oft in Anspruch nahm. Während wir sklavisch an den Werkbänken standen oder die Drehmaschine bedienten, lümmelte er sich in seinen Stuhl und fuchtelte ständig mit einem ausziehbaren Metallstock herum, den er dazu benutzte, an die Glasscheibe zu klopfen, um irgendeinen Faulpelz zur Arbeit zu bewegen. Wortlos bewegte er seinen Kopf auf und ab und forderte Disziplin.
Hinter sich in diesem Kabuff befand sich ein kleiner Kühlschrank, der ständig gefüllt war mit Säften, Bier und Sekt. Dieser baumhohe Kerl, der breitbeinig und eierschaukelnd über das Gelände stolzierte, trank tuntenhafte Blubberbrause. Jeden Morgen öffnete er die 0,7l Flasche Sekt, mixte sich ein Glas mit O-Saft und begann mit seinen weitreichenden Erzählungen über das Aufreißen von Frauen, das Flachlegen, das Seufzen, wenn er sein Gemächt entblößte, seinen Göttlichen Samen und die nie endende Flut von Frauen, die ihm hinterher lief. Wir dummen Jungs hingen an seinen Lippen und klatschten uns auf die Schultern.
“Chef,” sagten wir immer, wenn es um ein Problem im Bereich Metallverarbeitung ging, “ich hab´da mal ein Anliegen.”
“Ich hab´auch nicht jeden Tag einen stehen!” antwortete er und fand sich überaus lustig. Seine gespielte Überlegenheit ging mir nur noch auf die Nerven. Entgeistert schaute ich mich um und sah nur lächerliche Gestalten, die sich in ein Leben eingerichtet hatten, das mir nur stumpf und kleinkariert vorkam. Da sie nicht jeden Tag Sex bekommen konnten, vertrieben sie sich die Zeit mit Saufen und hohlen Sprüchen. Ich hatte nur eine Chance das zu überstehen, ich mußte mir einen Panzer anfressen, der diesen Unfug an mir abprallen ließ, der mich schützte und in ein Kokon aus purem Fett einhüllte. Was ich auch tat.
Mittlerweile wog ich dreihundert Pfund, konnte kaum gehen und mußte ständig neue Klamotten kaufen, weil ich ich aus meinen immer mehr herauswuchs. Die Arbeit wurde auch nicht leichter unter meinem Gewicht. Meine Beine teilten sich x-förmig und drohten einzuknicken. Meine Arme schwangen an den Seiten wie die Äste eines Mammutbaumes und mein Hals war nicht mehr zu sehen.
In der Mittagspause trollte ich zur Kantine, holte mir Elefantenportionen und stopfte mich voll bis zum Erbrechen, was ich aber nicht wahrnahm. Ich hätte immer weiter fressen können. Es gab keinen Sättigungspunkt mehr. Alles in mir dehnte sich aus. Mein Magen wuchs und wuchs und verlangte nach mehr. Und ich gehorchte.
Eines Tages berichtete mein Ausbilder mal wieder von einer seiner Eskapaden mit dem anderen Geschlecht und wir standen in seinem Glaskasten und lauschten.
“Ich hab´sie nur angeschaut, hab´ihr zugeblinzelt und sie reagierte prompt, drehte leicht ihren Kopf und warf die Haare zurück.” erzählte er und fuchtelte mit seinem Stock herum.
“Wir waren in dieser Disco, ich hatte reichlich getankt…” auch so ein Zeichen von absoluter Männlichkeit, das Tanken, je mehr hineingeht, desto cooler bist du… “sie hatte es echt drauf abgesehen. Ich ging zu ihr rüber, flüsterte in ihr Ohr, sie kicherte und rieb ihr Bein an meinem Oberschenkel. Dann gingen wir hinaus auf den Parkplatz und ich legte sie mir über die Kühlerhaube meines Autos. Es gibt nichts Erhebenderes als eine Frau auf dem spiegelnden Lack einer Kühlerhaube, sage ich euch.”
Ich versuchte mir vorzustellen, wie er diese Dame hätte bumsen sollen. Die Haube des Autos ziemlich tief, sie liegt flach darüber und er mit seiner heruntergelassenen Hose, seinen weißen Beinen, liegt über ihr. Überaus unbequem… Aber wir lachten, ich weiß nicht ob einige applaudierten, das kann schon sein und mein Ausbilder schlürfte seine Blubberbrause mit Orangensaft. Die ganze Situation war lächerlich, peinlich und mir hätte doch auffallen müssen, was da für Blödsinn erzählt wurde. Aber ich peilte nichts, lachte mit, wahrscheinlich beneidete ich ihn sogar. Ich war in einem Käfig voller Narren gelandet und fügte mich…
Aber wie in Dreiteufelsnamen sollte meine Zukunft aussehen? Was geschähe denn nach der Ausbildung? Wollte ich in diesem Betrieb bis zur Rente arbeiten? Also da hätte ich mich lieber totgefressen…
Ich steigerte mein Portionen täglich. Morgens gab es Kakao, dazu ein Brötchen, zumFrühstück im Betrieb vier Scheiben dickbelegtes Brot, dazu Cola, manchmal kaufte ich noch zwei oder drei Brötchen dazu, weil ich nicht satt genug war. Mittags das Kantinenessen, Nudeln und Gulasch, immer mit Nachschlag, hinterher Pudding. Zwischendurch Schokolade, tafelweise. Am Abend dann nochmals warmes Essen von meiner Mutter, Koteletts, Kartoffeln, etwas Gemüse und viel Soße, hinterher während des fernsehens Cola und Chips und auch mal einige Biere. Meine tägliche Ration wäre für einen normalen Menschen ausreichend für eine ganze Woche gewesen.
Vielleicht würde ich es schaffen zu platzen, in die Luft zugehen und einen riesigen Schwall Fett über die Menschheit auszuschütten, sozusagen als Abschiedsgeschenk. Daran konnte man ja arbeiten.

19_ Umstandskleidung
Ohne die abwechslungsreiche Tages-und nachtgestaltung mit Robert wäre mein Leben damals ein noch größere Ödnis gewesen. Mittlerweile hatten wir uns auf Drogenverkauf spezialisert. Vom Geld, das Robert heranschaffte, besorgten wir Dope, jede Menge Dope, teilten die Tafeln in kleine Portionen auf und verkauften diese dann an die Meistbietenden. Das war eine Einnahmequelle, die kaum versiegte. Meine Plattensammlung vergrößerte sich rapide und war auf ca. Zweitausend Stück angestiegen. Abends griff ich zu Kopfhörern und legte eine nach der anderen auf… Pink Floyd, Genesis, Miles Davis, Van der Graaf Generator und Peter Hammill, immer und immer wieder Peter Hammill. Der Kerl jauchzte mir aus dem Herzen und sprach genau die Dinge an, die mich so bedrückten.
Oder ich spielte selbst den Rockstar, Kopfhörer, meine Gitarre um und ein imaginäres Mikrofon nebst Ständer. Ich spielte vor Tausenden, sang die Stücke mit, die mir ins Ohr dudelten, johlte und krächzte innerlich und hielt mich für den Wiedergeborenen. Ein niemals endenwollenden Applaus im Hirn, die tobende Menge lag mir zu Füßen.
Dann bekam ich plötzlich das Angebot in einer Band mitspielen zu können. Ich sagte sofort zu, packte meine Bassgitarre ein und stand vor dem Probenraum. Dieser lag ganz in der Nähe auf einem Schrottplatzgelände. Dort befand sich ein Kelleraum und der Besitzer dachte sich, er könnte noch irgendwie Einnahmen damit erzielen und vermietete ihn an die Jungs, die ich treffen sollte. Es waren drei Burschen aus der Nachbarschaft, mit denen ich nie groß Kontakt hatte, einfach weil sie einem anderen Umfeld entsprangen als ich. Der Vater von Mike war Kontrabassist am Staatstheater der Stadt. Mike ging auf die Oberschule und stand kurz vorm Abitur. Ullis Vater war Finanzbeamter. Ulli und Mike besuchten dieselbe Schule. Die beiden gehörten der Clique der Bessergestellten an, obwohl sie auch in den Sozialbauwohnungen lebten. Unsere Clique bestand aus Mädels und Jungens aus normalen Arbeiterfamilien, die auch schon mal verdroschen wurden, jede Menge Unsinn fabrizierten und einige auch schon in Kontakt mit dem Gesetz gekommen waren. Hätte sich die andere Clique in unser Territorium gewagt, hätte es eine Abreibung gegeben. Von daher stand mein Start bei dieser Band nicht gerade unter einem guten Stern, wie man so sagt. Außerdem war ich nun zum Drogendealer aufgestiegen und kam mir fehl am Platz vor. Ich dachte mir, die reden bestimmt nicht über Autos oder Motorräder, wohl über Mädels, aber ansonsten waren die gebildet, lasen wahrscheinlich in Büchern und hatten sowas wie eine Meinung. Eine Meinung? Was war das bloß noch?

In der Band wurden Stücke von den damals bekannten Gruppen wie den Stones, Santana, Status Quo und Jethro Tull nachgespielt. Die übliche Schüler-Cover-Band eben. Nach kurzem Gequatsche, wer ich denn nu sei und so, spielten wir drauf los und ich hatte einen Spaß wie lange nicht. Zweimal die Woche wurde geprobt, dass hieß auch zweimal die Woche ohne Robert losziehen. Als ich ihm von der Band erzählte, war er ganz interessiert und wollte mal vorbeischauen, was er ab und an auch tat. Nach einiger Zeit hatte wir ein kleines Repertoire und wollten nun natürlich hinaus und den Leuten zeigen, was wir so drauf hatten, wollten Gigs spielen. Die Gelegenheit bot sich dann während eines Schulfestes in dieser Oberschule. Der Arbeiter unter Intellektuellen, dachte ich, wo sollte das hinführen?
Mir war nicht bewußt, dass ich dreihundert Pfund wog und mir war auch nicht bewußt, dass wenn man sich mit so einem Gewicht in die Öffentlichkeit begibt, es leicht zu Belustigungen der anderen kommen kann. Ich war naiv, dumm und hielt mich für den Besten.
Als die Bühne aufgebaut war, das Licht in der Aula ausging und Mike die ersten Töne von “Brown Sugar” anstimmte, stand ich in einem weiten Hemd, das mir fast bis auf die Fußspitzen zeigte, im Scheinwerferlicht und genoß das. Wir dudelten das Repertoire ab und ich bemerkte nicht ein einziges Mal die seltsamen Blicke der umherstehenden Leute. Ich war versunken in mein Bass-Spiel, war weggetragen in andere Sphären und erst, als jemand rief, wer denn das in diesem Umstandskleid auf der Bühne sei, wachte ich auf. Wer das sei? Die meinten mich. Naja, selbstverständlich lachte die Menge. Ich konnte nichts anderes tun, als mitlachen und ich gab ja wohl wirklich ein herrliches Bild als schwangerer Bassist mit kleinen Füßen.

Am Rande der Aula bemerkte ich dann Robert, der ebenfalls lachte, sich aber wegdrehte und hinaus ging. Nach dem Konzert bauten wir alles wieder ab, schleppten die Anlage in den Proberaum und ich verabredete mich mit Robert.
“War ja echt geil,” meinte er und zählte die Plastiktütchen mit unserem Dope ab.
“Ja,wa´?”
“Bis auf diese Sache mit dem Umstandskleid. Nervt dich das eigentlich nich´?”
“Weiß nich´” antwortete ich und ich wußte es tatsächlich nicht.
“Ich meine, du siehst aus wie ein Ballon. Ohne Hals. Du gehst doch immer mehr in die Breite. Wirst fetter und fetter. Guck´mal!” er zeigte mir zwischen meine Beine. Andere Kerle besaßen dort gut ausgepolsterte Utensilien, die sie für ihre Männlichkeit brauchten. Ständig fassten sie sich in den Schritt, griffen hinein, als hätten sie dort Instrumente zur Weltherrschaft oder sowas.
Ich schaute nach unten und sah… nichts. Meine fetten Oberschenkel rieben aneinander und der Schwabbelbauch platzierte sich direkt darüber.
Robert kicherte.
“Ich hab´was Neues entdeckt!” redete er weiter, ” vielleicht ist das was für dich!”
“Aha!” sagte ich und lehnte meinen Körper an einen Baum
“Antiadipositum X100!” meinte er und kramte ein Fläschchen aus seiner Jackentasche.
“Damit bist du voll drauf. Das hält ein bis zwei Tage an. Du brauchst nich´zu schlafen, nichts zu essen und fühlst dich wie ein Flummi.”
“Hast du´s schon genommen?” wollte ich wissen und fühlte nach dem, was angeblich jedem Manne zwischen den Beinen hängen sollte.
“Ein Mal bisher, is´geil… versuch´s ma´”
Er reichte mir das Fläschchen und ich las. Schlankheitstropfen, nicht rezeptpflichtig, von Kindern fernhalten und so.
“Wie nimmt man die denn?”
Robert griff erneut in die Jacke und holte einen Esslöffel und ein Tütchen mit Zucker heraus.
“Den Löffel voll mit Zucker machen, hundert Tropfen davon drauf und runterschlucken.”
“Hundert Tropfen?” staunte ich.
“Klar, sonst hat´s ja keine Wirkung. Na los, versuch´s ma´.”
Ich träufelte mir Zucker auf den Löffel, ließ hundert Tropfen aus der Flasche auf den Zucker gluckern und schlang das Zeugs runter. Es schmeckte bitter, eklig und ich schüttelte mich. Dann wartete ich ab.

 

20_ zweites Lehrjahr
Nach einigen Augenblicken begann die Wirkung der Schlankheitstropfen einzusetzen und ich fühlte mich beschwingt, leicht und voller Energie. Trotz meines Gewichts spürte ich einen unbändigen Drang nach Bewegung, dem ich nur nicht nachkommen konnte, weil mein Körper einfach zu fett war und sich nicht so leicht steuern ließ. Anfängliches Gekicher wechselte in stumpfes Umherglotzen, Welten im Hirn, die ich noch entdecken sollte taten sich auf. Ungefähr zwei Tage hielt die Wirkung an und ich raste durch ein Sammelsurium aus höchster Euphorie bis hin zu niedergeschlagener Frustration. Zwei Tage aß ich keinen Happen, trank literweise Mineralwasser oder Cola und schlief nicht.
Ich hatte etwas gefunden, was mich diesem Leben entriß und entführte in eine eigene von mir erschaffende Welt. Da die Tropfen nicht rezeptpflichtig waren, konnte ich mich gut eindecken, kaufte an verschiedenen Stellen und brauchte nur an mir herab zusehen, um den jeweiligen Verkäufer davon zu überzeugen, dass ich es ja wohl nötig hätte. Anstandslos reichten sie mir das Mittel und mein Vorrat wuchs.
Nach einer Woche ohne Essen jedoch fiel mein Energiehaushalt rapide ab und die Konzentration setze aus, was sich natürlich auf mein Arbeiterleben auswirkte. Ich verhaute fast jede Aufgabe, die mir unser Göttlicher Abspritzer aufhalste. Bohrungen gingen immer daneben, nie passten Schraubverbindungen, ich brach durch rohe Gewalt jeden Drehmeißel in tausend Teile, die dann durch den Raum flogen und auf die Auszubildenden niederprasselten. Ich war zum wandelnden Chaos geworden. Aber niemand schien sich daran zu stören. Niemand fragte nach Drogenkonsum oder ähnlichem.
Abends nach Feierabend traf ich Robert, der immer schon einen Löffel mit Zucker bereithielt und wir tauchten in unser Chaos hinab. Das Essen hatte ich völlig eingestellt und benutzte die Tropfen als ein willkommenes Mittel, um all meine Pfunde loszuwerden.

Im zweiten Lehrjahr kam ich in den Genuß den Posten eines Aufsehers zu übernehmen. Die Typen aus dem ersten Lehrjahr hingen vor ihren Werkbänken und feilten sich die Hände wund. Jedesmal wenn unser Ausbilder unternehmungslustig wurde, rief er mich zu sich, übergab mir feierlich seinen ausziehbaren Metallzeigestock, bot mir seinen bequemen Drehstuhl an und sagte nur: “Pass´auf, dass die keinen Unsinn machen, ich muß mal ´raus!” Er ging meist zu seinen früheren Arbeitskollegen, um einige Fläschchen zu trinken oder besuchte das Sekretariat, um dort das weibliche Personal von seiner Manneskraft zu überzeugen. Jedenfalls behauptete er das immer. Ob da tatsächlich etwas lief, konnte ich nicht beurteilen. Der Kerl redete soviel Müll, dass man besser nur mit halbem Ohr zuhörte.
Ich fletzte mich in den Stuhl, schwang den Stock und legte entspannt die Füße auf den Schreibtisch. So ließ es sich ertragen, dachte ich. Obwohl meine Leistungen eigentlich nicht besonders herausragend waren, behandelte man mich wie einen Könner. Ich begriff das nie. Weder konnte ich vernünftig bohren oder drehen, noch war sonst mein Einsatz hervorhebungswürdig. Vielleicht war es meine Art die Dinge nie offen auszusprechen und man zollte mir unwissend Respekt für etwas, was ich gar nicht besaß? Als mein Ausbilder einmal vor versammelter Mannschaft meinte, der hätte ja wohl auch einiges an Frauen vernascht und dabei auf mich wies, verstand ich gar nichts mehr. Wie kam der auf so einen Gedanken? Ich fetter Kerl trollte nur über das Gelände, mein aufgequollenes Gesicht hatte weder Augen noch Nase oder gar einen Mund. Es verbarg sich unter einer Speckschicht und ließ nur Schlitze übrig, aus denen ich die Welt beobachtete. Wieso kommt der nun gerade darauf, dass ich was mit Frauen gehabt hätte?
Ich ließ das so stehen, weil ich meine Position nicht mindern wollte, schließlich genoß ich das Herumlungern im Ausbilderkäfig, klopfte mal an das Glas, um die aus dem Ersten zur Arbeit aufzufordern oder ich blätterte in Zeitungen, trank den Sekt des Ausbilders und lehnte entspannt im Sessel. So eine Stellung gibt man freiwillig nicht auf.
Ich war auf Schweißlehrgang. Im Betrieb gab es eine Halle nur für Schweißarbeiten und ich mußte mal wieder vier Woche ran, um eine neue Tätigkeit in meinen Wissenbereich aufzunehmen. In der Halle stank es gewaltig nach Zündschnur und Bomben. An den Wänden lehnten Gas-und Sauerstoffflaschen, überall brutzelten Elektrodenstummel am Boden und mein Einweiser hatte die wohl übelriechendste Bierfahne der gesamten Firma. Regale standen voll mit Metallteilen aller Größen. Zuerst sollte ich ein Gefühl für die Elektrode bekommen, das meinte jedenfalls der Typ, obwohl ich für tote Dinge nie großartig Gefühl entwickeln kann. Er gab mir zwei Metallteile, die ich einfach irgendwie zusammenscheißen sollte.
Ich brutzelte vor mich hin und der Typ machte sich vom Acker. Während der ganzen vier Wochen war er vielleicht einen ganzen Tag an meiner Seite gewesen, was ich natürlich begrüßte, weil ich es liebte, wenn man mich verantwortungsbewußten Auszubildenden allein ließ. Teil um Teil brutzelte ich zusammen, hämmerte darauf herum, um die Teile wieder auseinander zu bekommen und fing eine neue Naht an zu ziehen. Kaum war der Schweißer aber verschwunden, ließ ich alles fallen, hockte mich in eine Ecke und schlief den Schlaf der Gerechten. Meine nächtlichen Aktionen mit Robert und der hohe Konsum der Schlankheitstropfen machten mich tagsüber, wenn die Wirkung nachließ, zu einem gähnden Unikum. Also schlief ich den halben Tag in der Schweißhalle, ohne mir auch nur einmal einen Tadel eingeheimst zu haben. Naja, von wem auch? Alle Mitarbeiter schliefen entweder selbst im stillen, unbekannten Kämmerlein oder zogen umher, auf der Suche nach Abwechslung, vielleicht im Personalbüro oder in der Werkzeugausgabe? Die waren bestimmt nicht hinter mir her.

Nach einem Nickerchen und einer wiederholten Schweißnaht machte ich mich mal auf in die Katakomben der Firma. Zuerst marschierte ich zur Kantine, besorgte einen Kaffee und ließ sämtliche belegte Brötchen links liegen, weil ich einfach seit Monaten keinen Appetit mehr verspürte. Schlürfenderweise latschte ich zur Halle der Werkzeugmacher, blickte durch die
hohen Fensterscheiben und entdeckte meinen Ausbilder, der händeschwingend wohl von seinen etlichen Erlebnissen mit dem anderen Geschlecht berichtete. Ich machte kehrt und wollte mal in die Werkzeugausgabe. Einige Mitarbeiter hatten schon von herrlichen Schlafplätzen da unten erzählt, wie man ungestört die gesamte Schicht verpennen könnte, ohne dass auch nur ein Leiter oder Chef etwas mitkriegte.
Die Werkzeugausgabe lag im Untergeschoß eines leerstehenden Gebäudes, wo früher mal große Dosen hergstellt wurden. Die Herstellung wurde eingestellt und nun standen dort Monstermaschinen herum und glotzten mich dümmlich an. Ein Fahrstuhl führte nach unten und ich war eben im Begriff die schwere Stahltür zu öffnen, als ich menschliche Laute vernahm. Ich stand still, horchte und konnte eine weibliche und eine männliche Stimme ausmachen. Hinter einer verdreckten Monstermaschine sah ich ein Paar, das sich in einem bekannten Rythmus bewegte, die Beine weiß, umfasst von heruntergelassenen Hosen, die Bluse der Dame hochgeschoben, dass ihre Brüste wie zwei helle Sterne im Dunkel der Halle leuchteten. Ich bewegte mich nicht, lauschte und dachte mir, es wäre an der Zeit dieses Spiel endlich auch einmal auszuprobieren. Die beiden bemerkten mich nicht. Sie stöhnte leise und er schufftete wie ein… Stahlarbeiter eben. Sachte ging ich in Richtung Ausgang und machte mich auf den Weg zu meinen Schweißarbeiten, ohne nicht vergessen zu haben mir die Gesichter der beiden merken zu wollen.