caspars Arbeiterleben V

121_ Absprung

Herbst 1987. Ich stehe gelangweilt, wie immer, am Fenster meines Wohnzimmers und glotze starr abwechselnd in den Himmel und dann auf die Straße unter mir. Der Wind fegt die Wolken ganz schön umher. Mit ihren schwarzen Jacken fuchteln sie da oben im Nichts und finden kaum Halt. Wie auch? Ebenso bläst dieser arrogante Pusterich die Blätter in alle Richtungen und beraubt sie jeglichen Willens. Ich bin geschützt in meiner Bude, der Ofen bollert mittlerweile laut und warm. Einige Passanten ziehen die Schulter hoch und ducken sich vor irgendwas, vielleicht herabfallenden Momenten oder so was. Ich habe es also geschafft, denke ich und trete etwas zurück, stehe blind im Raum und atme ein und aus, ein und aus… Ich habe die Kluft übersprungen, denke ich, die Kluft zwischen dem Normalen und dem Anderssein. Vor mir auf dem Tisch liegt eine Nachricht der Kunsthochschule, ich solle mich dann und dann dort einfinden, zur Immatrikulation. Desweiteren solle ich unbedingt zur Universität und dort zwei Fächer meiner Wahl belegen, das sei Pflicht, wenn man Kunstpädagogik studieren wolle. Ich will gar nicht Kunstpädagogik studieren. Ich habe die Aufnahmeprüfung in diesem Bereich nur gemacht, um nach zwei,drei Semestern zur Freien Kunst zu wechseln und überhaupt erstmal in diese Hochschule rein zu kommen. Da muß ich mir dann wohl etwas überlegen, um den Schein zu wahren, vielleicht Fremdsprachen oder so? Englisch am besten. Seit ich mit der Musik beschäftigt bin und sowieso Texte von Peter Hammill übersetze, verstehe ich die Sprache ganz gut, ich traue mir das zu. Also gemachte Sache: Englisch und noch irgendwas anderes, mal sehen!

Ich bin tatsächlich drin in dieser Welt und ich fühle nichts. Absurd eigentlich, wenn man die letzten Jahre nur vor sich hin geschimpft hat, den Staat und die Gesellschaft angeklagt und sich freimachen wollte vom Arbeitertum, dass ich jetzt so gelassen bleibe. Meine Eltern haben mit dem Kopf geschüttelt, als ich ihnen von meinem Erfolg berichtete. Damit kann man ja nun gar nichts anfangen, KUNST, so ein Blödsinn! Wie soll man denn damit Geld verdienen? Wie will man sich denn mit so einem Unsinn durch das Leben schlagen? Es kommt doch kein Michelangelo aus so einer Kleinstadt. Wenn man wenigstens in Berlin wäre oder München oder besser noch Paris oder London, da sind die Möglichkeiten doch anders, besser, größer, weiter… Ich habe also die Kluft überwunden, frage ich mich erneut? Und nun? Und: was für eine Kluft überhaupt? Diese Hürde in meinem Kopf? Dass ich mich immer für einen kleinen Jungen gehalten habe, der aus ärmlichen Verhältnissen den Aufstieg oder eben Absprung geschafft hat? Von was für einer Kluft reden wir hier denn? Eine gesellschaftliche Kluft! Hier die Arbeiter, die ihren täglichen Kleinigkeiten hinterher laufen und da die Intellektuellen, die Akademiker, die Künstler, die Denker, die… ja was? Außer dass sie mehr Kohle verdienen als die Arbeiter eigentlich auch nichts anderes tun, außer eben arbeiten! Die Kluft… ist die Verteilung des Geldes, mehr nicht. Und ich soll auf der anderen Seite sein? Dort, wo die Berge liegen, die Dagobert Duck angehäuft hat? Unsinn! Es gibt keine Kluft. Es gibt keinen Unterschied, außer dem in meinem Hirn. Ich selbst stelle mich hier hin oder da hin.

Wieder gehe ich zum Fenster. Ich stehe geschützt von fetten Betonmauern in meiner Höhle und beobachte nur das Treiben, oben von den paar Wolken und unten, von den paar Menschen und Blättern. Menschen und Blätter; eigentlich sind wir nichts anderes als willenlose Blätter, die sich umher blasen lassen. Und wir stehen alle am selben Punkt, auf einer Ebene, nur nicht zusammen.
Dadurch, dass ich die Abschlußprüfung schaffte türmte sich mein Gedankenberg immer höher hinauf, aufwärts zu den idiotischen Sternen, die längst alle erloschen sind. Ich meinte tatsächlich mit diesem Erfolg nun in eine andere Richtung gehen zu können, als die, aus der ich kam. Abgeschüttelt war der Arbeitersohn und hervor getreten war ein Denker, ein Künstler, jemand, der etwas hinter lassen wollte, der etwas zu zeigen hatte, was es vorher noch nie gab… ich vergaß die Arbeit, die darin steckte…

122_ also doch nur Firlefanz?

Ich kam nicht allzu oft raus aus meiner Höhle, kritzelte Unbrauchbares, was ich für Brauchbares hielt, trank bis sämtliche Flüssigkeit wieder raus mußte, saß, hockte, lag, latschte, stolperte, schwankte, trippelte, tanzte meinen Alleinseintanz und erwartete die große Chance auf eine Künstlerkarriere. Abseits des Lebens jedoch kann sich kaum etwas Kreatives entwickeln, außer irrsinnige Welten in einem verkorksten Kopf, der sich einredet, ein einzigartiges Geschöpf Gottes zu sein, welches in vorbestimmten Bahnen, die nie profan sein dürfen, wandelt. Und ich war abseits des Lebens, selbst gewollt, aber doch ungewollt leidend, mit Peter Hammills Worten: it´s cool to be down! Ich meinte, ich müsse nun besonders leidendsfähig, fertig und abgehalftert aussehen, was Künstler einfach brauchten, um ernst genommen zu werden, um in der Öffentlichkeit, die ich eigentlich mied, als arg heruntergekommener Denker, der sein Leben auf Messers Schneide balanciert, gesehen zu werden. Ich wollte leiden. Ich mußte leiden! Ich wollte die schwärzesten Augenränder in der ganzen Stadt haben; ich wollte abgemagert wie ein Aids-Kranker herum laufen, ich wollte die Schultern hängen lassen, ich wollte allen zeigen, dass ich mit der Welt und dem Leben haderte und machte mich zu einem blasierten Künstler, der doch nur auf den Arm wollte, um geschaukelt zu werden, was aber niemand bemerkte. Wie auch? Wenn man arrogant durch die Szene stolziert, die Nase in die Lüfte reckt und mit niemanden ein Wort spricht, wird man doch automatisch als Idiot abgestempelt, der sich für was Besseres hält. Und so war es auch! Erstens hielt ich mich für was Besseres und zweitens sprach ich mit keinem auch nur ein Wort. In meinem Hirn hatte sich ein Parasit eingenistet, der an mir fraß und mich zur Erleuchtung führen wollte. Dieses Ding, meine Macke oder was auch immer, bläute mir ein, ich sei tatsächlich ein NEUER MENSCH. Alle anderen seien gefangen in ihren Kleinigkeiten um Geld und Arbeit, Frau und Familie; ich bräuchte das alles nicht, weil ich den Weg der Offenbarung gehen müsse; ich müsse ihnen die Fratze vorhalten und sie erwecken, sie bekehren, heimsuchen und wach rütteln, sie führen ins gelobte Land, auf den Berg, zu den Geboten… ich war völlig von der Rolle.
Klar, dass so ein Leben am Körper zehrt. Ich schlief nie länger als drei, vier Stunden, aß kaum etwas, höchstens eine Suppe, ich rauchte etliche Packungen Zigaretten, trank Kaffee am Tag, literweise, und Alkohol in der Nacht, um wieder runter zu kommen. In Windes Eile hatte ich mein Aussehen, was mir so vorschwebte, erlangt. Die Hosen schlabberten mir um die Beine, Löcher in den Wangen, tiefliegende glasige Augen mit schwarzen Rändern und ein unaufhörlich pumpendes Herzelein, das diese ganze von mir inszenierte Kacke mutig ertrug. In so einem Zustand bleibt nicht mal Energie für´s Einkaufen; und ich lag und lag und lag und wartete auf das Zeichen, irgendein Zeichen, was mir befehligte nun aufzuerstehen und den heiligen Pfad der Erlösung zu gehen. Dieser ganze Schwachsinn kostete mich unendlich viel Kraft, beraubte mich meines Lebens und hinterließ nichts, außer eine Spur von absoluter Blödheit.

Wie es der Teufel will kommt immer die undurchschaubare Realität, grabscht mit ihren fettigen Fingerchen nach dir und rüttelt dich ordentlich durch. Ich hatte irgendwann kein Geld mehr. Bis zum Semesterbeginn waren es noch knapp zwei Monate und erst dann sollte ich wieder auf Kosten des Staates leben können, mitBAfög nämlich. Ich pumpte einige Leute an, die ich noch nicht ganz verschreckt hatte und lebte eine Woche von einem ekligen Stück Käse und einem Toastbrot, etwas Kaffee und jede Menge Alkohol.
Eines Abends tauchte Anna bei mir auf. Es klingelte an der Tür und ich konnte vom Fenster aus nicht erkennen, welcher verdammte Idiot meine Ruhe stören wollte. Ich ließ es also klingeln, zig Mal, aber als sich abzeichnete, dass der Fingerdrücker da unten nicht aufgeben würde, öffnete ich die Tür.
Anna sah gut aus, Strahleaugen und buntbekleidet wie immer. Sicher wieder irgendwas Selbstgenähtes. Ihr Haar war rotgefärbt, mit Henna, was mir nicht so gefiel. Sie lachte und meinte, sie wolle nur mal nach mir sehen, was ich so tue und wie es mir geht, man hört so wenig von dir! Wie es mir geht, konnte sie erkennen: ich sah total zerlumpt aus, hatte eine Woche nicht geduscht, Strubbelhaar und Augenschlitze von den langen Nächten. Aber ich hatte diese überaus ergreifende Neuigkeit, dass ich nämlich auf der Kunsthochschule sei und nun ein ganz bedeutender Kerl werden würde usw. Ich erzählte ihr von der Aufnahmeprüfung und meinem Vorhaben, nach einigen Semstern zur Freien Kunst zu wechseln. Ich spielte ihr mein Spielchen vor…

123_ unaufhaltsam hinab/hinauf!

Anna saß mir gegenüber auf meinem, vom Sperrmüll ergatterten, Ohrensessel und schlug ihre kurzen Beine übereinander. Ich kochte uns einen Kaffee und fragte mich derweil, warum nun gerade sie mich besuchen käme, schließlich lastete diese Geschichte mit Joe und ihr und mir und überhaupt, auf unser Verhältnis. Konnte aber sein, dass mich mochte? Meine Frauengeschichten zu dieser Zeit gestalteten sich nicht großartig anders, als meine visionäre Erfolgskarriere, ich bildete mir zuviel ein. In meinem versoffenen Kopf quetschten sich irrsinnige Gedankengebäude nebeneinander, die mir von einer Welt erzählten, die nicht real war, die nicht existierte, die einer Blase entsprungen war, einer Luftblase in meinem Kopf. Ich konnte gar nicht anders, als darauf zu reagieren und so quakte ich Anna und anderen bekannten und überhaupt der ganzen Welt mein Kauderwelsch vor, bis ich es dann auch selbst glaubte.
Wir sprachen nicht viel, glotzten uns an und eigentlich hätte ich über sie herfallen können, doch so groß war mein Einbildungsvermögen dann auch nicht. Ich legte Musik auf, die ihr gefallen würde, erzählte von Dingen, die ihr gefallen würden, so nahm ich an, ich verhielt mich rein äußerlich, so wie es ihr gefallen könnte, kurz: ich schauspielerte wie ein unbeholfenes Kleinkind, das seinen Willen druch setzen wollte.
Anna würde demnächst in eine andere Stadt gehen, sie wollte Textildesign studieren und berichtete voller Überschwang von ihren Entwürfen, die sie einigen Unternehmen schon vorgelegt hatte. Kaum hörte ich diesen Mist, stieg in mir ein Verlangen auf, diesen Umstand ihres Erfolges zu toppen und ich redete was von Ausstellungen, die gar nicht stattfanden; ich erzählte von Reaktionen auf meine Bilder… und dann kam ich in Not. Anna fragte, ob sie denn nicht mal einige Bilder von mir sehen dürfte… Ach, du scheiße, dachte ich, warum hälst du nicht einfach mal dein großes Maul? Es gab ja nichts zu zeigen, alles war nur hohles Geblubber eines Möchtergernkünstler. Ich sagte ihr, ich hätte nun ein Atelier in der Kunsthochschule, hier, in meiner Bude sei nichts sehenswertes, aber sie könne ja mal im Atelier vorbei schauen… Sie nickte nur mit ihrer Hennamähne und verabschiedete sich dann auch gleich wieder. Als wir zusammen zur Tür gingen, schaute ich mir ihren drahtigen Körper an. Kräftige Waden, wie zwei kleine Kugelblitze oder so, stramme Oberschenkel, die unter ihrem Kleidchen auf meine Hände warteten. Sie drehte mir ihren Kopf über ihre zarte Schulter zu und lächelte, als erahne sie meine Blicke. Zum Abschied bekam ich den üblichen Drücker, eine kalte Umarmung mit der üblichen auf und ab Bewegung ihrer starken Hand auf meinem Rücken. DIE wollte nun gar nichts von dir, sagte ich mir daraufhin.
Die Tür war wieder verschlossen. Der Tag bahnte sich seinen Weg in die gleiche Einöde wie schon am Vortag und dem davor und den ganzen anderen davor. Es sollte nichts geschehen, was mich aus meinen Frust und meiner Ahnungslosigkeit herausholen würde.
“Ein Atelier in der Kunsthochschule?” sagte ich mir kopfschüttelnd, ” du hast sie doch nicht alle!”

Von Woche zu Woche stieg mein Alkoholpegel. Mittlerweile brauchte ich fast eine Kiste Bier, evtl. einen Joint, um mal schlafen zu können. Und das jeden Abend. Wenn ich dann diese viele Flüssigkeit in mir schwappen hörte, begann die Phase der völligen Lächerlichkeit. Ich lachte nur noch über mich und mein verkümmertes Leben, über all die Geschichten, die ich verbreitete, die weder Hand noch Fuß hatten. Ich pisste mir ständig in die Hose, stolzierte im Dunkel meiner Bude herum und hielt mich für den einzigen Menschen, der wußte, was hier vor sich ging. Nämlich nichts. Das Leben war nichts anderes als ein Witz, eine Laune, die aus jahrelanger Evolution Kreaturen hervor gebracht hatte, die meinten, das Ende der Fahnenstange zu sein. Oben auf dem Mast hockte ich und bohrte mir die Stange selbst in den Arsch. Lange würde ich meine Situation nicht mehr ertragen; entweder es käme der Durchbruch mit, ich weiß nicht was, oder ich würde sang-und klanglos abtreten.
Nach zwei Monaten entschied ich mich für die zweite Variante, die um einiges kräfteschonender wäre.

124_ Also ab dafür!

Zerlumpt latschte ich zur Hochschule und wollte mal sehen, was da so abging. Ich hatte seit Tagen nichts gegessen und die Visionen im Kopf verwandelten sich in Wahrheiten; ich fuhr mit dem Bus, weil ich weder Rad noch Auto noch sonst irgendwas Fahrbares mehr besaß. Der Fahrer fuhr kurvenreich und gehetzt durch die Straßen. Die Leute saßen stumpf auf ihren Plätzen und glotzten dämlich aus den Fenstern, als suchten sie da draußen nach Erlebnissen oder Erleichterungen. Ich stand im Bus auf dem Platz, wo immer die Frauen mit ihren Kinderwagen wackelten und in dieser vollkommen idiotischen Sprache mit ihren Babys blubberten. Meine Knie zitterten und mein Herzschlag ging gegen Null. Mit übergroßen Pupillen starrte ich auf all die Dinge, die mich nichts angingen, die mich irritierten und die mich anödeten. All die Menschen. All die Dinge. Diese tausende von Dingen, die keine Sau jemals gebraucht hatte, die aber doch gemacht wurden für das überdrüssige Volk, dass dann nämlich das Maul hält und sich immer mehr mit den Dingen eindeckt. Mir wurde elendig schwindelig und ich hielt mich krampfhaft an der Haltestange fest, die welt drehte sich in einem Tempo, das mir schlecht wurde. An einem bestimmten Punkt trat ich dann aus meinem Körper heraus und beobachtete mich selbst wie ich da verlottert im Bus stand, die Hose schlabberig zwischen den Knien, die Schultern eingesunken, die Augen starr auf einen Punkt gerichtet, kreideweiß im Gesicht und kurz vorm Kotzen. Ich hatte aufgehört zu atmen. Ich war nicht ich oder zumindest nicht der, von dem ich annahm, ich sei es. Ich war etwas anderes, etwas Außerirdisches, etwas außerhalb des zuvor gekannten Körpers und ich kriegte totale Panik. Sobald ich versuchte die Situation zu analysieren huschte ich zurück in meinen Körper und wackelte wieder an der Stange herum. Mit meinen dünnen Ärmchen stolperte ich zum Ausgang hinüber, drückte diese rote Taste, damit der irre Fahrer endlich halten würde und nachdem er dieses auch tat, klatschte ich die zwei Stufen hinunter auf die Straße, blieb kurze Zeit liegen, blickte mich um und rappelte mich wieder hoch. Natürlich glotzte alles aus dem Bus heraus, aber niemand, der mir eine Hand reichte.

In diesem abwesenden Zustand marschierte ich hinein in die heiligen Tore einer Hochschule und stand ziemlich überfordert zwischen herum strauchelnden Leuten, die an mir vorbei huschten und irgendwie sehr geschäftig taten, vielleicht auch waren, egal!
Ich stand vor einigen Türen und suchte nun angestrengt nach einem Ansprechpartner, irgend jemanden, dem ich erzählen konnte, dass ich nun hier Student sei und doch gefälligst in die Vorleseungen will und wo die denn sind und überhaupt. Aber da war niemand. Also stakste ich in ein Büro und erkundigte mich dort bei einer älteren Dame nach den Erstsemestern, wo ich denn nun hin müßte, was ich zu tun hätte usw. Die Dame notierte meinen Namen, reichte mir etliche Stapel Papiere und verwies mich des Raumes. Wieder draußen rollte ich die Papiere zusammen und machte dass ich da verschwand. Meine Unselbständigkeit ließ es einfach nicht zu, dass ich mich hier orientierte, ich war zu blöd für diesen Betrieb, zu blöd für die Gesellschaft schaffte allerdings noch die Immatrikulation, mehr jedoch nicht. Es war, glaube ich, der einzige Tag, den ich in der Kunsthochschule als ordentlicher Student verbrachte; von da an sah man mich nur noch als Mitglied einer Musikkapelle, wenn es um Parties ging, die in der Hochschule veranstaltet wurden, wo ich mit meiner Band auftrat. Also: ab dafür!

125_ Hunderte von Wegweisern!

Ich war in einem Zustand vollkommener Gleichgültigkeit, darum ließ ich mein Kunstpädagogikstudium auch sausen und vergnügte mich stattdessen mit meinem Instrument und etlichen Flaschen Bier. Den Drogenkonsum mußte ich irgendwann einstellen, sonst schoß es mir die Birne weg und ich würde in der Klapse landen, was ich zwar so auch tat, aber wenigstens war es mir noch irgendwie bewußt.
Menschenkontakt wurde meinerseits völlig vermieden. Wenn ich abends durch die Straßen zog und in die Kneipen und Discos stiefelte, tat ich das allein, weil ich einfach keine Begleitung ertrug, die mir die Ohren vollquatschte mit Zukunftsplänen, einer elenden Karriere als Möchtegerngesehener oder so was. Wenn auch jeder von sich behauptete, er sei anders, er wolle etwas bewegen, was auch immer, er oder sie wolle diese Gesellschaft aufrütteln, am Stystem mitstricken, so stellte ich nur fest, dass es zumeist hohle Gerede war, denn die meisten meiner Bekanntschaften machten sich bereits in ihren Jobs und Ausbildungen breit, latschten die gleichen Pfade ab wie schon ihre Vorgänger und würden höchstens den Anstrich irgendeines Büros erneuern, anstelle von neue Ideen hervorbringen. Mir gingen sie alle samt nur auf die Nerven und ich konnte darauf verzichten alle paar Abende auf ihre dämlichen Fragen: “Na, was machst du denn so?” zu antworten: “Ich? Ich bin dabei mich zu Tode zu saufen, damit das hier ein schnelles Ende hat!” Sowas vertreibt die gute Laune und den Spaß sofort und ich entkomme ihren Fragen nach meinen Plänen rasch, weil ich nämlich keine Pläne hatte, nie welche machen wollte und schon gar nicht in diesem System von Eierköppen mithampeln wollte. Gleichgültigkeit war meine Devise und befreite mich von jeglicher Verpflichtung. Ich hatte keine Pflicht…

Eines Abends in der Disco lernte ich, wie es der Teufel wollte, mal wieder eine Frau kennen, die mich auf irgendeinem Konzert mal auf der Bühne gesehen hatte und mein Bass-Spiel gaaaanz toll fand. Ihr Name war Gunda. Schon ihr Äußeres verriet sie und sie hielt sich wahrscheinlich für die künstlerische Entdeckung des Jahrhunderts. Um den Kopf hatte sie immer ein Tuch gewickelt, so dass man nie ihre zerzausten Haare sehen konnte. Meist trug sie buntfarbene Hemden, Männerhemden mit langen Ärmeln und diese Leggings dazu, die in den 80ern so modern waren. Der Kragen der Männerhemden war immer hochgeklappt und verlieh ihr einen altmajestätischen Charakter, den sie nicht besaß. Sie war eine verlorene Kuh auf der Suche nach dem richtigen Kerl, mehr nicht.
“Du bist doch Max, oder? Spielst du nicht in dieser verrückten Band, die immer so Krach macht auf der Bühne, so mit komischen Instrumenten und seltsamen Stimmen?”
“Hnn…!” machte ich und trank mein zwölftes Bier.
Wir standen abseits des Lärms an einer Theke, wo es auch etwas zu futtern gab und sie bestellte sich Pommes. Zum Glück mußte sie nicht so brüllen wegen des Mucke, weil die Theke im hinteren Bereich der Disco lag. Das hätte mir auch noch gefehlt: eine verrückte Tussi, die mir ins Ohr keifte und nicht aufhören konnte von ihren idiotischen Kunstideen zu brabbeln.
“Hast du Lust woanders hin zugehen, vielleicht in die Jazzpinte? Hier ist es so ungemütlich.” Sie steckte eine Pommes nach der anderen in ihren kleinen Mund und grinste hinter ihren grünen Augen.
“Hnn…!” machte ich wieder und trank mein Glas leer. Ich war schon reichlich abgefüllt und torkelte hinter ihr her wie ein Hahn auf zwei Beinen. MeinGehänge schlabberte und ich dachte bei mir, egal, Hauptsache was für´s Bett…

Draußen stakste sie zu ihrem Auto und chauffierte mich zu dieser Kneipe, wo ständig Miles Davis lief oder irgendein anderer schlaffer Trompeter, die ich nicht mehr hören konnte. Nur besoffen konnte man sowas ertragen. Mein Fahrrad schloß ich ordentlich an einen Zaun an und hoffte am nächsten Tag von der “Dame” zurück gebracht zu werden.
“Was trinkst du?” fragte ich. Wir hatten einen Tisch in Beschlag genommen, sie saß immer noch grinsend mir gegenüber, als ich mich erhob und zum Tresen wollte.
“Ich nehm´auch ein Bier!” sagte sie und warf den Kopf hin und her, als hätte sie epileptische Anfälle.
Ich besorgte zwei grpße Bier und fletzte mich neben sie. Dann schauute ich genauer hin. Ihre Brüste waren klein, nur zwei Erhebungen, da wo sie sein sollten. Egal. Ihre Beine waren lang und spindeldürr. Egal. Ihre grünen Augen sahen mich mit diesem verblödeten Blick an. Egal. Sie roch nach Parfum, irgendwas Rosiges oder so. In meinem Zustand konnte ich das nicht mehr identifizieren. Egal.
Und dann kam natürlich die typische Frage in einer typischen Situation:
“Und? Was machst du sonst noch so?” Sie sabberte nur an ihrem Bierglas, anstatt einen ordentlilchen Schluck zu nehmen.
Ich stöhnte und druckste herum und sagte schließlich: “Eben haben sie mich auf die Kunsthochschule gelassen. Ich mache Kunst!”
“Oooohhh…” schrie sie. Sie war ganz entzückt. “Ich male auch! Ich will auch zur Kunsthochschule. Was malst du denn?”
“Keine Ahnung. Eben so Bilder. Fratzen. Häßliche Menschen. Abegrissene Glieder und so was!”
“Also expressiv!”
“Hnnn..” machte ich. Mein Bierglas war bereits leer und ich besorgte mir rasch ein neues; diese Situation würde ich nur vollkommen betrunken ertragen.

126_ Abgeschleppt!

Gunda legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel, der leicht zuckte, weil er derartige Berührungen nicht mehr gewohnt war und eigentlich auch nicht akzeptierte, aber in dieser Lage und in meinem halbbesoffenen Zustand, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihre Hand zu tolerieren.

“Ich bin eben dabei auf Großleinwand umzusteigen,” plapperte sie drauf los, “aber an Öl traue mich noch nicht ran. Wie malst du denn? Benutzt du Ölfarben oder Acryl? Hast du schon Airbrush probiert? Ich habe letztzens bei einem Freund eine Spritzpistole in der Hand gehabt, ehrlich, da kann man ja tolle Effekte mit machen. Oder malst du Aquarelle? Ich halte nicht soviel von diesen Wasserfarben, alles so schwammig und…”
“Ist die Königsklasse!” laberte ich zwischen ihrem Gesabbel.
“Wie? Wasserfarben?”
“Nee, Aquarell. Wird einfach von allen Künstlern völlig mißachtet und unterschätzt. Turner zum Beispiel, das sind Werke…Wasserfarben?… ich hol´mir noch ´n Bier!”
“Ist gut!” sagte sie und schaute stumpf in der Kneipe umher, wahrscheinlich auf der Suche nach dem passenden Kerl, denn ich konnte es ja nun wirklich nicht sein. Wollte ich auch nicht.
Als ich mit einem vollem Glas am Tisch stand, quasselte sie sofort wieder drauf los und am liebsten wäre ich da abgehauen, aber da ich lange nicht mehr einen Frauenkörper in den Handen gehalten hatte, mußte ich da durch.
” Also Aquarelle sind die Königsklasse?” fragte sie und schaute mich interessiert nach meiner Meinung an.
“Hnn…!” machte ich nur. Das würde anstrengend werden. War es bereits.
“Dabei ist es doch so leicht ein wenig die Farben zu mischen und damit zu malen. Ich meine, so mit wasserlöslichen Farben läßt sich ruckruck ein Himmel und eine Wiese zaubern, da sehen doch alle Bilder gleich toll aus oder eben nicht.”
“Na, dann mal´doch mal so einen Turnerhimmel!”
“Was soll das denn sein? Turnerhimmel? Habe ich noch nie gehört. Ist das irgendeine bestimmte Variante des aquarellen?”
“Aquarellieren!”
“Meinetwegen. Was ist denn das nun?”

Sie schlabberte weiter an ihrem ersten Bier herum und fuhr mit ihrer Hand meinen Oberschenkel ab; zum Knie und dann wieder hinauf bis kurz zu meinem Willy, hinab, hinauf…
“William Turner!” stotterte ich, ” ein Könner, was Aquarelle angeht. Der hat so Ansichten von England gemalt, einzigartige Himmel, tolle Farben, blendende Technik hat der drauf gehabt.”
“Naja, ich versuche es mit Acrylfarben, die…”
Ich mußte sie nun unterbrechen. Es gibt nichts Dämlicheres, als als Künstler auch noch jeden Tag über diese ganze Scheiße von Kunst und Malen und so zu lamentieren. Es ödete mich total an.
“Ist gut!” unterbrach ich sie, ” aber ich habe keine Lust über diese Scheiße zu reden. Weißt du, ich mache da ein paar Bilder, weil ich nicht weiß, was ich sonst so machen sollte, aber mehr auch nicht. Ja?”
Gunda nahm ihre Hand von meinem Schenkel und glotzte in der Gegend herum. Es tat mir nicht leid. Mir war es egal. Ich wollte nichts von ihr, außer eine Nacht vielleicht. Warum sollte ich ihr irgendein Scheißspiel vorspielen? Dazu war ich zu voll und überhaupt zu gelangweilt von der Malerei. Und von ihr.

“Wollen wir los?” fragte sie dann und stand schon fast auf ihren spindeldürren Beinen.
“Hnn…!” machte ich und trank den Rest Bier aus. “Wohin denn?” fragte ich.
“Wir fahren zu mir!”
“Hnn…!”

Ich war schon so voll, dass ich irgendwann auf der Fahrt zu Gunda totale Aussetzer bekam, Mattscheibe also. Mein Kopf sackte mir auf die Brust und mir würde schwindelig; der Magen drehte sich um und die Kotze bahnte sich ihren Weg zur einzigen Öffnung ins Freie. Aber ich ließ es nicht so weit kommen und sabbelte Gunda an, ob sie denn noch etwas zu trinken hätte. Ich bräuchte noch einen kräftigen Schluck.
“Ich habe noch Wein zuhause, wenn du magst!”
Hnn..!”
Als wir in ihrer Hütte waren, fiel ich zusammen, plumpste auf ihr Bett und wollte nichts mehr sehen oder hören, aber trinken konnte ich noch. Ich ließ mir ein letztes Glas geben und schlief dann bei ihr ein.
Zuerst war ich nur kurz weg. Dann sah ich plötzlich eine häßliche Fratze vor mir, ich schrie auf und wollte schon aufspringen, als Gunda mich wieder nach unten drückte und mich küßte. Ihr schien meine Fahne nichts auszumachen. Sie schob ihre Zunge in meinen ausgeleiherten Hals und wühlte darin herum. Ich sackte wieder weg, kriegte nichts mit und schlief. Dann spürte ich eine Hand zwischen meinen Beinen und mein Teil richtete sogar auf, außerdem war ich nackt. Wer hatte mich bloß ausgezogen? Gunda saß auf mir drauf und versuchte meinen armen Willy in sich hinein zu bekommen, aber irgendwie wollte der nicht.
Als ich einige Male hoch und wieder runtergeplumpst war, weil ich weg wollte, gab ich dann doch auf und versuchte einzuschlafen, egal, was man mit mir anstellen würde. Aber Gunda war nicht eben zartbesaitet und hantierte grob mit mir herum. Ich schmiß sie von mir runter, griff nach meinen Klamotten und machte, dass ich da raus kam. Gunda… die Künsterlin mit dem Kopftuch starrte entsetzt und blieb stumm.
Draußen bekam ich volle Breitseite und torkelte irgendwie in meine Bude, aber wie, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schlief ich allein in meinem Bett und das war gut so.

127_ Schnee und Eis

Gunda rief ein paar Mal bei mir an und wollte sich treffen, aber ich verspürte kaum Lust auf ihre Gesellschaft, wimmelte sie ab und wenn sie fragte, warum ich denn nie Zeit hätte, sagte ich immer, ich arbeite gerade an einer wichtigen Serie von Bildern für eine Ausstellung, was sie dann ruhig stellte. Natürlich gab es weder eine wichtige Arbeit an einer Serie Bilder noch eine Ausstellung. Wie auch? Meine kranken Bilder wollte man nicht in der Öffentlichkeit sehen. Ich hatte einmal den Fehler gemacht, ein weißes Plakat zu einer Ausstellung mit auf zu hängen, worauf sich die Betrachter meiner Bilder verewigen sollten, Meinungen äußern oder nur ein Autogramm hinterlassen. Einige empfahlen mir psychologische Betreuung und gar therapeutische Unterstützung. Soviel also zu meinen Bildern und Ausstellungen.
Ich brauchte einen Job. Ich lebte von ein bißchen Brot, Kaffee und Käse in der Woche und verprasste ansonsten mein Geld für Alkohol. Der BAfög-Antrag war noch nicht durch und ich mußte Miete zahlen. Auch wenn ich ein totaler Hänger war, aber unter Brücken wollte ich noch nicht schlafen; in kalten Nächten fror ich wie ein Nacktmolch. Also suchte ich nach Stellen in der Zeitung. Außer Handlangerjobs war da mal wieder nichts zu machen. Ständig suchte die Müllabfuhr Aushilfsfahrer, dazu brauchte ich aber den Führerschein Klasse 2, hatte ich aber nicht. Putzen konnte man überall, in Versicherungsgebäuden, Banken und Büros, meist am Abend wenn die wirklich hart arbeitende Gesellschaft ihre Füße hoch legte und vor der Glotze saß. Aber diese Jobs bekamen immer die Frauen, die gründlichen! Dann erblickte ich ein Angebot, was mir irgendwie ganz stimmig für mich vor kam: Es wurden Kräfte für den Winterstreudienst gesucht. Man brauchte nur telefonisch erreichbar sein, würde bei Notdiensten angerufen und heraus beordert. Ich rief gleich an und hatte eine häßlich-knurrige Stimme am Apparat:
“Jaja, wir suchen noch Aushilfskräfte. Aber momentan ist ja draußen alles ruhig, da gibt es noch nichts zu tun. Haste Telefon?”
Großer Gott? Womit rief ich denn an? Ein hirntoter Malocher der ersten Kathegorie, Marke Weißvonnichts!
“Na, sicher!” antwortete ich.
“Also laß´ mal deine Adresse und die Telefonnummer hier und wenn was los ist, rufen wir dich an!”

Ich gab ihm Adresse und Nummer und wartete weiter auf irgendeine Eingebung, was ich mit meinem verlotterten Leben anfangen sollte. Wenn gar nichts mehr ging, fuhr ich in die Kneipen und besah mir die jämmerlichen Gestalten meiner Generation an; wie sie diskutierten, lamentierten über die Zukunft des Planeten, über die Politiker und über ihre eigenen Karrieren. Zum Kotzen! Ich trank einiges und fuhr meist rasch wieder heim, kramte meinen Viersaiter hervor und machte Fingertraining, legte mir dazu irgendeine Mucke auf und dudelte alles nach,was da so raus kam.
Irgendwann im Dezember kam dann mitten in der Nacht, es war drei Uhr, ein Anruf:
“Es schneit wie irre. Wir ziehen jetzt aus. Kannst du kommen?”
“Sicher!” sagte ich verpennt, zog mich an und radelte zum Stadthof. Dort standen sie dann herum, die Trunkenbolde und Handlanger, die Großkotzer und Aufseher.
Max!” schrie irgendein Kerl mit zernarbter Fresse, ” ´ rauf auf den Wagen und nimm´ dir Handschuhe mit!”
Ich sollte auf einen Lastwagen klettern, der komplett mit Streusand beladen war. Von dort oben sollte ich während der Fahrt mit den Händen Sand auf die vereisten Gehwege werfen, aber ordentlich mit Schwung. Der vernarbte Kerl gab mir dann noch eine Einweisung im Sandwerfen. Man nahm den Sand locker in die Hand und warf in auf den Weg wie einen flachen Kieselstein, den man übers Wasser flutschte.
“Siehst du?” fragte er, ” du mußt den Sand gleichmäßig streuen, nicht in Klumpen, sonst gibt es da so Stellen, die nicht abgestreut sind!”
“Hnn..!” machte ich und versuchte es.
Soweit waren wir gekommen! Einweisung im Sandwerfen. Es war geradezu lächerlich, aber mir war es egal, worauf die Menschen ihr Augenmerk richteten oder mit was sie sich beschäftigten; ich für meinen Teil brauchte nur die Kohle, ihren Blödsinn konnten sie für sich behalten; und wenn sie wollten, dass ich korrektes Sandwerfen erlernen soll, na, dann, bitte!

Dann fuhr der Wagen ab und ich stand bibbernd auf der Ladefläche. Es gab bestimmte Bereiche, wo wir streuen sollten und als wir an unserem Bereich angekommen waren, brüllte der Fahrer aus dem Fenster, ich solle mal werfen, streuen, schmeißen, was auch immer. Der Wagen fuhr im Schritttempo und ich schmiss die Fuhren Sand wie ein Irrer auf die Eisflächen, damit die Menschlein am Morgen auf dem Weg zur Arbeit nicht hinfielen. Zwischendurch lachte ich mich in meiner Situation immer wieder kaputt und sprach zu mir selbst:
“Was machst du hier bloß? Was machst du hier?”
Dann wurde ich ins Führerhaus des Lastwagens beordert, wärmte mich in der Kabine und schaute zu, wie der Fahrer mit dieser riesigen Schaufel an der Frontseite des LKWs die Massen an Schnee beseitigte. Das alles ging relativ schnell, eigentlich zu schnell und wir fuhren nach etwa einer Stunde schon wieder auf den Betriebshof, luden erneut Streusand auf, zusammen mit einigen Säcken Salz und fuhren gleich wieder zu unserem Bereich hin.
“Wie kommt denn so ein junger Bursche wie du zu einem solch beschissenen Job?” wollte der Fahrer wissen.
“Keine Ahnung!” sagte ich, ” ich brauche eben Kohle, da kann man sich nicht aussuchen, was man machen will!”
“Aber es gibt doch wohl bessere Jobs, als diesen hier?”
“Mag sein! Aber Putzen wollte ich nicht. Oder Zeitungen verkaufen, so in einer Drückerkolonne rumlaufen, mach´ich nich´!”
“Haste denn keine Ausbildung?”
“Ich hab´Maschinenschlosser gelernt, sogar zwei Jahre als Geselle malocht, im Drei-Schicht-Betrieb!”
“Mensch, da hättste mal bleiben sollen! Da gab es doch bestimmt ordentlich Geld, oder nicht?”
“Alles! Prämien! Nachtschichtzulagen! Sonn- und Feiertagszulagen! Urlaubsgeld! Weihnachtsgeld! Dreizehntes Monatsgehalt! Kleidung wurde gestellt! Schuhe mit Stahlkappen! Eigener Werkzeugwagen…!”
“Is´gut! Und warum schmeißt man so was hin?”
“Weil man vielleicht keine Zeit mehr hat das Geld auszugeben! Oder mit knapp zwanzig Jahren noch irgendwie was anderes machen will, als nur malochen!”

Ich mußte wieder nach hinten auf die Ladefläche. Im Vergleich zu meinen Gesellenjahren war das hier ein Klacks. Keine Verantwortung. Nur Sand werfen. Und vor allem war ich um neun Uhr morgens wieder im Bett. Ich duschte und ging dann erstmal wieder schlafen. Ab da an schaute ich dauernd aus dem Fenster und beobachtete das Wetter, ob es fror oder schneite, irgendwie mußte ich ja Geld verdienen.

128_ Winterdienst

Schon in der darauffolgenden Nacht schellte das Telefon erneut um drei Uhr und ich mußte hoch zu meinem Winterdienst. Diesmal aber fuhr der LKW direkt vor meine Haustür vor und lud mich ein. Wir fuhren zum bekannten Bereich, ich kletterte hinten auf die Ladefläche und schmiss Sand im hohen Bogen auf die gefrorenen Gehwege. Während der LKW im Schritttempo dahinzuckelte, wackelte ich hinten herum und konnte mich kaum einkriegen vor Lachen. Soweit hatte ich es also gebracht, ich doller Künstler von einem Musiker und Maler? Mit Ende Zwanzig stand ich in eisiger Kälte auf einem Lastwagen und feuerte Sandkanonen auf die Flächen, wo ich früher als kleiner Bursche drüber geschlittert bin. Die paar Kröten, die ich dabei verdiente, waren noch lächerlicher und die Uhrzeit, zu der man diesen Job erledigte war keine Diskussion wert. Noch im Moment meines großen Wurfes entschloß ich mich diese Nacht als die letzte Nacht im Winterdienst anzusehen. Die sollten mal wieder anrufen, nächste Nacht oder was weiß ich wann? Ich würde pennen und mich nicht regen. Schluß damit!

Ich war nicht redseelig und haute mich ins Führerhaus, um mich aufzuwärmen. Der Fahrer fuhr zurück zum Betriebshof und ich sprang hinaus und machte, dass ich da weg kam.
“Was ist´n los?” schrie mir der Fahrer hinterher,” wir haben noch mehrere Fahrten vor uns!”
Er stemmte die Hände in die Hüften und stand breitbeinig wie ein Gorilla zwischen Sandhaufen und Salzsäcken, völlig verdutzt und blöde. Mit sowas rechnen die Leute ja nie, dass einer seinen Job hinschmeißt, dass einer seiner Verantwortung nicht nachkommt, dass einer einfach abhaut und den Laden “im Stich” läßt, weil man das einfach nicht macht. Ich allerdings schon. Ich lächelte dem Fahrer aus einiger Entfernung zu und winkte ihm zum Abschied, denn wir würden uns sicherlich niemals mehr wiedersehen.

Die kalte Jahreszeit hat einen Vorteil: die meisten Menschen hocken zu hause rum, die Straßen sind relativ leer, weil niemand seinem Auto eine Beule oder Kratzer bei diesem Scheißwetter zumuten will und es herrscht Ruhe im Land. Keiner rennt mit wehenden Fahnen umher und verbreitet seine Parolen. Alles sitzt stumm und still und wartet auf den Sommer, damit man wieder hinaus gehen und andere auf die Nerven kann, wie auch immer.
Ich genoß die Ruhe überall. Wenn dann noch Schnee fiel und diese ganze graue Kacke von Stadt unter einen sauberen Teppich aus Weiß legte, ist es noch harmonischer, fast könnte man sentimental werden, was allerdings bei mir eher nicht der Fall war. Die kalte Jahreszeit hat natürlich auch einen Nachteil, man ist, mehr als sonst noch, mit sich selbst beschäftigt und kommt auf die urigsten Gedanken. Ich für meinen Teil war nun endlich soweit die Hände zu erheben und in die eisige Nacht hinaus zu brüllen:
“OKAY, ARSCHLOCH, ICH GEBE AUF!!!”
Wen immer ich damit auch meinte; ich beschloß allem ein erneutes Ende zu setzen. War doch besser ich trete jetzt gleich ab, als mir diesen Unsinn noch länger an zu tun. Ich würde es mit meinem Ehrgeiz sowieso nicht weit bringen, die Einschüchterung der studierenden Zunft hatte ausgereicht vor den Toren der Kunsthalle umzukehren und mit hängendem Kopf davon zu laufen. Die Jobs waren alle samt eine Zumutung, eine Drangsal, eine Sklaverei sondergleichen, darauf konnte man verzichten. Frauen? Frauen interessierten mich nicht mehr. Manchmal wünschte ich, ich wäre schwul geworden, um mich mit Menschen abzugeben, die mich verstanden, aber wenn ich an diese kleinen, knackigen Hintern dachte, an die groben Hände und an dicke Pimmel, rührte sich nichts bei mir. Und die Musik? Die Musik hatte mich durch die Jahre geschleust wie ein alter Dampfer, hatte mich träumen lassen, hatte mich kreativ werden lassen, hatte mir aber auch gezeigt, dass Talent allein nicht ausreicht, um ein großer Rockstar zu werden. In meiner kleinen Popelstadt war ich bekannt wie ein bunter Hund; jeder wußte, dass ich begnadet den Bass spielte, aber die Leute in Tokyo scherte das nicht die Bohne. Es war aussichtslos damit gesellschaftlich anerkannt zu sein, es sei denn man schlug die typische Laufbahn der verkrachten Musiker ein, wurde entweder Lehrer oder Toningenieur, beides fand ich zum Kotzen.
Ich überlegte mir verschiedene Methoden meiner Abtretung; zuerst dachte ich an Tabletten, die waren leicht zu bekommen und man würde nichts spüren, schliefe einfach ein und zog dann hinauf in diesen Tunnel hin zum weißen Licht. Aber mein damaliger Versuch scheiterte ja schon, weil ich Dinge getan hatte, ohne zu wissen, dass ich sie tat. Ich war einfach losmarschiert, geistig betäubt und ohne bewußtes Tun war ich hinaus gegangen und man hatte mich gefunden, sowas mußte nun vermieden werden. Ich wollte eine sichere Methode, zack und weg! Wenn ich mir eine Waffe kaufen würde, Kontakte zu den Dealern hatte ich noch, es würde sicher irgendeiner eine Knarre besorgen können, Robert mit Sicherheit, der konnte alles besorgen. Aber auch noch viel Geld ausgeben, was ich gar nicht hatte, ging nicht. Ich hätte mich vor einen fahrenden Zug schmeißen können, scheute aber die Schmerzen, die ich mit Sicherheit dabei empfinden würde; obwohl? Es heißt ja, man ist schon wenige Sekunden vor dem eigentlichen Zusammenprall tot, durch den hohen Adrenalingehalt, der ausgeschüttet wird, die Seele macht sich schleunigst aus dem Staub, weil sie schon vorher weiß, was gleich kommt!
Oder von einer Brücke springen? Aber bei meiner Höhenangst wäre ich sicher noch nicht mal auf die andere Seite des Geländers gelangt. Also was tun? Dass ich keine Lust mehr hatte war klar, nur mußte ein Weg gefunden werden, dies Schauspiel endlich zu beenden.

129_ Es soll nicht sein!

Ich entschied mich für die leichteste Variante, wie schon damals besorgte ich etliche Packungen Schlaftabletten und stopfte sie mit Wodka in mich hinein. Dann wartete ich. Ich wartete auf den Sensenmann und seine Seelensammeltüte, in die ich hinein schlüpfen wollte und niemals wieder heraus kommen. Aber irgendetwas wollte nicht so wie ich es wollte. Meinetwegen die Seele, meine Seele, was immer das sein sollte. Ich hatte keine Ahnung von meiner Seele. Was war das? Ein Ding in mir? Ein Eindringling? Etwas, das in mir hauste, ohne mein Wissen, ohne meine Erlaubnis? Ich robbte durch meine Bude und verspürte nur einen elenden Durst. Als ich in der Küche angekommen war, zehrte ich mich am Spülbecken hoch und versuchte den Wasserhahn aufzudrehen, der war allerdings meilenweit entfernt, wie plötzlich ALLES meilenweit entfernt war. Zuerst ließ ich mich einfach auf den Boden zurück plumpsen und blieb für einige Stunden so liegen. Nichts geschah, jedenfalls nichts, was mir bewußt geblieben wäre. Nichts, gar nichts spürte ich. Ich schwebte durch ein tiefes Schwarz irgendeiner anderen Welt entgegen und war tatsächlich verschwunden aus der Realität. Ich hatte es geschafft innerhalb küzester Zeit diesem ganzen Spuk von Leben ein Ende zu setzen. Das Ding, die Seele in mir war besiegt, hatte sich ergeben und flog nun irgendwo in den Sphären auf einem Lichtschimmel durch die Nacht.

Am nächsten Morgen erwachte ich. Ich lag zusammen gekrümmt auf dem Küchenfußboden und hatte einen Wahnsinnsschädel. Jeder Atemzug hämmerte an meiner Kopfplatte, jede Bewegung riss mir die Eingeweide heraus, so dass ich für weitere Stunden einfach dort liegen blieb und erneut einschlief. Ich fragte mich nicht, warum ich wieder erwacht war, ich fragte mich gar nichts, weil ich nicht fragen konnte, ich war im Zwischenreich, Leben und Tod. Am Abend dann schaute ich durch meine Augenschlitze in die Dämmerung. Noch immer konnte ich meine Gliedmaßen nicht bewegen, noch immer lag ich wie gelähmt, aber doch wieder bewußt, auf dem Fußboden, wartend, immer wartend, dass ich das Ende endlich erreichen würde. Dass nun bald Schluß war mit diesem Zauber. Aber es funktionierte nicht. Nicht mal mich selbst umbringen konnte ich! Ein fahrender Zug wäre hilfreicher gewesen, aber meine Angst davor war zu groß. Von einer Brücke in die Tiefe zu springen wäre noch effektiver gewesen, aber ich hatte Höhenangst. Wollte ich denn überhaupt Schluß machen? Sicher, nur mußte es eine Methode sein, die mir möglichst wenig Schmerzen zufügte, also spürbare Schmerzen.
Ich schlief Stunden, fast zwei Tage und am dritten Tag mußte ich einsehen, dass es keine Chance der Flucht gab. Ich war gefangen und mußte lernen zu akzeptieren; akzeptieren, dass ich nun mal hier, auf der Erde bin, dass ich, egal wie, mich anpassen muß, dass es keinen Ausweg gibt, außer eine endgültige Methode, die ich nicht fand oder die mich ängstigte.

Noch immer benommen fuhr ich in die Kneipe und betrank mich, vielleicht gab es noch die Möglichkeit einer Alkoholvergiftung, aber immer wenn ich trank, mußte ich ständig pissen und beförderte den Alkohol schon selbst wieder hinaus aus meinem drangsalierten Körper. Es war wie ein Fluch. Nichts konnte mich erretten! Also besuchte ich einen Arzt, schilderte dem meine Probleme und verlangte eine Einweisung, irgendwohin, wo man Idioten wie mich behandeln konnte, eine Irrenanstalt, die Klapse eben.
“Ich finde es gut, dass sie das selbst ansprechen!” meinte der Arzt in seinem hellsichtigen weißen Kittel und legte mir seine kalte Hand auf die Schulter.
“Hää?” machte ich.
“Dass sie selbst für einige Zeit heraus wollen, meine ich. Es gibt da gute Kliniken, die ich ihnen empfehlen kann. Beispielsweise im Harz, da hätten sie ein eigenes Appartment, würden Gespräche führen und Anwendungen machen.”
“Ach so!” antwortete ich.
“Also ihrem Körper geht es gut, trotz ihrer Eskapaden hat er nichts abbekommen. Herz okay, Nieren okay. Ich werde noch Blut abnehmen und dann schreibe ich ihnen eine Überweisung zu einem Psychiater, ja?”
“Ist gut!” meinte ich resigniert.

Mit der Überweisung zu einem Seelenklempner in der Hand marschierte ich nach draußen, stand in der Eiseskälte und ließ den Kopf hängen. Ich fragte mich, wieso nur mein Körper diesen ganzen Scheiß von Gift ertragen hatte? Wieso war es nicht möglich ihn sämtlicher Funktionen zu berauben und ihn nieder zu ringen? Was sollte ich hier noch auf diesem Erdenrund? Wieso hielt man mich hier gefangen?
Ich trabte zum Bus und fuhr nach hause. Wahrscheinlich brauchte ich als nächstes wieder einen Job, keine Ahnung, ob die Krankenkasse einen Idioten wie mich unterstützen und in die Heilanstalt einliefern würde. Wahrscheinlich mußte ich das noch aus eigener Tasche zahlen. Nur war nichts in meinen Taschen. Weder in meinen Taschen noch in meinem Kopf war irgendetwas; nur hohles Geblubber, ach, nicht mal das, nur ein Vakuum!

130_ gesellschaftsfähig werden!
Nach einigen Sitzungen, die ich hier nicht weiter ausführen will, bei einem Psychiater entschied dieser mit mir zusammen, dass es vorläufig das Beste für mich wäre, man schließe mich erstmal ein, um der Gefahr einer Wiederholungstat vorzubeugen; ich sollte in eine Neurologische Klinik oder Anstalt verfrachtet werden, was ich begrüßte. Naja, ich war dann weg von allem, kein öder Job, keine Verpflichtungen, keine Saufgelage, keine Glotze mit hunderten von Programmen, keine Menschen, obwohl, da täuschte ich mich dann doch. Ich nahm ja an, ich bekäme ein komfortables Appartment mit allem drum und dran, aber so war es nicht. Ich greife aber vor!
Zuerst mal mußte ich meinen Eltern klarmachen, dass sie einen Verrückten gezeugt hatten, der jetzt in die Klapse geht und gesellschaftsfähig gemacht wird. So kann man den ja nicht auf die Straße schicken; der stellt nur Unsinn an und hat keinerlei Ziele oder Wünsche oder Vorhaben, der vegetiert nur vor sich hin, ein Penner, ein Taugenichts. Ich machte das per Telefon, weil ich keine Lust auf die Litanei meines alten Herrn hatte, der wußte sowieso alles besser, konnte mir wahrscheinlich gleich sagen, was mein Problem war: “diese langhaarigen Bombenleger haben dich versaut, die mit ihrem Gequatsche, die sollen arbeiten gehen, anstatt alles in die Luft zu jagen.” Oder so ähnlich!
Meine Mutter war ziemlich entsetzt, heulte und jammerte und fragte sich nicht, was der Junge denn hat, sondern nur, was die Leute sagen würden.
“Mama!” sagte ich, ” niemand wird irgendwas erfahren. Und wenn schon. So ist es nun mal. Ich muß jetzt weg hier. Raus. Habe keine Lust mehr auf diesen Blödsinn.”
“Was ist nur mit dir los?” wollte sie wissen, aber ich wußte darauf keine Antwort.
Mein Alter sagte wie immer nichts dazu, sondern ergab sich in die Situation, würde mich auch fahren, wenn nötig, aber ich sollte doch mal überdenken, wie das mit meinem Freundeskreis so ist. Die sind doch auch alle verrückt!

Ich bezog BAfög, die Wohnung sollte weiter gezahlt werden; die Krankenkasse übernahm sämtliche Kosten und das war es dann auch schon. Ich packte meine Gitarre ein, ein paar Stifte, Blöcke und Bücher, Klamotten und dann ging es los, ab in die Irrenanstalt.

131_ Die Plath´sche Glocke! 1
Ich wurde gefahren, von meinem Vater, der die ganze Tour über kein Wort sagte, er schaltete den Radiosender auf NDR 1 ein, lauschte der Schlagermusik, pfiff manchmal bei Roger Whittacker mit und paffte ansonsten seine Kippen, die er dann aus dem Fenster schnippte.
Meine Mutter saß hinten und konnte sich kaum einkriegen vor Aufregung. Sie fragte dauernd, warum ich denn nun dahin wollte, was denn mit mir los sei und ob das vielleicht doch an Mara liegen könne, dass ich so lebensmüde war? Ich gab ihr keine Antwort. Warum auch? Sie hätte nichts von dem verstanden, was ich ihr gesagt hätte. Sie war dermaßen angepasst an das Leben da draußen, da kamen nie Fragen auf, ob es nicht anderen Möglichkeiten der Existenz gäbe. Alles war schon immer so gewesen und wir hatten uns dem zu fügen. Auch wenn sie mich auf die Schulter tippte und immer wieder sagte: “Max! Nun sag´doch mal was!” , blieb ich stumm. Ich verkrümelte mich ganz heimlich in mich hinein und ließ alle und alles fahren, ließ los und ergab mich in diese neue Situation, wo ich mir doch sowas wie Hilfe versprach. Oder vielleicht Ansätze einer neuen Lebensaufgabe, einer Berufung, einer Bestimmung oder einfach nur einige Antworten auf seltsame Fragen.

Von außen sah das Ding, diese Anstalt, eigentlich aus wie ein stinknormales Krankenhaus. Wir gingen vom Parkplatz zum Eingang hin, das typische Drehteil mit übergroßen Fenstern erwartete mich dort. Innen eine Rezeption, ein Empfang, wie immer man das nennen will, wo eine weißbekittelte fette Frau ihre schwabbeligen Unterarme auf etlichen Papiere stützte und mich angrinste.
“Nun?” fragte sie peipsig,” wen haben wir denn da?”
“Max Niehus!” antwortete ich brav, ohne auf die dämliche Redensart der Frau einzugehen.
“Max Niehus!” plapperte sie mir nach, ” ach, ja, heute um 13:00 Uhr Vorstellung. Warten sie bitte einen Moment, gleich wird jemand kommen und sie hier abholen, ja?”
Ich blickte mich um, sah meine Eltern und meinte, sie müßten nicht warten, könnten sich gleich auf den Rückweg machen, schließlich hätte man ja noch was anderes zu tun, als ewig in der Gegend rumzukutschieren. Mein Vater machte sofort auf dem Absatz Kehrt, meine Mutter schlang ihr Arme um mich und küßte mich auf die Wange.
“Mach´s gut, mein Junge!” heulte sie wieder.
Ich winkte noch nach draußen, griff dann meinen Koffer und fletzte mich auf eine Bank in der Warteecke.
Ein hübsche junge Frau wackelte auf mich zu und lächelte. Sie muß so etwa mein Alter gehabt haben, stramme Waden, die unter ihrem Kittel hervorlugten, rote Bäckchen von der Arbeit, üppiger Busen und blondes Haar. Ich liebe blondes Haar… seit damals, als ich Rosa kennenlernte. Jede Frau mit blondem Haar kann mir den Verstand verdrehen. Aber naja, der war ja nun schon zur Genüge verdreht und das Mädel vor mir hatte wohl ganz andere Absichten, als mich noch irrer zu machen, als ich schon war.
” Max Niehus?” fragte sie und lächelte weiter in meine Augen.
” Ja!” sagte ich und stand schon militärisch vor ihr, griff nach unten zum Koffer und marschierte ihr hinterher.
“Ich zeige ihnen zunächst mal die Station hier, damit sie sich zurecht finden. Die erste Woche werden sie in einem Mehrbettzimmer liegen, das dient der Vorsorge. Die Ärzte hier werden einige Untersuchungen machen und dazu müssen sie sehr oft durch die einzelnen Zimmer.”
Wir befanden uns im Parterre. Nach links führte ein Gang zu den Einzelappartments, nach rechts, wo ich dem Mädel folgte, führte ein Gang zu etlichen Zimmertüren. Als erstes kamen wir zum Zimmer der Stationsschwestern. Ich schaute kurz hinein, sah drei Fratzen, grüßte und machte, dass ich mit dem Schritt des Kindchens da vorne mithielt. Sie hatte einen ziemlichen Zahn drauf.
Rechts des Ganges kamen nun die Mehrbettzimmer, auch dort schaute ich hinein. Die Betten waren zumeist leer. Dann folgte wieder rechts die Küche, wo der Fraß gekocht wurde, ob ich davon was essen konnte, war fraglich.
Links stand dann eine Tür offen und das Mädel meinte, dies sei der Aufenthaltsraum. Auch da blickte ich hinein, sah eigenartige Gesichter, die mich aber nicht ansahen und schaute dann wieder auf den Hintern der Dame vor mir.
Schließlich blieb sie vor einer Tür rechts stehen, sagte, hier solle ich mich einquartieren, es gäbe noch einen weiteren Bettgenossen, den ich heute wohl kennen lernen würde.
“Danke!” sagte ich etwas irritiert und gehemmt. Dann packte ich meine Klamotten aus, setzte mich auf ein Bett und starrte auf den Fußboden. Ob das so das Richtige hier war?

132_ Die Plath´sche Glocke! 2

Ich hatte wenig Gepäck, einen kleinen Koffer, den ich öffnete und meine paar Habseligkeiten in einen Schrank verstaute. Das Zimmer sah aus wie ein Krankenhauszimmer, zwei Betten nebeneinander, recht davon jeweils ein Schränkchen, darauf eine Lampe. Gegenüber den Betten ein Riesenschrank, links ein großes Fenster mit Blick auf ein Stück Grün, etwas entfernt konnte ich ein Wäldchen sehen, dahinter nur noch Wald; ich war im Harz.
Mein Gitarre, die ich zum Komponieren meiner unerhörten Popsongs benötigte, lehnte ich direkt neben meinem Bett an die Wand. Als diese rührseligen Erledingungen getan waren, hockte ich wieder auf dem Bett und wartete auf Anweisungen oder Befehle, Order oder sonst was. aber nichts geschah, also machte ich mich mit meinen Schlappen auf den Weg zur Erkundung der Umgebung. Ich marschierte straight zum Aufenthaltsraum, glotzte hinein und sah nur leere Gesichter, Augen, die ins Nichts starrten, Blicke, die keine Blicke waren. Im Raum gab es jede Menge Tische und Stühle, hier wurden die Mahlzeiten eingenommen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot, sowas kannte ich nur noch von zu hause: regelmäßige Mahlzeiten! Ein einer Wand rechts von der Tür war eine Reihe Stühle aufgetstellt, auf denen zwei Männer und eine Frau saßen. Ich sagte kurz “Hallo!” und verschwand wieder.
Zuerst mal brauchte ich eine Zigarette, also ging ich den Gang entlang zum Ausgang hin und drehte mich durch die Tür, stand dann im Freien und versuchte die frische Luft zu atmen, die angeblich hier herrschen sollte, fand aber keinen rechten Zugang. Ich hockte mich auf eine Bank und paffte eine nach der anderen. Was hatte mich bloß hierher verfrachtet, dachte ich. Bin ich denn ein Idiot, oder was? Wie konnte ich nur auf eine dermaßen blöde Idee kommen? Hier waren die schweren Fälle, die Hirntoten, die Irren, die Handlanger des Todes, die Versoffenen, die Immermüden, die Wahnsinnigen, die keinen Ausweg mehr wußten, die einfach genug hatten vom Leben als Sklave in einer konsumorientierten Welt. So wie ich einer war. Ich war schon gar richtig da…
Zurück auf meinem Zimmer, kam mir gleich die hübsche Blonde entgegen, sie hieß übrigens Paula; ich sollte ihr folgen, wir gingen zuerst zum Arzt, einem Allgemeinmediziner, der mich untersuchen wollte. An der Tür verabschiedete sie sich und sagte:
“Sobald sie hier fertig sind, können sie in den Aufenthaltsraum, dort gibt es dann Kaffee und Kuchen!”
Ich nickte nur und stand nun vorm Arzt, der mich handschüttelnd begrüßte, mir tief in die Augen sah und wohl feststellen wollte, ob ich unter irgendeinem Einfluß einer Droge stand. Es begann das übliche Spiel, ausziehen, atmen, klopfen, hämmern, reden über Gott und sie Welt, Konversation machen, aber dabei das leidige Thema nicht ansprechen,dafür waren andere Spezialisten, er war Allgemeinmediziner, anziehen, wiegen, messen und dann war es das schon. Ich latschte zu Kaffee und Kuchen.

Im Aufenthaltsraum war jeder Tisch besetzt, zwar nicht alle Stühle, aber ich mußte notgedrungen mit irgendwem zusammenhocken, was ich verabscheute. Vor der Fensterfront war ein Büffett aufgebaut, dort gab es besagten Kuchen, Kaffee oder Tee. Ich blickte mich um und sah noch immer nur diese leeren Blicke überall. an der Wand saß ein Kerl, mein Alter etwa,der stumpf nach unten sah, während ihm der Sabber aus dem Maul floß. Er bewegte sich überhaupt nicht und wenn er nicht ab und an die Augen gekullert hätte, hätte man meinen können, der Typ sei schon über den Jordan.
Ich griff mir Kaffee und setzte mich an einen Tisch.
“Hallo! Ich bin Gerhard!” sagte ein stämmiger Kerl und reichte mir die Pranke.Er stopfte sich den Apfelkuchen fast quer rein.
“Max!” antwortete ich und rauchte wieder eine nach der anderen.
“Ich habe zuviele Rechnungen auf. Gestern erst habe ich meine Kontoauszüge kontrolliert, zu wenig. Aber ich weiß auch nicht,ob ich das alles auftreiben kann. Meine Börse, die Börse, hast du meine Börse gesehen? Scheiße, wenn die weg ist. Weißt du nicht, wo das ganze Geld ist?”
Gerhard stand auf und trabte im Raum herum, dabei griff er sich in alle Taschen seiner Kleidung und faselte nur vom Geld und seiner Börse. Dann kam er zurück zum Tisch und setzte sich wieder, schlürfte seinen Kaffee und war still. Keine Ahnung, was den trieb, aber er nervte immens.
“Ich habe eine Hypothek auf mein Haus afgenommen, mein Kontostand sieht gut aus, aber wenn mein Job und ich, mein Geld reicht einfach nicht, ich zähle immer nach, ob die hier was klauen?”
Wieder stand er auf und latschte durch den Raum, griff sich wieder in sämtliche Taschen und suchte irgendwas.
“Gerd, Mensch!” rief der sabbernde Typ von der Wand her, “du hast gar kein Geld mehr, alles weg, alles ausgegeben, gib´endlich Ruhe!”
Der Sabberfritze grinste über seinen schiefen Mund und erschrak mich doch. Dass der überhaupt sprechen konnte. Als Gerd wieder saß, verfiel der Sabbermann in ein elendes Schaukeln auf seinem Stuhl. Sein Kopf hing ihm dabei zur rechten Seite runter, die Hände lagen wie weiche Würste im Schoß, die Beine eng zusammen gepresst und der Oberkörper ging nun hin und her, hin und her, hin und her.Er hieß Bernd.
Ich machte, dass ich da raus kam und trat sofort ins Freie, an die “frische” Luft, ging einige Schritte und dachte, das hälst du nicht aus hier, Die haben alle die Macke weg!

133_ Die Plath´sche Glocke! 3

Was hatte ich mir bloß dabei gedacht mich zwischen Irren einzuquartieren? Ich meine, ich hatte wie jeder andere auch, einige Problemchen mit dem Alkohol, mit Drogen eher weniger, weil ich tatsächlich ständig beim Kiffen auf einen absoluten Horro-Trip kam, aber ansonsten war ich einigermaßen beieinander. Ich konnte mich artikulieren, hatte sowas wie eine Meinung über die Welt, die Menschheit, Politik, Gesellschaft… allgemeines Wissen war mir inne, aber hier zwischen den Idioten hatten ich doch nichts zu suchen.
Ich spazierte draußen etwas herum und latschte durch den Park, der umzäunt war, aber keine verschlossenen Tore besaß, so dass ich bald in einem Wäldchen landete. Ich schrie mit einem Baum um die Wette, weil der so dermaßen losblaffte, dass ich meinte, es ihm zeigen zu müssen. Ich trat Eicheln und Kastanien und beobachtete ihren Flug ins Nirvana, irgendwohin ins Nichts, ins Dickicht, ins Unterholz, wo das Unbekannte wartete. Nach einigen Schritten und Unmengen von Zigaretten, ging ich zurück in die Klinik. Ob man mich vermisste?
Ich ging auf mein Zimmer und sah als erstes schon wieder Gerhard, der vorm Fenster stand und mit sich selbst sprach. Er faselte nur von Geld und Kosten, von Rechnungen und Sparkassen, Banken und Schecks, Der hatte wirklich nicht mehr alle!
Als ich auf meinem Bett saß kam er schon wieder an und laberte mich zu:
” Ich kann das alles gar nicht bezahlen! Die Rechnungen sind so hoch. Hast du meine Börse gesehen? Du hast doch meine Börse geklaut? Du Arschloch. Du! Woher soll man nur das ganze Geld nehmen? Hast du Geld für mich? Kannst du mir was pumpen? Ich glaube, ich muß zuerst mal meine Frau anrufen, dass sie die Stromrechnung bezahlt. Die hat das wahrschienlich vergessen!”
So ging das die ganze Zeit. Der Kerl war total plemplem und wurde von Existenzängsten und Geldsorgen förmlich aufgefressen, also stand ich auf und ließ ihn allein. Warum man mich nur gerade mit so einem Wahnsinnigen zusammen gesteckt hatte, war mir schleierhaft.
Ich setzte mich in den Aufenthaltsraum und blickte auf Bernd. Er schaukelte noch immer wie eine Glocke hin und her, hin und her.

“Mußt nicht denken, dass ich die Macke weg habe!” sagte er plötzlich, den Blick auf mich gerichtet.
Ich schüttelte nur den Kopf, antworten konnte und wollte ich nicht.
“Die haben mich vollgestopft mit Zeugs, damit ich ruhig bleibe!”
“Aha!” meinte ich, ” sieht aber bald so aus, als hätten sie nicht genug Mittelchen genommen, was?”
“Nee, nee, das ist schon okay; das Wackeln sind die Nebenwirkungen dieser Medikamente.”
“Ich will keine Medikamente, das habe ich denen gleich gesagt. Ich will nur mal reden, irgendwie mit jemanden reden, der vielleicht einige Antworten parat hat!”
“HA!” machte Bernd und stellte sein Läuten kurzzeitig ein, “Antworten? Antworten wirst du hier nicht kriegen. Die machen dich nur wieder tauglich für da draußen. Damit du wieder schön mitmachst und nicht anderen auf der Tasche liegst.”
Ich stand auf, ging zu Bernd hinüber und setzte mich neben ihm. Er trug eine große Brille, einen Ringelpullover, Hose mit Bügelfalte und machte auf mich den Eindruck eines völlig verblödeten Kerls, der allein durch sein Äußeres schon den Kampf mit anderen Alphamännchen verlieren würde. Er hatte was von einer verkrachten Existenz, die Typen, die in der Schule immer lernen und auf dem Pausenhof abseits stehen und Muttis Stullen futtern. Frauen waren für diese Art Männer Außerirdische, unerreichbare Wesen, die etwas in ihnen auslösten, was sie nicht verstanden. Bernd war ein Muttersöhnchen oder sah zumendest so aus.
Er fing wieder an mit seinem Läuten, schwang den Oberkörper heftig hin und her und meinte dann, er sei bereits das dritte Mal hier.
“Ach du Scheiße!” sagte ich und stützte mich mit meinen Ellenbogen auf meine Knie. “Warum denn das?”
“Jetzt habe ich mein Auto mit 180km/h gegen einen Baum gesetzt. Bleifuß, verstehst du? Ich rammte den Wagen volle Pulle dagegen, alles kochte und brodelte, jaulte und funkte; dann stieg ich aus, als sei nichts gewesen.”

“Wie?” fragte ich und sah in sei Gesicht.

“Na, ich bin da raus und hatte nur eine kleine Beule am Kopf. Nichts passiert, gar nichts.”

“Und die anderen Male?”

“Ich habe beim ersten Versuch Tabletten gefressen, Packungen, die ich nicht gezählt hatte, etliche auf alle Fälle; dann bin ich die Treppe runtergefallen und habe den Teppich vollgekotzt, zu hause bei meinen Eltern. Sie haben erst gar nicht geblickt, was los war.”

“Und das zweite Mal?”

“Da bin ich von einer Brücke gesprungen. Direkt in den Fluß.”

“WelchenFluß denn? Ich meine, wo war denn das?”

“In die Oker. Hier in der Nähe, an der Okertalsperre.”

“Aber die ist doch zig Meter hoch.”

“Genau. Aber ich bin da im Wasser rumgepaddelt wie Flipper. Wieder nichts geschehen. Also dachte ich mir, jetzt fährst du dein Auto gegen einen Baum, dann muß es ja klappen und wie du siehst, sitze ich wieder hier. Um nicht völlig den Faden zu verlieren, haben sie mich nun mit Drogen vollgestopft, ich wackele zwar hin und her, aber ich bin klar im Kopp!”

“Aha!” machte ich wieder.

“Und du?” fragte Bernd. er schaukelte heftig seinen Notre Dame Schwung und konnte mich nicht ansehen. Der Sabber lief ihm aus dem Mund und seine Augen waren doch klar.

134_ Die Plath´sche Glocke 4

“Ich?” wiederholte ich Bernds Frage, ” ich habe einige Male Tabletten geschluckt. Das erste Mal landete ich im Krankenhaus, bin irgendwie aus meiner Bude raus und durch die Gegend gelaufen, bis man einen Krankenwagen rief, weil ich auf der Straße lag und Bauchkrämpfe hatte; aber ich habe davon nichts mitgekriegt. Wachte morgens im Bettchen auf, als sei nichts gewesen.”

“Und dann?” fragte Bernd weiter und langsam verlor ich meine anfängliche abfällige Meinung über ihn, die sich nur auf sein Äußeres stützte.

“Ich habe es noch zweimal versucht, immer allein, in der eigenen Wohnung; bin dann wie ein Blödmann auf allen Vieren umher geirrt und knallte immer mit dem Kopf gegen die Wände. Am anderen Morgen wachte ich auf und die Wirkung war fast verflogen; irgendwie bekam ich den Eindruck, etwas verhindere meine Tat… keine Ahnung!”

Wir hockten nebeneinander, zwei verkrachte Existenzen und schwiegen eine Weile. Der Raum füllte sich zusehends und wir beobachteten die Verrückten, wie sie sich ihre Plätze suchten zum abendlichen Essen. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut in Bernds Nähe; endlich gab es Leidensgenossen, die einem nicht erklären wollten, wie man sein Leben besser gestaltete, sondern das waren genauso wie ich Wesen, die keinen Sinn in derartiger Gestaltung fanden.

“Das da drüben ist Roswitha!” meinte Bernd im Flüsterton zu mir und nickte mit dem Kopf zu einer Frau hin, die allein über ihrem Teller saß. Sie heulte wohl.
” Sie ist auch schon das dritte Mal hier wie ich; will gar nicht mehr vor die Tür gehen, hockt nur zu Hause und wird von irgendwelchen Ängsten zerfressen. Ist ganz nett. Aber sie heult ständig.”

“Ach ja?”

“Gerhard kennst du ja; der plappert nur vom Geld, allen hier geht er auf die Nerven, weil er total neben der Spur ist und nicht mehr weiß, wie er das abstellen soll.”

Ich sah mir die Leutchen an, guckte in ihre Gesichter und sah eigentlich nur Chaos und Verwirrung hinter ihren Augen. Alle setzten sich an die Tische und warteten bis das Buffett aufgefahren wurde. Hinten in der Ecke saß ein kleines Männchen in akurater Kleidung und wirkte auf mich wie ein Postbeamter, der sein Besteck und seine Tasse ordentlich auf seinem Platz hin und her schob, als suche er nach der optimalen Position für die Utensilien. Vorm Fenster stand ein jüngeres Mädchen, etwa mein Alter, dürre und mit ausgezehrtem Gesicht. Ihre Augen waren so groß, dass sie kaum ins Gesicht passten. Man hatte den Eindruck, dass sie ihr jeden Moment herausflutschen würden.
An einem Tisch saßen gleich vier Gestalten, die sich wohl schon länger kannten und ihre Mahlzeiten immer gemeinsam einnahmen. Sie redeten unentwegt über ihre Ergebnisse bei den Gesprächen und den Anwendungen hier in der Klinik. Öfters fiel ein Name, Hans oder Heinz oder so; ich vermutete, dass es der Beamte war, der abseits sein Besteck sortierte, weil die vier ständig zu ihm rüber gafften.

“Isst du auch was?” fragte mich Bernd und versuchte aufzustehen, schwankte aber wie ein Mast im Sturm und plumpste zurück auf seinen Stuhl. Er lachte lauthals drauf los und griff sich dann meinen Arm.
“Ich habe keinen Hunger!” meinte ich, ” aber ich setze mich zu dir, okay?”

“Gehen wir zu Roswitha! Die hat Gesellschaft gern und wir lenken sie etwas von ihrem Müll im Kopf ab, ja?”

“Von mir aus!” antwortete ich und schleifte Bernd an meinem Arm durch den Raum. Jeder glotzte mich an und hinter ihren Augen sah ich die immer gleiche Frage: Was will der denn hier? Was will der denn hier? Und was hat der? Was hat der? Wir setzten uns zu Roswitha, die kurz vorm Heulen war und dabei noch futterte. Bernd plumpste wie ein nasser Sack auf einen Stuhl und bat mich, ihm etwas zu essen zu holen, was ich tat. Ich griff einen Teller, legte zwei Scheiben vom Brot drauf, Butter dazu und etwas Aufschnitt.

“Gut so?” fragte ich ihn und hielt ihm den Teller unter die Nase.
“Jaja!” meinte er und mampfte los.

Roswitha heulte jetzt und kaute dabei. Mit der einen Hand steckte sie sich das Brot in den Mund, mit der anderen wischte sie sich den Rotz von der Nase.

“Tut mir leid!” jammerte sie, “es kommt immer einfach so über mich. Ich registriere das schon gar nicht mehr.”

“Jaja!” sagte Bernd, “sie heult ständig, von morgens bis abends, kann gar nicht aufhören zu heulen, ich denke ja, sie wird eines Tages einfach in ihren Tränen wegschwimmen, auf und davon!”

“Hör´auf, Bernd!” sagte Roswitha und schluchzte sich einen ab.

135_ Die Plath´sche Glocke 5

Als ich so neben diesen beiden Menschen saß und sie während des Essens beobachtete, fiel mir auf, wie sie eigentlich fast rüde mit ihren Problemen oder Neurosen oder Ängsten umgingen. Bernd faselte immerzu von Roswithas Heulerei, die allen auf die Nerven ging; oder auch Gerhard, der von niemanden ernst genommen wurde. Bernd selbst machte Späße über seine Karambolage gegen einen Baum; dass er sich tatsächllich töten wollte, stand außer Zweifel, nur keiner hängte das an die große Glocke. Mir kam es vor, als wüßte jeder um die eigene Scheiße und wollte auch nicht, dass da groß drauf rumgeritten wurde. Hier saßen und gafften Menschen herum, die ihre Lebensmüdigkeit öffentlich mit sich herumtrugen und jeder konnte oder sollte sogar seinen Senf dazu abgeben. Es war in den ersten Momenten regelrecht einfach für mich über meine Selbstmordversuche zu reden, weil wir alle im selben Boot saßen.

“Hans hinten,” sprach jetzt Bernd und versuchte sich mit zitternder Hand den Mund zu wischen, “der sitzt immer abseits und hält sich für völlig normal. Er sei fehl am Platze, meint er, wenn wir in der Runde sitzen. Sein Problem ist bestimmt nicht Lebensmüdigkeit oder Unwillen, sondern eher absolute Kontaktarmut.”

“Woher weißt du denn das ?” fragte ich und drehte mich kurz zum Postbeamten um. Ob er nun Postbeamte war oder nicht, war mir gleich, jedenfalls war sein Habitus dem eines Beamten sehr ähnlich.

“Wir haben einmal in der Woche, am Donnerstag “offene Runde”, wo wir zusammen sitzen und jeder versucht über sein Problem mal mit den Insassen hier zu bereden; die Psychiater verlangen das, um sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen, meinen sie, sei das wichtig. Hans redet ständig und macht alle an. Er hält sich in fast allen Belangen für kompetent, verhält sich fast wie ein Doktor. Jedes Mal gibt es Streit und Zank, weil er allen versucht zu erklären, dass er, so wie er lebt, leben will und niemand ihm vorschreiben könnte, wie er leben sollte.”

“Und wie lebt er?” fragte ich und schaute auf das Mädel, das immer noch am Fenster stand.

“Keine Ahnung. Er redet ja nicht darüber. Aber unsere Vermutung geht dahin, dass er wohl noch bei seiner Mutter lebt, unter´m Dach in seiner Mansarde und täglich zehnmal onaniert.”

“Ist doch egal wieviel Male jemand onaniert, oder was?” sagte ich.

“Sicher, sicher, war nur so eine blöde Aussage. Ich meine, er findet sich so unheimlich schlau und redet aber niemals über sich. Allen rät er irgendeinen Scheiß, den keiner von ihm wissen will. Eigentlich weiß keiner hier, was mit ihm ist. Und dass er sich immer ausschließt hier, macht die Sache auch nicht einfacher. Wahrscheinlich ist er derjenige mit der größten Macke, gibt es aber nicht zu… was weiß ich?”

Bernd mochte diesen Typen nicht, das war klar, aber konnte auch nicht genau sagen, warum eigentlich. Ich stand auf und latschte zum Büffett, um mir etwas zu trinken zu holen. Da gab es nur Saft oder Mineralwasser, Alkohol war absolutes Tabu. Also griff ich mir eine große Flasche Mineralwasser und ging an den Tisch zurück.

“Was ist denn mit der da?” fragte ich Bernd und zeigte mit einem Kopfnicken auf das Mädel am Fenster.

“Die? Die muß immer Zug fahren.”

“Wie?” wollte ich weiter wissen.

“Na, die fährt ständig mit dem Zug. Und wenn sie einmal eingestiegen ist, kommt sie nicht wieder raus. Traut sich einfach nicht mehr auszusteigen. Einmal ist sie am Wochenende, als wir jeder nach Hause sollten, ins gewohnte Umfeld, da ist sie von hier bis nach München gefahren, ohne auszusteigen.”

“Das geht doch gar nicht!” behauptete ich.

“`Türlich!” sagte Bernd und Roswitha nickte mit ihm, “sie stieg hier auf dem Bahnhof ein und versteckte sich dann in allen möglichen Abteilen; sobald der Zug anhielt, kriegte sie Panik und verschwand unter einem Sitz oder in einer Kabine oder sonstwo, um nicht aussteigen zu müssen. Sie hatte Glück… oder auch nicht, keine Ahnung, aber der Zug fuhr durch bis nach München; mit einigen Aufenthalten, aber der fuhr tatsächlich durch…”

“Und weiter?”

“Na, in München fand sie die Putzkolonne unter einer Sitzbank hocken und beförderte sie hinaus. Sie schrie wie am Spieß, kratzte und biß und niemand wußte, was mit ihr los war. Man brachte sie unter einigem Kraftwaufwand zur Polizei und diese steckten sie in eine Zelle.”

“Und wie ist sie wieder hierher gekommen?”

“Das wüßten wir auch gern! Roswitha meinte, sie sei vielleicht geflogen, mit dem Hubschrauber oder so!”

“Verrückt!” meinte ich und sah nochmals zum Fenster hin.
Sie war doch hübsch, wie gesagt, nicht älter als ich, Mitte Zwanzig oder so. Ihre Riesenaugen starrten tot auf einen Punkt irgendwo draußen, wo nichts war. Sie stand wie angewurzelt da und bewegte nicht mal ihre Lider, wie eine Statur, eine Steingestalt, eine Tote. Ihr braunes Kleid umfasste sie wie eine enge Stoffhülle und schnürte sie geradezu ein. Ich konnte nicht sehen, ob sie atmete oder beatmet wurde. Ich blickte zurück auf Bernd, der seinen Kopf schief hielt und hinter spitzbübischen Augen zu mir grinste.

“Verrückt!” sagte er sabbernd, ” wie alle hier!”

136_ Die Plath`sche Glocke 6

Die erste Nacht in meiner neuen Unterbringung machte ich kaum ein Auge zu. Gerhard schnarchte wie ein Rüsseltier und blubberte im Traum immer weiter vom Geld, Geld, Geld, Geld, Geld… Geld! Irgendwann allerdings ratzte ich weg und erwachte gegen halb acht Uhr, weil eine dermaßende Hektik um mich herum herrschte, dass ich aufstehen musste.

“Kommen sie raus!” forderte mich die Schwester auf. Ihr Ton war herrisch und ich spürte eine Nervosität an ihr. Ihr üppiger Busen wippte wie ein Wackelpudding bei jeder ihrer Bewegungen. Sie kramte am Bett von Gerhard herum, der nicht zu sehen war; wahrscheinlich war er schon unterwegs zur nächsten Sparkasse, um sich einen Kredit zu besorgen oder er turnte draußen im Freien herum, schrie die Bäume und Büsche an, sie sollten ihre Schulden bei ihm begleichen, damit er von seinen runterkommen würde.
Ich hasste das immer um so eine Uhrzeit aufstehen zu müssen. Wer hatte sich das nur ausgedacht, dass man in aller Frühe hoch musste und seiner Beschäftigung nachgehen sollte? In diesen Krankenhäusern, in Fabriken, in Werkstätten, überall war es das gleiche. Gähnend schlurften die Menschen ihren Tätigkeiten zu und berauschten sich am Kaffee.
Hier gab es um Punkt acht Uhr Frühstück; wie immer auf dem Büffett und wer nicht pünktlich war, musste eben bis zum Mittagessen hungern. Idiotisch. Also zog ich mich an, nachdem die Schwester verschwunden war, putzte mir die Zähne und latschte hinaus auf den Gang, wo mir ein herrlicher Kaffeegeruch in die Nase strömte.
Aber es war kaum zu ertragen hier auf den Gängen. Die Schwestern wuselten wie bekloppt mit ihren wehenden Kitteln durch das Haus und plapperten in einer Tour. Ich verstand allerdings kein Wort, weil ich kein Wort verstehen wollte und weil es einfach noch zu früh für Gespräche oder Konversation für mich war.
Im Aufenthaltsraum saßen sie schon wieder alle und mampften; Roswitha heulte und stopfte sich Marmeladenbrötchen in den Mund; Bernd sabberte noch immer und versuchte seine Tasse mit Kaffee ruhig in der Hand zu halten; der Postbeamte sortierte sein Besteck auf dem Tisch, er saß wie schon am Vortag allein und biss sich ständig auf die Unterlippe, als säße dort ein Pickel oder Krümel oder was. Die Vier Glorreichen, wie ich sie nannte, hockten an ihrem Stammplatz und quietschten mit ihren Weizenbrötchen über die Teller. Man kennt das ja, das Geschirrspülmittel in diesen Einrichtungen ist so giftig und ätzend, dass das Geschirr völlig stumpf wird und die trockenen Brötchen darauf Musik machen. Die Zugfahrerin stand am Fenster und wartete wohl auf ihre Abfahrt ins Jenseits oder so. Ich ging an ihr vorbei und sah wieder ihre Glubschaugen, die starr ins Nichts blickten. Am Büffett nahm ich mir eine Tasse, goss Kaffee ein, gab etwas Milch dazu und latschte hinüber zu Bernd und Roswitha.

“Schöne Scheiße, was?” fing Bernd gleich an. Sein Kopf lag schief auf seiner Schulter und der Sabber wollte nicht aufhören zu fließen.

“Was denn?” fragte ich verpennt. Ich hatte zwar die Hektik überall bemerkt, die laufenden Schwestern, die herumgeschobenen Betten und Schränke und Tische und was weiß ich nicht alles, als würde ein Marathon veranstaltet, aber ich dachte, das gehört sich für einen ordentlich-funktionierenden Betrieb der Neurologischen Anstalt.

“Du weißt es noch nicht, oder?” fragte Bernd, er grinste und versuchte mich mit seinem schiefliegenden Kopf anzublicken. “Ist doch nicht wahr! Der liegt seelenruhig in seinem Bettchen und kriegt nichts mit!”

“Was denn nun?” fuhr ich an.

Roswitha heulte und schniefte, sagte aber nichts dazu. Ich sah zu ihr hinüber, nickte ihr mit dem Kopf zu, aber sie winkte mit einer Hand ab, schluchzte und schniefte und wedelte nur andauernd.

“Nun mal raus damit, Bernd!” sagte ich jetzt etwas lauter.

“Letzte Nacht ist Gerhard abgehauen!” antwortete Bernd, ohne sein Grinsen einzustellen.

Ich blickte mich im Raum um, verstand erst nicht, schaute auf Bernd, auf Roswitha und meinte: ” Und wohin?”

“Hast du wirklich nichts mitgekriegt?” fragte mich Bernd, ” du musst ja einen tiefen Schlaf haben! Er ist letzte Nacht raus aus dem Fenster, da hast du wahrscheinlich deine Schäfchen gezählt; er ist wohl durch den Wald getapert bei völliger Dunkelheit. An den Bahngleisen muss er gewartet haben bis der nächste Zug vorbei fuhr und dann… dann hat er sich davor geschmissen; ist nicht viel von ihm übrig geblieben. Der Zugführer hat die totale Panik gekriegt, hat die Bullen gerufen und dann hat man hier angerufen. Jetzt hat er´s hinter sich, der Gerhard!”

“Ach du Scheiße!” sagte ich platt, ” woher weißt du das denn alles?”

“Die Schwester hat´s mir gesagt, aber ich soll das nicht herumposaunen, doch mittlerweile weiß das hier jeder, jeder, außer dir!”

Bernd schien dieser Umstand nicht großartig anzulangen, er grinste weiterhin und schlürfte seinen Kaffee. Sicher, dachte ich mir, wenn du nur darauf wartest, dass dein Leben endlich ein Ende hat, beneidest du ja fast schon Menschen, die “es” geschafft haben. Bernd hatte drei Versuche unternommen und war ohne Blessuren davon gekommen. Gerhard hatte einen Versuch und schon war er im Nirvana oder Bardo oder im Himmelsreich bei den Engeln, was weiß ich?

“Jetzt hast du das Zimmer für dich allein, was?” meinte Bernd weiter.

“Oh, ja!” sagte ich und eigentlich freute ich mich etwas darüber, unterdrückte die Freude aber gleich wieder, weil es mir zu kaltherzig vorkam. Obwohl… warum sollte ich über einen Menschen trauern, den ich weder kannte noch sympathisch fand? Er hatte mich nur genervt am ersten Tag hier. Also eigentlich egal; ich schickte Grüße in die Wolken und ging auf einen Spaziergang hinaus. Mein erstes Gespräch mit einer Psychologin sollte um zehn Uhr sein, bis dahin konnte ich noch etwas vom Trubel des Morgens vergessen, mich auf meine Scheiße konzentrieren und sehen, dass ich nicht total ausflippte; hier, in diesem Irrenhaus, wo sich alle paar Tage die Menschen umbrachten!

137_ Die Plath´sche Glocke 7

Das Sprechzimmer der Psychologin befand sich im gleichen Stockwerk wie auch die Zimmer der Patienten. Der Gang war etwa fünfzehn/ zwanzig Meter lang und am hintersten Ende stand ich nun vor der Tür, las das Schildchen rechts davon und fragte mich, was ich denn nun sagen sollte. Einige Augenblicke vergingen bis ich mich entschloss, anzuklopfen und mich einfach in die Situation zu ergeben. Es gab eigentlich nichts zu sagen von meiner Seite aus. Warum ich lebensmüde war oder auf alles einen Hass hatte, konnte ich nicht erklären; ich wußte nur mit ziemlicher Sicherheit, dass mein bisheriges Leben nicht das war, was ich haben wollte, was ich leben wollte. Auch wenn ich kurzzeitig den Jobs und Ausbildungen, den Verpflichtungen und Verantwortungen entflohen war, in meiner Freiheit wußte ich nichts mit mir anzufangen. Selbst die Aufnahme auf die Kunstakademie hatte keinen großen Wandel meiner Ansichten in mir ausgelöst. Vielmehr hatte mich die gesamte Einrichtung nur noch mehr verunsichert, dass ich abgehauen war. Wahrscheinlich war ich zu blöde und zu unselbständig für diese Welt mit ihren Anforderungen.

“Kommen sie herein!” hörte ich eine Stimme von drinnen und ich drückte die Klinke runter, schluckte, obwohl mein Hals völlig ausgetrocknet war, schob die Tür auf und stand in einem kleinen Büro.
Das gegenüberliegende Fenster war gekippt und ein kleiner Windzug durchströmte den Raum. Davor standen die üblichen Zimmerpflanzen, nichts Außergewöhnliches. Grünzeug, welches angeblich die triste Einrichtung eines Büros auflockern sollte, was hier allerdings nicht gelang.
Rechts in der Ecke stand ein Schreibtisch, auch das Übliche, dahinter ein Sessel, vorm Schreibtisch ein Stuhl für den Patienten und links neben der Tür gab es noch eine Sitzgelegenheit mit niedrigem Tisch und zwei Sesseln; auf dem Tisch stand eine Vase mit Plastikblumen. Ich kam mir vor wie in einem Vorstellungsgespräch zu irgendeiner beschissenen Tätigkeit. Hinterm Schreibtisch stand ein hohes Regal, das sorgsam mit Büchern gefüllt war. Die Bücher standen nach Größe sortiert und wirkten wie Soldaten in einer Reihe, bereit jeden Befehl auszuführen. Aufgeräumt wirkte der Raum. Jedes Ding hatte seinen Platz für den es vorgesehen war.

“Herr Niehus!” begann nun die Tante, ” setzen sie sich doch bitte!” Sie zeigte mit ihren lackierten Fingernägeln auf den Stuhl vor sich. Ich hockte mich hin und wartete. Wie sollte man in dieser Ödnis eines Büros nur über seine seelischen Deformationen, seine Träume, seine Wünsche, seine Hoffnungen offen und frei reden? Ich musste an Bernds Ausspruch denken: Sie machen dich nur wieder gesellschaftstauglich, dass du funktionerst, aber Antworten geben sie dir nicht.

Sicher, dachte ich, sie reden über deinen Vater, der dich nicht geliebt hat; sie reden über deine Mutter, die deinen Vater nicht verlassen konnte, trotzdem sie ständig verprügelt und angepöbelt wurde. Sie reden über deine Schuldlosigkeit, deine Gefühle, die du nicht einordnen kannst, deine Last, die du nun zu tragen hast, sie reden von den prägenden Jahren zwischen Null und Drei und sie machen dir weiß, dass du versuchen sollst auf eigenen Beinen zu stehen; sie reden von Verletzungen, die du auflösen musst, von Vergebung und Liebe. Aber letztlich bist du allein mit deiner Scheiße und musste selbst sehen, wie du da rauskommst.

“Einen kleinen Moment noch, bitte!” sagte sie jetzt, ” ich muss nur noch meine Notizen vervollständigen.”

Ich nickte und wartete. Das Zimmer war mit Teppichboden ausgelegt und ich suchte nach irgendwelchen Mustern in diesem Belag, fand aber nur Krümel und Flusen, die wahllos herumlagen. Wahloses Wirrwarr herrschte auch in meinem Hirn. Ich kam mir vor wie ein unbrauchbares Ding, das man wahllos aus dem Himmel geschmissen hatte und sich selbst überließ. Das ist es wohl auch, dachte ich, man ist sich selbst überlassen. Einige finden ihren Weg durch die Gier nach Erfolg, nach Materialismus; sie hetzen sich ab zur absoluten Egoaufblähung und meinen, dass dies dann auch die einizge Erfüllung sei, die das Leben zu bieten hat. Ich hasste sie alle, alle ohne Ausnahme, aber am meisten hasste ich jetzt dieses bekloppte Warten auf diese Tussi da hinterm Schreibtisch, die schrieb und schrieb, als säße sie an einem Roman über ihr Leben…

“So!” sagte sie dann endlich, als ich schon kurz vorm Verschwinden war. Ich hob den Kopf, blickte in ihre Augen und sah ihr Grinsen.

“Herr Niehus, warum sind sie hier?” wollte sie wissen. Mehr nicht. Kein Wort mehr von ihr. Ich überlegte, ob ich ihr überhaupt antworten oder nicht doch abhauen und mich verpieseln sollte, hier aus diesem Zirkus.

“Warum ich hier bin?” wiederholte ich ihre Frage.

“Ja!”

“Weil ich wohl irgendwie Probleme habe, die ich nicht allein in den Griff kriege, schätze ich. Richtig?”

“Wohl wahr! Und weiter?”

“Wie weiter?”

“Was glauben sie denn, was das für Probleme sind?”

“Naja… ich habe keine Lust auf das Leben hier. Wegen mir können sie mich zurück beamen ins All, irgendwo hin auf einen anderen Stern. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten einer Existenz, was weiß ich?”

“Okay. Sie wären also lieber tot, als hier weiter zu leben, ja?”

“Sicher!”

“Was macht es denn so unerträglich hier? Haben sie einen Beruf?”

Aha, dachte ich mir, jetzt sind wir ja sofort beim Thema. Fehlt nur noch diese faschistische Aussage, dass Arbeiten frei macht und Sport treiben den Kopf leert, dann haue ich gleich ab.

“Ich habe Maschinenschlosser in einer Dosenfabrik gelernt.”

“Und?”

“Wie und? Ich habe ausgelernt, zwei Jahre als Geselle in Drei-Schichten gearbeitet und dann meinen Realschulabschluss und das Abitur nachgemacht.”

“Und dann?” bohrte sie weiter.

“Dann wollte ich eigentlich auf die Kunsthochschule, um zu studieren, aber nach der Immatrikulation bin ich nicht mehr hin.”

“Warum denn nicht?”

“Keine Ahnung! Ich wusste nicht, was die da von mir wollten.”

“Verstehe ich nicht: Was die da von mir wollten?”

“Na, ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte oder musste. Ich dachte, dass sei wie in der Schule und irgendwer käme und würde die Erstsemester in einen Klassenraum bringen, irgendwas erzählen und dann ginge es los mit den Vorlesungen… aber ich stand da auf den Fluren und…”

Ich sprach nicht weiter. Ich schluckte immer noch durch meinen trockenen Mund, wartete auf irgendeine Eingebung, aber verstummte völlig und starrte blöde vor mich hin.

“Herr Niehus!” prahlte die Tussi, ” Hallo, Herr Niehus! Was ist los? Herr Niehus!”

Ich befand mich in einer Dunkelkammer und schottete mich ab vor all den dämlichen Fragen einer Psychologin, die mich total nervte.

 

138_ Die Plath´sche Glocke 8

“Ist gut!” Herr Niehus, ” lassen wir das jetzt erstmal mit ihren Tätigkeiten, ja? Vielleicht können sie mir sagen, warum sie tatsächlich hier sind, ich meine, warum sie sich entschlossen haben eine Therapie zu machen?”

Ich watete durch ein schwarzes Meer. Ich zog eiserne Ketten hinter mich her. Ich schluckte brackiges Wasser und rieb mir die verklebten Augen, aber sehen konnte ich nichts. Die Worte dieser Tante drangen nicht zu mir durch. Therapie? Was für ein Wort? Was sollte das schon für eine Bedeutung haben, Therapie? Ich schaute die ganze Zeit über auf den Teppichbelag, fand aber keine Muster, die ich entlang latschen konnte. Ich suchte nach den Krümeln, nach Staubresten oder Gegenständen, kleine, winzige Gegenstände, die ich ausfammeln konnte und mir in die Tasche stecken, aber da war nichts. Mit einem Mal war der Teppichbelag völlig blank geputzt. Nirgends Halt, nirgends Normalität.

“Warum ich eine Therapie machen will?” wiederholte ich die Frage, ” ich weiß es nicht. Mir gibt es die Möglichkeit für einige Zeit aus diesem Irrsinn da draußen raus zu kommen. Eigentlich ist es mir egal. Hauptsache ist, ich muss nicht da draußen mitmachen. Für mich ist das wie drei Monate Urlaub!”

“Das reicht dann erstmal für heute!” behauptete die Frau, ” kommen sie morgen um die gleiche Zeit wieder, dann sehen wir weiter. Wir haben hier einige Beschäftigungen, die sie in Anspruch nehmen sollten. Jetzt gleich beginnt die Ergotherapie und ich empfehle ihnen mit zu machen, ja?”

“Oaky!” antwortete ich, erhob mich und stand schon wieder auf dem Flur, wo mir die wippende Schwester über den Weg lief.

“Hallo!” rief sie fast, als sei ich taub oder so.

Ich fragte nach den Räumlichkeiten der Ergotherapie, ging ein Stockwerk höher und fand Bernd und Roswitha und alle anderen dort wie sie mit Pinseln und Farben kleckerten.
“Nimm´dir Papier und Farbe!” meinte Bernd und grinste wieder über sein verzogenes Gesicht. Ihm konnte das alles hier doch völlig egal sein. Er machte sich wahrscheinlich einen Jux aus dieser Anstalt, wenn er draußen zurück ist, würde er es wieder tun, solange bis es klappt, bis er in die Wolken fliegt, bis er endlich alles hinter sich hat. Darum grinste er auch nur, es war ihm scheißegal, was die hier anstellten, im Innern hatte er längst aufgehört zu leben.

Im Raum standen Tische verteilt, auf denen einzelne Farbtöpfe, Pinsel und Wischlappen herum lagen. Ich stellte mich neben Bernd und tunkte einen Pinsel in einen Topf, zog lange schwarze Striche über das Weiß des Papiers und wischte dann mit einem Lappen darüber.

“Hallo Max!” sagte da eine gutaussehende Frau hinter mir, “hast ja schon angefangen. Wir haben heute das Thema “Wünsche und Träume”; es ist schön, dass du dich daran beteiligst.”

“Hnnn!” machte ich und wischte weiter über die schwarze Straße.

“Jeder hat so etwa eine halbe Stunde, dann wollen wir die Bilder aufhängen und mal sehen, was sie uns so zeigen.”

“Hnn!” machte ich wieder. Bilder analysieren, dachte ich; da kucken sie dann alle in meine Wüste und sehen Dinge, die ich nicht sehe. Natürlich habe ich die schwarze Farbe benutzt, um meine Dunkelkammer zu malen und diese Undurchdringlichkeit ins Licht. Keine Ahnung, was das alles soll, was ich da male und wische; sollen sie doch analysieren.
Als die halbe Stunde um war hingen wir alle die Bilder an eine Wandtafel und setzten uns auf Stühle in einem Kreis davor. Die gutaussehende Lady blieb stehen und schaute auf uns wie auf eine Herde Schafe, die sie auf die Weide führen wollte. Ihr dämliches Gute Laune Gehabe ging mir wahnsinnig auf den Geist; ständiges Grinsen gepaart mit Augenklimpern, als sage sie: Alles ist gut! Ist ja gut! Wir kriegen das hin!
Zuerst nahmen wir uns Bernds Bild vor. Er hatte einen riesigen Baum gemalt, grau und rot; für mich sah der irgendwie unlebendig aus und das Rot war sicher das Blut, das am Stamm haften sollte, nur hatte das ja nicht geklappt. Bernd hatte wohl seine Szene nachgestellt. Man sah dem Baum an, dass er von Bernd gehasst wurde. Ein mächtiger Stamm in Grau wie der Sensenmann, der sich steif in die Landschaft stellt und Bernds Vorhaben einfach ignoriert hatte.
Roswitha hatte Schmetterlinge gemalt, jedenfalls nahm ich das an. Rosa und Gelb waren die vorherrschenden Farben bei ihr. Der Hintergrund war knallgelb wie eine indische Sonne und überall flatterten diese Viecher darin herum. Keine Ahnung, was das sollte. Naiv kam mir das vor, fast schon kindisch.
Der Beamte hatte fast zeichnerisch Kästen und Stangen und Striche aufs Papier gekritzelt. Alles wirkte sorgfältig angeordnet wie auf einer technischen Zeichnung. Viel Fantasie war da nicht vorhanden. Farben gab es nicht. Alles war gräulich.
Ich schaute nicht weiter auf die Bilder; es langweilte mich und ich blickte zum Fenster hinaus. Mir wäre es lieb gewesen, ich hätte diese Scheiß-egal-Haltung von Bernd draufgehabt, dass es einerlei war, was geschieht, was geschehen war und was überhaupt noch kommen sollte. Aber ich war anders gestrickt. Ich litt unter meinen Selbstzweifeln. Ich fand mich nicht mal mittelmäßig in all meinem Tun, sondern hinterste Reihe, allerletzter Platz. Und irgendwie konnte ich für mich nichts finden, was diese Einstellung erklärte, eine Rechtfertigung gab ich mir täglich: ich bin eben ein Taugenichts und werde es ewig bleiben, egal wie ich mich auch bemühe, es gibt keinen Weg, kein Ziel, kein… ja, was?

Sie analysierten nun mein Bildchen und sabbelten alle durcheinander. Ich hörte da nicht hin; sollten sie sich ihren Reim darauf machen, was von mir an die Oberfläche wollte, ich hatte keine Kraft mehr dazu. Ich sackte auf dem Stuhl zusammen, klatschte auf den Boden und befand mich vollends in meiner Dunkelkammer. Alles war verschwunden. Ein Ich gab es nicht. Ein Drumherum war eingezurrt in Stricke und Seile. Ich war verschwunden.

139_ Die Plath´sche Glocke 9

Ich war verschwunden. Irgendwie hatte ich den Halt verloren, oder besser gesagt meine Maske, die mich immer geschützt hatte vor dem ganzen Schlamassel da draußen. Mit einem Mal war ich unter echten Menschen und verstand nicht mehr, warum ich mein bisheriges Leben eigentlich so verspielt hatte.
Man brachte mich auf die Krankenstation, versorgte mich und als festgestellt wurde, dass mir nichts fehlte, dass ich nur einen kleinen Zusammenbruch erlitten hatte, verfrachtete man mich zurück ins Zimmer auf der Neurologischen Station. Da lag ich dann und konnte über meine derzeitige Lage nachdenken. Das Bett neben mir war bereits wieder säuberlich hergerichtet. Man hatte sozusagen die Spuren des vorherigen Besitzers verwischt, obwohl Gerhard wie ein Geist noch im Haus herum schwirrte. Tagelang gab es kein anderes Gesprächsthema, als seinen Selbstmord, der ihm auf vorzügliche Weise geglückt war, jedenfalls war das Bernds Meinung. Ich war da anderer Ansicht. Da hatte sich ganz einfach ein Kerl wegen diesem Mammon GELD, das er zu seinem GOTT erklärt hatte, völlig verrückt machen lassen, hatte sich anstecken lassen vom Gerede der Medien, der Werbung, der Politiker, allen eigentlich… wahrscheinlich hatte es bereits im Elternhaus begonnen und man impfte dem kleinen Gerhard von Anfang an ein, dass er fleißig arbeiten müsse, um nicht auf die “schiefe Bahn” zu geraten, um nicht unter Brücken schlafen zu müssen; und wahrscheinlich war es sein gesamtes beschissenes Leben ständig so weiter gegangen, dass man ihm eingehämmert hatte, er solle ja funktionieren, sonst nehme man ihm die elektrische Eisenbahn weg oder das Fahrrad oder die neue Uhr; außerdem solle er in der Schule brav aufpassen, damit er später mal einen “ordentlichen Beruf” erlernen könne, um dann ihrem/ unserem GOTT dem GELD dienen zu dürfen. Als Gerhard mit Bestnoten aus der Schule kam ging er dann wohl sofort in die Banklehre, lernte Fonds kennen, Aktien, Kredite, Geldanlagen aller Art und verdiente sicher auch gut. Vielleicht nur durch ein Missgeschick, einem Tippfehler auf seiner alten Schreibmaschine, worauf er immer die Abrechnungen schrieb, muss ihm ein Fehler unterlaufen sein und er war seinen Job los. Den alles und einen geliebten Job, den Heilsbringer für alle Materialisten, den Schlüssel zum Erfolg und er saß mit seiner Familie in einem nicht bezahlten Haus, fuhr ein nicht bezahltes Auto, konsumierte nicht bezahlte Waren, weil er Kredite in Anspruch genommen hatte, die ihm doch sinnvoll erschienen; geringer Zinssatz, kurze Laufzeit und bei seinem Job und den Möglichkeiten des Aufstiegs innerhalb der Firma unterschrieb er alle Scheine korrekt. Mit einem Mal dann war er plötzlich bankrott, weil arbeitslos!

Ich glotzte stumm aus dem Fenster und dachte an Gerhards Tod und was für Mut ein Mensch aufbringen muss, um vor einen fahrenden Zug zu springen; und auch was für eine Verzweifelung dahinter stecken muss, do eine Tat dann auch aus zu führen. Ich stellte mir vor wie ich an den Bahngleisen entlang klettere. Es ist Nacht, kaum sieht man die Hand vor Augen. Ich krieche beinahe und will nur den einen Punkt erreichen, wo der Zug seine höchste Geschwindigkeit erreicht. Hier in den Bergen rattert die Bahn nur mäßig dahin, hält fast in jedem Kuhkaff und kommt gar nicht richtig in Fahrt. Also kreiche ich vorwärts und schürfe mir die Knie wund, doch das stört mich nicht, ich spüre keine Schmerzen. Alles ist taub, als befinde ich mich in einer Hülle, in einem Kokon aus Watte; nichts kann mich eigentlich verletzen, bis auf den Zug, der jeden Moment eintreffen muss. Meinem Schutzengel habe ich ins Gesicht gebrüllt, er oder sie solle sich auf in den Himmel machen und schon mal die Drinks kalt stellen. Dann bin ich am Ziel angelangt, erhebe mich, stehe wackelig auf meinen Beinen und höre bereits das Rauschen in den Schienen. Dann jagt er heran, der Tod und ich… scheiße, ich kann mir das nicht vorstellen, oder ich kann es mir schon vorstellen, aber sobald ich an die Stelle gelange, wo der Zug mich voll Pulle erwischt, springe ich hinunter in die Böschung. RUMMS macht es, mehr nicht… ein schauriger Tod.

Am Abend kam dann die Schwester herein und hängte mir ihren wunderbaren Busen vor die Nase, als sie über mein Bett griff und die bewegliche Unterlage vom Tisch zumir heran zog. Ich atmete tief ein und ihr Duft entschädigte mich für vieles an diesem Tag.

140_ Die Plath´sche Glocke 10

Nach einem kleinen Zusammenbruch normalisierte sich der Alltag in der Klapsmühle ziemlich schnell. Ich stand morgens gegen halb acht Uhr auf, wusch mich, kämmte mir das zottelige Haar und saß schnell am Frühstückstisch mit Bernd und Roswitha. Wie es überall in Geselllschaft von Menschen so ist, bildeten sich natürlich auch hier kleine Grüppchen, die miteinander tuschelten und Gedanken austauschten. Ab und an trat die Kleine Zugfahrerin an unseren Tisch, guckte schräg zur Seite und nickte in Richtung eines Stuhles, um zu fragen, ob sie sich setzen dürfte. Meist gaben wir keine Antwort, nickten zurück und aßen weiter, lametierten über die verschiedenen Abtretungsmöglichkeiten und deren Chancen. Roswitha hatte nie daran gedacht sich das Leben zu nehmen. Ihre Depressionen wollte sie in den Griff bekommen und wieder ein glückliches Dasein fristen, vor allem ohne ihren Kerl, den sie vor einigen Monaten verlassen hatte.
Nach dem Frühstück ging es zur Gesprächstherapie bei meiner Psychologin und dort redete ich mittlerweile wie ein Wasserfall, berichtete von den Erlebnissen zwischen Elternhass und Elternliebe, erzählte von meinen kleinen Liebschaften, den Saufexzessen und den Drogen, die ich ausprobierte hatte. Ihrer Meinung nach war ich in einem Drama gefangen. Das Drama des begabten Kindes, was in einer Arbeiterfamilie aufwuchs, in keiner Weise gefördert wurde und sich nun in der Welt der Verwachsenen verlaufen hatte. Meine Suche nach Bestimmung, Bedeutung meines Daseins spräche diese Sprache. Zuerst konnte ich damit nichts anfangen; ich besorgte mir dieses Buch von Alice Miller, wo genau meine Thematik angesprochen wurde und las mit heulenden Augen ihre Diagnose dieser Kinder. Ganz langsam verstand ich.
Nach dem Gespräch ging es zur Ergotherapie. Beschäftigung ist ja der Heiler schlechthin. Arbeit macht frei! zumindest im Kopf, dachte ich. Wenn man noch mehr stumpfsinnige Arbeitsplätze schaffen würde, gäbe es bald keine depressiven Menschen mehr. Man sollte sie vollstopfen mit allen Waren und Gütern, die es zu haben gibt und dann würden sie schon die Fresse halten. Meist malte ich Bildchen von allerliebsten Schwarz, düstere Landschaften, dunkle Gesichter und es stellte sich schnell heraus, dass mein Innenleben mit dem der Bilder völlig übereinstimmte. Hinterher wurde diskutiert, analysiert und einige der Insassen jammerten dann immer um die Wette. Ich wusste um mein Dilemma, konnte aber nie in der Gruppe Ehrlichkeit zeigen.
Mittagessen, Pause im Zimmer, wo ich Bücher las und dann Kaffeezeit mit Kuchen. Einen Spaziergang, allein versteht sich und am Nachmittag immer Entspannungstherapie. Der Raum befand sich ausserhalb unserer Station und wir trabten im Gänsemarsch über das Gelände. Ab und an schaute ich nach oben zu den anderen Stockwerken, wo die richtigen Fälle lagen. Da gab es Krebsler und andere schwierige Krankheiten, die die Menschen an den Rand des Wahnsinns und der Verzweifelung gebracht hatten. Verglichen mit meinen kleinen Unsinnigkeiten waren das Härtefälle, Menschen, die mal einen Grund hatten Depressionen zu bekommen… wo hingegen ich?
Der Raum zur Entspannung war immer völlig überheizt. Auf dem Boden lagen Matten verteilt; hinten an der Wand stand ein großer Stuhl und wirkte wie ein Thron, auf dem saß wartend auf ihre Schäflein eine dicke Frau in bunter Kleidung. Wir alle trugen bequeme Hosen und Hemden und hockten uns sofort auf die Matten. Dann wurde es still, verdammt still…

“Spüren sie die Unterlage?” fing die Frau mit leiser Stimme an zu sprechen, ” spüren sie die weiche Unterlage? Atmen sie jetzt langsam ein und aus, ein und aus. Beobchten sie, wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt, ein und aus…”
Dann Stille. Ich kämpfte eben mit Blähungen und ließ zarte unhörbare Fürze aus meinem Innern nach draußen huschen. Es stank nicht schlecht. Dann hörte ich wie die Frau sich von ihrem Thron erhob und ein Fenster zur Lüftung öffnete.

“Die Zunge liegt locker im Mund, der Mund ist leicht geöffnet. Durch ihre Atmung entspannen sie sich mehr und mehr. Jeder Muskel entspannt mehr und mehr. Ihr linker Fuß liegt locker und entspannt auf der Unterlage. Spüren sie wie schwer ihr linker Fuß wird, wie er leicht zur Seite kippt… ihr rechter Fuuuuu….!”

Dann war ich eingeschlafen und bekam nichts weiter mit. Nach einer halben Stunde weckte mich Bernd neben mir, indem er mir den Ellenbogen in die Seite stieß und flüsternd meinte:” Nun hör´mal auf mit deinem Geschnarche!”
Ich war wieder wach und lauschte auf das Röcheln und Schnauben meiner Kollegen und Kolleginnen. Wir erhoben uns langsam, streckten unsere Glieder und waren wieder entlassen. Im Gänsemarsch ging es zurück auf die Station, wo es nichts zu tun gab, außer sich vor die Glotze zu hocken und auf das Abendbrot zu warten.
Nach dem Essen ging jeder auf sein Zimmer und beschäftigte sich irgendwie, um die Zeit tot zuschlagen.
Einmal in der Woche gab es ein Treffen zwischen allen Insassen und zwei Psychologen. Wir saßen im Kreis und redeten über Persönliches, Unpersönliches und unsere Probleme mit uns und den anderen. Jedes Mal fing irgendwer von diesem Beamten an, der sich der Meinung aller für etwas Besseres hielt und sich ausgrenzte. Ich sagte erstmal nichts dazu und lauschte nur dem Gefasel der Irren, ohne mich zu beteiligen. Ehe ich den Mund aufbekam musste schon einiges geschehen. Jemand sagte, dass der Beamte ständig an allem herumnörgele, ständig seine Meinung hinausposaunte und die anderen für verblödet hielt. Er verlangte immer nach einem Appartment, um allein sein zu können; er meckerte über das schlechte Essen und stritt sich häufig mit anderen Insassen über Lapalien wie das Abräumen von gebrauchtem Geschirr und das ordentliche Heranrücken von Stühlen an den Tisch usw. Wenn das nicht lächerlich war, wusste ich auch nicht weiter. Es war doch völlig klar, warum der Idiot kein eigenes Appartment bekam.

141_ Die Plath´sche Glocke 11

Jemand wie der Beamte, der ständig an seiner Ordentlichkeit herum fummelte, Gegenstände hin und her rückte bis sie an einem von ihm als perfekt befundenen Platz standen, musste sich mit seinen Mitmenschen arrangieren und bekam zwangsläufig kein eigenes Appartment und zwar solange nicht, bis er sich irgendwie eingefügt hatte ins soziale System.
Nach einer Woche in dieser Anstalt war für mich der Rythmus gefunden, den ich gebraucht hatte, um mich wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen. Ich stand pünktlich auf und ging pünktlich ins Bett. Innerhalb küzester zeit hatte ich an die fünf Kilo abgenommen, sah also aus wie ein Hungerhaken, der einen auf Asket machte. Meine Sitzungen mit der Psychologin wurden fruchtbarer,das hieß, ich konnte meine Unzulänglichkeiten besser einordnen, wusste um meine Defizite.
In der zweiten Woche dann wurden meine Erziehungsmenschen, sprich meine Eltern, eingeladen während eines Gespräches anwesend zu sein. Ich fragte mich zuerst, ob sie denn überhaupt kommen würden und ob sie in der Lage wären über sich und unsere Probleme zu sprechen. Gleich am Dienstag nach der Ergotherapie, wo ich zum ersten Mal sowas wie ein ordentliches Bild gemalt hatte, es war ein abgebrannter Wald mit schwarzen Baumstümpfen und ausgedörrtem Gras, dichte graue Wolken hingen über der Landschaft und alles kam zu einem Ende, nach der Analyse meiner angekohlten Einöde tauchten kurz vorm Mittagessen meine Eltern auf. Ich wartete eben draußen auf dem Parkplatz, rauchte viel und sah sie ankommen. Mit raschen Schritten ging ich auf sie zu und begrüßte sie.
“Wie geht es dir denn, mein Junge?” wollte meine Mutter gleich wissen.
“Es dauert doch hoffentlich nicht zu lange, oder?” fragte mein Vater.
“Nun hör´doch auf!” ermahnte ihn meine Mutter, ” wir sind doch eben erst gekommen. Hast du noch irgendwas Wichtiges vor, oder was?”

Mein Vater zündete sich eine Zigarette an und starrte abwesend auf sei Auto, ging noch einmal darum herum und überprüfte, ob jede Tür verriegelt war.

“Lass´uns mal gleich reingehen,” sagte er dann und blies den Qualm in den Wind, ” je eher wir das hinter uns haben , desto besser!”
“Erzähl´doch mal!” meinte meine Mutter, ” wie ist es dir ergangen? Du siehst so abgemagert aus. Isst du zu wenig?”
“Nun lass´doch den Jungen in Ruhe. Er sieht schon vernünftig aus, jedenfalls nicht mehr so fett.” sagte mein Vater.
Meine Mutter schaute auf meinen Vater und schüttelte ihren Kopf. Auch sie zündete sich vor Eintreten in die Anstalt noch eine Ziagrette an und sog in hastigen Zügen.
“Ich weiß gar nicht, was die von uns wollen!” meinte mein Vater, während wir langsam zum Eingang schritten.
“Ich meine, was sollen wir schon zu sagen haben? Ist doch sowieso alles die Schuld von diesem komischen Weibsbild!”
“Hermann!” sagte meine Mutter und schüttelte erneut ihren Kopf.
“Ist doch wahr! Die hat den Jungen doch völlig aus der Bahn geworfen! Wir haben doch damit nichts zu tun!”
“Hermann, sei jetzt ruhig!”
“Was willst du denn? Heute morgen habe ich dir gesagt, die werden uns alles anhängen, die werden dem Jungen einbleuen, dass seine Eltern Schuld haben. Das kenne ich doch! Dabei trifft uns doch nun wahrlich keine Schuld.”

Wir gingen direkt ins Büro der Psychologin und hockten uns im Halbkreis vor ihren Schreibtisch. Ohne große Umschweife stellte die Dame meinen Eltern gewissen Fragen, was sie denn glaubten, warum ihr Sohn hier sei, was sie denn glaubten, was ihr Sohn für Probleme hätte…
Ich saß stumm da und blickte von einer Person zur nächsten. Mein Vater war genau der Meinung, die er uns schon auf dem Parkplatz kundgetan hatte, nämlich dass er sich nun überhaupt keiner Schuld bewußt sei, alles läge doch an diesem Mädchen, dieser, wie hieß sie noch gleich? Mara, genau! er wüsste gar nicht, was sie denn von ihm wollte.
Die Psychologin vermied es Erinnerungen in meinen Eltern hervor zu rufen. Sie ließ sie beide reden, wobei meine Mutter eigentlich nichts sagte, nur fortwährend heulte und jammerte. Sie schniefte andauernd, dass sie gar nichts hätte sagen können. Und mein Vater blieb fest bei seinem Standpunkt, dass der Junge sich unglücklich verliebt hätte und darum so niedergeschlagen war. Kein Wort kam ihm über die Lippen über die jahrelangen Streitereien zwischen den Eltern, den Schreiereien am Mittagsessen, als ich noch nicht mal sechs Jahre alt war, der ewige Hass zwischen zwei Menschen, die völlig überfordert waren mit Kindern. Er hatte das alles längst vergessen…
Ich brachte die beiden zum Parkplatz zurück, schüttelte nur Hände und dachte bei mir, dass sie wahrscheinlich wirklich nichts wussten oder ahnten. Unschuldslämmer gefangen in ihrer kleinen Welt. Ich war froh, als sie abfuhren.

142_ Die Plath´sche Glocke 12

“Und? Von nichts ´ne Ahnung, was?” fragte Bernd.

“Was meinst du?” fragte ich zurück.

Wir saßen auf der Bank direkt vorm Eingang und rauchten, was sollten wir auch sonst tun? Es war Ende Mai und die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, stellte sich aufrecht und blähte ihre protzerische Brust auf. Wir kamen eben von der Ergotherapie und machten Pause bis zum Mittagessen.

“Na, gestern waren doch deine Alten hier, zum Gespräch!”

“Ja, klar!” antwortete ich und hielt eine Hand über die Augen, weil das Licht der Sonne blendete.

“Von nichts ´ne Ahnung, richtig?”

“Ja ja, meine Alter behauptete sogar, es sei meine Verflossene, die mich dazu gebracht hätte völlig durch zu drehen.”

“Kenne ich! Meine Mutter jammerte während des Gespräches ständig, was denn nur mit mir los sei und sie könnte sich das gar nicht erklären, warum ich gegen einen Baum gefahren sei. Hatte ein schlechtes Gewissen, aber mehr auch nicht. Ich finde es immer seltsam, wie so die Vergangenheit völlig ausgeblendet wird, wenn es darum geht Verantwortliche zu suchen, die für irgendeinen Fehler herhalten müssen. Niemand ist es gewesen. Alle machen so auf unschuldig und sie hätten es ja nicht gewusst.”

“Was gewusst?” fragte ich Bernd.

“Na, dass sie einen unfähigen Kerl heranziehen würden, der sich noch nicht mal die Schuhe allein zubinden kann. Sie hätten sich solche Mühe gegeben, ihn vor der grausamen Realität zu schützen und waren immer besorgt, dass der Kleine auch ja nicht verletzt würde, gleich welcher Art. Nur hatten sie dabei vergessen, dass ich irgendwann einmal allein da stehen und mir diese angeblich grausame Realität anschauen musste.”

“Hnn…!” machte ich nur.

“Haben sich dich auch verhätschelt?”

“Eher nicht. Eigentlich war es egal, was ich tat oder sagte; ob ich nun da war oder gleich wieder verschwinden würde, waren ihnen völlig gleich. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, es hat sie einfach nicht tangiert. Von morgens bis abends waren sie nur mit sich selbst beschäftigt, stritten sich und schrieen sich an.”

“Sei doch froh! Die lassen dich in Ruhe. Meine Mutter ruft hier täglich an die zwanzig Mal an und fragte, wie es mir geht, ob sie etwas tun könnte, damit es ihrem Kleinen wieder gut gehe. Ich hasse das. Die soll mich in Frieden lassen. Von mir aus, braucht sie sich gar nicht mehr zu melden, dann würde ich endlich mein eigenes Leben leben!”

“Froh sein?” fragte ich ihn, ” worüber? Ich fühle mich vollkommen überflüssig hier und überall. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich keinen Beruf habe oder wenig Talente oder so was. Ich habe mittlerweile zig beschissene Jobs gemacht und mitgekriegt, dass ich in jedem Scheißberuf eigentlich klar kommen würde, nur bringt mir das nichts. Ich weiß nicht, was ich will, wohin ich will; verstehst du? Es ist, als gäbe es mich nicht. Als sei ich gar nicht da, so fühle ich mich.”

“Aha?” sagte Bernd kurz, ” auch nicht eben die bessere Variante eines vollendeten Lebens, was?”

“Nöö!” antwortete ich und bot Bernd eine weitere Zigarette an. Er griff zu und wir hockten stumm nebeneinander, warteten auf die Fütterung und dass die Zeit verging.

“Was willst du machen?” fragte er mich und lehnte sich zurück in die Sonnenstrahlen, schloss leicht die Augen und legte die Arme nach hinten.

“Keine Ahnung!” sagte ich, “ich habe keine Ahnung. Das Letzte ist, meinen Alten Vorwürfe zu machen, auf so was stehe ich nicht. Und eigentlich, wenn ich so recht darüber nachdenke, bin ich froh für mich zu sein. Es gibt mir eine Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will, weißt du. Ich muss niemanden eine rechtfertigung präsentieren für das, was ich mache. Es schert ja sowieso keinen…”

Wir erhoben uns und trabten gemächlich zum Eingang hin, dann in den Aufenthaltsraum, wo bereits das Essen aufgetragen wurde. Die Zufgahrerin glotzte mich an und ich ahnte, sie würde mich sicher bald ansprechen. Die letzten Tage hockte sie immer in meiner Nähe und lauschte den Gesprächen zwischen Bernd, Roswitha und mir. Ihr Name war Annabelle, sehr exotisch wie auch ihr Verhalten.
Ich aß stumm mein Mittagessen und machte mich dann auf mein Zimmer, las etwas von Thomas Mann, rauchte und rauchte… und wartete!

143_ Die Plath´sche Glocke 13

Nach einem Monat war es dann soweit: ich bekam mein eigenes Appartment. Zuerst war die Freude darüber groß; endlich für mich sein und den Komfort einer kleiner Einrichtung genießen. Allerdings gab es einen beträchtlichen Haken an dieser Sache mit dem Appartment: Der Beamte würde mit einziehen! ich war fassungslos, sprachlos und völlig von der Rolle. Wieso musste man ausgerechnet mir diesen Idioten mit auf´s Zimmer legen? Das war allein meine Schuld. In den letzten Wochen hatte ich mich immer wieder über diesen Kerl ausgelassen, hatte keine Minute versäumt bei den verschiedenen Anwendungen über ihn her zu ziehen, was für ein lausiger Knabe er sei mit faschistoiden Ansichten und asozialem Benehmen. Ständig versuchte er die anderen zu analysieren, was sie für Problemchen hätten und dass ihr Gejammer über die große Welt da draußen nur ein Vorwand sei sich vor der Verantwortung zu drücken. Er war unausstehlich und von ihm selbst wusste niemand so genau, was ihn eigentlich hierher gebracht hatte. Und nun hockte dieser Scheißtyp auf seiner Bettkante in “meinem” Appartment, duschte unter “meiner” Dusche und kochte sich irgendeinen Scheiß in “meiner” Küche. Ich hatte keine Ahnung wie ich die nächsten Monate überstehen sollte.
Als ich meine Klamotten und meine Gitarre rüber ins andere Haus geschleppt hatte, begrüßte mich der Beamte mit Handschlag, was ich schon für äußerst verdächtig hielt. Dann fing er auf einmal an zu quatschen an und redete unentwegt von den ganzen Idioten hier; angefangen beim Personal bis hin zu den Verrückten, wie er ja auch einer war. Zuerst versuchte ich ihn zu ignorieren, aber da er nicht aufhörte, musste ich schließlich mal meine Meinung ausposaunen:
” Vielleicht erzählst du mir mal eines, ja? Was ist dein Problem? Wieso lenkst du eigentlich völlig von dir ab, in dem du ständig auf anderen herum hackst?”
Ich hatte mich auf mein Bett ihm gegenüber gesetzt und glotzte ihn nun direkt an. Er starrte zurück und es dauerte eine Zeit bis die Antwort kam.

“Na, das eben!” meinte er kurz und rieb sich mit beiden Handflächen die Hosenbeine, um eventuelle Knitter zu beseitigen.

“Wie?” fragte ich zurück.

“Ach, ich kann darüber nicht reden. Ihr macht mich alle völlig krank mit eurem Getue.”

“Welchem Getue denn?” fragte ich ihn und ließ nicht locker.

“Andauernd Gejammer und Geflenne. Ich kann das nicht mehr hören. Wir müssen alle unser Päckchen tragen und es hilft nun mal nicht, dauernd zu heulen und zu kreischen. Wenn ich das täte!?

“Daher weht also der Wind! Dich stört unser Gejammer, ja?”

“Anstatt rum zu heulen, solltet ihr mal an euren Verhaltensmustern arbeiten. Niemand interessiert eurer Leiden oder eure Qualen. Ihr müsst da allein durch. Psychologengerede hilft doch auch nicht weiter. Die blättern dauernd in ihren Bücher und erzählen mit was von Zwängen und Ängsten, euch wahrscheinlich auch! Aber wem nützt denn das? Wenn ich da draußen bin,” er nickte mit dem Kopf in Richtung Fenster, ” dann stehe ich allein. Ich muss selbst sehen, wie ich mit meinen Problemen fertig werde.”

“Die da wären?” fargte ich zurück.

“Das geht dich doch nichts an.”

“Bitte!” meinte ich und stand auf, um mir meine Zigaretten zu holen. “Aber dann verstehe ich nicht, was du hier willst. Geh´doch!”

“Würde ich ja auch gern, aber man läßt mich nicht!”

“Wie? Man läßt mich nicht? Bist du denn nicht freiwillig hier?”

“Nein, meine Firma wie auch meine Frau behaupten, ich sei nicht mehr fähig… ach, egal, das geht dich nichts an!”

“Auch gut. Dann belassen wir es dabei, ja? Aber bleib´mir bloß weg mit deinen Ansichten über die angeblich Verrückten hier!”

Ich verließ mein neues Appartment und ging in den Aufenthaltsraum, der im anderen Flügel des Gebäudes lag, ärgerte mich über diese Verfügung mit so einem Idioten zusammen leben zu müssen. Wer hatte das überhaupt bestimmt, fragte ich mich? Außerdem war ich etwas irritiert über seine Aussage, dass sein Firma und seine Frau ihn hier wohl haben einweisen lassen, ohne seine Zustimmung. Was hatte der Kerl nur angestellt? Was war mit dem los?
Ich setzte mich neben Bernd, der wieder mal eine gehörige Ladung Beruhigungsmittel bekommen hatte und mit schiefen Kopf hin und her wippte.

“Sag´mal!” fing ich an und achtete nicht auf seine blöden Bewegungen, ” was ist denn nun eigentlich mit dem Beamten los? Hat du eine Ahnung, warum der hier ist? Hat man den unfreiwillig hier abgeliefert?”

“Soweit ich weiß”, sabberte Bernd, “hat ihn seine Frau in Absprache mit seiner Firma hier einliuefern lassen, weil er wie sich nur noch ein Roboter benahm. In der Firma saß er stundenlang in ein und der selben Haltung am Schreibtisch, führte Selbstgespräche und schob ständig die Gegenstände hin und her. Wenn man ihn fragte, ob etwas sei, antwortete er nicht mehr. Zu hause das gleiche Dilemma. Er schlief nicht mehr, sondern war ständig am machen, wischte, saugte, strich die Wände ständig neu an, bohnerte, räumte hin und her und seine Frau kam nicht gegen an. er ist aber der Meinung völlig in Ordnung zu sein.”

“Aha! Woher weißt du das denn?”

“Wir wurden informiert; zuerst von der Krankenschwester und dann später sogar von seiner Frau, die öfters zu Besuch ist. er schickt sie aber immer wieder nach hause, will sie nicht sehen.”

“Der ist wohl richtig fertig mit allem, was?”

“Oh ja!” sagte Bernd, ” also viel Spaß mit dem! Habt ihr schon die Betten verteilt? Und wer kocht denn morgens den Kaffee?”

“Arschloch!” sagte ich und lachte.

 

144_ Die Plath´sche Glocke 14

“Und was soll ich jetzt tun?” fragte ich Bernd, der unaufhörlich wippte und sabberte.

“Ignorier`ihn einfach, dann hört er schon von allein auf mit seinem Stuss. Ist dir mal aufgefallen, dass er nur allein sitzt, egal wo?”

“Sicher! Ich dachte, die anderen würden ihn meiden, weil er sie ständig angreift.”

“Nee, nee, das hat er sich allein ausgesucht. Anfangs saß mal Annabelle neben ihm, wollte Konversation machen, aber er hat sie sofort angegriffen, sie als bescehuerte Tussi beschimpft, die wohl in einem Zug zur Welt gekommen war. Annabelle ist heulend davon gelaufen. Seit dem sitzt er allein. Der will doch gar keinen Kontakt. Und wir tun ihm den Gefallen. Wenn man nicht auf sein Gerede eingeht, wird er irgendwann ganz still, versuch es. Anders wirst du das mit ihm in einem Appartment gar nicht aushalten. Ignorier`ihn!”

” Mal sehen. Er nervt nur mit seinem Gequatsche über die Blöden hier. Als ob er der einzige wäre, dem nichts fehlte.”

“Ja, ich weiß. Aber glaub´mir: der hat richtig einen an der Waffel!”

Bernd hörte kurzzeitig mit seinem Gewippe auf und versuchte zu rauchen, was allerdings nicht gelang und ich musste ihm die Kippe halten. Er nahm einen Zug und ich zerrte ihm die Zigarette aus dem Mund, hielt sie eine Weile in der Hand bis er mich ansah und blinzelte, er wolle wieder einen Zug nehmen.
Annabelle stand am Fenster uns gegenüber und schaute in ihr bekanntes Nichts. Ab und an sah sie zu uns hinüber und verzog keine Miene, als seien wir durchsichtig. Trotzdem hatte ich das Gefühl sie wolle Kontakt mit mir aufnehmen, weil sie eigentlich immer zu mir hinüber schaute, wenn ich im Aufenthaltsraum saß. Während der einzelnen Anwendungen hockten wir stumm zusammen und würdigten uns keines Blickes. Bisher hatte ich sie nicht einmal mehr sprechen gehört und vermutete, sie würde wohl kein Wort sagen können, weswegen auch immer.

“Hat Annabelle eigentlich mal mit dir geredet?” fragte ich Bernd und drückte seine durchnässte Kippe in den Aschenbecher.

“Mit mir jedenfalls noch nicht! Ich glaube sogar, sie hat bisher mit niemanden gesprochen. Vielleicht mit den Psychologen.”

“Komisch!”

“Was denn?” fragte Bernd.

“Naja, ich habe ständig das gefühl, sie guckt zu mir herüber, als wolle sie etwas von mir.”

“Ist mir auch schon aufgefallen.”

“Soll ich sie mal ansprechen?”

“Keine Ahnung! Wahrscheinlich fängt sie sofort an zu schreien und zu kratzen. Oder sie brüllt nach einem Nachtzug in Richtung Istanbul oder so!”

“Meine Fresse, musst du immer so gemein sein?”

“Was sollte ich sonst tun? Soll ich rumheulen und mit den Füßen aufstampfen? Mir ist alles egal, das solltest du kapieren, was? Ob hier eine verrückt ist oder nicht, macht mich nicht an. Ebenso dein Beamter; der kann sonstwo im Orbit kreisen und würde mich nicht tangieren. Ihr könnt mich mal alle!”

“Is´ja gut!” beruhigte ich ihn, “ich besorg´dir ´n ordentlichen Strick!”

“Hilft nichts, weil ich zu voll gepumpt bin, als dass ich noch einen Knoten binden könnte, der mich trägt.”

Er lachte und ich konnt nicht anders, als mitlachen. Wir sollten uns wahrlich nicht zu ernst nehmen, dachte ich. Die Welt ist voll von Verückten und wir sind genau unter ihnen… als Verrückte.
Ich stand auf und ging zum Fenster. Ich wollte es nun probieren und Annabelle einmal ansprechen, egal wie sie reagieren würde, ich würde sie schon nicht verschrecken.

“Hallo!” fing ich an und wartete eine Zeit, aber von ihr kam keine Regung. Ich beugte mich zur Seite, um ihr ins Gesicht zu schauen und blickte in völlig tote Augen. Sie war fast apathisch, abwesend, nicht auf dieser Welt und ich drehte mich weg und ging zurück in mein Appartment, hob zumGruß die Hand an Bernd gerichtet und marschierte davon. Auf dem Flur jammerte Roswitha mir entgegen, machte aber einen großen Bogen um mich und stolperte an der Wand entlang. Was diese Frau geritten hatte, konnte ich nicht mal vermuten.
Als ich in mein Appartment kam lag der Beamte auf seinem Bett und las in irgendeinem Buch. Kaum saß ich auf meinem Bett, erhob er sich, steuerte auf mich zu, sah mir mit aufgerissenen Augen ins Gesicht und sagte zu mir:

“Du! Du kannst mir gar nichts, Jezebel!”

145_ Die Plath´sche Glocke 15

Ich glotzte den Beamten sturr an und fragte ihn dann, was er denn nun wieder damit meinte. Er ging einen Schritt zurück, grub sich die Hände, die er zu Fäusten geballt hatte, in die Hüften und sagte:

“Du kannst mir gar nichts!”

“Ich will dir ja auch nichts!” antwortete ich und beugte mich nach vorn, um mich auf meine Knie zu stützen. Diese Situation hatte schon fast etwas Lächerliches an sich und der Beamte benahm sich, als hätte ich ihn angegriffen und nicht umgekehrt.

“Was machst du überhaupt hier? Hockst da rum und grinst mich an! Denkst wohl ich hätte sie nicht mehr alle, was? Ich weiß schon ganz genau, wie ihr alle über mich herzieht, als sei ich der völlige Idiot. Aber, glaub´mir, ich habe hier nichts verloren. Ich habe mit euch nichts gemein. Und dass man mich hier reingesteckt hat, habe ich ganz allein meiner dämlichen Alten zu verdanken, die hat das veranlasst; dabei sollte sie hier zwischen euch sein, nicht ich!”

“Ich weiß gar nicht, was du hast!” meinte ich, “du führst dich auf, als wäre ich an deiner Lage Schuld. Bin ich deine Frau? Außerdem interessiert es mich nicht die Bohne, wer oder was daran Schuld ist, dass du hier bist. Von mir aus kannst du tun und lassen, was du willst, aber laß`mich zufrieden, ja?”

“Aber du bist es doch der sich die ganze Zeit über mich lustig macht, oder etwa nicht? Wenn ihr da beisammen sitzt in eurem verpafften Aufenthaltsraum, zwischen eurem Dreck und Gestank, prahlst du doch nur über mich rum!”

“Du spinnst ja völlig!”

“Schon wieder! Ich lasse das nicht zu, dass du mich für blöde hinstellst. Die ganzen Idioten glauben, dass ich dämlich sei, bin ich aber nicht; und du stachelst sie ewig an!”

“Ich glaube, du leidest ganz extrem unter Paranoia, oder was? Ich stachele die anderen an? Wie denn? Was tue ich denn? Guck´dich doch mal an! Du sitzt da allein an deinem Tisch, schiebst ständig die Dinge hin und her, glotzt immer zu uns herüber, stehst auf, setzt dich hin, stehst auf… was willst du? Glaubst du denn tatsächlich, du bist hier fehl am Platz bist? Es wird schon seinen Grund haben, dass du hier bist, wie es für uns alle einen Grund gibt, dass wir hier sind. Hör`gefälligst auf, andere für deine beschissene Lage verantwortlich zu machen.”

Er ging Schritt um Schritt zurück und plumpste dann auf sein Bett. Dann fiel sein Kopf nach vorn und schließlich sein gesamter Körper auf den Boden. Er fiel wie ein nasser Sack auf den Teppich und blieb erstmal liegen.
Ich fragte mich, was ich tun sollte, ob ich jemanden zu Hilfe holen sollte oder diesen Beamtenschreck einfach da auf dem Boden verkümmern lassen sollte. Ich stand auf, ging zu ihm hinüber, tippte ihn vorsichtig an die Schulter, rüttelte dann heftiger und als er sich nicht rührte, bekam ich doch Schiß. Wenn ihm nun das Herzelein stehen geblieben war? Oder er aufhören sollte zu atmen? Ich beugte mich etwas vor und lauschte auf regelmäßige Atmenzüge. Er lebte noch, war aber irgendwie weg getreten.

“Ey!” rief ich ihn an, “steh´auf und mach´hier nicht den Mitleidserreger, ja?”
Wieder tippte ich ihn an und er hob zu meinem Glück seinen Kopf, starrte mich entsetzt an und ließ den dicken Schädel wieder zu Boden fallen.

“Ey!” rief ich lauter, ” komm`hoch, ja? Ich habe keine Lust auf so eine Show. Ich denke, du bist völlig normal? Was soll denn das hier? Kriegt der harte Kerl jetzt seine Krise, oder was?”

Er rührte sich noch immer nicht. Langsam wurde mir die Sache zu blöd und ich griff nach meinen Zigaretten, kramte mir eine Zeitung hervor und ging hinüber ins andere Gebäude in den Aufenthaltsraum. Als ich dort eintraf tat ich ganz cool und erwähnte mit keinem Wort den Beamten, der nun in meinem Apartment stumm und steif wie ein Toter lag. Sollte der doch versauern, verkümmern oder nie wieder aufstehen, wen schert das schon? Vielleicht konnte man ihm eine Lektion erteilen, dass er zur Besinnung kam; dass er endlich begriff wie verrückt er ist.
Schon nach einer kleinen Weile bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich stand ohne ein Wort auf und einige Augenpaare glotzten mir seltsam hinterher. Ich rannte fast hinüber zum Apartment, riss dann dort die Tür auf und starrte auf den Kerl, der mittlerweile auf seinem Bett hockte und heulte wie ein kleiner Junge.

“Alles klar?” fragte ich ihn und ging auf ihn zu, griff an seine Schulter und beugte ihn etwas nach hinten, um in sein Gesicht sehen zu können.

“Das bleibt unter uns!” jammerte er.

“Sicher!” antwortete ich, ” ich habe keinen Grund das irgend jemanden zu erzählen, warum auch?”

“Okay!” sagte er und schniefte sich den Rotz hoch, “ich brauch` jetzt frische Luft, hast du Lust mit zu kommen?”

“Nicht unbedingt!” sagte ich; ich wartete auf´s Abendessen, hatte Hunger und wollte eigentlich lieber für mich sein, willigte aber doch ein und begleitete ihn hinaus in den Park.

Wir latschten gemächlich unter den Bäumen herum, blickten auf unsere Füße und niemand sagte etwas. Ich verstand noch immer nicht, warum der Kerl mich für einen Teufel oder was hielt oder gehalten hatte. Etwas war an mir, was ihm Angst machte, etwas, das weder er noch ich erklären konnten, und diese Angst hatte schließlich dazu geführt, dass der Idiot mal endlich los gelassen hatte, mal endlich seine Steifheit aufgegeben hatte und sich wie ein Mensch benahm.
Der Park war nicht sonderlich groß und wir marschierten im Kreis um eingefasste Beete auf einem gepflasterten Weg entlang. Ich zählte die Steine ab und dachte, wie immer wenn ich Steine sah, an Richard, diesen Steinsetzer, diesen Hünen mit seiner ewig guten Laune, der den Mädels hinterher pfiff und mit mir um die Wette gepflastert hatte. Der würde jetzt sicher zu hause auf der Couch liegen, die Fernbedienung in der Hand, seine Frau brächte ihm ein Bier oder so was und er würde seinen Feierabend genießen. Allerdings dachte ich auch daran, dass Richard immer noch bei seinem Job war, immer noch auf den Knien herum kroch und Steine in den Sand klopfte, wie damals, als ich ihm mitgeholfen hatte. Wie man so eine Tätigkeit nur über Jahre hinweg ausführen konnte, war mir schleierhaft.
“Was ist los?” fragte mich plötzlich der Beamte und schaute mich von der Seite an.

“Ach, nichts! Ich habe eben an meine Jobs gedacht. Die Steine hier erinnerten mich an einen Job, den ich mal als junger Kerl hatte. Ich war auf dem Bau, habe Steine in den Sand gehämmert, Bier und Korn gesoffen und Skat gespielt.”

“Aha!” machte der Beamte, ” Und?”

“Nichts und! Ich frage mich, wie man so einen Job bloß vierzig oder mehr Jahre aushalten kann!”

Wir waren wieder am Eingang angekommen, schauten uns kurz an und gingen weiter auf eine neue Runde.

“Hast du Lust auf ein Bier?” fragte er mich plötzlich und grinste.

“Wie? Ein Bier? Wo denn?” fragte ich zurück.

“Na, unten in der Stadt. Ich gehe manchmal da hin, um zu essen, weil mir das Essen in dieser Anstalt nicht schmeckt. Diese ganze Suppe, die da zusammen gekocht wird, ist oft zu eklig.”

“Eigentlich wollte ich keinen Alkohol trinken!” beteuerte ich ihm.

“Wir müssen uns ja nicht besaufen, oder? Nur ein, zwei Bier, zur Entspannung.”

“Okay! Dann los!” sagte ich.

146_ Die Plath´sche Glocke 16

Wir gingen also runter in die Stadt und suchten nach einer kleinen Kneipe, um ein oder zwei Bierchen zu trinken. Die Stadt lag mitten in den Vorläufern des Harzes und von der Klinik aus konnte man bei gutem Wetter fast bis zum Brocken blicken, dieses Bergchen im anderen Teil der Republik. Die Wege nach unten in die Stadt waren deshalb teilweise recht steil und als Fußgänger musste man dementsprechend aufpassen nicht auf die Fresse zu fallen. Besoffen wollte ich die wege wahrlich nicht abgehen und nahm mir vor höchstens zwei Biere zu trinken.
Wir fanden eine Kneipe, die das typische Ambiente einer konservativen Arbeiterkleinstadt ausstrahlte. Die Wände waren mit Holz getäfelt, auf den Tischen lagen häßliche bunte Decken, dazwischen gab es die übergroßen Aschenbecher und einen Plastikaufsteller mit Bierdeckeln darin.

“Da drüben!” sagte der Beamte und zeigte rechts vom Eingang zu einem freien Tisch hinüber.

“Wollen wir uns lieber an die Theke setzen?” fragte ich und sah mich um.

“Nee, keine Lust zwischen den Bauerntrampeln zu sitzen!”

“Haste auch wieder recht!”

Also nahmen wir den freien Tisch, hockten uns auf eine Bank am Fenster, das mit dicken Stoffgardinen zugehängt war und die ekelhaft stanken, platz. Wir warteten auf eine Bedienung oder ähnliches und derweil blickte ich nochmals in die Runde und besah mir die Gestalten vor ihren Biergläsern. An der Theke saßen vier Typen mit hängenden Schultern vor jeweils einem halbvollen Glas Bier und gellerten Korngläsern. Niemand sagte etwas. Aus einem Musikautomaten schredderten die FLIPPERS ihre Gitarrensaiten zu Brei und trällerten von irgendwelchen Weibern in Griechenland oder sonstwo und das der Kerl ja gern geblieben wäre, aber er nun Abschied nehmen müsste… zum kotzen diese Mucke. Hinter der Theke stand ein baumhoher Kerl mit Lederweste, also auch das typische Outfit für einen Kneipenbesitzer am Ende der Welt und passend zu seiner Einrichtung. Ich fragte mich, was ich hier verloren hätte und schaute dann zum Beamten hinüber, der sich sichtlich entspannt hatte und seine Manie wohl im Griff hatte, jedenfalls versuchte er nicht Ordnung auf dem Tisch zumachen, sondern blickte nur suchend auf jemanden, dem er endlich seine Bestellung entgegen posaunen konnte.
Als sich niemand rührte, rief er zum Wirt hinüber, ob wir denn zwei große Pils haben könnten. Der Wirt nickte und zapfte stumm die Biere.

“Großer Gott!” fing ich an, ” hier kriegste ja erst recht Depressionen. Kuck dir nur diese Hänger an; alle ausgelaugt, ausgebrannt und abgestorben. So verbringen die ihre Abende und wahrscheinlich auch ihren Lebensabend, oder?”

“Ich kann mir auch was besseres vorstellen, also jeden Abend in der Kneipe zu sitzen!” meinte der Beamte.

“Und dann diese Mucke?”

“Naja, die geht ja noch. Sind die FLIPPERS; glaube ich, oder?”

“Keine Ahung! Ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich sowas höre.”

“Wollen wir woanders hingehen?” fragte der Beamte.

“Nee, nee, egal!”

Die Biere kamen und der Wirt griff zu den Deckeln im Plastikständer, zückte zwei Deckel heraus, schmiss sie vor uns hin und stellte seine Gläser ab.

“Prost!” sagte er und drehte sich wieder um.

Wir prosteten uns zu und der Beamte verriet mir dann auch endlich seinen Namen, Heinz. Klar, dachte ich, wie auch sonst. Heinz hießen sie alle, die Arbeiter aus der Mittelklasse, manche Karl Heinz mit oder ohne Bindestrich; aber durchweg Heinz; eine Welt voller Heinzens. Ich erinnerte mich an die Gärtnerei, an Karin, an Richard, an den Typen vom Winterdienst, der seit Jahren mitten in der Nacht seinen LKW fuhr und dann kamen Erinnerungen an MARA hoch, die ich aber schleunigst verdrängte, weil ich keine Lust hatte mir vor Heinz die Blöße zu geben und vielleicht noch zu flennen. >Ich nippte an meinem Bier und wartete.
Plötzlich fing Heinz dann leise an zu quatschen und meinte:
“Weißt du? Ich war nicht immer so launisch und ekelhaft…” , er machte eine Pause und suchte wohl nach Worten, ” ich wollte eigentlich zur See fahren, auf einem Schiff anheuern und die Welt auf dem Meer befahren, aber meine Mutter ließ mich nicht. Ihrer Meinung nach sollte ich einen ordentlichen Beruf erlernen und meine Flausen im Kopf vergessen.”

“Zur See fahren?” fragte ich ungläubig.

“Ja, klar! Glaubst du vielleicht, ich wollte jemals so einen idiotischen Beamtenjob ausüben, wo man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und irgendwelche Formulare ausfüllt, Stempelkarussels dreht und diese Zettelwirtschaft auch noch in Leitzordner abheftet… ?”
Wieder machte er eine Pause und trank einen großen Schluck aus seinem Bierglas.
“Ich arbeitete in einer Versicherungsanstalt und hatte mit so Anträgen für irgendwelche Bezahlungen zu tun. Entscheidungen traf ich kaum, ich war nicht für eine Antragsbewilligung zuständig, sondern kontrollierte nur die Vollständigkeit der einzelnen Anträge. Jeden Tag blätterte ich die Zettel nur durch, ob die Anlagen J und P3 und die Anlage T-78-O5 vorhanden, sämtliche Blätter ordentlich unterschrieben waren, ob eventuell Unterlagen fehlten zur endgültigen Entscheidung über die Anträge und so weiter. Wer sich das nur alles ausgedacht hatte, musste schon einen Dachschaden haben.”

“Sehe ich auch so!” antwortete ich und bestellte noch zwei großer Biere.

“Abends komme ich nach hause zu meiner Frau, die sich seit unserer Hochzeit gewaltig verändert hat und mich kaum noch registriert. Neuerdings macht sie Entspannungübungen und Yoga, geht auf Veranstaltungen für Ernährungsberatung. Ich kriege nur noch Reformkost und Körnerfressen, das meinen schlechten Zähnen gar nicht bekommt. Wenn ich mal anfange ein Gespräch mit ihr führen zu wollen, blockt sie immer ab und meint, sie hätte jetzt keine Zeit, immer hat sie was zu tun und Sex gibt es schon seit Jahren nicht mehr, was mich nicht sonderlich stört, da ich jedes sexuelle Interesse an ihr verloren habe… ich frage mich aber, was das noch soll? Dieser Job? Diese Frau? Dieses Leben? Warum haue ich nicht einfach ab? Man sagt doch, es ist nie zu spät irgendwas zu ändern, oder?”

“Sicher!” antwortete ich, ” ist nur schwer uas so einem Teufelskreis heraus zu kommen,”

“Wenn man sowas nur vorher gewusst hätte, ich meine, dass mit der Frau und mit dem Job, da hätte ich doch nie geheiratet oder auf eine Stelle als Versicherungsangestellter hin beworben. Aber man weiß es nie vorher…”

“Und nun?” wollte ich wissen.

“Jetzt haben die über meinen Kopf hinweg entschieden, mich in einen Zwangsurlaub zu schicken, also die bei der Versicherung, weil ich angeblich zu häufig komische Dinge tat, so Selbstgespräche und dieses “Dinge verschieben”… ich kann es nun mal nicht ertragen, wenn auf meinem Schreibtisch Chaos herrscht, alles braucht seinen ordentlichen Platz, oder nicht?”

“Kann sein, ja! Aber wenn das zur Manie wird, wird´s kompliziert. Ich meine, dann könnte man ja ständig an den Gegenständen herum rücken; hier zum Beispiel: der Aschenbecher, steht der genau in der Mitte des Tisches? Oder die Decke, liegt sie so auf dem Tisch, dass alle vier Ecken gleich lang nach unten hängen, verstehst du?”

“Ja, ja! Ich verstehe. Ich bin auch schon soweit, dass ich fast überall nach meinen Kriterien aufräumen muss, selbst zu hause, was natürlich immer einen Streit mit meiner Frau hervor ruft, ist mir aber egal. Ich brauche das eben. Ich brauche das, um nicht völlig aus dem Ruder zu laufen!”

“Und deine Frau? Ich meine, sie hat zu gestimmt, dass man dich da oben einliefert?”

“Ja, sicher, sie ist wahrscheinlich auch froh, dass sie mich jetzt los ist, dann kann sie ihre blödes Reformkostfressen kochen und von morgens bis abends ihr Yoga machen!”

“Aber ich verstehe nicht, wie man das über deinen Kopf hinweg entscheiden konnte; so blöde bist du doch nun auch nicht!”

“Na ja, ich bin irgendwann im Schlafanzug in der Firma erschienen, hab es selbst gar nicht bemerkt; alle Leute glotzten nur doof und schließlich hat man meine Frau angerufen, sie in ihren Yogaübungen unterbrochen; die kam dann gleich ins Büro und redete mit dem Chef, dann rief man einen Krankenwagen und verfrachtete mich erstmal in ein Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht und der behandelnde Arzt sprach wieder nur mit meiner Frau und sagte ihr wohl, dass ich in psychiatrischer Behandlung gehöre. Die Firma beurlaubte mich, der Arzt besorgte einen Platz in der Neurologischen Anstalt und ich wurde mit dem Krankenwagen hierher gebracht. Keiner hatte nach meiner Meinung gefragt.”

“Und jetzt? Du könntest doch einfach gehen, oder nicht?”

“Klar! Aber jetzt will ich nicht mehr. Ich bin froh, meinem Job und auch meine Frau für eine Zeit lang los zu sein. Zwar gehen mir alle Insassen der Anstalt auf die Nerven, aber jetzt im Apartment ist es einigermaßen erträglich geworden. Wahrscheinlich werde ich irgendwann einfach abhauen, meine Sachen packen und verschwinden.”

“Wohin?”

“Mal sehen! Vielleicht löse ich mein Konto auf; ich habe einiges gespart; dann mache ich mich aus dem Staub.”

“Tja, warum eigentlich nicht! Es ist nie zu spät!”

Ich war leicht angeschlagen, der Alkohol stieg doch schneller zu Kopf, als vermutet und ich trank mein zweites Bier nicht aus. Heinz goss sich den Rest aus meinem Glas hinunter und dann stand er auf, um die zu bezahlen.

“Ich übernahme das!” sagte er und ließ keine Wiederrede zu. Ich nickte nur und wartete am Ausgang auf ihn. Auf dem Weg zurück in die Klinik blieben wir still, keiner hatte Lust noch viel zu sagen und ich dachte über Heinz`Geschichte nach. Da war mal wieder so ein demolierter Kerl, der sich zuerst durch eine völlig stupide Arbeit und dann noch von einer Frau hatte terrorisieren lassen, so lange bis er zusammen gebrochen war und verblödet in sein Büro gestiefelt kam, im Schlafanzug. Ich stellte mir die Situation vor und musste lachen.
“Was hast du?” fragte Heinz, als wir vor der Türe zur Klilnik standen.

“Ich stelle mir eben vor wie du im Schlafanzug in dieser akkuraten Versicherungsanstalt aufgetaucht bist, so mit strubbeligen Haaren und heraus hängendem Geschlechtsteil, hahaha…”
Heinz grinste über beide Backen und stiess die Tür auf. Am Empfang saß eine dicke Krankenschwester mit übertrieben geschmicktem Gesicht und schaute auf uns zwei, als seien wir Verrückte. Sie schüttelte ihren schweren Kopf und legte einen Finger an den geschlossenen Mund, wir sollten ruhig sein.
Heinz und ich gackerten und grinsten, weil wir wohl etwas betrunken waren, wegen der Schlafanzug-Aktion und weil wir tatsächlich verrückt waren.

147_ Die Plath´sche Glocke 17

Zurück blickend kann ich gar nicht mehr sagen, was denn nun der Klinikaufenthalt für meine seelische Verfassung getan oder nicht getan hatte. Ich sprach über meine Kindheit, meine Jugend, meine Zeit als Heranwachsender und entdeckte gemeinsam mit einem Psychologen eigentlich nur, dass die bisher vergangene Zeit, bis jetzt, ein einziger Kampf für mich gewesen war, meine Unsicherheit in den Griff zu bekommen, was aber nie wirklich möglich war, weil mir nichts und niemand Sicherheit geben konnte. Hinzu kamen Zweifel an meiner Person, die so gravierend waren, dass ich nicht mehr wusste, wer ich war und was ich überhaupt hier sollte. Alles in allem also Schöne Aussichten, die eine Zukunft eher düster malten.

Nach zwei Monaten in der Anstalt bewegte ich mich relativ frei und gelassen zwischen all den Hirnis und Aufpassern. Ich machte wie gehabt meine Entspannungsübungen, malte fleißig irgendwelche Bildchen, die hinterher analysiert und interpretiert wurden, ich quakte in der Gruppe über meine Belange, die, verglichen mit den anderen, aber einen ebenso großen Stellenwert bekommen hatten. Nachmittags hockte ich im Apartment, dudelte auf der Gitarre und dachte an Rosa, die mich auf einen heiklen Weg geschickt hatte, einen Weg voller Fragezeichen. Sobald ich angefangen hatte mal richtig nachzudenken, kam eigentlich nur eines ans Tageslicht, dass niemand, kein einziger Mensch auf dieser gesamten runden Kugel von irgendetwas irgendeine Ahnung hat. Keiner kann dir tatsächlich sagen, was das hier denn alles soll, aber alle haben sie ihre dämlichen Ratschläge parat, die dich nur noch mehr zweifeln lassen. Das, wenigstens, hatte ich begriffen.
Jedenfalls sollte ich nach zwei Monaten einen Urlaub antreten, eigentlich war es mehr ein Test, ob ich in der “Freiheit” wieder funktionieren würde; ich sollte nach hause fahren, für ein Wochenende und mich am Sonntagabend zurück melden für den letzten bevorstehenden Monat.
Also packte ich Freitags am Abend eine Tasche zusammen und fuhr mit dem Zug in meine Heimatstadt. Zuerst wusste ich nicht recht, wohin ich gehen sollte, besuchte dann aber erstmal meine Eltern. Schon als ich an der Tür stand und meine Mutter mir öffnete, ging das Geheule ihrerseits wieder los.

“Ach, mein Junge? Wie geht es dir? Hast du Hunger? Komm´ rein!” sagte sie und ging voraus. Eigentlich wollte ich sie umarmen, aber ich hatte begriffen, dass meine Mutter nicht eben die offenherzige Frau war und ließ sie voran gehen. Anscheinend fiel ihr nicht groß auf, dass es keine körperliche Umaarmung gegeben hatte. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und fragte:
“Ist er auch da?”
Mir “er” meinte ich natürlich meinen Vater. Er saß im Wohnzimmer und glotzte wie immer in die Röhre, den Sportsender in einer elenden Lautstärke. Auch er begrüßte mich nicht gerade herzlich, stand nicht mal auf, sondern griff zur Fernbedienung und machte noch lauter, als wollte er meinen Scheiß nicht hören, wobei ich noch nicht mal vorgehabt hatte ihm irgendwas von meinem Aufenthalt zu erzählen, Er konnte ganz beruhigt seine Sportsendung schauen. Bis auf ein kurzes “Wie geht´ s?” kam auch sonst nicht viel.
Wir saßen dann am Tisch und aßen etwas zusammen, redeten nicht viel, nur über die Zukunft und was ich denn nun machen wollte.
“Vielleicht gehe ich weg!” meinte ich, ” also in eine andere Stadt!”

“Und wohin?” fragte mein Alter und stopfte sich den Mund mit Schmalzbrot voll.

“Wahrscheinlich Berlin!” sagte ich.
“Einfach so? Du brauchst doch ´ne Wohnug, einen Job. Von was willst du das denn bezahlen?”

“Ich finde schon was! Aber ich muss hier raus. Ich kann die ganzen Leute nicht mehr sehen. Die Musik geht mir auf die Nerven. Alle reden immer nur von Erfolg und Berühmtheit. Mich kotzt das an!”

“Kann ich verstehen!” sagte er, ” aber die haben wenigstens Ehrgeiz, die legen sich ins Zeug; du… du hast doch noch nichts geleistet!”

“Nichts geleistet?” fragte ich mit etwas lauterer Stimme, ” ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr, habe eine abgeschlossene Ausbildung, habe zwei Jahre in einem Drei-Schichten- Betrieb malocht, morgens, mittags, abends; ich habe etliche Jobs gemacht, auf dem Bau, sonst wo und dann habe ich meinen Realschulabschluß nachgemacht und mein Abitur. Willst du mir sagen, ich habe noch nichts geleistet mit meinen fünfundzwanzig Jahren?”

“Reg´ dich doch nicht auf. So habe ich es nicht gemeint. Ich meinte, du hast noch nichts erreicht mit deinem ganzen Kram. Was bringt dir denn das Abitur? Du weisst doch gar nicht, was du studieren willst? Wozu das alles? Ich meine, du musst mal etwas auf die Beine stellen…!”

“So wie du, was?” fragte ich, ” Als Kraftfahrer umher kutschieren und ansonsten
rumbrüllen? Was ist denn das?”

“Du hast doch keine Ahnung!” prahlte er.

“Sicher, sicher, aber du, was?”

“Ich will jetzt die Sportschau kucken, also bitte!”

Er stand auf vom Tisch, schmiss sein Messer hin und trabte ins Wohnzimmer zu seiner geliebten Glotze, der alte Sack, der wollte mir sagen, ich habe nichts geleistet? Ich hätte ihm in diesem Moment gern eins in die Fresse gegeben, traute mich aber nicht. Erstmal war ich überhaupt kein Schläger und außerdem war mein alter Herr mal Mittelgewichtsmeister im Boxen gewesen. Der hätte mich damals mit einem Hieb umgehauen.
Früher, als ich etwa acht Jahre alt war, nahm er mich immer mit zum Training und Boxtraining ist mit das Schlauchenste was es so gibt: Springseil für die Kondition, Sandsack boxen, Liegestützen usw. Ich konnte hinterher immer nie meine Arme bewegen, ich kleiner Bursche. Aber gesagt hatte ich nie etwas, schließlich ist der Vater so was wie ein Vorbild, der zeigt einem das Leben und die Welt, denkt man. Ich dachte, wie immer, das müsste alles so sein; ich gehorchte.

Nach dem Essen verabschiedete ich mich von meiner Mutter, rief irgendwas ins Wohnzimmer und machte, dass ich da wegkam. Ich fuhr dann in meine Bude, wo es erbärmlich stank, dass ich alle Fenster aufreißen musste, die letzten zwei Monate hatte niemand nach meiner Wohnung geschaut, geschweige denn mal gelüftet. Dann hockte ich mich ans Telefon und rief Anna an, die Kleine aus dem Cafe, diesen Paradiesvogel mit ihren bunten Klamotten, vielleicht würde die mich ja etwas aufheitern können, wenn sie überhaupt Zeit für mich hatte?

148_ Die Plath´sche Glocke 18

“Hey Anna!” sagte ich, als sie am Telefon war, “hier ist Max!”

“Hey! Dass du dich mal wieder meldest? Was war denn mit dir los? Ich habe dich ja Wochen nicht mehr gesehen?”

“Ich war unterwegs!” log ich, weil ich ihr nichts vom Klinikaufenthalt sagen wollte; nicht aus Scham, sondern weil es sie nichts anging und weil ich außerdem keine Lust auf irgendwelche Debatten mit Frauen über meine seelische Konstitution hatte.

“Hast du Zeit heute abend!” fragte ich gleich und hoffte auf Abwechslung in meinem langweiligen Leben.

“Ich bin im Cafe, heute abend. Komm´ doch vorbei. Also bis Schichtende arbeite ich hinten in der Küche. Wir können ja hinterher noch was trinken gehen.”

“Toll!” meinte ich und wir verabredeten uns den Abend.

Ich haute mich auf mein Bett und stellte wie immer die Glotze an, zappte mich durch die Programme und wartete, dass die Zeit vergehen würde. Zu was anderem hatte ich keine Lust und war auch nicht fähig dazu. Weder konnte ich großartig was daher zeichnen, noch auf meinem Bass spielen, der mich mit seinem überlangen Hals anstarrte wie ein Alien. Draußen wurde es dunkel und ich latschte durch die Wohnung, ziellos. Die Glotze flimmerte ihr Blabla und ab und an blieb ich am Fenster stehen und blickte auf die Straße unter mir. Eigentlich, dachte ich, hatte sich nichts getan. Auch nach so einem Klinikbesuch kam man als Normalsterblicher zurück, war nicht in einen Adelsstand erhoben, hatte keine Schätze von unterwegs mitgebracht und auch sonst war man der Alte geblieben, nur vielleicht war man noch kritischer gegenüber dem Gesamtschlamssel da draußen geworden.
Die Autos fuhren mit ihrem JummJumm durch die Straßen. Die Menschen kauften und kauften und hetzten nach wie vor vor meinem Fenster auf und ab. Der Wind blies. Die Wolken flitzten durch den Himmel und alles war nur etwas älter und verfallener geworden, wie ich!
Gegen zehn Uhr stellte ich endlich den Fernseher aus, zog mir eine Jacke über und ging durch die Stadt zum Cafe hin. Ich konnte mir schon da die Blicke der Leute vorstellen, wie sie mich angaffen würden, als hinge mir ein Schild um den Hals: DIESEM TYPEN HIER BESONDERS AUF DIE NERVEN GEHEN. ER HÄLT SICH FÜR WAS BESSERES!
Als ich die Tür öffnete und ins Cafe trat, stand Anna am Tresen und ihr kleiner Hintern ragte dabei in die Luft. An den Tischen saßen die üblichen Verdächtigen und quatschten ihr Einerlei. Alle gafften natürlich auf mich; einige hoben zum Gruß die Hand und andere winkten sogar, ich solle mal an ihren Tisch kommen. Ich ignorierte sie und ging auf Anna zu. Sie trug wieder mal eines ihrer selbstgeschneiderten Kleidchen und sah ganz bezaubernd aus. Die Haare hennarot, die Augen geschminkt, die Beine in ulkige grüne Strümpfe gesteckt.

“Mensch Max!” begrüßte sie mich, ” du siehst ja aus wie ´ne Leiche!”

Dann umarmte sie mich und drückte mir ihre Lippen auf die rechte Wange. Mich überlief sofort ein Schauer.

“Na!” sagte ich kurz und bestellte mir ein Bier.

149_ Die Plath´sche Glocke 19

“Ich hab´nicht viel Zeit jetzt!” behauptete sie und trat etwas zur Seite, legte ihren Ellenbogen auf den Tresen und stellte sich seitwärts zu mir.

“Kein Problem!” meinte ich und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Bier. Ich hatte seit Tagen keinen Alkohol mehr getrunken und war ganz versessen auf eine kleine Dröhnung.

“Aber nach Feierabend können wir ja noch ´n bißchen quatschen, was?” sagte sie und schlürfte an ihrem Sekt. Anna trank eigentlich immer Sekt, es sei denn sie wollte sich richtig besaufen, dann griff sie auch schon mal zu Bier, was sie meist in meiner Gegenwart getan hatte. Vielleicht ertrug man mich ja nur völlig besoffen?

“Ist gut, ” sagte ich.

Anna trank ihr Glas leer, ging hinter den Tresen, wobei sie Richard, den Besitzer, etwas beiseite stieß, um sich Platz zu verschaffen, dann schaute sie nochmals zu mir, grinste seltsam, hob die Schultern etwas an, als freue sie sich über irgendwas und verschwand in der Küche.
Ich saß gelangweilt am Tresen und schaute mich um. Im Cafe war ein heilloses Durcheinander, wie immer eigentlich. Ein Kellner, der aussah, als käme er eben aus Indien von seinem Baghwan-Trip zurück, sauste mit Tabletts durch die Stühle, die so dicht beieinander standen, dass er immer wieder den Leutchen in den Rücken rempelte oder sich zwischen zwei Stuhllehnen hindurch drängte, indem er seinen schmalen Arsch vorwärts schob und sich fast im Kreise drehte. Er trug ein idiotisches Gewand in diesem Rot oder Orange, keine Ahnung. Um den Hals trug er diese Malakette mit dem Abbild des Heiligen aus den Slums da unten. Obwohl die ja wahrlich nicht in den Slums hausten, sondern abseits aller Hungerei und Armut in einem eigens geschaffenen Paradies. An den Füßen trug er nur Sandalen, die typischen Jesus Latschen eben. Er war dünn, hatte ein hübsches Gesicht und bei anderer Kleidung wäre er sicher als Model oder sowas durchgegangen. Sein Haar war natürlich lang und wedelte die ihm im Gesicht herum.

“Wo habt ihr denn den aufgegabelt?” fragte ich Richard, der mich noch gar nicht bemerkt hatte.

“Huch! Max? Hab´ dich gar nicht gesehen! Wie geht´s dir? Alles klar? Ach den? Der kam irgendwann hier vorbei und fragte nach ´nem Job. Wir kriegen ja kaum noch Leute und da haben wir ihn eingestellt. Er arbeitet für Essen und Unterkunft, schläft in der alten Kegelbahn hinten. Da hat er sich ein Lager gebaut und murmelt täglich irgendeine Scheiße vor sich hin. Manchmal ist er schon nervig, aber ansonsten fleißig. Und natürlich billig. Ben kauft ihm ab und an mal was zu futtern, weil der immer nur so Aldi- Scheiße frisst.”

“Was macht Ben?” fragte ich und bestellte noch ein Bier. Ich stellte Richard das leere Glas auf den Tresen und machte so mit der Hand, er solle nochmal nachschenken.

“Ben? Der ist jetzt unter die Hausbesitzer gegangen!”

“Hausbesetzer?” fragte ich nach und nahm das volle Glas entgegen

“Nee, nee, Hausbesitzer. Er war ja Teilhaber hier bei mir. Wir hatten das Ding hier zu zweit aufgezogen, dann hatte er plötzlich keine Lust mehr zum Wirt, hat sich auszahlen lassen und wohnt nun in diesem Mehr-Familien-Haus. Vier Wohnungen gibt es da, vermietet hat er noch nichts. Ulla, seine neue Flamme, hat ihm diesen ganzen Scheiß eingeredet, so mit Haus kaufen, vermieten und dann von den Einnahmen leben. Kennst ja Ben, wenn der ´ne Alte an der Angel hat, reißt er sich immer ein Bein aus. Ist kaum noch zu sehen hier.”

“Aha!” machte ich und blickte abermals in die Runde. Richard zapfte konzentriert ein Bier nach dem anderen, verfrachtete die Gläser allesamt auf Tabletts und ließ den Sannyasin laufen, dass die Sohlen Funken sprühten.

“Hast du mal Mara wieder gesehen?” fragte ich Richard, aber schon im gleichen Augenblick ging die quietschende Tür auf und da stand sie, Mara. Klein und zierlich, völlig in schwarze Klamotten gehüllt, als sei sie unter die Grufties gegangen und gaffte mich an wie ein Buschbaby, dem man mit einer hundert Watt Lampe in die Augen geleuchtet hatte.
Ich nickte ihr zu, bekam aber nicht mal einen stummen Gruß von ihr. Hinter ihr trat ein blonder Muskelmann ein und als sich Mara gleich wieder umdrehte, nachdem sie mich erblickt hatte, knallte sie gegen seinen Brustkorb. Der Typ glotzte nach unten zu Mara, fasste sie an die Schulter und ich sah, wie Mara irgendwas zu ihm sagte. Dann gaffte er auch noch zu mir hin, kniff die Augen zusammen und ich bekam langsam Angst, der Kerl wollte jetzt zu mir kommen und mich mal so richtig durch prügeln, weil ich Mara im Stich gelassen hatte. Obwohl ich sie nicht im Stich gelassen hatte. Ich wollte nur keine Familie oder eine enge, Beziehung zu einer Frau, na egal… es war bereits vergangen und vergessen, aber allem Anschein nach hegte Mara noch immer einen gewaltigen Hass gegen mich.

“Da ist sie doch!” sagte Richard nach einer kurzen Weile und zeigte mit dem Finger auf sie, doch sie drängelte sich an dem Muskelmann vorbei, der schlich ihr hinterher und raus waren sie.

“Ja, ja, hab´ich auch gesehen!” antwortete ich Richard, ” aber die hat wohl keinen Bock auf so einen wie mich?”

“Na ja, die hat eure Geschichte ganz schön breit getreten hier. Ich glaube fast jeder weiß hier, was da zwischen euch gelaufen ist. Ist mir aber egal! Ich sage immer, es gibt zwei in einer Beziehung und somit nicht nur einen Schuldigen. Aber das mit der Abtreibung war ja auch wirklich nicht so pralle, was?”

“Nöö, sicher nicht. Aber ich war bei ihr, habe da Händchen gehalten und so.”

“Ist klar!” sagte Richard und suchte den Inder oder was immer er war, außer Kellner.

“Und ich weiß auch ehrlich nicht, was ich da verbrochen haben sollte?” meinte ich.

” Ja, nichts. Was glaubst du wieviel Weiber denn schon eine Abtreibung hinter sich haben? Die soll sich mal nicht so anstellen! Ingrid hat zwei Mal abgetrieben und wir sind trotzdem noch zusammen, haben jetzt zehn Jahre auf dem Puckel!”

“Na klasse!” meinte ich etwas ironisch, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte nochmals mit einer Frau zusammen zu sein, schon gar nicht über zehn Jahre, das kriege ich nur die Krise.

“Nee, echt! Das läuft gut zwischen uns!” redete Richard weiter, “Ingrid und ich wollen einfach keine Kinder, diese “Aletesäcke”, diese unbeholfenen Winzlinge machen einen doch nur das Leben zu Hölle, ständig…”

“Ist gut Richard!” sagte ich, ” ich will auch keine Kinder. Bis die groß sind kannst du nur malochen, um Verantwortung zu zeigen und deine gesamten Ambitionen auf Eis legen. Brauch´ich nicht!”

Wenn es um Kinder ging war man bei Richard immer an der richtigen Adresse, wenn man sich überzeugen lassen wollte, dass diese Halblinge die absolute Fehlkonstruktion waren. Jedes verdammte Tier, sagte er, kommt auf die Welt und ist schon beinahe ausgewachsen, nur die Menschenkinder brauchen Jahrhunderte bis sie mal allein auf´s Klo gehen können. Ich hatte aber keine Lust auf solche Diskussionen mit ihm und rutschte vom Stuhl runter.

“Ich geh´mal zu Anna, nach hinten, ja?”

“Ja, ja! Mach´man!” sagte er und grummelte sich irgendwas in den Bart. Ich verstand ihn aber nicht, weil ich bereits neben Anna stand und sie beobachtete wie sie einen Topf Suppe erhitzte, wie sie kleine Baguette-Brötchen aufbackte, mit Salat, Käse und Salami belegte und das alles recht flugs. Dann läutete sie ihre kleine Glocke, die oben auf einem fettigen Regal lag und schrie nach draußen, dass Tisch sowieso fertig sei.

“Ich hab´echt kaum Zeit!” sagte sie und war schon wiede dabei irgendein Brötchen aufzuschneiden und in den Backofen zu schieben.

“Ich habe keine Lust da draußen zu sitzen!” meinte ich, ” ist mir zuviel Trubel eben. Kann ich nicht einfach hier bleiben? Wir brauchen ja gar nicht reden! Ich setz´mich da hin!” Ich zeigte auf einen Schemel, der an einer Wand stand, ” und dann glotze ich einfach nur auf deine grünen Beine, wie die hin und her flitzten, ja?”

“Okay!” antwortete sie und lächelte, “aber nicht nerven!”

150_ Die Plath´sche Glocke 20

Ich blieb still und stumm auf dem Stühlchen an der Wand hocken und schaute auf die grünen Beine von Anna. Sie raste durch die Küche, griff hierhin und dorthin, langte nach irgendwelchen Töpfen, die sie auf einem Miniaturherd abstellte und erhitzte; sie drückte ständig den Startknopf der Mikrowelle und stellte fertige Speisen an den Ausgang der Küche auf eine Theke.

“Wo warst du denn die letzte Zeit?” fragte sie mich und schöpfte eine dicke Suppe in eine Terrine.

“Unterwegs!” lächelte ich sie an.

“Wie? Unterwegs? Wo denn? Im Urlaub, oder was?”

“Nee, eher sowas wie eine Erholung. Für einen Urlaub habe ich ja nie genug Geld, weißt du doch. Ich war im Harz, in so einer Klinik; bin da noch und habe nur Wochenendausgang.”

Eigentlich wollte ich Anna nichts von meinem Aufenthalt erzählen, aber irgendwem musste ich ja mal anvertrauen, dass ich die letzten zwei Monate in der Klapsmühle war und immer noch bin. Aber Anna hörte nur mit einem Ohr zu und wuselte ansonsten zwischen ihren Essensvorbereitungen herum.

“Aha!” machte sie deshalb auch bloß und verfrachtete einige gefüllte Terrinen auf den Ausgabetresen.

“Und du und Joe? Wie läuft´s so mit euch beiden?”

“Joe?” fragte sie und der Klang ihrer Stimme sagte mir gleich, dass ich ihn nicht hätte ansprechen sollen.

“Joe ist mit so einer Minderjährigen zusammen, jedenfalls glaubt man das, wenn man das Weibchen sieht. Er hat mir von einer Nacht mit ihr gebeichtet, hab´ihn dann gleich vor die Tür gesetzt und nun kommt er ständig an, um sich zu entschuldigen. Aber glaub´mal nicht, dass er die Kleine sausen gelassen hat. Wahrscheinlich vögelt er sie noch!”

“Schlimm!” sagte ich nur und versuchte meine Freude über diesen Umstand zu unterdrücken. Anna solo! Sie hatte es mir schon immer angetan, aber ich stellte mich nie zwischen Joe und sie, dazu war ich zu feige. Schon im gleichen Moment allerdings, verdrängte ich den Gedanken, dass ich eventuell mit Anna etwas anfangen könnte. Ich und Anna? Absurd. Mein altes Dilemma hatte ich bisher noch nicht ablegen können; mein Mut, die Frauen, die mich interessierten auch anzusprechen war gleich Null. Naja, und Anna würde nie von sich aus auf mich zukommen, dessen war ich mir sicher.

“Ach, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich bin endlich mal wieder befreit von einer Zweierbeziehung und tue, was ich will, ohne ständig das Gefühl haben zu müssen, ich verletze jemanden mit meinen Taten oder Worten. Ich bin ganz froh damit.”

“Wer ist denn die Kleine?”

“Die Kleine? Kennst du sicher auch! Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft hinten in diesem Studentenviertel. Die hängt sich an jeden ran, soweit ich weiß. Keine Ahnung, was die vor hat, aber glaub´mir, Joe wird sie auch bald durchschaut haben!”

“Ich kenne keine aus dem Studentenviertel!” antwortete ich, während ich auf die grünen Strümpfe von Anna glotzte. Ich sah nicht nur so beiläufig auf ihre Beine, sondern gaffte wie ein Hungernder nach einer Mahlzeit, was ihr natürlich auffiel.

“Was ist? Zu doof das Grün?” fragte sie und schaute an sich herab.

“Um Gottes Willen!” sagte ich gleich, “toll, ich meine die Farbe… und natürlich die Beine.”

“Na ja, bestimmt kommt Joe nachher wieder rein und will mit mir reden. Bleibst noch hier?” Sie schaute auf die Wanduhr und sprach weiter: ” Eine Stunde noch, dann können wir ja nach vorne gehen.”

“Ich habe nichts vor.” meinte ich wahrheitsgemäß und ärgerte mich, dass Anna überhaupt nichts wegen meines Komplimentes an ihre Beine gesagt hatte. So was ignorierte man bei mir immer. Egal, was ich auch sagte, wieviel Beweise eines Interesses ich auch zeigte, ich war Luft für Frauen.

Ich ging zu Richard und besorgte mir ein großes Bier, was mir vielleicht mehr Mut geben würde, Annas Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach den zwei Monaten war ich tatsächlich ausgehungert und hatte große Sehnsucht nach weiblichen Düften, nach zarter weicher Haut, nach langen Haaren, die wirr auf Kopfkissen liegen, nach der Wärme umschlungerner Körper.

“Willst du auch was trinken?” fragte ich Anna im Hinausgehen.

“Ein Bier! Ich nehme ein Bier!”

Mit zwei Gläsern kam ich gleich wieder zurück zu ihr und stellte ihr Glas auf ein Regal an der Wand, wo sich etliche Schüsseln, Teller und Töpfe befanden. Anna stand links neben mir und rührte wieder mal eine Suppe an, irgendwas Türkisches mit viel Gemüse. Es roch verlockend, aber mein Hunger konnte meinen Appetit nicht überzeugen. Schon seit Tagen aß ich kaum noch etwas; morgens mal eine Brötchen, mittags gar nichts und abends trank ich Wasser und mittlerweile wieder Bier oder Härteres.
Als die Stunde endlich um war und Anna und ich am Tresen saßen und uns zuprosteten, kam dann Joe herein und stürmte wie ein Irrer auf Anna zu. Ich hielt mich mit Abstand und Anstand von ihr fern, nickte, wenn sie von ihren Berufswünschen erzählte und dem Vorhaben die Stadt zu verlassen, um irgendwo ja, neu anzufangen. Ich sagte wenig und blieb auch dann stumm, als Joe bei ihr stand und sofort losredete.

“Anna! Schön dich zu sehen. Ich habe schon ein paar Mal bei dir angerufen, aber du gehst ja nicht mehr ans Telefon. Können wir nicht irgendwo anders hingehen und nochmals reden, bitte, Anna, laß´uns reden, ich weiß, ich habe dich verletzt, aber ich will…”

“Joe, bitte!” ermahnte Anna Joe, “ich will und ich kann nicht. Ich bin mit Max hier und du störst nur. Ich habe auch gar keine Lust mit dir zu reden. Was willst du mir denn sagen? Dass du diese Kleine nur gevögelt hast, nichts empfunden, was, so die typische Leier? Brauch´ich nicht, Joe. Hau´einfach ab und laß mich in Ruhe, ja. Geh´!”

“Ach, Max, was? Ich habe doch gewusst, dass ihr beiden schon lange aufeinander scharf seid. Ich habe das doch gemerkt damals. Und du hast mir erzählt, da war nichts! Da ist nichts! Na, dann brauche ich ja kein schlechtes Gewissen zu haben, was?”

“Nee, Joe, brauchst du nicht! Ich vögele schon lange mit Max!” log Anna jetzt und war sehr zynisch, “mach´dir also keine Gedanken, du hättest jemandem weh getan. Ich vögele ständig mit anderen Kerlen herum, aber das merkst du ja nicht, weil du mit deinen Minderjährigen beschäftigt bist. Und nun hau´endlich ab!”

“Hab´ich´s doch gewusst!” sagte Joe und grinste, ” und du Max, du Arschloch, hast mich auch betrogen!”

Ich wollte erst antworten, aber Anna stieß mir gegen mein Bein und blickte mich ganz kurz an. Also hielt ich meinen Mund und ließ Joe in dem Glauben, schöne Vorstellung für mich, ich hätte mit Anna ge…..t! Joe drehte auf dem Absatz um und verließ so rasend schnell das Cafe wie er auch schon hereingestürmt war.

“Was sollte das?” fragte ich etwas, aber nur etwas, entrüstet, “wieso hast du ihn denn angelogen? Du hast doch nie mit irgendwelchen Typen rumgemacht, oder? Na, und mit mir nun schon gar nicht!”

“Nein, Max, mit dir nicht!” Anna sah traurig aus. Ihr Blick hatte sich verschleiert und die freudigen Gesichtszüge wichen einem verstörtem Ausdruck. Ihre Augen glänzten wie große Sterne, dachte ich, aber gleich würde sie wohl losheulen.

“Was heisst denn das?” bohrte ich weiter.

“Na, mit dir habe ich es nicht gemacht, aber…!”

“Echt? Hast du Joe hintergangen? Hätte ich jetzt nicht gedacht.”

151_ Die Plath´sche Glocke 21

“Was hättest du nicht gedacht? Dass ich mit anderen Männern ins Bett gehe? Wieso denn nicht? Du hast ja keine Ahnung wie das mit Joe ist… oder war! Ich konnte ja kaum noch aus dem Haus oder der Wohnung gehen, ohne dass er mir nachspioniert hat. Selbst als ich mit Lisa zum Konzert fuhr, an einem Wochenende, da hatte ich ihm gesagt, ich wolle allein fahren, also nur mit Lisa und er sagte auch, dass gehe schon in Ordnung, er würde dann eben mit seinen Kumpels irgendwas machen. Ich fuhr mit Lisa also zu diesem Konzert….!

“Welche Band denn?” fragte ich, weil es mich tatsächlich interessierte, welche Musik Anna so hörte.

“Ist doch egal jetzt!” sagte sie und ihre Augen verwässerten langsam, “jedenfalls fuhr Joe mir nach. Aber glaub´nicht, dass wir uns gesehen haben. Der hat mich richtig beobachtet da auf dem Konzert. Ich habe das gar nicht mitgekriegt und als Lisa mir dann später erzählte, dass Joe auch dort war, binich ausgerastet und habe ihm gesagt, dass ich es mit ihm nicht mehr aushalte. Der folgt mir auf ein Konzert, um heraus zu kriegen, ob ich was mit anderen Männern habe, idiotisch ist doch das. Außerdem fordert er es doch damit regelrecht heraus.”

“Ich weiß nicht.” sagte ich und nippte an meinem Bier, “kann ja sein. Ich meine, ich hätte nur nicht gedacht, dass du sowas tust.”

“Wie? Sowas tust? Tut doch jeder! Als du mit Mara zusammen warst, hast du da nicht mit anderen Frauen rumgemacht?”

“Nöö! Ist komisch bei mir; wenn ich mit einer Frau zusammen bin, dann interessieren mich die anderen gar nicht mehr. Weiß auch nicht, warum das so ist. Ja ja, ich kann auch kaum mit einer Frau ins Bett, die ich mal ´n paar Minuten kenne, da passiert nichts bei mir. Als ich in Italien war, da gab es diese seltsame Frau, die mich ständig anmachte und unbedingt mit mir ins Bett wollte. Ich habe das ignoriert, aber nach einer Woche oder so, bin ich mit ihr ins Bett gestiegen… wenn ich daran denke, wird mir heut´noch schlecht.”

“Siehste! Jeder macht das. Sogar du, du Unschuldslamm!”

Das Cafe leerte sich mehr und mehr, weil es Zeit wurde für all die Nachtstreuner auf Tour zu gehen. In Rudeln zahlten sie ihre Zechen und eilten hinaus in die Nacht, in die Discos und Danceschuppen der Stadt.

Wird langsam ruhiger hier!” bemerkte Anna und bestellte trotzdem noch zwei Budweiser bei Richard.

“Wie lange wollt ihr denn noch machen?” fragte der und wischte andauernd über seinen Chrom-Nickel Tresen, als hätte er einen Putzfimmel.

“Mal sehen, Richard. Willst du Feierabend machen?” fragte ihn Anna und lachte.

“Natürlich! Was denn sonst? Guckt euch um, die Leute hauen alle ab und gehe auf die Piste. Was soll ich noch hier rumhängen?”

“Ich kann den Laden dicht machen!” meinte Anna und kramte aus ihrer selbstgenähten Tasche ein Schlüsselbund hervor, dass sie vor seiner Nase herumwedelte.

“Warte mal!” antwortete Richard und überlegte sichtlich, “warum eigentlich nicht? Oder besser noch, wir machen den Laden jetzt zu und ich hau´mich auf´s Ohr. Ihr könnt hier ruhig noch hocken bleiben, nur später alles ausmachen und nicht vergessen abzuschließen.”

“Klar! Machen wir!” sagte Anna und schaute mich fragend an. Ich nickte ihr zu und wir begleiteten Richard zur Tür, schlossen diese hinter ihm zu, löschten die Lichter im Cafe, nur eines ließen wir brennen, das am Tresen. Dann holten wir zwei Stühle hinter diesen und hockten uns vor den Kühltresen, der mit Budweiser Flaschen aufgefüllt war. Anna öffnete eine Tür, schaute wieder auf mich und lächelte schon wieder, als wolle sie mich fragen, ob ich denn geug Ausdauer hätte, die sie wohl jetzt hätte und dass es an Vorrat nicht mangeln sollte. Stumm gab ich ihr zu verstehen, dass ich in der richtigen Stimmung für ein kleines Saufgelage mit ihr war. Anna holte erneut zwei Flaschen aus dem Schrank, öffnete eine und reichte sie mir.

“Erzähl´mal,” fing sie unser Gespräch an, “wo warst du denn nun wirklich?”

“Ach, ich habe mich entschlossen eine Therapie zu machen und bin seither in einer Klinik im Harz. Aber bisher gibt es da nicht viel zu sagen, überall Verrückte, die sich das Leben nehmen wollen und die Ärzte und Psychologen versuchen krampfhaft sie von dem Gegenteil zu überzeugen, indem sie manche mit Medikamenten vollstopfen und andere zu lallen, woher denn ihre Qualen herrühren.”

“Hört sich nicht entspannt an!” antwortete sie und gackerte schon ziemlich betrunken.

“Als ich da ankam, gab es erstmal zur Begrüßung gleich den ersten Selbstmord; irgend so ein Idiot, der nur Kohle im Kopf hatte und Rechnungen und so was, schmiss sich an meinem zweiten Tag gleich vor einen Zug. Aber mich hat das nicht sonderlich tangiert…”

“Ist ja richtig aufbauend, sowas?”

“Genau!”

Anna war nun wirklich besoffen und sagte, wir sollten doch in eine bequemere Haltung gehen, als so steif auf dem Stuhl zu hocken. Wir rutschten beide von den Stühlen auf den kalten Boden, lehnten mit dem Rücken an dem Kühlschrank und Anna ließ ihren Kopf auf meine linke Schulter nieder sinken.

“Ich glaube, ich bin betrunken!” stellte sie dann fest, “kannst du mich nach hause bringen?”

“Sicher!” meinte ich und dann ging es los in meinem Hirn; Anna nach hause bringen, Anna ins Bett bringen, Anna ausziehen, Anna streicheln, Anna im Arm halten, Anna, hier und Anna da; es rotierte und ich fragte mich, ob ich diese Gelegenheit wirklich ausnutzen durfte, um mich an Anna ranzumachen…wenn sie mich überhaupt ließe? Meine Einbildungskraft überstieg häufig die tatsächliche Realität und ich sah mich bereits in ihren Armen liegen, obwohl ich eigentlich hätte wissen müssen, dass Anna ja nun gar von mir wollte. Oder etwa doch? Vielleicht ja? Was dachte sie nur gerade?
Ich half ihr auf die Beine, griff dabei grob unter ihre Achseln und zehrte sie in die Senkrechte. Sie taumelte, stützte sich an meinem Arm ab, lachte, grinste und sah bezaubernd aus in ihren grünen Strümpfen. Ich verfrachtete sie auf einen Stuhl und sagte, sie solle dort sitzen bleiben und nicht umfallen.

“Mann, mir ist schlecht” behauptete sie dann und ihr Kopf fiel nach vorn. Ich löschte in der Küche das Licht, vergewisserte ich, dass die hintere Tür verschlossen war und stand dann wieder neben Anna.

“Schaffts du es?” fragte ich sie und fasste sie erneut an den Armen, um sie hoch zu ziehen.

“… mal seh´n!”

Wir torkelten zur Tür, wo ich sämtliches Licht im Cafe löschte, dann kramte ich aus ihrer Tasche, die Schlüssel, sperrte die Tür zu und wair standen auf der Straße. Es war etwa zwei Uhr nachts. Die Lichter der Stadt brannten wie Meteore, die auf die Erde nieder gehen wollten. Überall eilten Menschen an uns vorüber und suchten ihr Vergnügen. Mit Anna im Arm ging ich durch sie hindurch und fühlte mich verloren, miserabel und völlig überfordert.

152_ Die Plath´sche Glocke 22

Es war gar nicht so einfach Anna auf den Beinen zu halten; sie torkelte tatsächlich hin und her und stolperte neben mir wie ein wackeliges Huhn.

“Mann, ist mir schlecht!” hörte ich sie dauernd blubbern und langsam wurde mir auch schlecht von ihrer Watschelei.

“Willst du kotzen?” fragte ich sie und guckte sie von der Seite an, um ihre Reaktion im Gesicht zu sehen, aber da würgte sie schon irgendwelche Innereien hoch und drehte ihren Kopf abrupt zu mir.

“Scheiße, mann! Anna!” brüllte ich, “nun kuck dir das an; du hast mich völlig angekotzt, hättste denn deinen Kopf nicht in die andere Richtung drehen können?”
Sie antwortete nicht, sondern würgte nochmals und diesmal ging sie in einen Hauseingang und die Scheiße pladderte da auf den Gehweg. Sie kramte dann in ihrer Tasche und suchte wohl nach einem Tuch oder so was, fand aber nichts und dann schrie sie zu mir:
“Max, ich brauche was zum abwischen!”

“Such´dir halt was!” sagte ich zurück, weil ich genervt war und außerdem stank wie ein alter Koyote, “ich brauch´auch irgendwas, ich stinke wie ´ne alte Sau!”

Anna hatte sich völlig bekleckert und wischte nun mit ihrem Schal oder Tuch die Essensreste vergeblich ab. Da standen wir dann beide, stinkend und bepisst wie zwei Penner, die sich nicht mehr unter Kontrolle hatten, wobei ich immerhin noch alles drin behalten hatte.
“Wir müssn jetz ssu mir!” lallte sie und stützte sich an der Hauswand ab, “ich will duschn un inss Bett!”

“Klar!” sagte ich, “aber ich brauch auch etwas Wasser, am besten noch Seife oder laß´uns die ganzen Klamotten am besten gleich in die Reinigung bringen!”

“Inne Reinigungg?” lallte sie weiter.

“Das war ein Witz, Anna; ich muss aus meinen Stinkeklamotten raus. Also gehen wir zu dir. Kannst du noch? Oder soll ich dir helfen? Wobei, nachher kotzt du mir nochmal ans Hemd! Geht es?”

“Jaaa…” kicherte sie jetzt und setzte sich in Bewegung.
Es war witzig, trotz der ganzen Kotze, die wir an uns hatten und irgendwann musste ich dann auch lauthals loslachen. Anna watschelte noch immer und konnte kaum auf dem Weg bleiben. Sämtliche Leute, die uns entgegen kamen, rempelte sie an, wobei die dann kreischend sofort von ihr wichen und brüllten, ich solle mal den Stinkehaufen nach Hause bringen, am besten gleich in die Wanne verfrachten und abschrubben. Und obwohl wir ziemlich angetrunken waren und Anna in ihrem Zustand nun wahrlich nicht die weibliche Pracht darstellte, die ich mir nun gewünscht hätte, wollte ich sie doch so schnell wie möglich in ihr Heim begleiten, um sie in die Wanne zu legen.

Bei ihr zu Hause riss sich Anna sofort die Klamotten vom Leib und stand fast nackt im Flur. Die Kleidung schmiss sie sich vom Fuss und wedelte sie in der Gegend herum, dass sie beinahe stolperte und sich nur mit Mühe auf einem Bein hüpfend an einem kleinen Tisch festhalten konnte. Ich konnte nicht von ihr lassen, wie sie in Unterwäsche durch die Wohnung hüpfte und immer ein Kleidungsstück mehr von sich warf. In ihrem Rücken bückte ich mich, sammelte die Kleidung auf und verfolgte sie bis ins Bad, wo sie den Duschvorhang fast von der Stange gerissen hätte, weil sie das Gleichgewicht verloren hatte und ohne meine Hilfe wohl nach vorn in die Glaskabine gefallen wäre. Ich fasste sie recht ungeschickt, weil ich sie eigentlich nicht berühren wollte, doch meine Hände glitten tatsächlich unbeabsichtigt an ihren Brüsten empor.

“Hey hey hey!” machte sie dann auch.

“Tut mir leid! Das war bestimmt keine Absicht. Ich wollte dir nun helfen. Kommst du allein klar, dann gehe ich jetzt mal ins andere Zimmer, ja?”

“Ich werd´ja wohl noch inne Dusch kommnnn…!” prahlte sie und war nun gänzlich unbekleidet, “raus hier jetzte!” befahl sie und ich gehorchte. Ich ging mit den Klamotten unterm Arm, die elendig stanken in die Küche und warf sie dort in die Waschmaschine. Dann zog ich meine Sachen aus, bis auf die Hose und Socken und warf auch diese hinein, suchte Waschpulver, stellte ein Programm ein und saß dann ziemlich angepisst auf einem Küchenstuhl. Betrunken war ich nicht, also suchte ich nach etwas Alkoholischem und fand im Kühlschrank noch einige Dosen Bier, griff mir erstmal zwei heraus, öffnete eine und trank in großen Zügen. Ich wusste, dass Anna nicht rauchte und so ging ich auf einen kleinen Balkon, der nicht größer als ein Trittbrett war, paffte dort , währedn ich die Tür im Rücken fest hielt und starrte wieder mal in den Sternenhimmel; diesen endlosen Scheißglänzenden, verkackten Himmel, der mir immer wieder weißmachen wollte, dass es Hoffnung gab, dass die Möglichkeit auf eine Linderung von was auch immer bestand, dass dort nichts geschrieben stand, was man nicht hätte umschreiben können und dass ich doch verdammt noch eins selbst dafür sorgen musste Glück zu finden. Diese blöden Sterne standen da oben und strahlten und strahlten, ohne Sinn, ohne Zweck, einzig nur allein, um uns unsere Sehnsucht vor Augen zu führen und …
Anna kam in die Küche. Sie duftete nach Rosenshampoo und Feuchtigkeitscreme. Ihre Haare versteckten sich unter einem weißen Handtuch und sie sah aus wie in einem amerikanischen Film. Sie trug nur einen Bademantel in weiß und komische Hauspantoffeln mit jeweils einem dämlichen Gesicht drauf.
“Willst du auch?” fragte sie mich und ich dachte, willst du auch? Willst du auch? Willst du auch? Willst du auch? Willst du auch? Willst du auch? Es hörte nicht auf, wie ein Sprung auf einem alten Langspielplattenspieler, dessen Nadel sich nicht forbewegen wollte und immer an der selben Stelle die Mucke oder was auch immer abdudelte. Keine Ahnung, warum ich mich das ewig fragte. Wohl dachte ich daran, was es hier geben würde, wenn ich unter die Dusche ginge, dann mit einem Handtuch bekleidet in Annas Zimmer auftauchen würde, sie die Decke beiseite schlagen würde und mich zu sich einladen wollte. Dann dachte ich an die vielen Macker, die sie schon unter ihre Decke eingeladen hatte und dass ich nur einer unter etlichen wäre, aber das war mir dann doch egal; ganz egoistisch stakste ich unter die Dusche, brauste mich heiß ab, nahm das Handtuch, ging in Annas Zimmer, sie schlug die Decke zurück, war nackt und bot mir ihren Körper an, ich ließ das Handtuch fallen, griff noch eine Dose Bier oder zwei, um mich dann in ihre Arme zu legen. Warum denn nicht?

153_ Die Plath´sche Glocke 23

Die verbliebene Nacht mit Anna verbrachte ich damit mich irgendwie in den Schlaf zu summen, denn trotz Annas Einladung in ihr Bett und meinen freudigen Erwartungen auf einen Beischlaf, war sie natürlich nach kurzer Zeit schon eingepennt und rollte sich in ihrem Delirium hin und her, stöhnte und gab andere komische Laute von sich, dass ich nicht einschlafen konnte und mich dann auch noch fragte, was ich denn hier nun wieder tue. Wenn ich schon mit einer Frau im Bett lag, musste sie selbstverständlich entweder besoffen oder anderweitig im Koma liegen, nur dass ich nicht auf die Idee kommen würde, ich dürfte mich nun mal an einem weiblichen Körper laben. Im Halbdunkel stand ich auf, ging zum Kühlschrank und besorgte mir noch was zu trinken, köpfte eine Dose Bier und zog mich dann an, um dieses Jammertal zu verlassen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich nun hin wollte. Ich stromerte durch die leeren Straßen, begegnete einigen Nimmersattsäufern auf ihren Wegen sonst wohin und beschloss dann schleunigst meine Tasche zu holen, zum Bahnhof zu latschen und mich auf die Reise in bekanntere Gefilde zu machen.
Auf dem Bahnhof herrschte absolute Stille. Es war Sonntagmorgen und kein Mensch wollte irgendwo hin fahren, außer mir. Ein Kioskbesitzer kramte die Tageszeitungen aus den Folien und schleppte sie in den nach Tabak duftenden Verkaufsraum. In einem Stehimbiss wienerte eine dicke Frau den blanken Boden noch blanker und redete dauernd vor sich hin. Ich verstand sie nicht und machte auch keine Versuche, sie verstehen wollen, weil es eh die üblichen Flüche der Arbeiterleutchen gewesen wären, in die ich nun kaum noch mit einstimmen konnte. Dann kam die Müdigkeit und ich hockte mich auf eine Bank im großen Warteraum, der nach kaltem Rauch stank. In einer Ecke lag ein schäbig gekleideter Kerl, dessen Bart völlig verrotzt und vergilbt war. Er schnarchte so laut, dass es von den Wänden widerhallte. Mein Kopf sank hinab und ich döste, während ich auf meinen Zug wartete.

Kaum war ich in der Klinik angekommen, haute ich mich ins Bett und schlief etliche Stunden. Am Nachmittag kam Bernd vorbei und wollte wissen, was ich so am Wochenende angestellt hatte. Er war immer noch mit Medikamenten vollgedröhnt und kullerte mit seinen Augen.
“War wohl ´ne anstrengende Nacht, was?” fragte er mich und glotzte zu mir ins Bett herab.

“Mann, was willst du denn? Lass´mich schlafen.”

“Es ist bereits Nachmittag und du solltest dich mal sehen lassen, sonst denken die noch, du hättest sowas wie einen Rückfall.”

Ich wälzte mich in die Decke, zog sie bis zum Hals hoch und starrte ihm in die blöden Augen.

“Ist mir doch egal! Die können doch denken, was sie wollen. Meinetwegen sollen sie mich in die Intensivtherapie stecken oder sonst wohin. Ich bleibe heute liegen, habe einiges nach zu holen.”

“Was denn nachholen?” wollte Bernd wissen und zog sich einen Stuhl unter den Hintern. Ich sah kurz zum gegenüberliegenden Bett und suchte nach Heinz.

“Der?” meinte Bernd, “den wirst du vergeblich suchen.” Er grinste wieder sein schelmisches Grinsen, als sei die Situation, um die er wusste, mehr als lächerlich.

“Was iss´n mit ihm?” fragte ich ihn schlaftrunken und doch irgendwie wach, weil ich fast ahnte, was jetzt kommen würde.

“Vierter Stock, gestern nacht, Fenster auf und raus damit, haha…”

“WAS?” schrie ich und wühlte die Bettdecke von mir.

“Klar, der ist gestern aus´m Fenster gesprungen und knackte auf wie so eine verdammte Kokosnuss; sämtliche Teile seines Körpers spritzten nur so in der Gegend herum; der Kopf platzte ihm weg und der Irrsinn schwamm über die Steinplatten…”

“Scheiße, mann, das nervt hier ja noch mehr, als da draußen. Schon wieder einer! Hat er denn irgendwas gesagt, hinterlassen oder so?”

“Nichts! Abschied ohne Worte. Am Morgen waren sie noch mit dem Wegkarren seiner Überbleibsel beschäftigt und nun herrscht hier Hochstimmung, sag´ich dir. Sämtliche Ärzte und Psychologen sind in einer großen Zusammenkunft. Solltest mal seine Psychologin sehen, die wurde aschfahl im Gesicht, als sie davon hörte.”

“Scheiße, Bernd, woher weißt du das denn alles?”

“Ich halte nur die Augen offen.” Er kullerte blöde mit seinen Augäpfeln und tat auf noch blöder als er schon war.

“Dann… bin ich hier jetzt allein, oder was? Mann, ich krieg´hier die Krise. Was sagen denn die anderen dazu, Roswitha und so?”

“Roswitha ist weg. Ihre Zeit ist um. Wir können ja schon mal Wetten ansetzen, wie lange sie da draußen so klar kommt. Obwohl sie ja die letzten Tage ganz gut beieinander war. Ich gebe ihr mal so vier Wochen, wenn das nicht zu viel ist! Und du?”

“Bernd, du nervst!”

Ich stand auf, zog meine Klamotten an und zusammen mit Bernd ging ich in den Aufenthaltsraum, um Kaffee zu trinken, jedenfalls, wenn noch was vom Nachmittagstisch übrig sein sollte.

“Du hast jetzt auch noch einen Monat, was?” fragte Bernd und stellte zwei Tassen mit lauwarmen Kaffee auf den Tisch, an dem ich saß.

“Wenn ich mal so lange hier bleibe!” stellte ich fest und schlürfte an diesem braunen Gesöff.

“Na, ich jedenfalls habe ´ne Dauerkarte und werde es mir erstmal richtig bequem machen. Nächste Woche geht´s in ein Apartment, allein versteht sich, wer will den schon mit mir zusammen wohnen?”

“Na, toll. Gratuliere. Sind das da Neue?” fragte ich ihn und zeigte mit meinem Kopf auf drei in sich versunkene Gestalten, die stupide vor sich hin glotzten.

“Jepp!” machte er, ” gestern angekommen, frisch aus dem Einerlei und bereit zu jeder noch so idiotischen Schandtat. Die Frau ist ganz nett da; vielleicht dein Geschmack, he? Sie hat drei Packungen Schlaftabletten geschluckt und ist am Morgen wieder aufgewacht, als sei nichts gewesen; naja, sie hatte ziemliche Haluzinationen, fuhr mit dem Auto und das fuhr sie schnurstracks gegen eine Wand. Also auch keine Chance, dem Übel zu entkommen. Ich hab´mich ihr schon vorgestellt.”

Ich starrte auf die Frau, etwa Mitte dreißig, gute Figur, riesige Augen und blonde Haare, die sie zu einem langen Zopf nach hinten gebunden hatte. Sie gefiel mir.

154_ Die Plath´sche Glocke 24

Nach dem Wochenendreinfall mit Anna brauchte ich unbedingt ein Erfolgserlebnis und glotzte starr auf diesen weiblichen Neuankömmling. Bernd schielte mich von der Seite her an und grinste sein schelmisches Grinsen. Ich fragte mich ständig, woher der seine Informationen bezog. Er musste wahrscheinlich immer durch die Gänge latschen, alle anquatschen und jeden aushorchen, seien es nun Schwestern oder Ärzte oder Psychologen oder eben Patienten, nur, gaben die ihm dann tatsächlich immer Auskunft? Schon seltsam dieser Bernd, der wohl eine Sonderstellung hier inne hatte.

“Sag´mal!” fing ich an und schaute ihn von unten und der Seite her an, “kannst du mir mal sagen, woher du eigentlich immer diese ganze Scheiße, die hier abläuft, weißt? Hast du irgendwelche Informanten für dich arbeiten, oder gibt´s hier ´ne Sonderstellung für dich? Ich meine, die da drüben,” ich zeigte mit dem Kopf auf die Blonde, “die ist gerade mal angekommen und du erzählst mir gleich ihre Lebensgeschichte. Kann doch gar nicht sein? Oder denkst du dir das alles nur aus?”

“Wieso sollte ich mir das ausdenken? Als die da zum Beispiel ankam, ging ich ihr und der einweisenden Schwester nach, weißt du, ich habe ziemliche Narrenfreiheit hier, schlafe nicht, bis jetzt sind es wohl so an die acht Nächte, die ich kein Auge zugemacht habe, ich schleiche denen also nach, die Blonde blickt sich nach mir um, kriegt wohl Panik oder so, Angst, verstehst du? Und dann hat sie mich angequatscht, nicht umgekehrt, sie meinte, ich solle das mal sein lassen und sie sei völlig von der Rolle, könnte so einen wie mich jetzt nicht brauchen, die Schwester stand dumm daneben und sagte nichts. Ich stellte mich ihr vor und meinte, ich sei hier der Dauerinsasse und dürfe immer zuerst die Neuankömmlinge begrüßen, ich hätte ein Recht dazu, sie zu verfolgen und so weiter. Jedenfalls fand sie das wohl ganz lustig und nachdem sie in ihr Zimmer gebracht wurde, habe ich sie erstmal eingewiesen in unser Traumhaus. Ist eigentlich ganz simpel, das Ganze! Weißt du, ich kann mir das erlauben, jetzt als Idiot darf ich machen, was ich will und wenn ich Frauen hinterher glotzte oder starre, denken doch sowieso alle, ich hätte nicht mehr alle. Man läßt mich eben, dann stelle ich mich vor und fast alle kriegen den Schreck, weil ich mich ja noch artikulieren kann, bis auf die Sabberei, dann kriegen sie mit, dass ich wohl eigentlich ganz normal bin, so läuft das eben. Und die Schwestern plappern doch andauernd, da brauchst du nur mal in deren Aufenthaltsraum zu steigen, läßt es ordentlich sabbern, atmest schwer oder seufzt und dann darfst du da brav bei ihnen hocken… ich horche sie alle aus!”

“Aha?” sagte ich nur und beschäftigte mich wieder mit der Blonden. Sie saß allein und rührte im Kaffee, als suche sie dort weissagerische Antworten. Manchmal hob sie ihren Blick nach oben, ließ den Kopf kreisen, wohl um zu gucken, ob sie jemand beobachtete und dann hing er ihr wieder nach unten wie eine zu schwere Frucht an einem Baum, die bald zu Fallobst werden würde. Ich dachte, sie könnte mich ja nun auch mal entdecken während ihrer kreisenden Begutachtungen, aber wie absichtlich hielt sie kurz vor meinem Blick inne, drehte den Kopf in eine andere Richtung und ließ mich außer Acht.

“Was ist?” fragte mich Bernd und stupste mich mit dem Ellenbogen an, ” scharf auf sie, was? Geh´doch rüber, quatsch´sie an, sie würd´dir ja nicht gleich eine kleben, oder?”

“Nee, keine Lust jetzt. Die ist mir noch zu störrisch, zu chaotisch. Du siehst es ihr ja schon an, wie die am Rad dreht, die läßt man besser erstmal ein, zwei Tage in Ruhe.”

“Ich mach´das nicht mehr! Ich meine, die in Ruhe lassen. Ich rede die einfach alle an, egal..”

“Ich weiß Bernd!”

“Was´n los mit dir? Lange keinen mehr weggesteckt, was?”

“Ja, genau!”

“Erzähl´!”

“Nee!”

“Dann leck´mich doch!”

Bernd verduftete und ließ mich allein im Aufenthaltsraum hocken. Ich hatte mich einigermaßen von den Eskapaden mit Anna erholt und war wieder bereit für den Irrsinn in der Anstalt, für meine Macken und auch für die der anderen. Den letzten Monat sollte ich noch überstehen und dann würde ich abhauen von allem, von Anna, von Mara, von der Musik, von der elenden Atmosphäre ich der Scheißstadt, einfach von allem. Ich würde irgendwo neu anfangen, gleich wie. Ich hatte genug Talente, die es mir erlaubten überall irgendwas Idiotisches machen zu können und wenn es meinetwegen Gabelstaplerfahrer wäre, ganz gleich, nur raus aus dem alten Moder und Schlamm meiner Jugend.

155_ Die Plath´sche Glocke 25

Die Erkenntnisse, die man aus so einem Aufenthalt in der Klapse mit nimmt sind ein Vielfaches von irgendwas: an allem Schuld ist immer das Elternhaus, der brüllende Vater, die kuschende Mutter oder auch umgekehrt; der stumme Vater, die herrische, kalte Mutter, egal wie man´s dreht oder wendet, man selbst trägt kaum Schuld an seinem frühkindlichen Dilemma, es bleibt einem nur die Frage, wie gehe ich mit der ganzen Scheiße um, die man mir eingeschaufelt hatte? Schließlich will man nicht ewig mit seinen Selbstzweifeln durch die Welt marschieren und sich nichts zutrauen, weil man der Ansicht ist, dass es einem nicht zusteht, so was wie Erfolg zu haben.
Nun gut, die Ursachen konnte ich benennen, warum ich ständig mit einem schlechten Gewissen herum gelaufen war; ich konnte erkennen, dass da Muster und Zwänge in mir vorhanden waren, die es mir nicht gerade leicht machten zwischen all den Irren zu bestehen. Aber was nützt schon Wissen? Was bringt es mir, wenn ich um meine Defizite weiß, mir aber niemand sagt, wie ich sie bekämpfe, wie ich sie erfolgreich bekämpfe, dass man irgendwann mal als normaler Mensch gilt oder sich so sieht? Nichts! Die Monate brachten mir nichts! Da gab es nichts und niemanden, der einem unter die Arme griff und sagte, ich könne mich ruhig zurück lehnen, als würde gut werden. Eigentlich hatte man mir noch mehr Scheiße eingetrichtert, als ich schon in mir besaß und die musste ich nun in den kommenden Jahren erstmal wieder los werden.

In der letzten Woche, ich hatte kaum noch Kontakt zu Neuankömmlingen und blieb , wenn ich keine Anwendungen hatte, auf meinem Zimmer, dudelte auf meiner Gitarre, schrieb einige Texte und saß einfach meine Zeit ab. Bernd kam auf einen Plausch vorbei oer wir gingen auf einen Spaziergang durch den Wald, wo er meist von den neusten Ereignissen berichtete, die mich aber schon gar nicht mehr inetressierten. Die Zugfahrerin war irgendwann mal wieder nicht zurück gekommen und man musste sie auf irgendeinem Bahnhof einsammeln, stellte sie dann ruhig und verabreichte ihr, trotz ihres Widerwillens, Medikamente, die sie zwangen stumpf durch die KLinik zu laufen oder einfach nur da zu sitzen und aus dem Fenster zu glotzen, wie ich sie damals gesehen hatte. Ein hilfloses Pack war diese gesamte ärztliche Vereinigung, hilflos und doch voller Ratschläge und Tipps, angehäuftes Wissen von Freud bis Adler oder Alice Miller, aber letztlich mussten alle hier allein klar kommen; so was wie Hilfe würde es nie geben, das war mir klar.
Bei meinem Abschied heulte Bernd dann noch, meinte, ich sei der einzige Vernünftige hier drin und was mir denn einfiele, ihn hier allein zu lassen. Er grinste, wischte sich die Tränen von seinen Wangen und meinte:

“War nur Spass! Hau´bloß ab jetzt! Und grüß´mir die Frauen da draußen! Sag´ihnen, ich komme so bald wie möglich hier raus und sie sollen sich alle bereit machen, ja?”

“Sicher, Bernd! Gib´mir einfach deine Telefonnummer und wenn immer ich willige Weiber treffe, reiche ich denen deine Nummer. Ich bin auf die gar nicht mehr wild.”

“Gute Idee! Vielleicht solltest du noch ein Foto von mir mitnehmen?”

Wir lachten um die Wette und ich griff endlich zum Koffer, zur Gitarre und machte mich auf den Weg zum Zug, winkte ihm zu und war erleichtert. Jetzt, allein, war die Frage, wo ich hin wollte, was ich tun wollte, was ich überhaupt tun konnte? Meine Lehre zum Maschinenschlosser würde mir nichts nützen, weil ich einfach zu lange raus war aus dem Betrieb; naja, außerdem hatte ich absolut keine Lust auf Drei-Schicht-Maloche und schon gar nicht auf die stumpfsinnigen Arbeiter, die tagtäglich ihren Tribut leisteten, um sich hinterher mit Waren aller Art zu belohnen. Die merkten gar nichts mehr. Da gab es kein Aufbegehren, kein Gegenstemmen, keine Aufrufe zur Befreiung oder so was. Mit denen hatte ich nichts mehr gemein, ich zählte mich neuerdings zur denkenden Masse, was mich aber nicht eben intelligenter oder klüger machte.

Kaum betrat ich meine stinkende Wohnung überkam mich so ein Drang, alles hin zu schmeißen und mich gleich jetzt, sofort aus dem Staub zu machen. Es gäbe kaum noch etwas zu erldeigen; die Wohnung kündigen, mit der Band telefonieren, sehen wollte ich von denen keinen mehr, was nicht gegen sie ging, sondern einfach nur der Ausdruck meiner Ratlosigkeit war, dann die paar Klamotten in meiner Bude los werden, irgendwie verkaufen oder gleich auf den Sperrmüll bringen, was weiß ich? Ich packte nicht mal meinen Koffer aus, ließ die Dinge, wie sie waren, verließ die Wohnung und irrte durch die verdammte Stadt, um mir nun klar darüber zu werden, was werden sollte.