caspars Arbeiterleben IV

 

101_ Ich Ich Ich
Bisher hatten Mara und ich das Thema Magersucht nicht mit einem Wort angesprochen. Sie sprach sowieso kaum ein Wort. Ich war so mitgenommen von ihrer Krankheit, dass ich darüber hinaus vergessen hatte, mit ihr mal zu reden. Also: wieso tut man sowas? Was treibt einen dazu sich den Bauch vollzuschlagen und hinterher wieder alles auszukotzen? Alles, was mir eingefallen war, war ihr eine Kur vorzuschlagen, eine Körnerkur aus dem Reformhaus! So ein Blödsinn, dachte ich, als ich auf dem Balkon des Hotelzimmers saß und dem Prediger lauschte, der über die ganze Stadt hinweg schrie. Vielleicht war es auch noch zu früh sie darauf direkt anzusprechen?
Was Mara brauchte war eine Therapie, eine psychiatrische Behandlung oder sowas, schließlich gibt es Ursachen für ihr Tun, Hintergründe, die aufgedeckt werden mußten. Aber das erforderte Maras Mitwirken. Nur sie konnte diese Krankheit in den Griff bekommen. Und ich würde ihr beistehen wollen, klar!

Ich trat in das Zimmer zurück und beobachtete sie wie sie ihren Koffer packte, die Sachen fein ordentlich zusammenlegte, ihre Börse hervor nahm und kontrollierte, ob Paß und Geld am richtigen Platz waren und dann sah sie zu mir.
“Was ist?” fragte sie und kam näher.
“Keine Ahnung!” meinte ich, obwohl ich schon eine Ahnung hatte. Aber ich wußte nicht wie ich jetzt anfangen sollte. Jetzt so kurz vor der Abreise würde ein Gespräch über ihre Magersucht nur in ein Toben ausarten, was ich vermeiden wollte. Ich wollte die Rückreise so angenehm wie möglich gestalten.
“Aber du hast doch was!” sagte sie erneut und ergriff meine Arme. Sie sah mir direkt in die Augen.
“Ich glaube, wir sollten zuhause mal über diese Sache reden.” sagte ich kleinlaut.
“Diese Sache? Du meinst mein Kotzen, oder was?”
“Ja, sicher!”
“Da gibt es nichts zu reden. Das hat sich im Laufe der Jahre verselbständigt. Irgendwann war ich der Meinung, ich müßte schlank sein wie eine Gazelle, ach, noch schlanker,; ich probierte es einfach mal aus, fraß, was ich bekommen konnte in mich hinein und kotzte alles auf dem Klo wieder aus. Es ist der Anfang. Sobald du es einmal nur gemacht hast, tust du es immer wieder. Es wird zur Krankheit. Und das habe ich dazu zu sagen.”
Ich blieb stumm, umfasste ihre Schultern, was sie willig akzeptierte und drückte sie fest an mich.
“Mach´dir keine Sorgen!” behauptete sie und ging wieder einen Schritt zurück, ” jetzt, wo du es weißt, können wir gemeinsam dagegen angehen, ja?”
Ich nickte und wir verließen beide das Hotel, stiegen in den Bus zum Flughafen und warteten auf unseren Flieger.

102_ Retour
Der Rückflug war entspannend. Wir hatten kaum noch Geld übrig und stopften uns mit dem Fraß, den es an Bord gab voll, weil wir eine zeitlang nichts gegessen hatten. Ich blickte zu Mara und wartete, dass sie aufs Klo gehen würde, was sie nicht tat, sondern mich dümmlich anschaute, als hätte ich nicht mehr alle und kauend eine Grimasse schnitt.
Auf dem heimischen Flughafen wartete ein alter Kumpel von Mara, den ich auch mal kennengelernt hatte. Er ist fanatischer Triathlet, also Laufen, Schwimmen und Radfahren. Ich dachte immer bei mir, der kriegt keine Frau ab, deshalb läuft er sich die ganze überschüssige Energie einfach ab; oder er will sich für irgendwas stählen, eine Kampf oder sowas, vielleicht gegen eine Horde Vulkanier, keine Ahnung. Mir kam und kommt das noch immer reichlich abartig vor, wenn Menschen sich bis zur Erschöpfung sportlich betätigen. Vor irgendwas rennen die davon. Wahrscheinlich versuchen sie ihren Kopf leer zu kriegen. ich für meinen Teil bevorzuge TV oder Kino. Sobald mir das Leben und die ganzen Anforderungen zuviel werden, latsche ich ins Kino oder hocke mich vor die Glotze. Da können dann gut und gerne mal drei, vier Filme am Abend geschaut werden.
Der Typ lehnte lässig am Kotflügel seines Autos, welches er “natürlich” selbst umgerüstet hatte: Motorverbesserung, verbreiterte Spur, fette Reifen und so´n Zeugs. Auch da konnte man mich nicht mit irritieren. Es gab nichts, was mich weniger interessierte als Autos.
Er winkte mit seinem muskelbepackten Arm und wir winkten zurück. Mara fiel ihn um den Hals, was ich gar nicht gern sah. Diese Art alle ständig zu umarmen, als seien wir eine große Familie, die sich blendend versteht, hasse ich. Also reichte ich ihm die Hand und im Auto, das uns zu unserer Bude chauffierte, begann die typische Quasselei, wie war es denn? Schönes Wetter gehabt? War das Essen gut? undsoweiter. Ich starrte aus dem Fenster und blickte auf all die grauen Menschen dieser Stadt. Einerseits kamen sie mir bekannt vor, ich war froh Allahs Leibwächtern entkommen zu sein, aber andererseits, gingen sie mir auf die Nerven mit ihrem ewigen Gearbeite, dem ständigen Funktionieren in unserem System. Am liebsten wäre ich gleich wieder abgehauen, irgendwohin in eine fremde Welt, die vielleicht etwas Müßiggang bevorzugte. Kaum hier, da ratterte der Kopf drauf los, ich müßte nun einen Job haben, die Bewerbung an die Kunsthochschule losschicken usw.
Der Typ setzte uns vor der Haustüre ab und fragte noch, ob man sich heute abend im Cafe sehen würde. Mara nickte natürlich. Sie würde sicher gleich wieder loslatschen und aller Welt in den Armen liegen. Was für eine gnadenlose Schauspielerei! Ihr ging es schlecht; sie war magersüchtig und spielte jedem eine Rolle vor vom verständnisvollen Mädchen.
Oben dann wurde alles ausgepackt und Mara machte sich tatsächlich zurecht für einen Besuch in der Szene. Ich winkte nur ab und meinte, ich wolle lieber allein sein und einige Bilder sortieren, für meine Mappe. Sie akzeptierte das und war nach, glaube ich, ein oder zwei Stunden bereits unter ihresgleichen.

103_ Alles beim Alten
Mara war ständig unterwegs, meist an den Abenden hielt sie es bei uns nicht mehr aus und telefonierte mit etlichen Leuten, die sie kannte oder glaubte zu kennen. Man verabredete sich und hing in den Kneipen und Discotheken ab, laberte irgendwelchen Stuß, machte Pläne für die rosige Zukunft und ein jeder und eine jede hielt sich für die Wiedergeburt des Heilands. In jedem schlummerte der Traum von irgendeinem idiotischen Erfolg, das war alles, was sie tagtäglich beschäftigte. Zum Kotzen.
Ich stürzte mich in die Arbeit um eine Bewerbung bei der Kunsthochschule, kritzelte die Nächte durch und schlief am Tag. Mara jobbte weiterhin in einem Cafe, kellnerte und brachte etwas Kohle mit nach hause. Einen Job sollte ich mir auch noch suchen, dachte ich, aber zuerst mußte diese elende Mappe fertig werden.
Heute weiß ich nicht mehr, was ich überhaupt da alles hineinstopfte, um die heilige Jury davon zu überzeugen, dass ich etwas Talent besaß. Aber es mußten annehmbare Arbeiten gewesen sein, denn nach der Bewerbung erhielt ich einige Wochen später die Aufforderung an einer Aufnahmeprüfung teilzunehmen, was mich natürlich riesig freute. Allerdings hatte ich mich vorerst für ein Kunstpädagogikstudium empfohlen, warum weiß ich auch nicht, im Bereich Freie Kunst war kein Eintritt möglich, außer man besaß eine universelle Begabung, die selbst Picassos Arbeiten in den Schatten gestellt hätten. Von irgendwoher hatte ich aufgeschnappt, dass man nach einigen Semestern Pädagogik ziemlich locker zur Freien Kunst wechseln konnte, was ich natürlich vorhatte. Ich wollte doch kein Kunstlehrer werden!
Mara malte mittlerweile ebenfalls kräftig drauflos, saß nackt vorm Spiegel und kritzelte ihre Kurven auf´s Papier. Sie war dürre. Die Rippen lugten wie Stichmesser unter der Haut hervor. Ihre Augen wurden größer und größer, als wollte sie die Geheimnisse des Unbewußten erforschen. Aber mein Vorschlag einer Kur wurde von ihr akzeptiert und wir aßen gemeinsam morgens, mittags und abends Brei aus verschiedenden Körnern. Ekelhaft. Ich beobachtete sie ständig. Jeder Gang ihrerseits auf´s Klo wurde beäugt und bespitzelt. Bis heute weiß ich auch nicht, ob sie es letztlich geschafft hat, ein normales Essverhalten an den Tag zu legen, doch die Wochen und Monate unseres Zusammenlebens erschienen mir damals gesund, einfach gesund!

Da sich mein Leben wieder in die Normalität eingespielt hatte, ich mit meiner Band rockte und Auftritte machte, meine Aufnahmeprüfung zur Hochschule besaß und Mara und ich uns nicht allzu sehr auf die Nerven gingen, suchte ich nach einem Job. Klar, man mußte Geld verdienen, sonst landete man irgendwann auf der Straße oder unter einer Brücke, verpickelt und stinkend im Abfall der Gesellschaft, ausgesetzt von sich selbst aus Unangepasstheit oder Faulheit; das war und ist so deren Argument für die angeblich Arbeitsscheuen. Ich lasse das jetzt und fange nicht an, ” denen” zu erläutern, was denn viele dazu treibt hier auszusteigen.
Eine kleine Firma jedenfalls, ganz in der Nähe meiner Bude, suchte nach einem Packer, der ein Sortiment an Salaten in allen Variationen in einem Lager sortiert und allmorgendlich einzelne Bestellscheine für die Auslieferer zusammenpackt. Ich rief erst an, stellte mich dann gleich am Nachmittag vor und hatte schon für die kommende Woche einen Job. Beginn war morgens um sechs Uhr und wenn man zügig die Bestellscheine abarbeitete könnte man schon gegen zwei Uhr fertig sein; das meinte auf alle Fälle der Typ, der den ganzen Laden leitete. Vorerst sollte ich für zwei, drei Monate dort aushelfen. Was danach geschehen sollte, wußte der Kerl noch nicht. Ich auch nicht und ich wollte es auch nicht wissen.

104_ Lagerleben
Mara schlief tief und fest, als ich in der darauffolgenden Woche meinen Job als Packer begann. Ich blickte auf ihr zerknittertes Gesicht und fragte mich, ob ich ihr trauen könnte, ob ich mit dieser Frau für längere Zeit zusammen leben wollte, vielleicht sogar für ein… nein! Damals kam mir das gar nicht in den Sinn für ein Leben mit einer Frau zu planen. Maras Frage, die sie mir in Tunesien gestellt hatte, ob ich mir denn vorstellen könnte mit ihr für immer zusammen zu leben, hatte ich wahrheitsgemäß mit NEIN beantwortet. Und auch das Wohnen unter einem Dach war für mich eher ein Übergang zu etwas anderem, Neuem oder Unbekanntem. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung von meiner Zukunft. Die einzige Perspektive bot mir die Kunsthochschule, das Angebot der Gesellschaft meine Talente und Interessen einzusetzen für eine Mitgleidschaft in derselbigen. Vom Traum eines Rockmusikers hatte ich längst Abschied genommen.
Ich starrte lange auf das schlafende Unschuldslamm. Unbeweglich lag ihr Körper in der Decke eingehüllt. Die kurzen Haare standen strubbelig in die Höhe. Ihr Mund war leicht geöffnet. Ich mochte sie, aber ich konnte nicht lieben. Von Liebe versteht so einer wie ich nichts. Irgenwann mußte ich diese Enge beenden, mußte ich ihr und mir eingestehen, dass es nicht für immer sein würde. Nur allein, dass ich ” was” im Bett hatte konnte kein Grund sein mit einer Frau die Wohnung zu teilen; das gäbe irgendwann böses Blut.

Ich fuhr mit Maras Auto gegen 5:30 Uhr zu diesem Schuppen, parkte das Auto vor einer Halle und trat dann völlig verpennt durch eine Tür in einen kalten Lagerraum. Inmitten dieses Lagerraums befand sich ein weiterer Raum, von allen Seiten verglast und mit einer Holztür, an die ich klopfte und dann in wärmere Gefilde vordrang. Hinter einem kleinen Schreibtisch hockte ein Typ in weißem Kittel, sortierte irgendwelche Papierfetzen und machte sich Notizen auf einem Beiblatt. An der gegenüberliegenden Seite saßen drei Mitarbeiter mit den üblichen Gutenmorgenfressen und stützten ihre Oberkörper auf den Beinen.
Ich reichte allen die Hand und wartete. Der Typ mit den Papieren deutete auf einen leeren Stuhl, auf den ich mich setzte. Niemand sagte ein Wort und alle hätten eigentlich noch etliche Stunden im heimischen Bett verbringen können, wenn die alte Tretmühle nicht betrieben werden, man das Geld zusammenkratzen und die Rechnungen bezahlen mußte.
Nach einigen Minuten wurden die sortierten Zettel vom Aufseher oder Vorarbeiter oder was der sonst für eine Position inne hatte, ausgeteilt und die mürrischen Kerle grabschten danach, erhoben sich und marschierten hinaus. Dann richtete der Kerl seinen Blick auf, lehnte sich zurück und meinte, er würde mir jetzt erstmal den Laden zeigen und dann einige kleinere Aufgaben zuteilen. Wir latschten dann ebenfalls hinaus und sofort spürte ich wieder die Kälte in diesem Bau. Auf Dauer holte man sich hier sicher eine Erkältung, dachte ich und beschloß am nächsten Tag einen Pulli mehr anzuziehen.

105_ Lagerleben 2
Wie üblich humpelte ich dem Vorarbeiter hinterher und schaute mich dabei in der Halle um. An den Wänden lagerten auf Paletten meterhoch aufgestapelt jede Menge Plastikbecher mit verschiedenen Salaten als Inhalt. Die Paletten waren nach den jeweiligen Größen der Plastikbehälter sortiert und der Vorarbeiter redete unentwegt von:
hier ist der Kartoffelsalat ohne Mayoniase, hier der mit Mayonaise, hier ist steht der Waldorfsalat, dort der Heringssalat, da Großbehälter Öl und Mayonaise, da hinten sind die Geflügelsalate, da die… undsoweiter. Nachdem er mich durch die Halle gelotst hatte, erhielt ich meine erste Aufgabe. Neue Ware, die mitten in der Nacht angeliefert wurde, mußte auf die einzelnen Paletten sortiert werden. Dazu sollte ich einen Hubwagen benutzen, die angekommenen Paletten öffnen und mir mit einer anderen Palette diesen Wagen beladen. Eigentlich keine sonderlich aufregende Aufgabe, eben das Übliche, unterstützende Logistik oder so.
Der Vorarbeiter machte einen sympathischen Eindruck. Sein kurzgeschorenes Haar allerdings ließ ihn wie einen “Marines” aussehen, diese singende, springende Bagage aus den Staaten:
Ich ess´gern Kaaarrtoffelsalat!
Ich ess´gern Kaaarrtoffelsalat!
Da klappt das mit der Handgranat´.
Da klappt das mit der Handgranat´.

Seine Augen waren klar und sein Blick freundlich, so dass ich das Gesinge in meinem Hirn einstellte. Ich holte mir also einen Hubwagen und verfrachtete sämtliche Salate zu den zugehörigen Paletten. Das machte ich etwa drei Stunden bis die neue Ware endlich an den vorgesehenen Plätzen aufgereiht war. Das Schöne an der Tätigkeit war, dass ich praktisch allein in der Halle arbeitete. Die Fahrer waren unterwegs, nachdem sie sich ihre Autos vollgestopft hatten und belieferten einzelnen Händler und Supermärkte. Der Vorarbeiter saß die meiste Zeit in seinem Schaukasten und wartete auf neueingehende Bestellungen. Diese ratterten über ein Faxgerät direkt auf seinen Schreibtisch und er sortierte sie dann nach den einzelnen Routen. Niemand beaufsichtigte mich. ich konnte mir alle Zeit der Welt lassen; und wenn ich mal außer Sichtweite des Vorarbeiter, der, wenn ich mich recht entsinne, Hansjoachim hieß, zusammengeschrieben ( wer sich sowas einfallen läßt?), dann lehnte ich mich entspannt an einen Stapel Salate, drehte mir meine Zigarette und paffte drauf los! Damals konnte man rauchen und saufen, wo man wollte. Keinen interessierten die verpesteten Salate oder besoffene Lagerarbeiter.

Nach der Bewältigung meines ersten Auftrages schlurfte ich gelassen zu Hansjoachim hin und meinte, ich sei nun fertig.
“Schon?” fragte er und riß in einer Tour Bestellungen aus dem Faxgerät. ” Ist zwar schön, wenn du so fleißig bist und dir Mühe gibst, aber du mußt ja auch auf deine Stunden kommen, oder?”
Ich war völlig verdutzt. Ein Vorarbeiter hielt mich an langsamer zu arbeiten, das war mir auch noch nicht untergekommen.
“Und was soll ich jetzt machen?” fragte ich, die Hände in den Hosentaschen, weil mir kalt war.
“Mach´Pause!” meinte er, ” du kannst dir auch gegenüber am Kiosk etwas kaufen ,wenn du willst. Zum Mittag!”
Scheiße, war das ein seltsames Unternehmen, wo ich gelandet war. Trotz oder gerade wegen dieser stumpfen Arbeit waren die hier ziemlich entspannt und machten sich in keiner Weise Druck oder rissen sich ein Bein aus. Mir war das ganz recht. Und so latschte ich zum besagten Kiosk und deckte mich mit einigen Fressalien ein, kaufte eine Literflasche Coca Cola, dem immerwährenden Kultgetränk der Jugend, pflanzte mich draußen auf die Rampe und genoß die bezahlten Stunden in Frieden.

106_ Lagerleben 3
Während ich auf der Rampe hockte in die Sonne blickte und etwas aß, dachte ich an meine Beziehung mit Mara. Mehr und mehr wurde mir das Zusammenleben zu eng. Zwar genoß ich die Nächte mit ihr, wenn wir gemeinsam übereinander herfielen, aber ansonsten steckten wir beide voller Zweifel am anderen und an unserem Dasein, woraus sich ein immer größerwerdendes Mißtrauen entwickelte. Die Anfangszeit, in der wir noch beide auf einer Leiter stehend Bilder an Wohnzimmerwände gekritzelt hatten, war längst vergessen und man verbrachte seine Freizeit getrennt in seinem jeweiligen Zimmer. Nach nur einem dreiviertel Jahr und knapp drei Monaten in meiner Bude gab es kaum noch etwas auszusprechen. Wir lebten aneinander vorbei; auch weil, wie schon erwähnt, kein Vertrauen vorhanden war. Wie lange würde ich das wohl noch aushalten?

Nach gut einer Stunde ging ich mal wieder in die Halle zurück und schaute, ob es noch etwas zu tun für mich gäbe. Hansjoachim zerrte unentwegt Bestellungen aus dem Faxgerät und stapelte seine Häufchen auf den Tisch. Als ich eintrat blickte er kurz auf und machte Zeichen, ich solle mich setzen, da, auf den Stuhl. Selten so eine entspannte Arbeitshaltung kennengelernt.
Dann begann er zu reden, fragte ob ich einen Führerschein besäße und ob ich mir zutrauen würde als Aushilfsfahrer eine Tour zu übernehmen. Natürlich traute ich mir das zu. Ich sollte die Woche über noch die Ware sortieren und dann am nächsten Montag mit einem Fahrer mitfahren, mir die Tour ansehen und könnte dann nochmals neu entscheiden. Wenn ich keine Lust drauf hätte, sollte ich es gleich sagen.
Wenn ich keine Lust drauf hätte?? Was glaubte der Kerl denn? Autofahren, befreit von menschlichem Kontakt, durch die Gegend schippern und Salate ausliefern, was Besseres konnte ich mir gar nicht vorstellen. Und: ich würde auch mehr Lohn bekommen. Ob ich mit so einem Kasten von Kleintransporter fahren könnte, fragte ich mich nicht. Irgendwie würde ich das Ding schon in Bewegung setzen können.
Hansjoachim schickte mich daraufhin in den Feierabend. Es war etwa vierzehn Uhr und ich fuhr zurück in meine Bude, legte mich auf´s Ohr und wartete auf Mara, um entscheidende Änderungen zu besprechen. Mara war wie immer mit ihrer Freundin unterwegs, kaufte sich irgendwelche blöden Klamotten oder hockte in den Cafes der Stadt, schlürfte ihren Kaffee bis man das Pochen der Adern an ihrem Hals deutlich erkennen konnte und rauchte Hunderte von Zigaretten. Vielleicht konnte ich meine Aufnahmeprüfung in einigen Monaten noch abwarten und dann, mit einer Perspektive erklären, warum “es” nicht mit uns ging, mit Mara und mir. Aber soweit kam es gar nicht. Mara eröffnete mir einen allzu tragischen Umstand, der unsere Beziehung gänzlich zerstörte.

107_ Ich, unerträglich!
Am Nachmittag dann erschien Mara mit Einkaufstüten und ihrem wirren Blick. Ich rappelte mich hoch, begrüßte sie mit einer Umarmung und einem Kuss; sie wendete jedoch ihr Gesicht ab und ließ nur meine nicht allzu aufdringliche Annäherung an ihren Körper zu. Ich hasste das. Was, verdammte Scheiße, habe ich nur verbrochen, dachte ich, dass ich mich ständig mit neurotischen Frauen abgeben muß, ihre Macken ertragen, ihren ewigen Ansprüchen an eine Beziehung gerecht werden, nur weil ich mit ihnen ins Bett wollte? Mir ging das sowas von auf die Nerven, dass ich im gleichen Moment ausklinkte und losbrüllte, was sie denn nun schon wieder hätte? Was ich denn angestellt hätte? Entweder lag es an mir, dass ich zuviel forderte oder diese Weiber hatten allesamt eine vollkommene Totalmeise. Sicher war ich nicht eben der vertrauende Kerl, der ihnen ihre Freiheiten ließ, ständig durchstöberte ich Maras Klamotten nach Zetteln oder Hinweisen, die mir bewiesen, dass sie mich doch hintergingen. Ich suchte verzweifelt nach Anzeichen ihrer Unehrlichkeit, übersah dabei aber meine eigene unerträgliche Eifersucht. Wie hätte ich sie auch entdecken sollen? Ich hatte keine Ahnung von Liebe und Leidenschaft, von Vertrauen und Verantwortung. Ich wollte nur einen Partner, der sich vollkommen auf mich einließ, was schier unmöglich war.
“Ich habe nichts!” brüllte Mara zurück und rannte in ihr Zimmer. Sie knallte die Tür zu und schrie von innen, ich solle wegbleiben mit meinen ewigen Eifersüchteleien, mit meiner ständigen Brüllerei. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich ständig brüllte. Doch nun wurde mir bewußt, dass ich ein zutiefst verletzter Kerl war, der nicht mit Frauen umgehen konnte, der in einer festen Beziehung einfach zugrunde ging, weil er die Regeln dersolchen nicht begriff, noch nie begriffen hatte und sie auch gar nicht kannte. Ich wußte einfach nicht, was es hieß einem Menschen weiblichen Geschlechts zu vertrauen. Ich war ein verblödeter Junge, der seine Mama suchte oder sowas in der Art.

Ich klopfte an Maras Tür und trat einfach ins Zimmer. Sie lag heulend auf ihrem Sofa und hatte sich in eine Decke eingewickelt, fehlten nur noch eine Riesenpackung Eis und diese typischen selbstgestrickten Socken an den Füßen, ich hätte mich in einem Hollywoodfilm wiedergefunden.
“Es tut mir leid!” begann ich, ” ich weiß nicht, was mit mir ist. Wahrscheinlich bin ich zu doof für eine Liebe oder so.”
Mara lugte unter ihrer Decke hervor und schniefte. Ihre Augen waren rotgerändert und sie versuchte nun zu sprechen, stotterte ein: “Ich, ich, ich…” , aber brach dann ab und heulte weiter.
“Sag´doch!” bat ich sie und setzte mich neben sie, legte sachte eine Hand auf ihre Schulter, die sie aber mit einer ruckartigen Bewegung wieder fortjagte. Ich wurde schon wieder wütend, wollte brüllen und stampfen, schreien und toben, aber dann fing sie an:
“Ich bin schwanger!” kam es aus ihr heraus.
Ich blieb still, stumm, taub, gelähmt. Mir trocknete der Mund aus. Sofort schossen Bilder meiner Zukunft durch mein Hirn; ich mit Kinderwagen, einen elenden Job an den Hacken, für immer gefesselt durch einen Sprößling, den ich gezeugt hatte. Hatte ich? War das Kind von mir?
“Und wer ist der Vater?” fragte ich. Das hätte ich besser lassen sollen. Sie zerrte die Decke von sich, richtete sich auf und knallte mir mit voller Wucht ihre flache Hand ins Gesicht. Es schmerzte beträchtlich.

Für eine lange Weile blieb alles stumm und still um uns herum. Wir wußten nichts zu sagen, waren überfordert mit der Situation, wollten, konnten, dachten… einerlei. Es gab nur stumpfe Blicke, die die Krümel auf dem Teppichboden zählten, die das Muster durchwanderten wie durch ein Labyrinth. Langsam nahm Mara meine Hand und flüsterte, ich sei der Vater, wer denn sonst? Mir war das wohl klar, trotz einer hochgradigen Eifersucht wußte ich, dass nur ich infrage kommen würde.

“Was tun wir denn jetzt?” wollte Mara wissen, als ob ich als Doofmann auf diese Frage eine Antwort gehabt hätte.

108_ Fötus
Die Nachricht von Maras Schwangerschaft verschaffte mir ein ständiges Kotz-Würg-Gefühl. Mein Magen drehte sich um sich selbst, rotierte wie auf einer Achterbahn und mein gesamtes zukünftiges Leben spulte sich in meinem kranken Hirn wie ein Elektromotor ab. Trotzdem blieb ich stumm und steif, hielt Maras Hand zum Zeichen der Zweisamkeit, obwohl ich viellieber abgehauen wäre, sie sitzen gelassen hätte, als die kommenden Tage und Wochen in diesem elenden Zustand der Zweifel an ihrer Seite verbringen zu müssen.
Wir hatten absolut keine Ahnung, wie wir mit dieser Situation umgehen oder gar fertig werden sollten. Mara heulte natürlich drauf los und redete davon, dass sie ja noch so jung sei, dass sie jetzt noch nicht Mutter werden wolle, dass sie soviel noch vorhat und überhaupt, das DING müsse weg. Mit dem DING meinte sie das heranwachsende Menschlein in ihrem Bauch, dem abgemagerten. Ich sah sie mit aufgeblasenem Kugelbauch, die Hände in die Hüften den Rücken stützend durch meine Bude wackeln und hätte wieder kotzen können.
“Weg?” fragte ich kleinlaut.
“Ja, natürlich. Ich will das Kind nicht haben. Ich werde es wegmachen lassen.”

Wegmachen? Wie man mit dem Radiergummi die kritzeligen Bleistiftstriche auf einem Baltt Papier wegmacht. Wie man sich einen Pickel mit Eiterbeule wegmacht, indem man mit den Zeigefingern beider Hände die Pustel ausdrückt. So wird das weggemacht: ausgedrückt!
Ich war froh, dass Mara das sagte. ich wollte ebenso wie sie auf keinen Fall mit Mitte Zwanzig schon Vater werden. Außerdem… Mara? Liebte ich sie denn? Mit Mara ein Leben, mein ganzes Leben verbringen? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Sie war weit von mir entfernt. Es gab noch gar keine Basis, auf der unsere Liebschaft, nichts weiter war es, stand. Wir mußten nur in Erfahrung bringen, was wir in dieser Lage für Möglichkeiten besaßen, was es gebe, um den… das… befruchtete Ei zu zerstören. Abzutreiben. Lange konnten wir nicht warten, das DING wuchs bereits.
Ich versprach ihr mich darum zu kümmern, wollte einen Termin bei Pro Familia ausmachen, wo wir ein Gespräch führen konnten und unsere Zukunft besprechen wollten.

Von diesem Zeitpunkt an ging es zwischen Mara und mir nur noch bergab. Sie verkroch sich in ihr Zimmer, ich strichelte häßliche Gesichter auf´s Papier und sehnte mich der Aufnahmeprüfung an der Hochschule entgegen, um wenigstens etwas Positives in meinem Dasein ertgattern zu dürfen. Obwohl ich auch da Zweifel hegte, ob ich denn überhaupt in der Lage war, diese Prüfung zu bestehen. Was blieb war der Job als Salatesortierer, eine Perspektive, die mich zu nun andauerndem Kotzen brachte.

109_ fast perfekte Funktionalität

Trotz der Unheilsbotschaft am Abend durch Mara und dem ständigen Zucken in der Magengegend, mußte ich am nächsten Tag funktionieren, heißt: zur Salatsortiererei! Pünktlich gegen 5:30 Uhr am Morgen knallte der Weckerschwengel gegen die tellerrunde Klangschale aus Messing und trompetete mir ins schlafende Ohr. Mein erster Gedanke war natürlich: Scheiße, Mara ist schwanger, was soll ich nur tun, was soll nun werden, haben wir eine Chance Das DING loszuwerden, was wird aus mir, kann ich… wenn das mit der Abtreibung nicht klappt, einen Job auf immer und ewig ausüben, was wird mit der Musik, mit meiner Band, was ist mit Mara? In diesem chaotischen Zustand klopfte ich sachte an Maras Tür, schob sie leise auf und glotzte auf ihr zerknittertes Gesicht. Eigentlich sah man ihr die Schwangerschaft gar nicht an. Nirgends Zeichen eines Lebenwesens in ihrem Innern. Sicher wußte ich, dass eine menschliche, weibliche Schwangerschaft neun Monate dauerte bis so ein Minitum aus der Höhle kroch, aber ich war völlig behämmert, wie ins zweite Lebensalter zurück katapultiert und strohdoof im Umgang mit einer schwangeren Frau.
Mara rührte sich nicht. Nicht mal ein kleines Rascheln unter der Decke oder nur ein Augenzwinkern, nichts. Wie tot lag sie auf ihrem Bett und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wenn sie nun… ach, scheiße, bloß nicht so einen Stuss denken, nur damit du aus diesem Schlamassel schnell heraus bist. Ich hatte da durch zu gehen, mich um die nächsten Schritte zu kümmern und dafür zu sorgen, dass es Mara während und nach der PROZEDUR gut erginge. Also zog ich die Tür in den Rahmen zurück und machte mich auf den Weg zu den Salaten.
Es ist schwierig in so einer Lage einen klaren Kopf zu behalten; ebenso schwierig ist es mit Menschen zusammen zu arbeiten, die ständig irgendeine Scheiße erzählen, die dich in diesem Moment in keinster Weise interessiert. Und als ich in dem Häuschen in der Halle hockte, mir meine Tasse Kaffee griff und den Ausfahrern beim Einsammeln ihrer Bestellungen zusah, wünschte ich, ich könnte einfach verschwinden, einfach reißaus nehmen, abhauen, alles stehen und liegen lassen und… aber das war nicht drin!
Die Kerle laberten den allmorgendlichen Stuß. Am Abend gab es irgendein Fußballspiel, was selbstverständlich jeder geschaut hatte, im Fernsehen, jeder, außer mir. Es gibt nichts Stupideres als Fußball. Damit halten sie alle hin. Eine Abwechslung in ihrem beschissenen Leben, die sie den Unsinn ihres Daseins vergessen läßt. Mittlerweile hat dieser dämliche Sport einen Stellenwert in der Gesellschaft bekommen, dass Tausende von Idioten davon profitierten. Der Arbeiter latscht betäubt ins Stadion und gröhlt für etwas, das er in neunzig Minuten schon wieder vergessen hat. Und wenn er am Abend im Bette liegt, kommt ihm der Scheiß vom nächsten Tag schon wieder hoch.
Ich konnte einfach nicht abschalten. Jeder, aber auch jeder Gedanke drehte sich um die Schwangerschaft und was nun geschehen würde. Man wünscht sich immer, man könnte sofort, auf der Stelle, etwas tun, was diesen Umstand auslöscht, in wenigen Sekunden vergessen macht. Ich für meinen Teil konnte nur noch an ein Telefonat bei Pro Familia denken und wollte, sobald ich aus der Halle raus war, einen Termin haben, für mich und Mara.
Die Ausfahrer verschwanden ziemlich schnell, um ihre Tour hinter sich zu bringen und ich sortierte neue Ware auf Paletten, schaute auf die Bestellscheine und begann für den nächsten Tag die Lieferungen zusammen zu stellen, als der Vorarbeiter zu mir kam und fragte, was ich denn da täte?
“Na, ich sortiere schon mal für morgen vor! Die Tour in der Stadt zu den Supermärkten habe ich fast fertig. Wieso?”
“Max, das ist zwar löblich und auch bestimmt umsichtig, aber du mußt dir angewöhnen ein langsameres Tempo vorzulegen. Wenn die Fahrer morgen kommen und ihre Tour sortieren wollen, aber alles schon fertig ist, fahren die sofort raus, dass heißt auch, sie sind früher wieder hier und das kostet Stunden, die ich ihnen abziehen muß. Also laß´mal besser alles stehen und liegen und mach´ jetzt Feierabend, ja?”
“Okay!” antwortete ich, ließ alles fallen und schwang mich auf mein Fahrrad, um nach Hause zu fahren. Unterwegs legte ich mir die Sätze zurecht, die ich am Telefon sagen wollte. Ich fing immer wieder von vorne an: meine Freundin ist schwanger… wir wollen das Kind nicht… usw. Was ich auf die Fragen, die mir gestellt werden würden, antworten sollte, wußte ich nicht, weil ich keine Ahnung hatte, was die überhaupt von mir wissen wollten. Was überhaupt los war, verdammte Scheiße nochmal!

110_ Stressbewältigung
Kaum war ich zu hause angekommen griff ich zum Telefonbuch und suchte diese verdammte Nummer von Pro Familia raus. Mara war nirgends zu sehen, was mich erleichterte, denn ihre Gegenwart erinnerte mich ständig an unsere beschissene Lage und den damit verbundenen Stress, den ich hatte. Ich lief wie ein Gefangener in seiner Zelle hin und her, glotzte stumpf aus dem Fenster und sah in ein Nichts des Himmels hinein. Mein Herz bollerte, meine Hände waren nass und ich qualmte eine Zigarette nach der anderen. Ständig quasselte ich mit mir selbst, flötete mir die Sätze ins Ohr, die ich jeden Moment sagen wollte. Ich fand die Telefonnummer und wählte gleich drauf los. Damals besaßen wir eine Telefon mit Wählscheibe und es dauerte unendlich lange bis diese runde Plastikkacke ihre Orbitbahnen abgerissen hatte. Dann endlich hörte ich eine Stimme in der Leitung; ich war auf Sendung.
“Ja, guten Tag, meine Name ist Max Niehus, ich rufe an wegen… also, meine Freundin ist schwanger und…”
“Sie möchten bestimmt einen Termin zur Vorsprache, ja?” unterbrach mich die weibliche Stimme.
“Ja!” antwortete ich und man mußte wohl das heftige Poltern der Steine hören, die mir von den Schultern kullerten.
“Ich schaue kurz in den Kalender.” sagte die Dame dann. “Ist es ihnen in drei Tagen recht?”
“Ja, sicher. Je eher je…!”
“Gut. Ich trage das jetzt ein; ihr Name war?”
Ich antwortete.
“Den Namen ihrer Freundin bitte und wenn sie das Geburtsdatum wissen.”
Ich antwortete.
“Wann sind sie geboren?”
Ich antwortete.
“Und nun ist ihre Freundin schwanger, ja?”
Ich antwortete.
” Haben sie beide sich bereits entschieden was einen eventuellen Abbruch der Schwangerschaft betrifft ?”
Ich anwortete.
“Gut! Alles weitere werden wir dann während des Gesprächs in drei Tagen klären.”
Ich antwortete nichts.
Ich bedankte mich für… die Auskunft und schlug den Hörer auf die Gabel. Eigentlich ging das schneller und war einfacher, als ich gedacht hatte. Aber so ist das immer in dieser Gesellschaft, alles und alle machen dir Angst und wenn du dann die Zähne zusammen beißt und durch die scheiße marschierst,ist es nur noch lächerlich; es gibt keine tatsächlichen Wichtigkeiten auf dieser Welt!
Ich latschte in die Küche und kochte mir Kaffee. Ich fragte mich, wo Mara nur abgeblieben war, ob sie irgendwo herum hängt und sich ausheult, vom unverantwortlichen Kerl wie ich einer bin erzählt und… obwohl? Mit der heißen Tasse ging ich zurück in mein Zimmer und legte eine Schallplatte auf den Plattenspieler, es mußte irgendwas richtig Mieses, Depressives sein und natürlich griff ich zu Peter Hammill. Nachdem der mir dann in die Gehörgänge jaulte und mich in einen Zustand totaler Traurigkeit manövriert hatte, begann ich mich zu fragen, wie “es” denn überhaupt geschehen konnte, dass Mara schwanger geworden war? Hatte ich sie eigentlich mal nach Verhütung gefragt? Ich glaube nicht! Hatte sie irgendwas von Verhütung gesprochen? Ich glaube auch nicht! Was haben wir da eigentlich die ganze Zeit über getan? Wieso konnte ich nur so dämlich gewesen sein und Mara nicht ein einiziges Mal danach gefragt zu haben?
Der Schlüssel drehte sich im Schloß der Wohnungstür und ich hörte sie in meine Bude kommen. Wahrscheinlich hatte sie wieder etliche Plastiktaschen in den Händen mit allerlei Klamottenkram und Nippes, was die Frau so braucht eben. Ich blieb still in meinem Ohrensessel hocken und wartete auf sie. Peter Hammill sang eben lauthals: ” It seems there´s not an ounce of love or trust, anywhere in the world!”

111_ Abgesetzt!

” Aaahh, betrayed there´s no hiding place, anywhere in the world!”

Peter Hammill kreischte sich eben über seine verflossene Liebe die Seele aus dem Leib, als Mara an meine Tür klopfte und eintrat. Ich sah sie vorwurfsvoll an, hatte mir mittlerweile sämtliche Begründungen ins Ohr geprahlt, warum wir nie über Verhütung geredet hatten, warum es möglich war, dass Mara nun schwanger geworden ist. Eigentlich machte ich mir selbst keine Vorwürfe; ich hatte einfach zu wenig Ahnung im Umgang mit Frauen, ließ mich wie in meiner jüngsten Jugend umherkommandieren und funktionierte wie man es von mir verlangte, weil ich ja mit dieser Frau ins Bett wollte. Mein Verhalten entsprach dem eines pubertierenden Knaben, der immer lieb zu seiner Mutti ist, damit sie ihn gern hat. Eine eigene Meinung oder gar ein eigenes Bewußtsein besaß ich nicht; ich wußte gar nicht, was das ist, ein Bewußtsein? Ich war eben ein völlig verblödeter Junge, der hilflos umher starrte und auf Rettung wartete. Zwischendurch hinrlos drauflos vögelte…
Mara setzte sich zu mir auf den Boden und lehnte sich an mich. Ich mochte ihren Geruch, ich mochte ihre zarten kleinen Fingerlein, die sich um meine Wurstpranken legten. Ich mochte ihre schlanken Beine, die sich nun ausstreckten und sich wie zwei Käsestangen zu Anknabbern darboten. Ihr kurzgeschnittenes Haar kitzelte mir in der Nase, als sie ihren Kopf leicht senkte und mir auf die Brust fallen ließ.
“Sag´mal!” begann ich vorsichtig,” wie kann es eigentlich sein, dass du schwanger geworden bist? Ich meine, verhütest du nicht?”
Ruckartig hob sie ihren Kopf hoch und knallte ihre schwere Schädeldecke unter mein Kinn, fast wie eine Antwort auf meine Scheißfrage. Sie starrte mich entsetzt an und ihre Augen blinzelten wie die eines Wolfes, der kurz davor war sich auf ein Schaf zu stürzen.
” Was soll denn das jetzt?” fragte sie und richtete sich weiter auf, zog die Beine an und griff sie mit den Händen, zog sie so als Schutz vor ihren Innereien vor ihren Bauch.
” Naja, ich will eben nur wissen, wie so was passieren konnte? Ich dachte immer, du nimmst die Pille… nimmst du doch, oder?”
” Kurz vor dem Flug nach Tunesien habe ich sie vergessen zu nehmen und dann im Urlaub ganz weggelassen. Ich weiß auch nicht wie das geschehen konnte.”

Ich erinnerte mich an Tunesien, an die Nächte neben Mara, die irgendwie abwesend gewirkt, kaum ein Wort mit mir gesprochen, sich über die Kerle in Kleidern aufgeregt und eigentlich nur gelesen und geschlafen hatte. In den drei Wochen hatten wir kaum miteinander geschlafen, wenn überhaupt. Wenn ich mich recht entsinne, nicht ein einziges Mal, oder doch? Das hieße, Mara war schon vor unserem Urlaub schwanger gewesen, was vielleicht auch ihre ständige schlechte Laune erklärte, die ich dort in Afrika aushalten mußte.
” WIE?” fragte ich weiter, ” du hast sie vergessen zu nehmen? Wieso hast du sie denn überhaupt abgesetzt? Wolltest du etwa schwanger werden?”
” Bestimmt nicht. Ich weiß es nicht mehr. Ich habe mir, ehrlich gesagt, keine Gedanken darum gemacht.”
“Keine Gedanken worum gemacht? Darüber, dass du ein Kind bekommen könntest, oder was?”
Ich wurde immer lauter, brüllte zornig in ihr Gesicht. Ich konnte kaum fassen, was die Göre da erzählte: sie hatte VERGESSEN die Pille zu nehmen? Wo gibst denn so einen Scheiß, bitte? Dass man vergißt die Pille zu nehmen? Wem will sie denn hier erzählen, dass es ohne Absicht geschah? Die wollte wohl schwanger werden und mich an sie ketten, oder wie? Ich stand auf und polterte durch das Zimmer. Die Musik von Peter Hammill hatte mittlerweile aufgehört zu dudeln und es war still, bis auf meine klobigen Schritte über den Holzboden hörte man nichts. Wie ein wütender Riese in Siebenmeilenstiefeln latschte ich auf und ab und schüttelte unentwegt meinen schweren Kopf.
Mara heulte natürlich. Was auch sonst? Bei Hilflosigkeit kullern die Tränen und versuchen das erkaltete Herz eines Idioten zu erweichen, wie ich einer war. Ich blieb am Fenster stehen und glotzte in den blauen Himmel, der nicht mein Himmel war, ich starrte auf die Straße unter mir, die nicht meine Straße war, ich verfolgte die Menschen auf den Straßen, denen ich nicht angehörte. Ihre Belange waren nicht meine Belange. Sie kotzten mich an mit ihren kleinen Unwichtigkeiten, mit ihrem ewigen Gerede von Verantwortung und Verpflichtung. Und Mara kotzte mich an mit ihrer kleingeistigen Haltung, mit ihren langen Beinen, die nur eine Erektion hervorbrachten, weiter nichts. Auf eine Erektion konnte ich nun gut verzichten…

“Ich habe einen Termin gemacht, in drei Tagen gehen wir zu Pro Familia und sehen, was mit uns wird. Was mit dem…!”
Ich stockte, schluckte und stampfte letztendlich auf, trat gegen meinen Schrank, gegen den Tisch, meine Stühle, warf meine Bilder vom Tisch, trampelte darauf herum und schrie wie ein Verrückter.

” SO EINE ELENDE SCHEIßE ABER AUCH!!!”

112_ Ketten, überall Ketten!
Mara stand abrupt auf und verließ mein Zimmer. Sie heulte und heulte und schimpfte irgendwas in sich hinein. Mir war es recht, dass ich allein blieb, weil mir dieser ganze Umstand ihrer Schwangerschaft und ihrer dämlichen Antwort, sie hätte es vergessen die Pille zu nehmen, nur noch ankotzten. Meinetwegen hätte sie ihre Sachen packen können und abhauen, weg von hier, von mir, nur weg und mich allein lassen. Wie sollte ich bloß mit dieser Frau fertig werden? Quatschte irgendwas von ein Leben lang zusammen bleiben und hängt mir ein Kind an die Hacken, womöglich absichtlich. Da verzichtete ich lieber auf einen Fick, im Ernst!
Sie knallte ihre Tür zu und rumorte drinnen herum. Nach einer kurzen Zeit kam sie auf den engen Flur, zwei Taschen in beiden Händen, rannte hinaus ins Treppenhaus und war verschwunden. Kein Wort, nichts, als hätte jemand meine Bitte erhört. Ich kochte erstmal Kaffee und legte eine Schallplatte auf: Killing Joke, ” A Love like Blood”… Ich drehte meine Anlage voll auf und ließ mich in diesen Hass hinein fallen, schrie mit dem Sänger um die Wette und brach dann völlig irre zusammen. Irgendwas lief hier mächtig falsch; irgendwas hing mir an den Fersen wie eine Meute wilder Hunde und jagte mich durch die Welt. Ich hatte die Schnauze so voll von meinem Hin und Her in den Jobs, dem ziellosen Gearbeite für ein paar Mark, ohne je eine Perspektive zu haben, was werden sollte. Wahrscheinlich würde ich sogar durch die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule fallen, so wie meine Karten aussahen. Ich hatte die Schnauze von Frauen voll, obwohl ich mal kaum drei oder vier kennen gelernt hatte, aber die, die ich kennen gelernt hatte, gingen mir schon nach kurzer Zeit auf die Nerven. Sie saugten einen aus, bis auf´s Blut, wollten alles und ich hatte nichts.
Den Abend verbrachte ich vor der Glotze, zappte von einem Sender zum nächsten und starrte eigentlich nur vor mich hin. Mara ließ sich nicht blicken, sie würde bei einer ihrer Freundinnen übernachten… oder irgendeinem Kerl, dem sie dann beichten konnte, was für einen Hänger sie mit mir erwischt hatte. Mir war das gleich. Ich wollte wieder für mich sein, allein, niemanden verantwortlich…

Das einzig Positive war, dass ich am anderen Morgen in der Salathalle ein Gespräch mit dem Vorarbeiter führte und der mich fragte, ob ich mir zutrauen würde, einen Fahrer zu vertreten. Blöde Frage, dachte ich, selbstverständlich. So ein paar Salate hin und herkutschen kann ja nicht allzu schwierig sein. In der kommenden Woche sollte ich eine Woche lang diesen Fahrer begleiten, mir seine Tour ansehen und natürlich alles merken. Ich war erfreut über diese Aussicht endlich wieder allein arbeiten zu können, unterwegs zu sein und niemanden neben mir zu haben, der mir sagte, was ich tun sollte oder wie oder überhaupt…
Nach dem Gespräch packte ich wieder Paletten voll und drehte mir eine Zigarette nach der anderen, die ich auf der Rampe paffte. Ich saß dort und blies den Rauch in den Wind, der ihn dann gleich mitnahm und in alle Himmelsrichtungen lenkte. In mir würgte es, Mara ließ mich nicht in ruhe, überall war sie mit einem dicken Bauch und grinste mich an, wie eine Fratze. War es Zufall, dass wir uns getroffen hatten oder gibt es sowas wie Schicksal? Sollten wir uns treffen? Wozu und warum? Nur um jetzt dieses Balg in die Hölle zu schicken oder dorthin, wo es hergekommen war? Das Balg! Meine Schwester war vor einiger Zeit Mutter geworden und hatte ihre Jugend weggeworfen, wie ich meinte. Sie war zwanzig, als sich dieser blauweiße Schädel durch ihre enge Spalte gequetscht hatte und nun dazu verdammt ihr weiteres Leben diesem Kind zu widmen. Ich wollte das nicht. Ich wollte unter keinen Umständen jetzt schon diese Verantwortung haben, jetzt noch nicht… um Gottes Willen, nein!! Nach einiger Zeit entschloß ich mich mal wieder hinein zu gehen und einige Salat hin und her zu schieben, irgendwie beschäftigen, ablenken von diesem Müll im Hirn. Es gelang gar nicht. Die Arbeit war zu stumpf, verlangte keine große Anstregnung der Hirnwindungen und körperlich war es auch nicht eben schwer. Ich machte gegen drei Uhr Feierabend und fuhr in meine Bude, kaufte Bier ein und wollte mich besaufen, nichts anderes blieb mir übrig. Besoffen erträgt man diesen Quatsch leichter, fängt an sich über diesen Unsinn von Leben lustig zu machen und alles, alles wird einem einerlei. Man schneidet sich los von den Ketten der Gesellschaft und hüpft herum wie Rumpelstilzchen, dessen Namen niemand kennt.

113_ Toben
Am nächsten Tag, gleich nach der Salatsortiererei, raste ich nach hause und erwartete eigentlich Mara oder wenigstens einen Anruf von ihr. Nichts! Sie hatte sich verpisst und ließ mich im Dunkeln hocken wie einen ausgesetzten Köter. Ich telefonierte herum, rief Bekannte von ihr an, fragte nach weiteren Adressen und Telefonnummern, niemand konnte mir sagen, wo sich Mara versteckt hatte. Ihr muskelbepackter Typ, der mit dem Triathlon- Zeugs, meinte, ich solle es mal bei ihrer Großmutter versuchen, da könnte sie sich aufhalten. Er wollte natürlich wissen, was denn los sei und warum ich so panisch klinge.
” Ich panisch?” kreischte ich, ” ich bin völlig ruhig.”
Ich knallte den Hörer auf die Gabel und wählte erneut und zwar die Nummer ihrer Großmutter. Nach kurzem Bimmeln hörte ich dann auch eine zittrige Stimme, die mich fragte, was ich denn von ihrer Enkelin wollte. Ich antwortete, ich sei ihr Freund (?), naja, kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, würgte ich schon wieder, weil mich mein schlechtes Gewissen plagte; ich hatte ja Mara praktisch verdächtigt absichtlich nicht verhütet zu haben und sowas ließ sich so schnell nicht wieder gutmachen. Schließlich kam Mara aber ans Telefon und wir quatschten kurz, wenige Worte nur, keine Entschuldigungen, keine Beteuerungen irgendeiner Liebe, so was gab es nicht. Sie käme morgen zu mir, damit wir beide dann dieses Gespräch bei Pro Familia führen könnten. Ich grummelte etwas in die Sprechmuschel und knallte den Hörer dann auf mein Plastiktelefon, dass kleine Stückchen abbrachen, die dann im hohen Bogen durch das Zimmer flogen.
Am Abend fuhr ich zur Probe, schleppte mich in übelster Laune zur Band und dudelte drauf los. Niemand fragte mich irgendetwas, weil ich niemanden irgendetwas erzählt hatte. Diese Sache sollte gar nicht erst an die große Glocke gehängt werden, dabei hätte ein Mann doch die allerschlechtesten Karten, der Schuldige kann nur er sein, immer!
Also gingen wir unser Repertoire durch und nach zwei Stunden packte ich meinen Bass wieder ein, lehnte die Einladung zu einem Bier in der Muckerkneipe ab und radelte zurück zu mir. Ich hatte noch jede Menge Bier im Kühlschrank, fletzte mich vor die Glotze, erneut, und soff mir einen an. Als ich stockbesoffen ins Bett kroch, hörte ich plötzlich Geräusche, Stimmen draußen auf dem Flur. Ich war aber zu faul, um nach zu sehen, was sich da tat. Mara war gekommen, hatte ihre Freundin mitgebracht und quasselte in einer Tour. Mit meinem Dröhnschädel krakselte ich aus den Federn und stand halbnackt vor den Tussen. Mara schaute mich völlig entsetzt an und sagte kein Wort mehr. Sie hielt den Blick gesenkt, latschte zu ihrer Zimmertür und wollte eben hinein gehen, als es aus mir herausbrach.
” Na!” schrie ich, ” war´s du wieder bei einem deiner vielen Kerle? Hättest ja gleich da bleiben können. Hol´dir bloß dein Zeugs hier ab und verschwinde… ich krieg´sonst die totale Krise!”
Ihre Freundin glotzte völlig böde auf den Boden und fummelte sich an ihren Hosennähten herum. Mara heulte, rannte in ihr Zimmer und griff, was sie zu fassen bekam.
” Ich kann dir deine Scheiße auch nach schicken!” brüllte ich völlig aus der Puste. Mein Herz bollerte wie ein alter Kohleofen, das Blut schoß mir zu Kopfe, ich hätte handgreiflich werden können, besaß aber doch noch soviel Vernunft es nicht soweit kommen zu lassen.
Mara zischte an mir vorbei und packte ihre blöde Freundin am Arm, beide schwirrten ab und ließen mich Idioten stehen. Sobald die Tür ins Schloß fiel krabbelten unendlich viele Ungeheuer an mir empor. Ich fühlte mich schäbig, ekelte mich vor mir selbst. Aber so ist das nun mal mit den Gefühlen, erst brechen sie sich Bahn, du tobst wie ein Berserker und hinterher heulst du die Bude voll, weil es dir leid tut. Hirnrissig das! Man hat sich nie im Griff.
Ich machte noch eine Flasche Bier auf und stürzte den Inhalt hinunter. Dann ließ ich mich ins Bett fallen und schlief ein…

114_ Aus! Vorbei!
Während ich im Halbkoma und noch angetrunken den nächsten Tag beim Salate sortieren verbrachte, schwirrten mir unendlich viele Fragen durch meinen dicken Brummschädel: Was würde heute werden? Wie würde sich Mara entscheiden? Würde sie mich festnageln und das Kind doch austragen? Aber sie hatte sich längst entschieden, hatte gesagt, sie wolle, könne, dürfe nicht jetzt ein Kind bekommen!? Trotzdem blieb ich unsicher, wartete auf den Feierabend und bangte meiner Strafe entgegen. Hansjoachim mußte irgendwie bemerkt haben, dass es mir nicht sonderlich gut ging und kam alle paar Minuten an, um zu fragen, ob denn alles in Ordnung mit mir wäre? Keine Ahnung, was den getrieben hat, mich Banausen in seine Obhut zu nehmen, aber seit langer Zeit gab es da mal einen Mitmenschen, der so was wie ein Einfühlungsvermögen besaß, der sehen konnte. Natürlich unterließ ich es ihm von meinem Disaster zu erzählen; ich meinte nur, ich hätte gestern etwas viel über den Durst getrunken, weil irgendeine Sache gefeiert werden mußte und hatte ihn dann auch wieder vom Hals. Es kommt nicht oft vor, dass man uneigennützige Menschenwesen antrifft, Hansjoachim war so einer, allerdings auch der einzige, dem ich begegnen sollte. Er lächelte morgens, mittags und abends. Es gibt sie tatsächlich, die einfachen, heiteren Mitmenschen, die sich in ihrem Dasein eingerichtet hatten und damit zufrieden waren, seltsamerweise…
Sobald der Vorarbeiter mich entließ, raste ich in die Stadt und wartete vor dem Haus der Pro Familia auf Mara. Meine Knie waren butterweich, die Hände nassgeschwitzt und ich versuchte meine Nervosität zu verbergen, indem ich eine Kippe nach der anderen rauchte.
Mara kam mit ihrem kleinen Auto angefahren; sie begrüßte mich zwar, hielt den Blick allerdings gesenkt und sagte sonst kein Wort. Getrennt bereits gingen wir die Stufen zu einem Büro in der zweiten Etage des Hauses empor. Ich wackelte schuldbwußt, schuldbeladen hinter Maras Hintern her und empfand kaum noch etwas für sie. Warum wußte ich gar nicht zu sagen. Ich wollte einfach nur wieder allein sein, für mich, ohne die Qual einer Beziehung, einer Verantwortung.
Als wir der netten Dame gegenüber saßen ergriff Mara dann doch meine feuchte Hand und drückte sie leicht. In der Krise halten die Menschen zusammen, was?

Die Situation dort war völlig unangespannt. Wir wurden befragt und nachdem die einhellige Meinung eines Abbruchs der Schwangerschaft bestand, wollte die Dame alles in die Wege leiten, dass dies sofort geschehen würde. Mara sollte für eine Woche in ein Krankenhaus und damit wäre die Angelegenheit dann auch aus der Welt geschafft. Wir unterzeichenten irgendwelche Formulare, reichten uns die Hände zum Abschied und Mara und ich waren befreit, von ihrer Schwangerschaft, von all den wirren Gedanken an eine ungewisse Zukunft und natürlich auch befreit voneinander. Ich besuchte sie ein-zwei Mal im Krankenhaus, wie auch andere ihrer Bekannten, die ich ständig antraf und mich ihren tötenden Blicken ausetzte. Ich kam mir vor wie ein Sträfling, ach, schlimmer, wie ein Gewaltverbrecher, der Mara unglaublich Böses angetan hatte. Als ich das letzte Mal an ihrem Bett saß und in ihre Augen sah, erkannte ich nur noch Verachtung für mich. Sie sprach wieder nicht, legte ihren Kopf mit den seidenem schwarzen Haar leicht zur Seite, schaute hinaus in das Nichts des Draußen und wartete, dass ich endlich abhauen würde. Ich sah ihr deutlich den Eingriff an, körperlich und auch seelisch, wollte jetzt noch irgendetwas zur Tröstung sagen, blieb aber stumm und erhob mich von ihrer Seite. Dann latschte ich unendlich langsam mit hängenden Schultern auf den Flur hinaus und sah Mara NIE WIEDER!!!

Später, nach etlichen Jahren besaß ich den Mut sie anzurufen. Ich hatte mir ihre Telefonnummer von ihrer Großmutter geben lassen. Mara wohnte in Berlin, zusammen mit einem Musiker, einem begnadeten Klavierspieler, der leider zuviel Alkohol trank; einige Male hatte ich mit ihm zusammen gespielt und fand ihn sympathisch, wenn auch zu aufdringlich, wie alle Menschen, denen die Aufmerksamkeit fehlt. Mara mußte erschrocken sein, als sie meine Stimme hörte, denn sie sprach leise, fast so, als wolle sie noch immer nicht mit mir sprechen. Ich versuchte eine Erklärung für mein damaliges Verhalten abzugeben, aber stotterte nur unzusammenhängendes Zeugs daher. Ich wollte dem einen Abschluß geben, ein endgültiges Ende herauf beschwören und sagte, dass ich noch immer, nach all den Jahren eine unerträgliche Schuld empfinden würde, als hätte ich sie in ein Jammertal gestoßen und sie dort verbrennen lassen… Mara sprach nicht. Ich konnte nichts tun, als ihre Anklage anzunehmen und sie für ewig in Frieden zu lassen, was ich dann auch tat.

115_ ausserhalb von Allem!
Seit einiger Zeit fuhr ich nun mit einem Kleintransporter in der Gegend herum und belieferte irgendwelche Märkte, Kleinläden und andere Unternehmen mit Salaten. Nach einer Woche Einarbeitung durch einen seltsamen Ausfahrer, der meine Gemütsverfassung damals nicht eben erhebte, durfte ich allein meine Arbeit verrichten und stürzte mich wie ein Irrer in diese Beschäftigung. Ich fuhr fünf Tage die Woche morgens um halb Sieben Uhr vom Hof, den Wagen vollgepackt und konnte mir meine Zeit selbst einteilen. Jeden Tag fuhr ich eine andere Tour, die sich dann in der kommenden Woche wiederholte. Montags ging es hinaus zu einem Stahlunternehmen, wo ich die Kantine belieferte. Ich machte mir morgens einige Stullen und eine Thermoskanne Kaffee, versorgte mich mit ausreichend Ziagretten und ab und zu auch etwas Dope, um auf andere Gedanken zu kommen. Mara saß fest in meinem Hirn und beackerte meine wüsten Gedanken mit ihren Hasstiraden. Ich war und blieb schuldig.

Nach etwa einer Stunde Anfahrt zum besagten Unternehmen passierte ich die Pförtnerschranke und winkte dem Kugelmann mit seiner blöden Mütze zu, der mich dann auf den Hof ließ, um die Ware abzugeben. Ich beherrschte das Auto ganz gut und kurvte ziemlich wild umher, parkte es dann vor einer Laderampe und griff mir den Bestellschein. Dann packte ich das Zeugs auf eine Palette, besorgte mir einen Hubwagen und verfrachtete diese in Richtung Kantine. Keine Ahnung, was die da in dem Unternehmen herstellten, Stahl für was weiß ich was! Das Übliche Gebrodel für Brücken, Häuser und sonst was! Poesie oder Kunst würde es hier nie geben; Vier riesige Hallen standen dicht gedrängt nebeneinander und waren durch Tore miteinander verbunden. Überall wuselten graue Menschen herum und taten beschäftigt. Ich entsann mich meiner Ausbildung und hätte eigentlich gleich auf den Boden kotzen können, so nahm mich die Atmsophäre gefangen, aber ich war ja nur der Lieferant und wurde gleich wieder in die Freiheit entlassen. Ich zog den Hubwagen hinter her und bollerte über Betonplatten, an grauen Wänden und Türen vorbei. Wie überall herrschte nur Krach und Lärm, niemand redete, niemand lachte, niemand kam mir zu nahe!
In der Kantine hantierten dicke weißbekittelten Frauen und schnippelten Tonnen von Kartoffeln, Möhren und weiß der Teufel noch was! Ich brüllte eine von ihnen an und fragte, wo sie denn diese Ware hin haben wollten. Niemand rührte sich! Apathisch fuchtelten sie mit Messern und Löffeln herum, wühlten sich durch fettige Suppen und Soßen. Wie in Trance werkelten diese Roboter in seelenlosem Essen und hingen ihren stupiden Gedanken nach, lechzten nach Wunscherfüllungen und Belohnungen ihrer abartigen Tätigkeiten.
Ich rief erneut in den gekachelten Raum hinein und schließlich bewegte sich eine überaus fette Frau mit ihren Säulenbeinen auf mich zu und knurrte mich an. Mit dem Hubwagen im Schlepptau folgte ich ihr ins Kühlhaus.
“Der andere hat die Ware gleich hierein gebracht!” murrte sie und öffnete dann die schwere Tür zur Kälte.
“Ich bin neu! Das erste Mal hier! Woher soll ich denn wissen, wohin der Kram kommt?” antwortete ich verärgert.
“Das nächste Mal dann!” brummte die Olle.

Ich schaufelte sämtliche Ware in die Regale und machte, dass ich schleunigst vom Hof kam. Ein kurzer Wink dem Pförtnermännchen und schon war ich auf offener Straße, hin zum nächsten Kunden, einem Fleischer, irgendwo auf dem Land, in der Walachei… Montags gefiel mir die Arbeit. Ich fuhr auf Landstraßen, Schotterpisten und durch Schlammkuhlen die umliegenden Dörfer ab, war meist gegen sechs Uhr abends auf dem Hof und fuhr dann entspannt meinen Bieren entgegen. Ich hätte auch um zwei Uhr Feierabend machen können, mehr Zeit war nicht nötig für die Tour, aber ich wußte nichts mit mir anzufangen und dehnte meine Fahrerei einfach aus, hielt an schattigen Plätzen, drehte mir eine nette Tüte oder döste einfach nur im Wagen vor mich hin. Wenn man da nicht aufpasst, geht es ruck zuck und du sitzt in so einem Job bis zum Ende fest, weil keine große Anstrengung von dir gefordert wird. Man könnte ewig so weitermachen, dösen, fahren, rauchen, fahren, dösen und… Schluß!

 

116_ ausserhalb von Allem 2
Schlimm war die Tour in der Stadt selbst. Ich mußte durch den dicksten Verkehr heizen und kam ständig zu spät, einfach weil überall nur diese vierrädrigen Blechkästen herumstanden. Völlig hirnrissige Ampelschaltungen brachten mich in Zeitdruck. Ich raste durch die Gassen wie ein Formel 1 Pilot und hupte wie ein Südländer in den Dolomiten. Der entspannte Montag mit seiner Überlandtour war schnell vergessen.
In der gesamten Stadt wurde jeder Supermarkt mit Salaten beliefert, was hieß, jeden Supermarkt anfahren, ausladen, mit so einem unhandlichen Rollwagen, auf dem die Plastikteile hin und her schaukelten über einen gepflasterten Weg hoppeln, durch die Gänge des Supermarktes hetzen, ständig um Verzeihung bitten, wenn ich mal an den Kunden vorbei wollte, dann die ganze Chose ausräumen und ins Kühlregal einsortieren. Dabei verlangte man von mir die Ware, bei der das Haltbarkeitsdatum ablaufen würde, ganz nach vorn zu platzieren und die neue Ware nach hinten zu stellen. Deshalb greife ich heute noch beim Einkaufen auch immer ganz nach hinten ins Regal, um mir einen Pudding oder Joghurt zu nehmen, weil ich weiß, die halten noch etwas länger.

Bei einer mittleren Großstadt, in der ich aufgewachsen bin, kann man sich vorstellen wieviele Supermärkte es da so gibt: etliche, große, kleine, versteckte, ganz versteckte und völlig marode Läden, stinkende Läden, riesige Läden usw. Was ich am Montag mit Dösen und Pausieren an Zeit vertan hatte, mußte ich am Dienstag hetzenderweise wieder reinholen. Meist kam ich erst gegen zwanzig Uhr zurück auf den Hof. Niemand war mehr da; alle hockten bereits bei ihren Muttis oder vor der Glotze oder in der Kneipe oder wo auch immer. Hansjoachim, der Vorarbeiter, meinte dann auch am Mittwochmorgen, ich könne den Wagen dienstags mit nach hause nehmen, dann erspare ich mir die Radelei. Ich nahm das Angebot dankend an.
Nach zwei Wochen als Aushilfsfahrer war ich dann aber soweit auf Zack, dass ich meine Kunden zügig beliefern konnte. Ich fuhr pünktlich morgens vom Hof und kam rechtzeitig zum Feierabend am Nachmittag zurück. Ich hortete Geld auf meinem Konto und spielte an den Wochenenden auf meinem Bass. Unterwegs war ich kaum noch; die Kneipen und Discos in der Stadt, mit all ihren häßlichen Gesichtern, die dumm herum starrten, nervten nur und boten mir keinerlei Abwechslung; und schon gar nicht lenkten sie mich von meiner Trübseligkeit ab. Ich fiel meilenweit tief in ein Loch und saß dort unten mit unzähligen Flaschen Bier, Peter Hammill und meinem Fernsehapparat. Nach der Salatarbeit fuhr ich schnurstracks nach hause, stellte das Telefon ab, ging nie an die Tür, wenn es unten klingelte und verbarrikadierte mich vorerst.

 

117_ ausserhalb von Allem 3
Meine Verbarrikadierung hatte zur Folge, dass ständig irgendwer anrief, ob das nun die Bandmitglieder waren oder irgendwelche anderen Bekannten. Ich hatte aber absolut keinen Bock auf Gespräche, die auf nichts hinaus liefen, außer vielleicht allabendliche Treffen in den Saufkneipen und Discotheken. Ich mußte erstmal zu mir kommen, mußte Mara aus dem Kopf kriegen, mußte, mußte… irgendetwas tun, um meinem Einerlei die Stirn zu bieten. Der Job als Aushilfsfahrer forderte mich nicht sonderlich, so dass ich bald abends zu zeichnen begann. Ich kritzelte wieder nur idiotisch aussehende Gesichter mit großen blöden Augen oder eben nackte Frauenkörper… In zwei Monaten sollte meine Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule sein und ich wollte unbedingt da durch, wollte in diese Scheinwelt der Künstler eintreten, um mal in den Genuß eines Erfolges zu kommen, um mich in einer Welt aus Sabblern, Pseudowissenden und Klecksern zu etablieren. Den Erfolg mit meiner damaligen Band und meinem Bass-Spielen nahm ich schon nicht mehr ernst; für mich war klar, dass ich nie ein großer Rockstar werden würde, dafür fehlte mir Durchhaltevermögen und die nötige Ekelhaftigkeit von Menschen, die über Leichen gehen. Plattenproduzenten und A&R Typen fanden in meiner Kahtegorie der Blutsauger Platz, nirgends sonst wird mit der Kreativität anderer Menschen soviel Kohle gemacht; und ich wollte mich anders durchschlagen. Also dehnte ich mein Können auf dem Bass nicht weiter aus, sondern zeichnete stattdessen irgendeinen Blödsinn, von dem ich annahm, er könne die Kluft zwischen Arbeitersohn und Künstler überbrücken, was natürlich völliger Quatsch war; nie würde ein undiplomierter Maschinenschlosser in die Welt der Kunst eintreten dürfen, aber das war mir damals nicht bewußt.
Wenn es mir dann am Abend aber doch zu langweilig wurde, trippelte ich durch die Stadt und hockte mich zu den blassen Gesichtern der Nachtschwärmer. Ich trank Bier literweise und bildete mir ein, zu ihnen zu gehören, wenigstens in den durchsoffenen Nächten. Sobald ich morgens erwachte und mich auf den Weg zum Job begab, Kopfschmerzen und Hustenanfälle inbegriffen, war sicher, es gab bisher noch keine Gemeinsamkeiten.

Ende August dann, der Sommer war mal wieder viel zu heiß und ich verfluchte täglich dylanthomasmäßig die Sonne mit ihrem feisten Gesicht, war es aus mit dem Fahrerjob. Der letzte Freitag stand bevor und ich raste durch die glühenden Straßen. Überall schimmerte die Hitze über dem Asphalt und ich blinzelte ständig mit den Augen. Eine Sonnenbrille verbot ich mir. Menschen, die Sonnenbrillen tragen halte ich für eitel. Ich trage nie eine Sonnenbrille. Gegen siebzehn Uhr fuhr ich auf den Hof und parkte ein letztes Mal das Auto, schloß ordentlich die Tür ab und übergab dann den Schlüssel Hansjoachim. Der Kerl lächelte immer noch, auch am Freitag Nachmittag am Ende der Woche und man fragte sich, was denn um Himmels Willen für eine Macht am Werk sein muß, damit derart zufriedene Menschen geboren werden? Wie Hansjoachim das hinbekam, immer gut drauf zu sein, ist mir noch heute ein Rätsel. Vielleicht eine Frau? Sicher, eine Frau! Was sonst, ausser einer Frau, kann einen Mann glücklich machen, dass er ständig bis über beide Ohren am Grinsen ist? Geld vielleicht noch? Und Erfolg? Erfolg im Beruf? Da ertappte ich mich mit meinen Gedanken, die ganz von selbst in die Bahnen der Anpassung an die Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber gerieten. Ich war auf dem besten Wege ein gut konditionierter Kerl zu werden, der ordentlich seinem Lebensunterhalt nach gehen würde, die Erfolgsleiter empor klettern und sich dann mit dem ganzen Scheißunsinn an Dingen und Sachen belohnen wollte. Hinein also in die ausgelatschte Spur der Arbeiter, wieder mal! Oder hatte ich dem etwas entgegen zu setzen? Was war denn, himmelnochmal, mein Ziel? Ein Künstler zu werden, der genauso blasiert daherredet wie der Rest dieser Nudelsippschaft? Wem wollte ich denn hier etwas beweisen? Und warum? Da war ich unaushaltsam in die stinkige Rinne von Intellektuellen geraten, anfangs bewußt, also absichtlich, um mein Ego zu polieren; und nun stand ich zwischen diesen Kautzen und fing schon an genauso so einen Stuss zu reden wie die.
Nein, nein… meine Absicht lag woanders. Ich wollte, wenn schon Tätigkeit, dann aber bitte etwas, das mich erfüllt, mir Spaß bringt, mich seelisch aufbaut und nicht so einen Hundejob mit Leine. Das war das Zeil! Ich wollte niemals mein Ego aufblasen. Ich wollte nur arbeiten in dieser Gesellschaft, aber einen Job, den ich selbst wählen würde.

Zum Abschied eröffnete mir der Vorarbeiter Hansjoachim, dass er sehr zufrieden mit mir war und mich gerne, falls “Not am Mann” wäre, anrufen wolle, um auszuhelfen. Ich beteuerte ihm, dass ich in den nächsten Jahren erstmal die Schnauze voll hätte von Salaten und auf die Kunstakademie gehen würde… schon während ich redete, fiel mir auf, dass nicht ich sprach, sondern ein kleingeistiger Trottel, der hier auf dem Gelände den großen HERMANN markieren wollte, obwohl noch nicht einmal sicher war, ob man mich überhaupt nehmen würde, auf der Akademie! Ich blies mich selbst auf. Ich machte mich zu etwas, was ich gar nicht war. Ein blasierter Intellektueller. Ich nahm Abstand zu arbeitenden Masse und schaukelte mich eigenhändig in den Himmel der Besserwisser.

 

117_ ausserhalb von Allem 4
Die folgenden zwei Monate Warten auf die Aufnahmeprüfung waren erfüllt mit einem ausgiebigen Hängerdasein. Ich sackte weiter hinab in die Grube der aussichtslosen Fälle, trank reichlich und begann wieder mit den Drogen, aber nur mal einen Joint, also nichts Ernstes, das hätte meine zartbesaitete Seele nicht überstanden. Meine Erfahrung mit LSD reichte da völlig aus, um nicht nochmals in Versuchung zu geraten. Mit Robert hatte ich mal “probiert” und war in keinster Weise von diesem Zeugs beeindruckt worden. Im Gegenteil: ich war voll drauf, absoluter Höllentrip mit Aussetzen der Extremitäten bis hin zum Sturz in die Gosse.
Nein, am Abend ein Teilchen und dazu einige Biere reichten mir vollkommen aus, um mich aus der Realität zu verabschieden. Meist hockte ich vor der Glotze, zappte hin und her, latschte zum Klo und wieder zurück zum Bett; da kann sich nichts Großartiges ereignen und sollte auch nicht. Wenn man mich in Ruhe ließ, war ich glücklich. Ich konnte die Rechnungen für die Wohnung und die Nebenkosten begleichen, hatte Geld übrig für LP´s und versauerte so langsam in meiner Bude.
Wenn ich schon auf die Straße ging, dann nur eben kurz, um Besorgungen zu machen, das Übliche: einkaufen eben! Gleich um die Ecke an meiner Straße gab es einen Supermarkt, einige Meter weiter verschleuderte ein Türke seinen Döner, den ich mir ab und an am Abend gönnte, aber mehr durfte auch nicht sein. Weder Kneipen noch Discotheken und schon gar kein Besuch. Aber wer hätte mich damals auch besuchen sollen? Mit den Frauen hatte ich nichts mehr am Hut, erstmal, in der Szene galt ich als arrogant und mit meinem Mara-Leumund würde in nächster Zeit sowieso keine Dame mit mir anbandeln wollen. Gut also! Einzig die Musik und die Band boten einigermaßen Abwechslung in meinem ansonsten abgestumpften Leben. Zweimal die Woche radelte ich in den Probenraum, hörte mir die aufgeblähten Sprüche der Mitmusiker an, die tatsächlich noch immer von sowas wie einer Karriere träumten, dudelte auf den vier Saiten herum und machte mich danach vom Acker. Bloß keine großen Gespräche über die Laufbahn eines verkannten Genies oder andere Belanglosigkeiten. Ich lehnte einen gemeinsamen Besuch in der Muckerkneipe immer ab und betrank mich lieber allein zu hause, im stillen Kämmerlein.
So eine lange Zeit der Abgeschiedenheit birgt natürlich Gefahren, die man als Dreikäsehoch gar nicht ahnen kann; und so driftete ich ab ins Reich der Wahnsinnigen und Verrückten, fand keinen Grund menschlichen Kontakt aufzunehmen, torkelte besoffen durch meine große Wohnung und pinkelte im Stehen ins Klo, als Akt der Befreiung. Vom Putzen hielt ich überhaupt nichts. Weder die Bude noch sonst irgendwas mußte meiner Meinung nach in einem “sauberen” Zustand sein, wozu? Damit konnte man sich noch zur genüge im Alter befassen; da macht man ja praktisch nichts anderes mehr als “sauber”. Mit einem Staubtuch den Nippes wischen, selbst die Mattscheibe des Fernsehers wird mit einem feuchten Mikrofasertuch gewischt, damit der Abend hell erleuchtet wird von all den Idioten in diesem Kasten. Kurzum, meine Bude sah verwahrlost aus… wie ich.

In der Nacht begann ich dann zu zeichnen. Angetrunken kritzelte ich verkorkste Körper, Fratzen aller Art und immer nackte Frauen, so welche mit großen Brüsten und ausladenen Hüften. Warum? Wußte ich auch nicht. Wahrscheinlich lag es am Mangel weiblichen Kontaktes, aber ich zerbrach mir über diese Unbedeutendheit nicht das Hirn. Leider war ich oft zu besoffen, um irgendetwas “Brauchbares” hervor gebracht zu haben. Ich zerriß die Zeichnungen dann und verfrachtete sie in meinen Kohleofen, verbrennen, Energie frei lassen, ein Austausch sozusagen. Doch das Gedächtnis der Welt vergißt nichts…

Irgendwann kam ich auf den glorreichen Gedanken endgültig Schluß zu machen und meinem Leben selbst, eigenbestimmt, ein Ende zu setzen. Aber wie? Mit reichlich Alkohol im Blut kam der Entschluß schnell und ich machte mir Gedanken um ein möglichst zügiges, schmerzfreies und banales Ableben; nicht so mit “Abschiedbrief” und Pipapo… das wäre zu lächerlich geworden. Ich ließ mir Zeit mit der Entscheidungfindung einer guten Methode, noch besaß ich Geld, was vorerst versoffen werden mußte. Sowas läßt man nicht zurück! Den Heilsbringer aller Menschenwesen wirft man unter´s Volk und tritt dann erst ab. Dann hat man wenigstens für einen kurzen Moment eine Freiheit gespürt, hat nicht an die Zukunft gedacht, nicht an… was weiß ich. Weg mit der Kohle.

 

118_ Kein Himmel hier!
Tatsächlich bildete ich mir ein, ich könne reißaus nehmen und die Jobberei, die Arbeitervergangenheit hinter mir lassen, indem ich nun nach einer erfolgreichen Ausbildung in Sachen Allgemeinbildung mit Unendlichkeitsberechnungen, Goethe-Gedichten, Jahreszahleninformationen und dem Periodischen System der Elemente im Hinterkopf in die studierende Zunft aufgenommen werden würde. Sowas bläst ein mickriges Ego wie meines immens auf und in meinen nächtlichen Visionen sah ich mich bereits als Topkünstler, der über den Erdball fliegt und Cocktails auf den Vernissagen trinkt, der seine göttliche Kunst dem gemeinen Volk erläutert und überhaupt schon fast ein Genie ist.
Wenn ich morgens erwachte, meist mit Brummschädel von zuviel Bier am Abend, stellte sich schnell heraus, dass kein Jet für mich bereit stand und niemand wollte eigentlich wissen, was in meiner versoffenen Birne so los war. Ich trottete wie immer durch meine Wohnung, legte mir Musik zum Erwachen auf, kochte Kaffee und wartete, dass sich die Masse der Arbeiterbienen wieder beruhigen würde, um abends mein Gewissen zu erleichtern und an meine Arbeit zu gehen. Tagsüber gelang mir in dieser Zeit rein gar nichts. Ich tat nichts, außer herum zu liegen, Musik zu hören, abzuwarten und zu hoffen, dass die Zeit möglichst schnell vorüber gehen würde. Die Zeit bis zur Aufnahmeprüfung, wo man erkennen mußte, dass hier ein unglaublich-kreativer Kerl am Werke war, der es verdient hatte gesehen zu werden. Der es verdient hatte aus dem Sumpf der kleinen Leute empor zu steigen wie der Phönix aus der Asche und auf Händen getragen durch die Welt gereicht wird wie die Bundeslade.
Idiotisch an meiner These war nur, dass ich bisher eigentlich nichts fabriziert hatte, was man hätte herumreichen können. Weder gab es großartige Leinwandgemälde noch sonst irgendeinen Kunstkram, den man hätte ausstellen können. Ich bildete mir das alles nur in meinem trotteligen Kopf ein, hielt mich für die Wiedergeburt eines unlängst Erleuchteten, der die Welt bekehren darf… ich glaubte fest an eine Karriere, an einen Erfolg, der mich erlösen würde von meinem unbeachteten Dasein; der mich ins Licht führen würde, wo alle mich sehen sollten. Ich hatte mich entschlossen Teil einer Gesellschaft zu werden, die ich eigentlich verabscheute und ich merkte es nicht. Wie von Zauberhand geführt gelangte ich in den Strudel einer totalen Erfolgsgeilheit und von Tag zu Tag mehr nahm dieser Wahn Kontrolle über mich. Mittlerweile gab es kaum noch Kontakt zu irgendwelchen Menschen. Mara war vergessen, die hatte bereits einen neuen Lover, eine Art Beschützer mit riesigen Oberarmen, kneifenden Jeans, die den Penis betonten und den Arsch quengelten. Ich sah die beiden, als ich aus dem Haus trat und nur einkaufen gehen wollte. Mir kam das vor wie ein Zeichen Gottes, der seinen Finger erhebt, mich am Schlawittchen schnappt und mit der Nase in das von mir angerichtete Unheil stößt. Sie fuhren in einem Auto vorbei. Mara saß auf dem Beifahrersitz und blickte mir direkt in die Augen, dass es schmerzte. Sekunden vergingen nur und ich zitterte. Mir wurde übel, aber nicht weil ich nun ein besonderes schlechtes Gewissen bekommen hätte, nein, mir wurde kotzübel, weil Mara schon wieder mit einem Kerl zusammen hing, sich schon wieder flachlegen ließ, als wäre nichts gewesen. Ich trabte drauf los zu meinen Besorgungen und verdrängte mein Unwohlsein, kaufte ein und verzog mich sofort wieder in meine Bude, verbarrikadierte sämtliche Fenster und Türen und schwamm im Strom meiner verblödeten Gedanken durch den Erfolgsfluß… hin zu einer besseren Zukunft.

 

119_ weder noch!
Ab und an, wenn mir die Decke auf den Kopf fiel, wenn ich allzu sehr in meinem angefressenen Hirn feststeckte und kurz vorm Durchdrehen war, erlaubte ich mir einen Besuch in der Szene, d.h. : ich ging ins Freie, dorthin, wo sie sich alle trafen, die angehenden Architekten, die Großmusiker und Belesenen, die Künstler und Schwafler, die Tussen und Trolle, in die Kneipe eben. Schon wenn ich die Tür aufstieß und in den Raum trat gafften alle gelangweilt zu mir hin, der jetzt Abwechslung bot mit seinem Erscheinen. Schnell machte ich, dass ich an den Tresen kam, bestellte mir Bier oder Gin/Tonic und gehörte dann gleich zu ihnen. Es blieb mir meist nichts anderes übrig, als mich vollständig zu besaufen, um die ganze Meute zu ertragen. Ihr Geblubber über das Weltgeschehen, über die großen Zusammenhänge und über die großen Taten der Menschheit hingen mir dermaßen aus dem Hals raus, dass ich gar keine andere Wahl hatte, als mich sinnlos dem Alkohol hinzugeben.
Wenn dann gegen zwei Uhr nachts die Türen geschlossen wurden, stiefelte ich noch zu einer der Diskotheken, hockte mich irgendwo hin und staunte diese Masse an Spaßmachern an. Sie alle wirbelten umeinander wie junge Hunde, beschnupperten ihre Geschlechtsteile und winselten ihr Kleinhundegeheul. Abseits war mein Platz. Abseits wollte ich sein. Abseits hielt ich es aus. Hoch oben auf der Empore sah ich meinen Stern aufgehen, der mich dieser Horde von Nichtwissern entreißen würde, der mich erleuchten würde und mir eine Zukunft an die Hand gab, die ich verdiente. Von Nacht zu Nacht vervielfachten sich diese Gedanken an ein gesellschaftliches Leben in Saus und Braus, an ein Dasein in unendlicher Erfolgsverwöhntheit. Dass mir nicht klar wurde, wie weit entfernt ich von einem Erfolg war, erscheint mir heute fast lächerlich; dazu ist nur ein völlig verwirrter Verstand in der Lage, verwirrt wie es mein Verstand war. Ich hatte rein gar nichts virzuweisen. Weder großartige Kunstwerke noch Plattenverträge mit meiner Band. Es gab nichts, nichts, nichts, was meine Einzigartigkeit bestätigen würde. Und wie kommt ein Idiot wie ich dann auf so einen Unsinn?
Während die Beine auf der Tanzfläche herumwackeln wie Baumwipfel starre ich in ein Loch und sage mir auf, ich gehöre nicht zu euch, ich gehöre nur mir allein. Ich will auch gar nicht zu euch gehören. Ich will…
Ich wußte nicht, was ich wollte. Selbst die Aussicht auf ein Kunststudium ließ mich völlig kalt. Und Erfolg hatte eigentlich auch keine Chance bei mir. Was sollte das schon: das Hinterherlaufen all dieser Urkunden und Auszeichnungen? Es mußte doch irgendetwas geben, was mich zufrieden stellen würde. Etwas, das meine arme Seele ernährte. Etwas, das Glück erzeugte, Glück, welches ich vermisste. Und was bedeutet Glück? Für mich? Etwa eine tolle Frau? Ein geiler Job mit viel Kohle? Ist Glück, wenn ich ein erfolgreicher Künstler werden würde?
Der Alkohol fraß sich unverblümt in mich und zerfetzte alle Vorstellungen von einem Glück bis schließlich nur noch Zynismus und Arroganz übrigblieben. Nach einem Monat dann zog ich ein in die Heiligen Hallen der Kunstakademie und pinselte drauf los.
Es war der erste Tag der Aufnahmeprüfung. In einem Riesenraum hatten sich außer mir noch andere Genies eingefunden, die ihr Talent unter Beweis stellen wollten. Auf einem Tisch waren einige Sachen aufgestapelt, ein Strohhut, ein Leinensack, ein Zylinder, eine Gartenschere usw. Dieses herrliche Stillleben sollten wir abzeichnen; die Materialien sollten wir selbst bestimmen. Ich blickte in die Runde und sah eifrige Bienchen das Tagwerk verrichten. Ein grauer Kerl in Anzug hielt irgendeine Rede, begrüßte uns überschwänglich und laberte ansonsten Unsinn, den ich nicht verstand. Vier Gestalten hatten sich an seiner Seite postiert; ich tippte auf Professoren oder Studenten im Meisterschüleralter. Sie gafften auf jeden einzelnen von uns, Männlein wie Weiblein und hinter der krausen Stirn ratterten unendlich viele Gedankenströme, ohne dass das Wernicke-Areal angestubst wurde. Sie blieben stumm.

 

120_ Die Aufnahmeprüfung
Da ich zu diesem Zeitpunkt meiner grandiosen Karriere im Grunde an nichts mehr glaubte, außer insgeheim an meinen Durchbruch als sagenhafter Künstler, Musiker oder sonst was, war es mir relativ egal, was man denn von meinen Bildern oder Zeichnungen halten würde. Während der Prüfung schaute ich weder nach rechts noch nach links, sollten die alle fleißig abzeichnen und ihr Talent beweisen, ich würde einfach meiner Intuition folgen und gedankenlos-automatisch malen.
Nach einiger Zeit entflammte sich dann aber doch ein Ehrgeiz, der mich dazu antrieb, die Utensilien auf dem übergroßen Tisch naturgetreu nach zu zeichnen. Immer wieder latschte ich zu den einzelnen Dingen hin, ging interessiert in die Hocke und befühlte das jeweilige Material. Anfangs kritzelte ich mit Kohle vor, verwischte die Schatten, drehte und wendete mein Blatt, bis mir einleuchtete, worauf es hier überhaupt ankam. Die Leutchen von der Hochschule wollten wissen, wie ich verschiedene Materialien wie darstellen kann. Mit meiner Kohle umriß ich grob die Struktur und zeichnete dann mit weichen Bleistiften das Zeugs genauer. Es war elendig langweilig, aber nach einigen Stunden dann auch vorüber und aus, dass ich meine Sachen packte und machte, dass ich da raus kam.
Weder hatte ich mit irgendjemanden gesprochen noch sonst unverbal Kontakt zu einer Person aufgenommen, das erhöhte den Eindruck eines vereinsamten Genies, der menschlichen Kontakt scheut. Mein Auftreten war ein Schauspiel gewesen. Und zu hause schauspielerte ich weiter, griff sofort zu Papier und Bleistift und kritzelte irgend einen Unsinn, der mir eben durch die Birne lief.

Am nächsten Tag hieß es dann, wir könnten nun zeichnen und malen, was wir wollten und egal wie, sämtliches Material würde die Hochschule stellen. Einige rissen an den Leinwänden und den Staffeleien herum, rollten diese vor sich her und legten mit ihren Überformaten los, bespritzten das Weiß, klecksten die Farbe im hohen Bogen gegen die Leinwand und ließen mich erstaunt zurück. Ich brauchte etwa eine Stunde bis mir klar wurde, was ich noch machen wollte. Und mein Einfall erschien mir abermals genial, damit würde ich die hochherzogliche Jury schon überzeugen.
Ich blieb beim Motiv des Stilllebens, man hatte diesen ganzen Kram noch stehen gelassen, extra für mich. Ich griff nur Bleistift und einen Bogen Papier und fing an wie in einem LSD Rausch die Dinge, die vor mir standen zu deformieren. Da war z.B. eine Kaffeemühle, diese Dinger mit einer Kurbel oben drauf; die Kurbel zeichnete meterlang und den Griff verformte ich zu einem häßlichen Schädel. Andere Teile des Stilllebens verbog ich im Kopf und auf dem Papier, als hätte ich den Adobe Photoshop Filter “verflüssigen” im Hirn. Meine Zeichnung in schwarz/weiß sah aus wie die Ausgeburt eines drogenabhängigen Künstlers, der auf einem absoluten Horror Trip war und dieses festhalten mußte. Aber mir gefiel es und vorallem fand ich meine Idee einzigartig, genial, überirdisch… die anderen malten den üblichen Stuß, expressionistischer Müll von psychotischen Mitmenschen.
Als der graue Kerl hinter mir stand, konnte ich beinahe seine Gedanken ahnen, wie geil ist denn das, ist denn der? UNDSOWEITER… Ich schauspielerte hervorragend und war auf dem besten Wege ein Irrer zu werden, der sich für den neuen Messias hielt. Nach der Praxis gab es noch ein kurzes Gespräch mit den Schon-Künstlern und dann war ich drin!