caspars Arbeiterleben III

81_  Geistersunde

Kaum hatte ich den Dicken verabschiedet, legte ich mir wieder Bleistifte und Papier zurecht. Die Glotze interessierte mich nicht mehr. Stattdessen wollte ich meine Mappe füllen und diese Prüfung an der Kunsthochschule absolvieren. Ich versuchte es mit dem automatischen Zeichnen, ähnlich dem automatischen schreiben : man setzt den Stift an, kreist ihn über das Weiß und und verfolgt die Bewegungen, die der Stift ausführen will; man schaltet sozusagen das Hirn aus, will nicht. Das funktioniert nicht immer, weil der Kopf oder das Ego immer im Wege sind und bei mir entstanden dann meist irgendwelche abstruse Kritzeleien, die zu einem undefinierbaren Nichts wurden.
Ich drehte meine erste Runde in den Hallen und versuchte meine Angst zu verscheuchen, indem ich vor mich her sang. Ich pfiff und glaubte dadurch die Geister in den Ecken in ihren Verstecken zu lassen. Mit einer übergroßen Taschenlampe leuchtete ich alle Winkel aus und übersah Schatten und Umrisse von toten Seelen. Als ich in die letzte Halle kam, deren Decke etwa zwanzig Meter hoch war, hörte ich ein leises Summen. An der Hallendecke verlief ein dickes Stahlseil, an dem ein Kran befstigt war und am Ende dieses Krans hing ein großer Eisenhaken., der leicht hin und herschwang, wodurch konnte ich nicht sagen. Langsam schritt ich voran und erhellte den Raum. Überall standen mir unbekannte Maschinen, verstaubt, verdreckt, unbrauchbar geworden und von den Menschen einfach stehen gelassen. Es roch nach verostetem Eisen, die Luft war kühl, beinahe kalt.
Mit meiner Lampe richtete ich einen Lichtstrahl von unten nach oben zum Haken hin und an diesem Haken hing… ich!

Ein Schreck fuhr mir in die Glieder und ich taumelte weiter dem Ausgang entgegen, wollte raus hier, nur weg und diesem Bild oder dieser Wahnvorstellung entfliehen.

82_  Doppelgänger

Ich eilte durch, ohne mich umzublicken. Mit langen Schritten lief ich zu einer Stahltür, die ins Freie führte. Dort angekommen griff ich zur Klinke und konnte die Tür nicht öffnen, ich stemmte mich mit aller Gewalt, die ich aufbringen konnte, dagegen und endlich schob sich die schwere Stahlplatte auf, wie ein Tor ins Jenseits. Ich machte einen weiteren Schritt und bekam sowas wie einen Fausthieb ins Gesicht, rappelte mich hoch und lief ins Helle, hin zum Glashäuschen. Sofort riß ich die dortige Tür auf und verbarrikadierte sie sofort wieder, rannte zum Fernseher und schaltete diesen ein, um mich von meiner Panik abzulenken, ja, zu befreien. Ich brauchte jetzt gleich etwas total Banales, etwas, das mich zurückholte ins Diesseits.
Nach einigen Minuten hatte ich mich beruhigt, setzte mir den Kaffeekessel auf, kochte Wasser und trank den heißen Sud. Ich fragte mich, was das nun gewesen sei? Was hatte ich gesehen? Was hatte ich nicht gesehen? War ich einer Wahnvorstellung erlegen oder hatte ich Haluzinationen? War ich vielleicht doch nicht von dieser Welt? Auch hätte doch mir mein Selbstmordversuch gelungen sein und ich befand mich im Zwischenreich, im Bardo des Tibetansichen Totenbuches. Ich wußte nichts. In meinem Kopf ratterte es, doch es gab keine Antworten, wie so oft. Ich hatte mal bei Carlos Castaneda vom Doppelgänger gelesen, einer Person gleich wie ich, die in einer anderen Welt existiert, sich eigentlich nicht zu erkennen gibt, es sei denn, man ruft sie. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, je meinen Doppelgänger gerufen zu haben. Außerdem machten mir diese ganzen Geschichten der Tolteken eher Angst, als dass ich soweit gewesen wäre, sie irgendwie zu nutzen. Ich meine, wer gräbt sich denn in ein Erdloch ein, um seine Vergangenheit auszulöschen? Mir stand der Schweiß auf der Stirn, meine Knie zitterten und ich kam mir noch verrückter vor, als ich überhaupt schon war.
Ich wartete auf meine Ablösung und wollte von diesem Platz so schnell als möglich verschwinden. Um die Gespenster zu vertreiben, griff ich zum Stift und zeichnete einen Erhängten, der an einem fetten Eisenhaken hing.

83_ irrekirre
Wer war ich? Wie, zum Kuckuck nochmal, kam ich hierher, auf diese mit Ungetümen und Hilflosen bewohnte Welt? War das ein Test? War das irgendein ausgeklügeltes Spiel, in dem ich nur eine Figur war, die man nach Belieben hin und herschieben konnte. Ich kam mir vor wie ein geworfener Stein, der wahllos aufgehoben und einfach geschmissen wird, ohne Willen, ohne Bewußtsein.
Ich machte mich sofort auf und ohne ein Wort zum dicken Wächter radelte ich in den Morgen hinein. Überall zweibeinerten die Leute umher, hin zu ihren Beschäftigungen, die ihnen die Verweilerlaubnis erteilten. Wirre Gesichter mit zugehangenen Augen und verschlossenem Mund. Mit ihnen konnte ich nichts gemein haben. Allein ihre Anwesenheit überall bereitete mir ein schlechtes Gewissen.
Ich fuhr lange durch die Innenstadt, um mich zubesinnen, um mich wieder einigermaßen normal zu fühlen, was aber nicht gelingen wollte. Stattdessen blickte ich die lange Chaussee entlang und spürte mit einem Mal ein NICHTS in mir, eine Leere, die mich von allen Verpflichtungen befreite. Selbst mein Atem ging von selbst und brauchte keine Anweisung meinerseits. Ich bekam Panik, trat wie ein Wilder in die Pedalen und raste an Grünem und Menschlichem vorbei, um Herr meiner Situation zu werden. Das alles konnte nicht Wirklichkeit sein; oder zumindest eine andere, mir nicht bekannte, Wirklichkeit, die mich in sich hineinzog wie ein Strudel.
Angekommen bei Mara, es war etwa acht Uhr morgens, versuchte ich geschäftig zu hantieren, damit ich zurück in diese Welt fand. ich stellte behutsam mein Rad ab, legte das Schloß zwischen Hinterrad und Rahmen an, zupfte mir an den Klamotten und sperrte schließlich die Tür auf. Ich nahm Stufe für Stufe hinauf zu Maras Wohnung, steckte auch dort in endloser Benebeltheit den Schlüssel ins Schloß und trat ein.
Mara schlief. Ihre Mitbewohnerin hatte ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen, zum Glück. In der Winzigküche machte ich mir sofort einen Kaffee und rauchte dazu soviel Zigaretten wie ich nur ertragen konnte. Mein Mund trocknete aus, die Finger zitterten mir und ich schnaufte ständig. Dann stand Mara in der Tür und lächelte verschlafen. Sie stierte mich an und kam näher zu mir heran, hielt dann meinen Kopf in ihren Händen und fragte, was ich denn hätte. Ich wußte ihr keine Antwort zu geben, blickte ihr nur in die Augen und heulte wie ein Schloßhund drauf los.
“Sag´mir, dass das hier alles wirklich geschieht!” forderte ich sie auf, “sag´mir, dass ich existiere!”
Mara wurde verängstigt, fuchtelte verstört mit den Armen und griff sich meine Tasse Kaffee. Sie trat einen Schritt zurück und schaute völlig konsterniert zu mir herab.

84_ Exzenter
“Was ist denn, um Himmels Willen, nur passiert?” fragte mich Mara und drückte meinen schweren Kopf an ihren warmen Bauch. Ich antwortete nicht, schluchzte drauf los und verbarg mein Gesicht in ihren Eingeweiden.
“Da ist nur dieser hirnrissige Job dran Schuld, hab´ich recht?” sprach sie wütend weiter, ” du solltest ihn hinschmeißen! Ist doch ganz gleich, wie den Vater reagiert. So eine Arbeit ist etwas für Hänger, die keine Gedanken mehr besitzen und ihre Zeit hier vertrödeln bis sie schließlich abdanken.”
“Ich weiß… !” stotterte ich, ” aber wie soll ich denn meinem Alten beibringen, dass ich mittlerweile Haluzinationen beim Nachtwächtern kriege? Der versteht doch gar nicht, wovon ich rede?”
Mara schlug vor, wir beide sollten meine Eltern mal besuchen und unter ihrem Beistand würde ich schon mit meinem alten Herrn reden können. Sie wollte, dass ich noch am Nachmittag bei ihm anrief und einen Zeitpunkt verabredete. Sicher hatte Mara mit ihrer Einschätzung recht und ich bekam tatsächlich Wahnvorstellungen in der Nacht, wenn ich völlig allein durch die Dunkelheit tigerte und überall Wesen und Gestalten und Geister zu sehen glaubte; aber ich war mir auch nicht ganz sicher, ob es nicht doch andere, tieferliegende Gründe in mir, gab, die diese Zustände auslösten. Vielleicht war mein heftiger Drogenkonsum von einst nicht nur eine Erfahrung des “high-seins” gewesen, sondern hatte eventuell noch andere Dinge angerührt, die man hätte besser nicht anrühren sollen. Keine Ahnung! Ich hatte schon einiges von entfernten Bekannten aus meinem alten Kreis von Leuten gehört, die allein vom Kiffen total durchgeknallt waren, einer hatte sich unlängst erhängt. Ein anderer wurde in eine Anstalt eingeliefert und ans Bett gefesselt, weil er ständig Drachen und wütende Wesen vor sich sah, die ihn angriffen. Oder meine ungewollte Schlankheitskur mit den Tropfen der ewigen Fitness riefen meine wirren Vorstellungen hervor?
Mara ließ mich an diesem Morgen nicht aus den Augen, starrte bei jeder Tätigkeit in meine Augen und konnte ihren fragenden Blick einfach nicht abwenden. Sie machte sich Sorgen, das konnte ich erkennen. Während sie den Abwasch erledigte, drehte sie sich immer zu mir herum und glotzte; glotzte solange bis mir das dann doch zu blöd wurde und ich wutentbrannt aufsprang und mich verdünnisierte. Sie lief mir hinterher und schrie fast, was ich denn nun hätte und warum und warum? Ich gab ihr keine Antwort, schritt die Treppe hinab zum Rad und fuhr in meine lausige Bude.

Etwas lief ganz gewaltig unrund in meinem Leben, das hatte ich im Pubertätsalter schon merken können. Nun machte sich eine Verstörtheit in mir breit, die ich nicht einordnen konnte. Weder kam ich mir verrückt vor noch sonst irgendwie verblödet. Eigentlich besaß ich doch meine sieben Sinne und hatte mich relativ “vernünftig” etabliert. Ich besaß mein Abitur, eine abgeschlossene Berufsausbildung, ich spielte ein Instrument, hörte klassische Musik und las Jean Paul Satre. Ich war doch einer von ihnen, oder?

85_ im Brunnen
Ich zählte bereits die Stunden und Minuten bis zur nächsten Schicht als Nachtwächter, saß teilnahmslos vor der Glotze, am Nachmittag, und wartete. Mein Magen rumorte; ich hatte seit Ewigkeiten nichts Anständiges mehr gegessen und bald wurde mir schlecht. Seit meiner unfreiwilligen Kur nahm ich die Ernährung in keinster Weise mehr ernst; mittlerweile wog ich nur noch sechzig Kilo und hatte Löcher in den Wangen; die Augen traten mir aus dem Kopf, die Pupillen waren ständig erweitert, als stünde ich nur noch unter Drogen, dabei fehlte mir nur Essen.
Das Telefon klingelte in einer Tour und ich hätte schwören können, dass es Mara war, die mir ihre Weisheiten ins Ohr blubbern wollte. Ich ließ es läuten, hielt mir die Hände gegen die Ohren und starrte abwechselnd auf den Bildschirm und auf die Uhr. Warum ich keine Hilfe oder Unterstützung von Mara wollte, kann ich nicht beantworten. Vielleicht lag es an ihrer fordernden Art, ich solle etwas Grundlegendes in meinem Leben verändern; oder aber ich fand es einfach nur “cool” ganz unten im Brunnen zu hocken und mich an meinem Zustand zu laben. Je abgewrackter ich aussah, je schwärzer die Ringe unter meinen Augen waren, desto wohler fühlte ich mich. Zum einen brachte mir das in der Öffentlichkeit absolute Beachtung, ständig sagte irgendwer, wie “fertig” ich aussah, wie dürre ich geworden sei. Und das gefiel mir. Es unterstrich meine Lebenseinstellung und fast unwillkürlich hatte ich mich zu einem Denker aufgeschwungen, jemandem, der sich den Kopf über einen Sinn unseres Daseins machte, der sich mit den Fragen der Existenz quälte. Dass ich mich dabei körperlich kaputt machte, nahm ich frohlockend in kauf. Ich war der Meinung, ein ordentlicher Intellektueller müße leiden, leiden bis ihm das Leiden aus den Poren fährt, bis ihm das Leiden in den Höllenschlund wirft und nie wieder ausspuckt. Also hatte es Mara schwer mich davon zu überzeugen, es hätte Sinn, wenn ich mich und meine Lebensweise ändern würde. Ich verabscheute Essen. Ich verabscheute menschlichen Kontakt; bis auf die Kumpels in der Band kannte ich oberflächlich hunderte von Menschen, die mir gar nichts bedeuteten. Alle hätten auf der Stelle verschwinden können, mir wäre das lieb gewesen.
Spät am Nachmittag schleifte ich mich zum Job, grüßte den Dicken, packte meine Zeichenutensilien aus und hoffte auf eine ruhigere Nacht.

86_ Hunger!
Kaum dämmerte es im Draußen und die Menschen verschwanden in ihren Höhlen, dass sich nichts mehr rührte, kaum trat die Stille mit ihrer Pranke vor mich hin, riß ich meine Augen auf und starrte umher, dass ich nicht irgendetwas finden könne, was mir meine ständigen Panikattacken beweisen würde. Ich hatte einige Köpfe gekritzelt, deformierte Schädel mit häßlichen Augen und Mündern, riesigen Ohren und niemals Haaren auf dem Haupte. Ich schob die wahllos auf dem Schreibtisch verteilten Blätter zusammen, steckte sie in meine Mappe und rutschte mit meinem Drehsessel zurück. Es war an der Zeit für meine erste Runde durch das tote Tal der Maschinen und der umherirrenden Seelen in den Hallen. Ich griff die Taschenlampe, obwohl es noch ziemlich hell war und latschte angespannt den Weg ab. Nichts. Da war nichts. Nirgends ein Ton, ein Laut oder Geräusch. Ein endloses Nichts hatte mich umhüllt und zum ersten Mal dachte ich daran, mir diesen unsaglichen Unsinn von Doppelgängern und Schattenmenschen nur eingebildet zu haben. Es würde immer so sein. Nichts würde tatsächlich sein, weil nichts tatsächlich existiert. Wir alle waren doch nur Gefangene unserer ewigratternden Hirnwindungen, die uns weismachen wollen, wie überaus einzigartig und wichtig wir sind. Es ist lächerlich. Es ist ein Nichts, diese nicht-zu greifende Vorstellung von absoluter Ruhe in unserem Innern, was uns treibt. Ich hatte mich mit meiner egofizierten Einbildung einer Persönlichkeit von Bedeutung völlig verrannt und war schlicht und ergreifend blöd.
Ich stempelte brav die Stationen ab, leuchtete das Dunkel an und das Dunkel verschwand; es versteckte sich in meinem Rücken, wobei es keinen Laut von sich gab, weil es weder Stimmbänder besaß noch sonst in irgendeiner Weise eine Existenz. Das Dunkel war und ist Bestandteil meiner selbst, meines Selbstes, was immer das nun schon wieder ist. Ich wurde immer entspannter und schaltete schließlich sogar die Taschenlampe aus, bis mich die Dunkelheit total umgab. Nichts umgab mich. Nichts geschah, was mir ein Leid zufügen konnte. Nichts war und ist überall. Wir haben vor Nichts Angst, sagte ich mir. Schlürfenden Schrittes ging ich weiter, stieß ab und an gegen ein festes Metallgehäuse, erhob die Arme und suchte nach anderen Gegenständen, bis ich schließlich stillstand und mich nicht mehr rührte. Nichts ist in mir, dachte ich. Nichts ist im Außen. Nichts existiert wirklich. Ich bin gefangen von Trugbildern, die mein Hirn auf irgendeine Fläche projeziert und meine gesamte Denkerei materialisiert. Alles, auch das Dunkel, in dem ich angewurzelt stand, ist nur materialisierte Denkmasse. Somit bin ich alles. Und nichts.

Noch in der gleichen Nacht rief ich Mara an und entschuldigte mich für mein Verhalten ihr gegenüber. Es tat mir leid, dass ich ihre Hilfe abgelehnt hatte, dass ich ihr nicht vertraute. Mara hörte mir ruhig zu und fragte sogleich, ob ich ihren Vorschlag zu einem gemeinsamen Urlaub nochmals überdenken wollte. Ich antwortete ihr, ich wolle gern für einige Zeit mit ihr verreisen, nach dem großen Gig mit meiner Band, der hoffentlich einen Erfolg bringen würde.

87_ Die neue Band, die neue Musik 1
Als ich an diesem Morgen nach meiner Erkenntnis des Nichtexistenziellen heim fuhr, war mir etwas wohler im Bauch. Mir war klar geworden, dass ich meine Person und mich selbst viel zu wichtig nahm, dass ich mich total in einem Labyrinth aus Ego und Unbewußtheit verlaufen hatte. Wie ein Mühlstein, der um den Hals hing, fiel dann auch das Gewicht, das um meine Schultern lag, ab und befreite mich von den alten Plagen der Zweifel und Ängste.
Ich radelte zu Mara und grinste dem Dicken zum endgültigen Abschied ins Gesicht. Selbstverständlich mußte ich meine alten Herrn anrufen und ihm unumwunden gestehen, dass seine Maloche mich krank gemacht hatte und ich nie wieder so einen Job ausführen würde.
Der Morgen war lau. Ich hörte auf die Vogelstimmen, sah die hellerwerdende Welt vor mir und den aufklarenden Himmel über mir. Zum ersten Mal seit Jahren konnte ich unbeschwert durch die Menge der Menschen gehen und sie ohne jeglichen Zynismus betrachten. Sie alle glaubten an eine idiotische Kraft, in sich oder außerhalb ihres Selbstes, die ihnen eines Tages das Leid nehmen würde; sie besaßen Hoffnung, das größte Dilemma seit Ewigkeiten. Ich hatte Mitleid mit ihnen. Ich war einer von ihnen, was ich immer angezweifelt hatte. Die ersten Maisonnenstrahlen schnellten durch die Wolkendurchlässe und blinzelten mir zu. Die Wärme breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich genoß es. Nebel versteckte sich in den Gebüschen und blieb für eine Weile verschwunden. So war es gut.
Als ich bei Mara ankam, stand sie lächelnd in ihrem Zimmer. Sie hatte extra für mich ein kleines Frühstück bereitet und lud mich ein, in dem sie zart ihre Handinnenfläche zu wandte und mich bat, Platz zu nehmen. Ich küsste sie, hielt sie lange im Arm und hockte mich dann an den Tisch, welcher ein weitausgebreitetes Tuch auf ihrer Bettdecke war. Ich war irgendwie erlöst und konnte selbst kaum verstehen, was mir geschehen war. Doch sobald ich anfing darüber nach zu grübeln, stellten sich die alten Zweifel ein, so dass ich die Gedanken vertrieb und noch, wenigstens für eine kleine Weile, in diesem glücklichen Zustand verweilen durfte.

88_ Die neue Band, die neue Musik 2
Nachdem mich Mara verlassen hatte und ihren Kellnerinnenjob angetreten war, rief ich am Nachmittag in der Dienststelle meines Alten an und verlangte ihn ans Telefon. Das Gespräch würde sicher nicht einfach werden, das wußte ich; er hatte mir einen Job verschafft und nach einigen Wochen schmiß ich ihn schon wieder hin. Auf mich war eben kein Verlaß oder sowas in der Art würde wohl kommen, aber als er dann durch den Hörer zu mir redete, verstand er meine Entscheidung und sprach sogar davon, wie ihn diese zwölf Stunden des Nichtstun eigentlich nur aussaugten. Ich solle mich aber allein darum kümmern, den Leuten der Wachgesellschaft meine Kündigung zukommen zu lassen; das wollte er nun nicht übernehmen. Er gab mir die Durchwahl zur besagten Firma und ich rief sofort nach unserem Gespräch dort an, redete drauf los und sagte, dass ich die Woche wohl zuende arbeiten würde, dann sei aber Schluß damit. Es wurde akzeptiert und ich begann schon gleich danach die Tage zu zählen bis zur Befreiung.

Der Auftritt meiner neuer Band mußte organisiert werden und ich hatte eigentlich die letzten Wochen gar nichts dazu beigetragen, weil ich ständig pennte oder im Pförtnerhäuschen hockte und die Geister vertrieb. Also telefonierte ich auch gleich mit dem Keyboarder, der sich riesig freute über meine Entscheidung und Termine zu den nächsten Proben ansetzte.
Ich fragte mich nach einer Weile, wie man es geschafft hätte diese Gesellschaft so in die Gewalt zu bekommen, dass sie praktisch jede noch so hirntote Tätigkeit ausübte, damit die Wirtschaft am Laufen gehalten wurde. Wie hatte man nur diese Fesseln anlegen können, die uns zu einer unbewußten, stupiden Masse von Arbeitern gemacht hatte? Gab es überhaupt noch jemanden, der sich mal die Frage gestellt hatte, was sein jeweiliger Job mit ihm und allen anderen anstellte? Ich hatte keine Lust mehr in dieser Mühle aus ewiger Arbeit und Belohnung gefangen gehalten zu werden. Immer mehr spürte ich von überall den Druck, den Zwang sich einzufügen, sicn anzupassen und gefälligst mitzulaufen, in immer die gleiche Richtung: Tod, Auswechslung, Tod, Auswechslung! Das konnte wahrlich nicht sowas wie eine Bestimmung sein, das war gemacht, gewollt, von unbewußten Menschen, die nur einem verschrieben waren: dem Materialismus.

89_ Die neue Band, die neue Musik 3
Ich riß die verbliebenen Tage als Nachtwächter herunter, zeichnete die meiste Zeit über im Glashäuschen; und wenn ich zur Runde in die Hallen mußte, raste ich durch das Dunkel mit Taschenlampenlichtscheinweg vor mir, stempelte rasch und saß gleich wieder am Tisch. Und so langsam füllte sich auch meine Mappe zur Bewerbung an. Irgendeinen Vorteil mußte der Job ja gehabt haben, ich meine: außer das Geld. Mara war heilfroh über meine Entscheidung und sprach über nichts anderes mehr, als über einen gemeinsamen Urlaub. Mir ging das schon auf die Nerven. Ich wollte mich auf die Musik und die Kunsthochschule konzentrieren, damit ich dieser Jobberei einfürallemal Adieu sagen konnte und sie wollte in die Sonne fliegen. Ich hatte keine Zeit!
Die Probentermine der Band standen fest und ich beschloß die Übernachtungen bei Mara einzustellen, wollte meine Bude in Schuß bringen, auf meinem Bass dudeln und das Programm unseres Auftrittes durchgehen. Selbstverständlich war das nun wieder gar nicht in Maras Sinn. Sie war der Ansicht, dass ich nun nach dieser blöden Nachtwächterei endlich mal mit ihr Unternehmungen machen sollte, dass wir die Tage und Nächte gemeinsam verbringen sollten; und überhaupt! Immer diese Musik! Nach meiner letzten Schicht auf diesem Geistergelände radelte ich nach haus und schlief erstmal ordentliche vierzehn Stunden am Stück, als es dann an meiner haustür klingelte und Mara zu Besuch kam. Ihren Blicken konnte ich entnehmen, dass sie frustiert war, wenn nicht sogar angesäuert. Ich ließ sie herein und kochte uns einen Kaffee. Es war Mai und die Sonne schien gleißendhell durch das Küchenfenster. Tauben gurrten auf dem Dach gegenüber und techtelmechtelten. Ich war gutgelaunt und genoß den bevorstehenden Tag. Am Abend sollte Probe sein, hinterher Lagebesprechung und dann noch auf ein Bier ins Babbels.
Mara begann vorsichtig, fragte nach meinem Befinden, zündete sich eine Zigarette an und schlürfte an ihrem heißen Kaffee. Sie trug ihre enge schwarze Jacke, mit einer niemalsendenden Knopfleiste in der Mitte. Ich dachte an chinesische Kampfsportler. Ihr kurzer schwarzer Rock ließ die Beine hervorlugen, die in ebenso schwarze Strümpfe steckten. Sie sah gut aus. Ich küsste sie auf den Mund.
“Laß das mal jetzt!” verlangte sie von mir und drehte ihren Kopf abrupt zur Seite.
Ich setzte mich mit meiner Tasse ihr gegenüber und wartete ab, was nun auf mich zukommen würde.
“Ich möchte etwas mit dir besprechen,” fing sie dann an und legte ein Bein über das andere, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf ihre Kippe, die sie ständig am Aschenbecher abklopfte.
“Schieß los!” antwortete ich.

90_ Die neue Band, die neue Musik 4
” Was hälst du davon, wenn wir zusammen wohnen würden?” fragte mich Mara und nahm ihren Blick endlich von der Kippe und glotzte zu mir herüber. Erwartungsvoll. Ich hatte mir schon sowas gedacht; unsere Gespräche gingen oft in die Richtung, die die Frauen gerne einschlagen, wenn eine Beziehung grob ein halbes Jahr alt ist: gemeinsamer Urlaub, gemeinsames Wohnen, gemeinsames Miteinander; Fehlte nur noch, dass Mara nach Kindern fragte, dann hätte ich sie wohl vor die Tür gesetzt. Ich starrte auf die Tauben auf dem Dach, mir schossen dabei etliche Situationen durch den Kopf, wie es sein würde, wenn Mara tagtäglich um mich sein sollte. Ich mit meinem Bass um den Hals, ständiges Getrappel in den anderen Räumen, Putzen und so´n Zeugs, ewiges Geplapper über irgendwelche Unwichtigkeiten, Essen, Feiern, Treffen, grauselige Vorstellung. Und so war dann auch meine erste Reaktion nicht eben freudestrahlend, was Mara erkannte und sofort ihr Köpfchen nach unten neigte und mir das schlechte Gewissen zusteckte. So!
“Mal sehen,” sagte ich, ” genug Platz wäre hier ja in meiner Wohnung. Jeder bekäme ein Zimmer zum Austoben, ein Schlafzimmer, ein Zimmer für unsere Klamotten und die Küche. Vielleicht können wir uns ja irgendwie ein Bad einbauen, oder so?”
Mara Blick erhellte sich und sie lachte mich an. Ruckartig schob sie den Stuhl, auf dem sie saß, zurück und kam zu mir herüber, setzte sich mir auf den Schoß und umarmte mich.
“Ich hatte gehofft, dass du einwilligen würdest.” flüsterte sie.
“Nun ja, ich will das nicht überstürzen, aber der Gedanke ist nicht schlecht. Zumal wir dann nicht zwei Wohnungen zahlen müßten. Aber ich brauche meine Zeit zum Bassspielen und für die Musik und für die Kunsthochschule, wenn das klappen sollte.”
“Sicher!” sagte sie und rutschte von meinen Beinen. Sie stand in der Küche und drehte sich im Kreis wie ein Karussell. Ich hoffte innig, sie würde das mit den Kindern niemals aussprechen.

Am Abend fuhr ich zur Probe. Den schweren Basskoffer griff ich mit der einen Hand, legte ihn dabei über den Fahrradlenker und mit der anderen Hand versuchte ich das Rad zu steuern. Der Proberaum befand sich direkt an einem Güterbahnhof, wo es allerlei leerstehende Gebäude gab und man mit dem “Krach” niemanden auf die Nerven ging. Ich kletterte die außen am Haus entlangführende Eisentreppe empor und drückte die Tür nach innen auf. Meine drei Mitmusiker waren bereits fleißig am Dudeln und erwarteten mich.

91_ Bunter Hund
Der Auftritt in einer angemieteten Halle in meiner Heimatstadt war ein voller Erfolg. Selbst Pop, Leo und Rolf waren gekommen; Rolf half natürlich beim Aussteuern der Instrumente auf der Bühne aus. Die Halle war ausverkauft. Auf der Bühne hatte ein Künstler der Kunsthochschule drei riesige Segel, die an Holzkonstruktionen befestigt waren, aufgestellt und sie als Projektionsfläche für irgendwelche bunten Bilder benutzt. Das passte optimal zu unserer Mucke. Mara hatte jede Menge Leute mitgebracht und ich sah zu ihnen herab in ihre großen Augen; wahrscheinlich hatten sie sowas noch nie gehört; wahrscheinlich unterschätzte man immer seine Mitmenschen und hielt sich allein für den einzig Auserwählten. Das gesamte Konzert wurde auf Video aufgenommen, doch leider ist die Kassette verschollen. Ich habe das Filmmaterial NIE gesehen.
Damals spielte ich auf einem E-Bass und einem geborgten Kontra-Bass, stand barfüßig und im Gesicht bemalt vor diesen Leuten und machte den Affen. Nach dem Konzert kam noch so ein Kunsthochschulschnösel auf mich zu, der studierte im neugeschaffenen Bereich Video-Kunst und er wollte einen Film über und mit mir machen. Auch da: nichts! Trotzdem war ich bekannt wie ein bunter Hund und man hatte mir mein Ego ziemlich aufgeblasen, so dass ich breitbrüstig durch die Gegend lief und jedem wohlwollend zunickte, als trüge ich eine Krone oder sowas.

Mit dem Geld wurde es wieder knapp und ich mußte dauernd Mara anpumpen, weil ich mit der Miete in Rückstand geraten war. Sie konnte es dann kaum noch erwarten, dass sie endlich zu mir zog und wir ein trautes Leben führen würden, so in der Art. Ich willigte also ein und Mara kündigte sofort ihr Zimmer, sammelte Umzugskartons und sprach ständig davon wie sie die Zimmer einrichten wollte. Das war kein guter Start. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Schließlich gehörte die Bude immer noch mir. Aber ich hielt meinen Mund.
Ende Mai des Jahres zog sie dann ein, schleppte ihre Klamotten die fünf Stockwerke hoch und baute sich ihr Nest, inmitten meiner Habseligkeiten. Wir hockten dann in der Küche, kochten uns Spaghettis mit Knoblauchsoße und tranken Wein dazu. Sie hätte gern ein Schlafzimmer, sagte sie zu mir, ob ich das konservativ finden würde? Da ich zu dieser Zeit vollends der Meinung war, man müsse, um glücklich zu werden, in eine Partnerschaft investieren, fand ich ihren Wunsch nicht konservativ, sondern freute mich über endlose Nächte an der Seite einer Frau.
Nach dem Essen verteilten wir ihre und meine Sachen in die jeweiligen Zimmer, richteten ein Klamottenraum ein und ließen uns erschöpft auf unser Bett fallen.

92_ Afrika
Ohne große oder nennenswerte Vorkommnisse gestalteten sich die nächsten Tage und Wochen. Dreimal in der Woche fuhr ich zu den Proben der Band und mußte auch dort erkennen, dass einige Egos mächtig an Volumen zugelegt hatten. Die Gespräche gingen fast ausschließlich um die Karriere als Musiker, als Instrumentalist, als Texter, als Songwriter. Niemand sah anscheinend und hörte schon gar nicht die totale Untauglichkeit unserer Stücke für die Charts. Nicht ein einziger Produzent hätte sowas, was wir damals machten, hören oder gar an die Öffentlichkeit bringen wollen. Doch es wurde fein das Hirn gestreichelt und der Honig floß an unseren Talenten herab. Eigenblindheit.
Mara jobbte noch immer in dieser Kneipe und verdiente vorerst das Geld. Ich fuhr sie kurz nach dem Mittag hin und holte sie am Abend wieder ab. Sie wollte immer gleich ausgehen, unter Leute, wobei sie ja den ganzen Tag eigentlich unter Leute war; also fuhren wir ins Babbels oder in unser Szene-Cafe oder gleich in die Disco. Ständig waren wir unterwegs, immer im Pulk mit anderen, die ebenso wenig zu sagen hatten wie wir selbst. Mir ging das irgendwann völlig auf die Nerven und ich blieb mehr und mehr zu hause, zeichnete und fuhr liebevoll über mein großes Ego, das so sehnsuchtsvoll auf die Künstlerkarriere hoffte, dass es schon schmerzte. Mara ging dann mit ihrer Freundin aus, blieb bis nachts weg und ließ mich allein. Wenn ich dann so über meinen Zeichnungen hockte und irgendwelche Mutanten und Mutationen pinselte, tauchten immer Bilder auf, die Mara mit anderen Männern zeigten. Sie stand dann lässig in den verstunkenen Kneipen herum und war umringt von blasierten Kerlen, die ihr an die Wäsche wollten. Mara genoß das und spielte mit ihnen, ließ sich betatschen und begrabbeln; Einmal als sie nachts unterwegs war, ging ich in unser gemeinsames Klamottenzimmer und durchsuchte ihre Hosen und Jacken. Wie es der Zufall wollte fand ich natürlich einen Schmierzettel in der Gesäßtasche ihrer Jeans, darauf stand eine Adresse und eine Telefonnummer. Ich wurde wütend. Ich fühlte mich betrogen und hintergangen. Obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, was diese Adresse und Nummer nun bedeutete; und zu wem sie denn gehörte. Mein Mißtrauen wuchs trotzdem.
Mara kam spät in der Nacht nach hause und setzte sich zu mir ins Zimmer. Sie roch süßlich, hatte rote Wangen und ihre Lippen waren feucht. Ich saß angespannt in meinem Sessel und überlegte, wie ich sie denn auf diesen Zettel ansprechen sollte. Schließlich konnte ich schlecht sagen, ich hätte in ihren Klamotten gewühlt, das hätte sie arg verletzt. Also ließ ich es ganz bleiben und verwöhnte mich stattdessen mit ihrem Körper.

Wir hatten die Pauschalreise gebucht, nach Tunesien. Mara war aufgeregt und packte bereits ihre Sachen zusammen. Leo fuhr uns in seinem Wagen zum Flughafen und wünschte uns zum Abschied einen tollen Urlaub in der Wüstensonne. Ich kaute an meinen Zweifeln herum und trottete ihr hinterher. Es gab keine Möglichkeit sie auf den Zettel anzusprechen, also beschloß ich sie zu beobachten und die Zeichen zu lesen, wenn es denn welche zu erkennen gab.

93_ Afrika/Tunesien
Als wir auf dem FLUGHAFEN Tunesien ausstiegen, schlug uns die Keule einer elenden Hitze direkt ins Gesicht. Wir trotteten zu einem Kleinbus, der uns zu unserem Hotel fahren sollte. Mit geschultertem Gepäck und Sand im Mund ruckelten wir durch eine völlig exotische Gegend. Weißgetünchte Häuser, Kamele und Esel auf offener Fahrbahn und: überall nur Männer. Auf Fahrrädern, auf Tieren oder Karren, die von Tieren gezogen wurden, vor Geschäften, an den Straßenrändern, auf dem Bordstein hockend, an Balkonen, an offenen Fenstern, überall Männer, die gafften, als kämen wir von einer fernen Galaxie. Im Bus entblätterten wir uns erstmal. Mara zog ein leichtes Shirt an, diese mit den dünnen Trägern. Ihren Rock, der ihr knapp bis unter den Po ging, zuppelte sie ständig nach unten, als hätte sie Schiß man könne ihr zwischen die Beine glotzen. Ich trug nur Jeans und ein Schiesser-Unterhemd, gerippt, in weiß.
Als wir im Hotel ankamen, begrüßte uns ein gelangweilter Kerl an der Rezeption. Er stand steif im Anzug hinter seinem Schalter und fragte auf englisch nach unseren Namen. Sein Blick huschte während des Suchens nach unseren Zimmernummern andauernd in Maras Ausschnitt. Dann übergab er uns die Schlüssel und wünschte einen angenehmen Aufenthalt.
Das Zimmer war ganz okay; mit Blick auf´s Meer und einem kleinen Balkon, auf dem man sogar frühstücken konnte, wenn man dann wollte. Im Zimmer standen ein großes Bett, zwei Stühle und ein Tisch, ein Kleiderschrank und ein Kommode. In einem zweiten Zimmer lag dann das Bad, nicht geräumig, aber ausreichend für Freaks wie wir.
Jeder duschte erstmal und danach ging es zum Strand. Schon der Weg dorthin gestaltete sich als überaus nervend bis aggressiv. An jeder Ecke stand ein Kerl herum und gaffte auf meine schöne Begleiterin. Wenn wir an solchen Typen vorbei waren, hörten wir ständig ihr Kauderwelsch. Was die nur zu quasseln hatten?
Es war das typische Touristennest. Lokale und Restaurants, kleine Kneipen zum Teetrinken, wo aber nur Männer zu sehen waren. Palmen und jede Menge Sonne. Am Strand badeten einige Leutchen und wir gesellten uns dazu, mit Abstand natürlich. Kaum dass wir etwa eine halbe Stunde in der Sonne brieten, standen schon idiotisch dreinschauende Kleinwüchsige vor uns und brabbelten Unverständliches. Ich verscheuchte sie mit Gebrüll und Armewedeln. Als nächstes tauchte ein schwarzer Typ auf, der völlig mit Schmuck behangen war. Ein dürrer Mann mit gelben Augen und weißen Handinnenflächen. Er baute sich vor uns auf, brabbelte drauflos, ob wir nicht eine Uhr bräuchten oder Ringe oder Ketten oder sonstwas. Mara lag im Bikini auf unserem großen Badetuch und roch nach Sonnencreme. Sie tobte auf englisch los und hätte ich sie nicht zurück gehalten, sie hätte den Kerl womöglich noch gewaltätig angegriffen. Ich merkte ihre Angespanntheit.
“Unerträglich!” sagte sie und wälzte sich zur Seite, um mich anzusehen, ” hier scheint es nur Männer zu geben.”
“Ist mir auch schon aufgefallen.” meinte ich, ” wobei die Knirpse da”, ich zeigte auf die Horde Jugendlicher, die uns schon besucht hatten, ” eher Pimpfe sind, oder?”
“Mir doch egal!” raunzte sie, ” ich geh´erstmal schwimmen. Kommst du mit?”

94_ Tunesien/Hammamet
Nach dem Schwimmbad, was nicht gerade erfrischend war, weil das Wasser pissewarm war, latschten wir zum Hotel zurück. Es war wie Spießrutenlaufen. Allen Männern fielen die Augen fast aus dem Kopf; sie starrten auf Maras Brüste, als hätten sie nie vorher Brüste gesehen. Man konnte die Blicke selbst im Rücken und im Nacken spüren, dass es einem die Haare zu Berge stehen ließ. Wir beschleunigten unsere Schritte und huschten an stierenden Augen vorbei. Hätte noch gefehlt, dass einer von denen die Zunge raushängen ließ, wie so ein geifender Alter, das hätte Mara höchstwahrscheinlich zum Ninja werden lassen.
Während unseres Laufens suchten wir nach einem Supermarkt oder ähnliches, etwas, wo man sich zum Abendessen Kleinigkeiten kaufen könnte. Es war weit und breit nichts zu sehen, außer natürlich Kerle, die an urigen Teetassen schlürften und ihre Erektionen im Zaun halten mußten. Wir beschlossen schließlich den ersten Abend essen zu gehen. Es gab ein wundervolles Restaurant direkt am Strand. Außerdem war die Gegend dort voll mit Touristen, so dass man sich sicher fühlen konnte vor ausziehenden Blicken. Nach einer weiteren Dusche und kleiner Pause mit Leseeinheit auf dem Bett, machten wir uns bereit für einen erneuten Gang durch diese Idiotenbande von Spannern. Mara trug eine kurze Hose, weiß, die ihr gut stand. Ihr kleiner Hintern drängelte sich keck an den Nähten entlang und die Backen schlingerten fein. Oben herum zog sie ein offengeschnittenes Hemdchen über, bläulich. Ihre Schultern lagen frei und ihr Ausschnitt zeugte nicht von der zuvor gemachten Erfahrung. Da sie keinen BH trug, konnte man leicht ihre spitzen Brüste sehen, falls sie sich bücken sollte oder mußte. Ich trat zu ihr hin und umarmte sie, küsste sie auf den Hals und legte meine Hand auf ihren Hintern. Sie machte sich gleich los und drehte sich von mir weg, als sein ich ein Fremder. Frauen muß man dann in Ruhe lassen, sonst bewirkt man nur noch einen Streit und den wollte ich in Afrika nicht austragen.
Besagten Zettel mit Adresse und Telefonnummer wollte ich nicht ansprechen. Mir fiel einfach nichts ein, wie ich sie darauf hätte ansprechen sollen, ohne mich als mißtrauischer Idiot zu entlarven. Ich mußte noch lange warten bis ich erfuhr, was es mit diesem Unikum auf sich hatte.

95_ Hammamet
Der Weg vom Hotel zum Restaurant führte durch die beschauliche Innenstadt von Hammamet. Es war kühler geworden gegen Abend, also erträglich für mich, der so oft schon Flüche an das weiße Gesicht ausgesprochen hatte. Eigentlich fragt man sich, was jemand wie ich, denn in solchen Gefilden zu suchen hatte? Ich wußte es selbst nicht. Wahrscheinlich tat ich Mara den Gefallen und war mit ihr verreist. Man ist immer zu gut zu den Frauen. Wir schlenderten die holprige Straße hinunter zum Strand, wo prächtig ein fetter Steinbau zu besichtigen war, in dem das Restaurant hausierte. An den Seiten saßen auf Schemeln und Plastikstühlen Männer jeglichen Alters, wohl auf Jagd nach Fleisch, weißem Fleisch von Europäerinnen. Mara senkte ihr gesicht und schien die Steine zu ihren Füßen zu zählen, aber sie wich wohl den Blicken dieser Kreaturen aus, die gierig jeden Hüpfer ihrer Brust nachlechzten. Ich sah auf Touristinnen und bemerkte deren Zugeknöpftheit. Die hatte man schon ausgiebig genervt und begutachtet, dass sie sich etwas ” anständiges” angezogen hatten und ihren Körper vollkommen verhüllten. Leicht stieß ich Mara an, die wütend ihren Arm ausfuhr und mich zurückbuffte. Ich deutete mit meinem Kopf auf die anderen Frauen, diese Touristinnen, und wollte Mara zeigen, wie die sich kleideten. Sofort nahm Mara ihre dünne Jacke und legte sie sich über ihre zarten Schultern. Mit den Händen griff sie nach der Knopfleiste und verschränkte diese vor ihrem Ausschnitt. Wenn das so weitergehen sollte, dachte ich, dann können wir diesen erholsamen Urlaub bald abblasen und in kältere Gefilde zurückreisen.
Im Restaurant angekommen fanden wir einen netten Platz auf der Terrasse, wo man das Meer sehen konnte. An den Tischen saßen zumeist Ausländer und Mara legte ihre Jacke ab, atmete tief durch und griff sich die Speisekarte.
“Ich brauch´jetzt erstmal was ordentliches zu trinken!” prahlte sie und zog den Stuhl näher zu Tisch heran.
Ich blickte auf das Meer und versuchte den Zettel zu verdrängen. Ich beruhigte mich mit inneren Selbstgesprächen, also Gedanken, dass Mara ja wohl schlecht mit mir in den Urlaub fahren könne, wenn sie zu hause mit anderen Kerlen rummachen würde und so weiter. Irgendwann war ich dann soweit zu meinen, es seien Einbildungen meinerseits, typische Ängste oder Neurosen eines Verrückten, der nicht gelernt hatte den Mitmenschen zu vertrauen. Es half, auch der Alkohol, der folgte half. Ich wurde locker, Mara wurde locker und wir bestellten mehr Wein zum Essen. Auch wenn die Tunesier irgendwie nicht ganz von dieser Welt sind, kochen können sie. Wir nahmen CousCous mit Karottenstreifen und Hammelfleisch dazu, Schwein ißt niemand in diesen Ländern. Das Ganze wurde in einem konischen Trog serviert und dampfte wie ein alter Kochkessel bei Oma auf´m Herd.
Gerade als wir genüßlich zugriffen und hungrig das Essen in uns schaufelten, tauchten doch stiernackige Einheimische auf. Drei, vier Typen umringten unseren Tisch und gafften mit geilen Augen auf Mara. Sie waren nicht älter als achtzehn, neunzehn, hatten eine dementsprechend große Klappe und bändelten mit Mara an. Ich fiel aus allen Wolken, mit samt dem Zettelchen aus der Heimat. Wie konnte man die nur loswerden? Wie stellte man sowas ab? Wie tötet man Menschen?
Mara zeigte auf mich und meinte , sie sei mit diesem jungen Mann, also mir, hier und hätte keine Lust auf Frischfleisch. Doch die Burschen ließen nicht locker. Immer wieder versuchten sie Mara anzufassen, streichelten vorsichtig über ihre Schulter oder ihr kurzes Haar. Ich saß angekettet an meinem Platz und konnte nicht mal schlucken. Immer wieder winkten die Typen ab, wenn Mara auf mich zeigte, als sei ich Luft oder der größte Fehlgriff der Natur. Es war zum Ausderhautfahren!
Als ich mich nicht als Beschützer oder Retter oder Kämpfer in Maras Angelegenheiten zeigte, stand Mara selbst auf, holte mächtig aus und ballerte einem dieser aufdringlichen Kapuzineräffchen mit der flachen Hand aufs Ohr. Der zuckte zusammen, hielt sich den Schmerz und dackelte dann endlich davon. Vom gegenüberstehenden Tisch gab es Applaus. Ein junges Päärchen, sie sehr hübsch und er auch adrett und gutgekleidet, nett eben.
Die Burschen rissen aus und grummelten sich etwas in den Flaum ihres Bartes, zupften in ihrem Schritt herum und machten sich aus dem Staub, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Wüste lag nur einige Kilometer entfernt.

96_ Allahu akbar
Der gewaltätige Ausbruch Maras verschaffte ihr etwas Entspannung und ihr fiel der Umgang mit den einheimischen Männern leichter dadurch. Allerdings geriet der Umgang mit mir immer mehr zu einer Farce. In der ersten Woche schliefen wir aus, aßen gemeinsam am Frühstückstisch, gingen spazieren durch die Gassen, Mara immer darauf bedacht ihren Oberkörper sorgsam zu verhüllen, oder wir lagen am Strand und schauten auf das blinkende Meer. Die Sonne funkelte in dieser durchsichtigen Masse, die immer in Bewegung ist. Hin und her und hin und her schwappten die Wellen wie eine wabernde Unaufhaltsamkeit.
Die zweite Woche bereits ging mir ihre ständige Zurückweisung, wenn ich sie umarmen oder gar küssen wollte, gehörig auf die Nerven. Meist lagen wir nach dem Mittag im Hotelzimmer, lasen und starrten stumm vor uns hin. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mit Mara los war. Sie blieb stumm, auch wenn ich sie befragte oder sie schob ihren Zustand auf die drängenden Blicke der Männer hier. Es war nichts aus ihr heraus zu holen, außer ein Geseufze oder Gestöhne, dass ich immer wieder mit für sie unangenehmen Fragen auf sie einstocherte.
Bei diversen Spaziergängen trafen wir häufig das Paar aus dem Restaurant und nach etlichen Treffen und dem üblichen Gegrüße mit Lächeln und Nicken und Hand heben, traten wir doch mal auf einander zu und verabredeten uns für einen Abend. Mara taute etwas auf und nahm sogar mal meine Hand in die ihre, als wir an der Strandpromenade entlang humpelten. Doch schon zurück im Hotelzimmer schmiß sie sich auf ihr Bett, kramte eine Zeitung hervor und las, ohne mich zu beachten. Wenn das so weitergehen sollte, dachte ich, auch später unser Zusammenleben in MEINER Bude, dann würde ich nicht über ein Jahr Beziehung hinaus kommen. Alle Versuche lieb und nett und freundlich zu ihr zu sein, auch mit Hintergedanken eines Mannes, der einiges nachzuholen hatte, verliefen miserabel. Ich kam nicht an sie heran. Sie war völlig verbaut, zugeknöpft, hartherzig, mit heruntergezogenen Mundwinkeln und angezogenen Knien lag sie steif herum, wie eine Puppe, eine leblose Puppe.
Ich unternahm schließlich allein etwas an den Nachmittagen. Ich spazierte umher und zückte ab und an meinen Stift und kritzelte Skizzen in ein Skizzenbuch, das ich mir mitgenommen hatte. Es gab ein kleines Cafe in einer Seitenstraße. Dort hockten sie, die Ritter Allahs und süffelten ihren Tee. Ihre Blicke waren ernst. Wahrscheinlich fragten sie sich, was denn so ein Ungläubiger wie ich, in ihrem Cafe verloren hätte. Ich saß dann draußen unter einer Markise, schaute die Straße enlang und süffelte ebenso wie die Kerle an einem Tee. Großartige Kunstwerke brachte ich nicht zustande, dazu war auch mein Selbstbewußtsein zu gering. Ich hatte mich nie getraut in der Öffentlichkeit zu zeichnen, hasste jeden schielenden Blick und jedes Augenbrauenzucken der Glotzer; und so packte ich auch rasch meinen Kram zusammen und latschte weiter durch die Fremde, allein und ohne Mara, die ihre Depression pflegte oder sonst irgendwelchen Unsinn ausheckte. Sie war mir ein Rätsel. Warum fuhr ich mit so einer Frau für drei Wochen in den Urlaub? Um mich täglich abservieren zu lassen? Um mich wie ein Feuertänzer aufzuführen, der um sie herum wackelt wie ein geiles Hündchen? Wieso konnte man nicht einmal im Leben einige Zeit mit einem anderen Menschenwesen verbringen, ohne Komplikationen? Immer mußte man sich an die blödsinnigen Neurosen und Macken der anderen anpassen, als hätte man selbst mit sich nicht schon genug zu tun. Ich meine, ich war ja nicht eben ein ausgeglichenes Kerlchen. auch ich besaß meine Macken, meine Depressionen und Ängste; aber man konnte sich doch wenigstens öffnen, reden, einfach nur reden. Mara anscheinend nicht!

97_ vom dummen Mann
Die Verabredung mit dem Paar verlief eigentlich ganz normal. Man hat sich nicht allzu viel zu sagen bei den ersten Treffen, small talk eben. Die übliche Frage nach dem Beruf, den Interessen und das ganze Gestammele drumherum. Man tauscht Blicke aus, flirtet vielleicht etwas, weil die Enge der eigenen Beziehung in so einem Urlaub auch mal störend sein kann. Ich schaute auf die hübsche Frau mir gegenüber, dann auf den Kerl und immer frage ich mich, noch heute, wenn ich Paare erblicke, wie kommt so ein abgedroschener Typ in Hemdsärmeln zu so einer Frau? Sogleich kamen Bilder von Rosa hoch, die sich auf einem Badetuch räkelte und mir trotzdem zu verstehen gab, dass Rolf ihr Auserwählter sei. Naja, ich kannte den Mann da eigentlich gar nicht. Vielleicht war er ein ganz Netter, ganz Lieber oder so was. Ich war einfach eifersüchtig auf ihn, weil ich nämlich die letzten Tage mit Mara hier in Afrika absolut zum kotzen fand. Ich hatte ehrlich die Schnauze voll von ihrem Getue.
Wir aßen im Strandrestaurant, tranken einiges an Wein und nach einer Weile verstummte das Gespräch. Mara ging häufig zur Toilette, was ich auf die viele Flüssigkeit schob, die sie in sich hineinschüttete. Es dauerte eine Weile und sie kam mit weißen Wangen zurück; das wurde mir erst klar, als sie das vierte Mal zum Klo lief. Das Paar nahm es wohl nicht so wahr, deshalb sagten sie auch nichts zu Maras Aussehen. Ich beobachtete sie und verkniff mir meine Meinung. Aber mir schoß alles mögliche durch den Kopf: Drogen, sie nahm bestimmt irgendwelche Drogen, aber woher sie diese hatte, konnte ich mir nicht beantworten. Etwas stimmte nicht mit ihr.
Wir verabschiedeten uns voneinander und Mara und ich latschten noch etwas am Meer entlang; sie in einigem Abstand zu mir. Wir sprachen nicht. Laute machte nur das gurgelnde Wasser, das in den Sand schwappte. Überall sah ich Päärchen, die Händchen haltend in den Abend spazierten. ich bemitleidete mich, hätte fast heulen können, wenn ich nicht so wütend gewesen wäre. Ich trippelte stumm neben Mara her und hatte Mühe ihr nicht die Meinung zu blasen. Wieso sagte sie jetzt nichts?

98_ Das mußte ja kommen!
Zurück in unserem Hotelzimmer schmiß sich Mara erschöpft von irgendwas auf das Bett. Sie schupste ihre Schuhe von den Füßen und drehte sich in die Decke. Was sollte ich nur machen? Wenn man wie ein Dummkopf hinter einer Person herläuft und ständig abgewiesen wird, nur weil man mal wissen ist, was denn, scheißenochmal, mit dieser los sei, hört man irgendwann einfach auf damit. Man sucht sich ein stilles Plätzchen, beschäftigt sich mit Lesen oder anderen kreativen Dingen und läßt die Person in Ruhe ihren Kampf austragen. Anscheinend hat man nichts gemein. Man teilt nur mal eben das Bett und das Zimmer. Alles weitere ginge einen ja auch nichts an. Wie komme ich denn dazu, Mara auszufragen? Was fällt mir bloß ein? Wer bin ich denn, bitte?
Ich griff mit zitternden Händen zu einer Zeitung und klopfte mir mein Kopfkissen zurecht, steckte die Füße unter die Decke und las. Man kann jahrelang so nebeneinander herleben und nichts trübt den oberflächlichen Himmel einer egofizierten Zeisamkeit, wo jeder fein für sich ist; man läßt sich die Freiheit. Lächerlich so ein Leben. Ich verbat es mir auch nur den Mund aufzutun, um über irgendeinen Artikel, den ich eben las, zu sprechen. Sollte sie doch aus ihrem Schneckenhaus heraus kommen, wenn sie etwas von mir wollte.

“Du?” fing sie dann an und lugte mit ihren großen Augen zu mir herüber. Ihr Gesicht war verquollen, die Haare strubbelig und irgendwie sah sie schlecht aus, als wäre sie krank.
“Hm.” machte ich, nahm aber nicht den Blick von der Zeitung, obwohl ich gar nicht mehr las, dazu war ich zu angespannt.
“Kannst du dir vorstellen, mit einer Frau ein Leben lang zusammen zu leben?”
Ach du Scheiße, dachte ich, jetzt kommt das mit den Kindern, oder wie? Ich blieb steif auf dem Bett liegen. Bloß nicht zu ihr drehen, sie sollte meine Wut auch mal spüren. Jetzt bestrafte ich sie für ihre Unaufmerksamkeit mir gegenüber.
“Also jetzt noch nicht”, antwortete ich, ” ich meine, ich will noch etwas erleben, will noch viel unternehmen und eine feste Beziehung, vielleicht sogar Heirat? , das will ich noch nicht!”
“Warum denn nicht?”
“Sagte ich doch: ich will noch mehr erleben; vielleicht noch andere Frauen kennenlernen, ich bin ein Spätzünder.”
“Aber haben wir denn keine feste Beziehung? Wir sind doch schon fast ein Jahr zusammen, leben in einer gemeinsamen Wohnung, unternehmen viel zusammen; was willst du denn noch?”
“Na, hör´mal! Wir sind hier seit fast zwei Wochen und haben nicht einmal miteinander geschlafen. Ständig laufe ich hinter dir her und frage, was du denn hast, ob es dir nicht gut geht. Und von dir kommt nichts! Gar nichts! Du behandelst mich wie einen Fremden, wie einen Aussätzigen, der sich bloß nicht in deine kleine Welt einmischen soll und fragst mich dann, ob ich ein Leben mit dir verbringen will? Scheiße, das versteht doch niemand! Vielleicht solltest du mal anfangen mir zu vertrauen, dan kann man ja auch mal über ” ein Leben zusammen” nachdenken. Weißt du, ich fühle mich überhaupt nicht wohl in deiner Gegenwart. Du bist wie eine Fremde. Ich kenne dich gar nicht. Du redest nicht mit mir, verbirgst irgendetwas. Ich weiß nicht, wie du auf so eine Frage kommst!”

Mara antwortete nicht, sondern stand auf und ging ins Bad. Sie verschloß die Tür und wahrscheinlich heulte sie. Ich stand ebenfalls leise auf und schlich zur Tür, dort lehnte ich mein Ohr daran, um etwas hören zu können. Zuerst wußte ich nicht, was sie da tat. Ich hörte Schluchzlaute, aber auch ein ekliges Würgegeräusch, als würde sie sich übergeben. Abrupt haute ich gegen die Tür, schrie fast, sie solle öffnen, sonst würde ich die verdammte Tür eintreten. Nichts, kein Mucks kam von innen. Und wieder hämmerte ich dagegen, bis sie schließlich den Schlüssel drehte und mich hereinließ.

99_ Ach, magersüchtig bist du?
Es stank nach Kotze im Bad und ich riß das Fenster auf, schaute dann auf Mara und wußte nichts zu tun. Ich meine, ich hatte schon bemerkt, wie häufig sie nach einem Essen oder dem gemeinsamen Frühstück schnell aufs Klo verschwand, aber ich wollte diese Sache nicht wahrhaben, nahm an oder wollte annehmen, Mara müßte wie alle Menschen eben nur aufs Klo.
Die meisten Frauen halten die Männer ja für penisgesteuerte, hirnamputierte, Pubertierende, naiv und kaum bereit Kompromisse einzugehen. Aber ich hatte schon meine Antennen und spürte sehr deutlich, dass mit Mara etwas nicht stimmte. Natürlich hatte ich auch eine ungefähre Ahnung; wer so oft zum Klo rennt, gerade nach dem Essen, sich auch ständig die Zähne putzt, um den schlechten Atem zu verbergen, kalkweißes Gesicht und klapperiges Beingestell, der ging nicht zum kacken aufs Klo, sondern erbrach sämtliches Essen in die Schüssel. Ich weiß gar nicht, warum Mara glaubte, ich würde das nicht merken. Aber so ist das mit den Frauen: sie denken tatsächlich die Männer könnten weder sensibel noch aufmerksam sein. Vielleicht liegt es an dieser patriarchalischen Welt, wo der Kerl bloß nicht Mitgefühl oder Sensitivität zeigen darf, sonst klappt es nicht mit der Karriere… und den Frauen!

“Hast du geglaubt, ich wüßte nicht, was du hier treibst?” fragte ich erbost, aber schon mit Tränen in den Augen. “Du mußt mich ja für einen ziemlich blöden Macker halten, wenn du annimmst, du könntest deine Kotzerei vor mir verbergen. Verrat´mir doch mal, wieso du mir nicht vertraust? Warum redest du nicht zu mir? Wieso fragst du mich nach einem gemeinsamen Leben, aber führst mich doch an der Nase herum, versteckst dich im Klo, sammelst heimlich Adressen und Telefonnummern…”
Da war dann auch das heraus. Ich hatte mich verraten. Doch war mir das gleichgültig. Ich fühlte mich verletzt und verarscht von einer kranken Frau, die sich zu Tode kotzte für einen makellosen Körper, den sie übrigens schon besaß, aber es selbst nicht erkannte. Ich sah nicht ein, wieso man mir nicht vertrauen wollte, mich mit einbeziehen in das Dilemma, was ja nun wirklich in dieser Enge unschwer zu erkennen gewesen war. Selbst ein tumber Haudrauftyp mit einem IQ von 80 hätte irgendwann merken müssen, dass mit seiner Partnerin etwas nicht in Ordnung war.
Mara blickte mich an und heulte wie ein Schloßhund, jaulte und kniff sich, kratzte sich die Arme auf und hämmerte ihren kleinen Kopf gegen die Kacheln.
“Nun hör´schon auf damit!” befahl ich ihr, ” komm`her!”
Ich ergriff ihren Arm und zog sie langsam zu mir hoch, stützte sie und trug sie dann zum Bett hinüber. Sie zitterte und schluchzte, vibrierte am ganzen Körper wie Espenlaub. Ihre rotgeränderten Augen schauten ins Leere, den Mund hatte sie leicht geöffnet und sie war völlig aphatisch. In dieser Verfassung wollte ich nun nicht auf sie einreden und versuchte sie zu beruhigen, streichelte ihr durch das verschwitzte Haar und summte vor mich hin.
Nach einer Weile, als sie sich entspannt hatte und schlaff da lag, fragte ich sie dann nach dieser Adresse, die auf einem Zettel in ihrer Hosentasche steckte. Ich meinte, ich hätte ihn durch Zufall gefunden, als ich eine meiner Hosen suchte und dabei, ihre Klamotten durchwühlt hatte.
“Das ist die Nummer vom Besitzer eines Cafes, in dem ich vielleicht arbeiten kann”, sagte sie schwach. Anscheinend belastete sie es nicht, dass ich in ihren Klamotten gesucht hatte und ich vergaß die Angelegenheit auch gleich wieder.
“Was wollen wir nun tun?” fragte ich sie und strich weiter durch ihr Haar.
“Laß mich erstmal eine Weile allein, bitte. Ich möchte etwas schlafen, mich ausruhen, ja?”

Toll, dachte ich, erst heulen sie einem die Ohren voll, man versucht sie zu beruhigen, bleibt in der Nähe und bietet jede Hilfe an, später dann heißt es: Laß´mich erstmal allein! Die wollen doch deine Hilfe gar nicht. Da steckt so ein Mißtrauen, dass es mir weh tut.
Ich verschwand auf der Stelle, griff zu den Schuhen und stolperte aus dem Zimmer. Es war Spätnachmittag. Überall hockten die allseitsbekannten turbanisierten Männer beim Tee, gafften blöde umher, spielten mit ihren Meditationskettchen und taten wie immer nichts. Ich lief etwa eine Stunde durch die Gassen bis ich zu einem kleinen Laden kam, wo Mara und ich einige Male etwas eingekauft hatten. Drinnen war es kühl und ich schaute mich etwas um, suchte nach leckeren Speisen und Getränken, die ich in einen Korb packte und einkaufen wollte. Vielleicht konnte ich, wenn ich an ihrer Krankheit Anteilnahme fand, eine Veränderung bewirken. Vielleicht konnte ich ihr helfen, wenn ich die Mahlzeiten kochte und anrichtete, sie zu einem normalen Essen verhelfen, ohne dass sie alles wieder auskotzen mußte.
Ich bezahlte und ging zurück ins Hotelzimmer. Mara war unter der Dusche; die Betten waren aufgeschüttelt und Fenster und Balkontür standen weit auf. Ich kramte meine Sachen aus einer Tüte hervor, Obst, Gemüse, etwas Brot und Käse und eine Flasche Weißwein. Diese drapierte ich schön auf dem Tisch und besorgte noch schnell Teller und Besteck und zwei Gläser. Dann setzte ich mich auf einen Stuhl und wartete.

100_ Ich Therapeut!
Mara kam aus der Dusche und stand in ein weißes Frottee-Tuch gewickelt mitten im Raum. Sie roch sehr süß und frisch nach ihrem Haarschampoo. Die nassen Haare klebten am kleinen Kopf und sie lächelte, als sie den gedeckten Tisch sah. Langsam schlenderte sie zu mir herüber und setzte sich auf einen Stuhl. Ich war gespannt, was nun kommen würde, dachte an so etwas wie: ich kann jetzt nichts essen, ich will mich ausruhen, ich habe Kopfschmerzen, ich will allein sein, irgendsowas, was mich als Narren entlarven würde. Körbe konnte ich ja gut sammeln!
” Schön, dass du das angerichtet hast,” sagte sie stattdessen und griff sofort nach dem Weißbrot, brach sich ein Stückchen ab und stopfte es in ihr kleines Mündchen. Ich schnitt den Käse auf, schälte das Obst und drapierte alles auf Tellern. Auch ich hatte Hunger und so aßen wir gemeinsam in stiller Atmosphäre, die mir aber nicht passte. Ich erwartete noch einiges von Mara, wollte mich mit ihr besprechen, wie es denn nun weitergehen sollte? Wie wir mit diesem Problem umgehen wollten, denn ich war gewillt ihr beizustehen.
” Sobald wir zuhause sind”, begann ich kauend, ” möchte ich, dass wir irgendeine Kur zusammen machen, und zwar was das Essen betrifft. Es gibt doch diese Körnerkuren aus den Reformhäusern, damit könnten wir anfangen. Und ich werde mitmachen, alles, was du ißt, werde ich auch essen; und wir werden ein gesundes Leben beginnen, ohne Alkohol oder Drogen; was sagst du?”
Mara blieb stumm. Tränen kullerten ihr die Wangen herunter. Sie ergriff meine Hand und streichelte sie zart, ohne ein Wort.
“Hörst du, was ich sage?” fragte ich sie, ” ich will dir helfen und mir natürlich auch. Wir können etwas zusammen schaffen.”
Sie nickte nur und kaute sehr langsam auf ihrem Brot herum. Vielleicht freute sie sich. Vielleicht gab ich ihr Mut? Vielleicht hatte sie nun mal endlich bemerkt, dass ich auf ihrer Seite stand, dass sie mir vertrauen konnte, auch wenn ich nicht gleich eine Familie mit ihr gründen wollte. Doch sie blieb stumm, schaute mich nur an, als sei ich irgendein Samariter.

Am Abend spazierten wir zum Strand hinunter. Mara hatte sich vorausschauend komplett verhüllt, trug eine lange Hose, in weiß, ein T-Shirt und darüber eine dünne Wolljacke. Kein Stückchen ihrer weichen Haut wollte sie den Kameltreibern zeigen. Wir umfassten unsere Hände und schauten gemeinsam auf einen atemberaubenden Sonnenuntergang. Und zum ersten Mal in diesem Urlaub waren wir beide tatsächlich entspannt und… vereint. Jetzt hätte man eigentlich den Urlaub beginnen können. Man hatte sich eingelebt, hatte die Gepflogenheiten der Einheimischen erkannt und akzeptiert und man war sich selbst näher gekommen.
Als wir so im warmen Sand saßen und schweigend auf einen rotvioletten Himmel starrten, dachte ich sogar kurzzeitig an eine immerwährende Zweisamkeit mit Mara. In mir breitete sich ein wohliges Gefühl aus. Jegliches Schauspielern hatte ich abgelegt und war ich selbst, der, der da drinnen sitzt und sich kaum heraus getraut hatte. Ich war glücklich.
Zum Glück des einen gesellt sich dann das Unglück des anderen. Ich erkannte nicht, dass ich mich eigentlich in eine Position gebracht hatte, die mir gar nicht geläufig war. Nun stand ich in der Verantwortung der anderen Person gegenüber und mußte mich beweisen. Wie lange ich das durchhalten konnte, wußte ich nicht, weil ich nicht wußte, in was ich mich da hineinmanövriert hatte. Ich wollte nur noch gelassen in Maras Gegenwart hocken und die Sterne zählen, die Gedanken ausschalten und meine eigene Unfähigkeit des Lebens vergessen.