caspars Arbeiterleben II

 

21_ saubere Nähte
Der Schweißlehrgang brachte mir am Ende auch nur eine Erkenntnis mehr, dass es nämlich haufenweise Tätigkeiten gab, die mich in keiner Weise interessierten. Dementsprechend fiel meine Benotung aus und ich ging über zum nächsten unnützen Wissenserlebnis, die Inspektion.

Durch die tägliche Einnahme der Schlankheitstropfen war ich eigentlich immer energieladen und gut drauf. Mein Gewicht ging mehr und mehr zurück, so dass ich mich nun auch wie ein Mensch bewegen konnte, das Bücken und Gehen wurde einfacher, die Atmung entspannter und… ich konnte auch mal sehen, was ich zwischen meine Beinen trug.
Nach einer Nacht mit Robert, in der wir nur durch die Gegend gelatscht waren, uns in den Gärten der Anwohner über deren Lebensweise informiert hatten und beobachteten wie sich die Frau aus der Ruhrstraße mit dem Herrn aus der Bochumerstraße in einem Auto ausgiebig körperlich betätigten, in dem sie das schon genannte Spiel ausführten und die Scheiben das Fahrzeugs beschlugen von ihrem warmen Atem, wir unters Auto krochen und dem Enthusiasmus des Päärchens lauschten, anschließend einige Tröpfchen des Heilmittels schluckten und ich völlig überdreht ins Bett fiel, um einige Stunden später wieder zur Fabrik zu fahren, wurde ich zwei älteren Herren vorgestellt, die die Inspektionen aller Maschinen im Betrieb ausführten.
Dem Aussehen nach mußten die zusammen zweihundert Jahre alt sein. Beide weißes Haar, faltiges Gesicht und gebeugten Gang. Doch das Äußere sollte ja nie über eine Mumaßung der körperlichen Verfassung einer Person dienen. Trotz ihres Alters waren die beiden auf Zack, griffen meine zarte Hand wie Schraubstockbacken und drückten zu, dass ich leicht zuckte und dem Grinsen ihrer Gesichter auswich.
“Morgn,Max!” sagte Hans und zog seinen Werkzeugwagen hinter sich her. Wir gingen den langen Gang zwischen Werkzeug- und Produktionshalle entlang und ich trottete neben ihnen her. Die Wirkung der Tropfen ließ nach und das immer schneller. Anfangs hielt diese zwei oder sogar drei Tage an, aber vermutlich durch meinen hohen Konsum, war nach vierundzwanzig Stunden bereits der Ofen aus und ich mußte nachfeuern.
“Als Erstes,” redete Hans weiter,” unser Werkzeug ist heilig. Es wird weder verpumpt noch mit nach Hause genommen, ist das klar?”
“Jawoll!” salutierte ich und riß den Kopf hoch, der mir doch arg der Schwerkraft zum Opfer fiel.
“Solltest du einmal Spezialwerkzeug brauchen, dann besorgst du dir das in der Werkzeugausgabe, klar? Wir haben zwar alles dabei, aber bestimmte Werkzeuge geben wir nicht heraus, weil sie einfach zu teuer sind. In der Ausgabe unterschreibst du eine Bestätigung und wenn du das Werkzeug nicht wieder abgibst, mußt du zahlen, klar?”
Ich nickte nur noch. Was hatte der bloß mit seinem blöden Werkzeug? Als ob es Kostbarkeiten waren, sollte ich alle Aufmerksamkeit diesen unhandlichen Geräten widmen. Nach jeder Benutzung zurück in den jeweiligen Werkzeugwagen und in das dafür vorgesehene Fach legen, nachdem ich es gesäubert hatte. Wie konnte man nur solchen profanen Dingen wie Schraubenschlüsseln- und drehern, Hämmer und Durchschlägen derartige Bedeutung zumessen? Gab es denn nichts Wichtigeres, was man hätte tun können? Die Atomwaffen vernichten oder gegen das Pillenverbot der Kirche angehen? Die hungernden Kinder in Biafra retten? Die Endlager besetzen? Was weiß ich? Mir kam das überflüssig und borniert vor, doch als Auszubildender hat man sich ja keine Meinung über etwaige Gepflogenheiten seiner Ausbilder zu machen, sondern ganz einfache Auftragsausführung zu geben. Machen, ohne zu hinterfragen.

Und immer mußte Hans seine Vorträge mit “klar?” beenden, als ob ich ein hirnamputierter Dreikäsehoch wäre und zudem noch taub. Taub sollte ich in der kommenden Zeit zwar noch werden, weil der Lärm in der Produktion unerträglich laut war, dass einem die Trommelfelle zerplatzten, aber ich verstand den alten Mann doch ganz gut.
Der andere hieß Ludwig. Er war kleiner, schmächtiger, aber dadurch nicht weniger kräftig als Hans. Ludwig redete nicht viel. Er summte ständig bei der Arbeit, immer diese nervenden Schlager, aber ich nahm das nur teilweise wahr, denn ich hatte einen Verbündeten, den Lärm. Während der Pause aber, wenn wir draußen vor der Halle auf einer Bank saßen und pafften, summte Ludwig wie ein Schwarm Bienen. Wahrscheinlich lenkte ihn das vor übergroßer Denktätigkeit ab. Oder er verdrängte seine Verstopfung damit. Keine Ahnung, es nervte und ohne Drogen konnte man diese beiden Männer eigentlich kaum ertragen.

Als erstes ging es an die Zerlegung einer Riesenminstermaschine. Warum die Minster hier, weiß ich nicht mehr. Gebt den Dingen einen Namen. Der Mensch verbindet sich durch eine Namensgebung noch inniger mit der materiellen Welt und das war wohl auch der einizge Grund, weshalb dieses Monster von einer Deckelmaschine einen Namen trug. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und fragte auch nicht nach, weil ich gut und gerne auf Hans´ “klar?” verzichten konnte. Und wenn sie Erika geheißen hätte, es hätte mich überhaupt nicht tangiert, wie mich nämlich gar nichts tangierte, außer vielleicht die rapide absinkende Wirkung meiner Überlebenstropfen.
Während das Hämmern der anderen Maschinen mir ins Mark fuhr, schaute ich Hans und Ludwig beim Demontieren der einzelnen Teile zu, fasste mit an, wenn es gefordert wurde, erledigte Reinigungsaufgaben, die einfach zur Ausbildung gehörten, wenn wir nichts lernten, aber mit dem Feudel konnte jeder Auszubildende am Ende seiner Ausbildung umgehen; ich besorgte Ersatzteile aus dem Lager, was zu längeren Spaziergänge ermunterte, ich kurvte mit dem Hubwagen herum und transportierte unidentifierzierbare Teile in die Werkstatt oder ich stand einfach nur da, glotzte auf die Mitarbeiter mit ihren blauen Hörschutzen, wie sie ameisenfleißig die Deckel abpackten. Und noch immer tat sich nichts in mir. Noch immer reduzierte sich mein Dasein auf Gehorsam. Noch immer gab es kein Aufbäumen, nur absolute Verwunderung über das Treiben meiner Artgenossen. So mußte das wohl alles sein, dachte ich, wenn ich gedacht hätte, habe ich aber nicht. Ich akzeptierte nicht mal. Es war ein Nachahmen wie es die Kleinkinder tuen, wenn sie die Erwachsenen beobachten. Ich tat einfach, was man von mir verlangte, ohne wenn und aber.

 

22_ Rote Armee Fraktion und ein gestohlenes Moped
Abwesend ertrug ich Tag um Tag in der Ausbildung, nahm fleißig meine Tropfen und reduzierte mein Gewicht auf 180 Pfund, was nicht gleich sichtbar wurde, aber meine Beweglichkeit einigermaßen wieder herstellte. Am Ende eines jeden Tages zusammen mit Hans und Ludwig marschierte ich schnurstracks zu Robert, um mir eine Dröhnung abzuholen. Teilweise aß ich dann mehrere Tage hintereinander keinen Bissen mehr, was natürlich zu Aussetzern im Hirn führte und die Konzentrationsfähigkeit nach unten schraubte. Dies hatte selbstverständlich auch Auswirkungen auf meine Schrauberei bei den Inspektionsmännern und meine Arbeit verrichtete ich schlampig bis miserabel.
“Wenn du die Mutter schon da reinfallen lassen hast, na dann hol´sie gefälligst wieder ´raus, klar?” maulte Hans.
Ich versuchte meine Wurstfinger durch viele kleine Stellen zu pressen, um sämtliche Schrauben und Muttern, die zu den Teien gehörten, hervor zu holen, wühlte mit öligen Händen in Ritzen und meist wurde ich auch fündig. Doch je öfter mir sowas passierte, desto fuchteliger wurde Hans. Er brüllte gegen den Produktionslärm an, wedelte mit seinen Armen und tanzte von einem Bein auf das andere wie ein Bär im Zirkus. Täglich fiel mir irgendeine Winzigkeit aus den Fingern oder ich ließ wertvolles Zubehör auf den Betonboden krachen, dass sie in tausend Teile zersprangen, weil ich nicht bei der Sache war. Mein Körper war ausgemergelt, ohne Kraft, ohne Energie und die wiederholte Einnahme der Tropfen ließ mich immer noch mehr zusammen sinken.
Aber im Ernst, mir war das scheißegal. Ich wollte meine Kilos verlieren und sollte ich dabei gleich meine Ausbildungsstelle mit verlieren, würde mir das auch recht sein.
Täglich kam mein Ausbilder zur Kontrolle vorbei, redete kurz mit Hans oder Ludwig und, was soll ich sagen, ihre Bewertung hatte so gar nichts mit meiner Selbsteinschätzung gemein. Sie hielten große Stücke auf mich, meinten, ich stelle mich geschickt und interessiert an, sei zuverlässig und pünktlich. Ich verstand das nicht. Ich konnte mich aufführen wie ein reudiger Köter, wie ein Tunichtgut, aber jeder dieser ausbildenden Idioten verpasste mir einen Arschtritt, indem er mir eine Fähigkeit zuschrieb, die ich nicht besaß. Auf die Art und Weise würde ich nie die Ausbildung verlieren.

Es war nachts und wieder hörte ich Steinchen gegen die Fensterscheibe klackern. Robert.Er stand breitbeinig da unten und winkte. Sofort zog ich mir Klamotten über, huschte nach draußen und fragte, was wir denn unternehmen wollten.
“Wir können heut´nicht ins Geschäft, ich glaube, mein Alter hat bereits was gemerkt,” meinte Robert und ging neben mir her wie ein begossener Pudel.
“Mir ganz recht, ich hab´sowieso schon Schiß, dass wir mal auffliegen,” antwortete ich, “soviel Kohle, wie wir schon da ´raus geholt haben.”
“Es ist gar nicht mal die Kohle. Es ist das viele Bier. Mein Alter verkauft ja kaum Bier im Laden, das nimmt er immer nur, wenn er irgendwo mit seinem Grill hinfährt… Feste und so.”
“Na, dann besorgen wir uns Bier von der Tanke. Die BP in der Stadt ist doch durchgehend geöffnet.”
“Und wie willst du da hinkommen?” fragte Robert und hockte sich auf eine Holzbank, die wir in unser Versteck gebracht hatten.
“Keine Ahnung!” meinte ich müde.
Wir hockten so eine Weile da, pafften, sagten kaum etwas und rissen nur ständig Äste an den umstehenden Bäumen ab, einfach so aus Langeweile.
“Wie ist das eigentlich mit dem Moped von Bernd? Das steht doch immer vor der Tür! Unabgeschlossen.” wollte Robert jetzt wissen und sprang von der Bank.
“Glaub´schon. Aber wir können doch nicht Bernd das Moped klauen.”
“Wir klauen´s ja nicht. Wir borgen es uns nur aus.”
“Ich weiß nicht. Ich kenne Bernd ganz gut, laß´da mal was passieren, dann haut der uns um mit seinen Schaustellerpranken.”
Bernd wohnte gleich in der Nachbarschaft, fuhr als einziger ein großes Moped, was tatsächlich immer unabgeschlossen vor der Tür stand. Wahrscheinlich dachte Bernd, es würde sich nie jemand trauen sein Moped zu klauen, weil Bernd bekannt war für seine Bereitschaft jeden aber auch jeden mit der Faust ins Gesicht zu schlagen; und sollte man von diesem Hieb dann jaulend auf dem Boden liegen und um Gnade winseln, Bernd trat nochmals mit schweren Stiefeln zu, bis klar wurde, wer der wahre Kerl ist. Also dem das Moped wegnehmen, auch wenn es nur geborgt wäre und wir es nach einer Fahrt wieder zurück stellten, hieße ein hohes Risiko Prügel zu beziehen.
Ich weiß nicht, was uns trieb, aber wir latschten gelassen zum Moped, schoben es leise auf die entfernte Straße und versuchten das Ding zu starten. Ich hackte mehrmals den Kickstarter hinunter und schon schnurrte das Gefährt und war bereit für unseren nächtlichen Ausritt. In die Stadt waren es etwa sieben bis acht Kilometer und wir rasten über leere Straßen, vorbei an dunklen Häusern und grauen Schatten einer schlafenden Gegend. Als wir die Tankstelle erreichten, wurde eingekauft: Zigaretten, ein Zehnerträger (damals gab es die noch, zehn Pullen, heute gibt es nur noch Sixpacks), etwas zum Schnaggeln und verstauten alles in den Taschen. Den Zehnerträger zurrten wir auf dem Gepäckträger des Mopeds fest. Wir fuhren nicht gleich zurück, kosteten die schnelle Beweglichkeit aus und düsten durch die Innenstadt. Niemand war unterwegs. Keiner, der brüllend unseren heißen Ritt kommentierte und uns aufforderte langsamer zu fahren. Die Straßen gehörten uns… naja, und der Polizei.

23_ RAF Teil2
Es war drei Uhr nachts. Alles menschenleer. Kein Geräusch, kein Getrappel der unzähligen Füße, die geschäftig ihren Tätigkeiten hinterher rannten. Wir kurvten eben die Fußgängerzone hinauf, als ein Auto von hinten an uns heranraste. Robert wackelte hinter mir herum und versuchte das Fahrzeug auszumachen.
“Die Bullen!” schrie er mir ins Ohr und ich gab richtig Gas, fuhr links in eine Seitenstraße, die hinauf und in eine nächste Rechtskurve. Ich wollte bloß nicht auf irgendeine Hauptstraße gelangen, denn dann hätten sie uns mit Sicherheit sofort eingeholt. Ich war auf der Suche nach einem geeigneten Versteck, etwas, wo wir unterschlüpfen konnten, ein Gebüsch, eine dunkle Einfahrt, eine Tiefgarage oder einen Park. Aber in meiner Aufregung konnte ich mich an keine Stelle erinnern, die uns die Möglichkeit gab, uns zu verschanzen. Stattdessen drehte ich weiter meine Kreise in der Fußgängerzone, raste wahllos in jede winklige Gasse, diese entlang und in die nächste Kurve. Aufgeben wollten wir nicht, schließlich saß uns Bernd im Nacken. Und die Polizei. Aus einem Fahrzeug waren bald drei, vier, fünf Polizeiautos geworden und unsere Flucht wurde sinnloser und der Ausgang bald sicher.
Sie stellten uns vor einer Auffahrt zu einer Hochgarage. Alle Fahrzeuge hatten uns eingekeilt, sie waren von allen Seiten gekommen, volle Fahrt auf uns und mit quietschenden Reifen brachten sie mich dazu, das Moped anzuhalten.
Sofort sprangen sämtliche Polizisten aus ihren Fahrzeugen, zückten ihre Waffen, rannten auf uns zu und postierten sich vor uns auf. Ich ließ das Moped einfach zur Seite fallen, hob beide Arme in die Luft und brüllte: “Nicht schießen! Bitte.”
Robert pisste sich in die Hose. Er schlotterte neben mir und faselte nur von seinem Alten: “Der bringt mich um. Der bringt mich um.”
Eingekreist warteten wir und blickten uns schuldbewußt um, als ein wütender Polizist auf mich und Robert zukam. Er schritt mächtig aus, stämmte die Fäuste in die Hüften, knipste die Lasche der Pistolenhalterung zu und stand direkt vor mir.
Kurze Zeit später sah ich nur noch Sterne. Meine Wange schmerzte wie ein Flächenbrand. Der Polizist hatte mir mit voller Wucht eine Ohrfeige verpasst und brüllte auf uns ein: “Ihr Idioten, ihr. Kinderscheiße, was? So ein Scheiß hier!”
Ich hielt mir die Wange und Robert erwartete wohl, dass es auch auf ihn niederhageln würde und drehte seinen Kopf zur Seite, schaute ganz weit nach unten und hob die Schlutern.
“So ein Scheißaufwand wegen Kinderkacke,” brüllte der Kerl weiter. Er konnte sich gar nicht wieder einkriegen, was mir allerdings schleierhaft war. Wieso regte der sich auf? So eine kleine Hetzjagd zwischen Polizei und Verbrechern unserer Sorte kam doch schließlich dauernd vor.
Nun ja, es waren die Siebziger und man hielt uns nicht gerade für Andreas Baader oder die Meinhoff, aber doch für Mitglieder dieser Fraktion, Außenposten, Späher, Mitwisser oder sowas in der Richtung. Die Polizei war ständig mit etlichen Autos unterwegs, vermutete überall Anschläge oder Kidnapping und wir beiden hätten gut und gerne Komplizen sein können. Wer treibt sich denn auch nachts um drei Uhr auf einem Moped in der Stadt herum?
Man brachte uns auf die Wache, nahm Personalien auf, benachrichtigte unsere Eltern und wir hockten stumm herum und warteten auf Bernds Rache. Roberts Vater kam, holte kräftig aus und es knallte. Mein Vater verhielt sich relativ ruhig. Er sagte zuerst kein Wort und als ich im Auto neben ihm saß, meinte er nur: “Von dir habe ich das am allerwenigsten erwartet.”
Wieso nur, fragte ich mich? Also den Eindruck, den alle Welt von mir hatte, konnte ich nicht verstehen. In der Ausbildung war ich doch ein Taugenichts, hatte keine Lust, stellte mich schlampig an. Zu hause schlief ich nur, tat nichts außer Musik hören oder meine Schlankheitstropfen einnnehmen und doch meinte jeder von mir, ich sei ein anständiger Kerl. Ich konnte mich aufführen wie ich wollte, nie wäre jemand auf die Idee gekommen, ich sei ein Verbrecher, der mit Drogen dealte, der nachts in Geschäfte einsteigt und die Tageseinnahmen plünderte, der kiffte und sich Pornofilme anguckte. Mein Ansehen konnte nichts mit meinen Taten zu haben. Die sahen irgendwas, was ich nicht sah.

 

24_ Sphärisch
Was war es nur an mir, dass alle Welt mich so anders sah, als ich mich fühlte? Ich selbst hielt mich für einen kompletten Loser, einen Taugenichts, der sich nicht mal allein die Schuh schnüren konnte. Ganz so schlimm war es vielleicht nicht, jedoch war mein Innenleben völlig anders ausgestattet, als es von jederman angenommen wurde.
Es wurde nicht lange über meine nächtliche Ausfahrt diskutiert, mein Vater hielt sich ganz raus und sagte, wie so oft, gar nichts dazu. Ich konzentrierte mich auf die Band und auf unser Repertoire, weil ein Auftritt bei einem Freiluftkonzert angesagt war. Wir hatten einige Stücke eingeprobt, die wir dort zum besten geben wollten. Es war so eine typische Veranstaltung aus der damaligen Zeit: die Schule hatte Erlaubnis erteilt ein Sommerfest auf einer ihrer Sportwiesen zu veranstalten. Eine große Bühne wurde aufgebaut, wo alle mitanpackten und sich die Finger quetschen durften; hinterher ging man auf die Bühne und spielte mit den schmerzenden Händen sein Instrument. Gage gab es natürlich nicht, Wofür auch? Es war eine reine Spaßveranstaltung, die die Schüler zusammen brachte.
Zuerst spielte eine Kombo ihre eingeprobten Stücke von irgendwelchen Rockbands, die angesagt waren, dann gab es akustische Musik mit Gitarre und Flöten, dann kamen wir an die Reihe. Es war das übliche Gedudel der Stones-Songs und als Zugabe “Samba Partie” von Carlos Sanatana. Nach einer dreiviertel Stunde war alles schon wieder vorüber und wir schafften unser Equipment von der Bühne.
Ich latschte etwas gelangweilt durch die umherstehende Menge. Die Sonne schien und alle trugen sie Sonnenbrillen und dämliche Mützen auf dem Kopf. Niemand, der mich interessierte. Robert konnte nicht kommen und andere aus der damaligen Clique hatten eh kein Interesse an meiner Band, so dass ich mir Bier besorgte und mich auf den Rasen legte. Ich wartete auf die nächste Band, die endlich mal Eigenkompositionen spielen wollte und war gespannt. Zuerst kam ein kleiner rothaariger Kerl mit satter schwarzer Gitarre auf die Bühne, stellte sich den Mikrofonständer zurecht und verstöpselte seine Klampfe. Ein großer Blonder folgte, er spielte Querflöte, ein elendes Instrument, jedenfalls in der Rockmusik, ich konnte mir nicht vorstellen, was die dudeln wollten, wenn man schon so eine Tröte mit dabei hatte. Ein dünner Typ mit Schillerlockenhaaren setzte sich hinter die Schießbude und trommelte sich ein. Zuletzt trappelte dann ein kleines Männchen an seinen Bass. Naja, dachte ich, mit den Ärmchen kannst du wohl kaum das fette Instrument halten. Es wurde ein kurzer Soundcheck gemacht, um die einzelnen Lautstärken zu bestimmen. So was hatten wir nicht nötig. Wir hängten uns die Teile um und droschen in die Saiten. Aber ich mußte dann doch feststellen, dass diese Jungs da oben recht professionell arbeiteten, wer sonst machte schon einen Soundcheck als Schülerband?
Die Atmosphäre war gut. Die Leute johlten und klatschten und forderten die Jungs auf endlich anzufangen, was diese dann auch taten. Ich kann gar nicht mehr sagen, wie die mich umhauten. Es war als hörte ich das erste Mal eine richtige LIVE-BAND spielen; und was die spielten war einzigartig. Ich stand auf und ging zum Bühnenrand, als der Rothaarige begann zu singen. So eine Stimme hatte ich noch nie gehört, umwerfend und genial. Der Funke sprang sofort über und ich wollte so schnell als möglich mit den idiotischen Coversongs aufhören, wollte endlich RICHTIGE MUSIK machen, Musik, die ins Mark geht, direkt ins Herz, dass man kaum noch Luft bekommt.

25_ Denken lernen
Ich stand also wie verzaubert, naja, das Wort klingt etwas pathetisch, ich stand überwältigt, das trifft es vielleicht eher, ich stand überwältigt von dieser Bandmusik an der Bühne und hörte eine niemals gehörte Musik. Der Sänger trällerte in den höchsten Töne und den tiefsten Tiefen. Der Tonumfang seiner Stimme umfasste sicherlich vier Oktaven. Um den Hals hing ihm eine rabenschwarze E-Gitarre, ein Gibson Nachbau, der Sound, den er ihr entlockte, war nicht von dieser Welt. Etwas Neues gelangte an mein Ohr und ich war entzückt mit einer kribbelnden Gänsehaut.
Die Band spielte etwa eine halbe Stunde, als ich wie ein Irrer applaudierte und nach Zugaben schrie. Leider endeten diese Feiern meist viel zu früh. Auf dem Schulgelände wurde um zehn Uhr das Tor zu gesperrt und alle Besucher sollten verschwinden. Ich machte mich daran meinen Bass und den Verstärker zusammen zu sammeln, in einen VW Bulli zu verstauen und wir karrten unser Hab und Gut in den Proberaum. Doch einige der Bandmitglieder wollten sich noch in einer Kneipe zu einem Bier treffen, was ich natürlich mehr als begrüßte. Mit dem Bulli ging es in die Kneipe, dort hockten dann der rothaarige Sänger und seine Kumpanen, tranken Bier und brabbelten wie Wasserfälle.
“Max!” meinte einer, der in besagter Band den Bass gezupft hatte, “dein Spiel ist ja richtig geil, mann. Endlich mal einer, der sein Instrument beherrscht.”
Ich nickte nur und verstand es wieder nicht. Meiner Meinung nach beherrschte das Instrument mich und nicht umgekehrt. Täglich versuchte ich mich daran die vier Saiten endlich mit den Fingern zu zupfen und das Plektrum aus den Händen zu legen, weil ich es als Vergewaltigung des Basses ansah, wenn man diesen mit einem Plektrum spielte. Aber meine Finger waren dick und unbeweglich. Ich hängte mir meinen Bass jeden Tag nach der Arbeit über meinen fetten Bauch, legte irgendeine Schallplatte auf und dudelte nach, was da aus den Boxen trällerte. Das war eine gute Übung, nur ging mir irgendwann die Musik auf die Nerven und ich brauchte mal etwas Neues, anstelle von Blues und Rock. Als ich die Mucke dieser Band auf der Feier gehört hatte, wußte ich, was ich spielen wollte.
“Eure Mucke ist anders,” sagte ich scheu,” ich habe sowas noch nie gehört. Und die Stimme ist einfach genial.”
Der Rothaarige grinste und nickte nur. Er war kein Typ von vielen Worten, jedenfalls quasselte er nie großartig in der Öffentlichkeit. Stand er jedoch auf der Bühne verwandelte er sich in einen Poeten, der sein strapaziertes Hirn leeren mußte.
“Hast du Lust bei uns einzusteigen?” fragte der Typ, der mich auf mein angeblich geiles Bassspiel angesprochen hatte. “Ich werde die Band verlassen und du wärst ein geeigneter Nachfolger.”
Da sah man wieder etwas, was ich nicht sah. Mein Talent konnte ich nicht beurteilen. Ich hielt mich für einen Amateur, einen Nachahmer und Kopierer, der wahrlich keine eigenen, kreativen Prozesse in sich wachrufen konnte. Und nun wollten die mich als Bassist. Da ich mit meiner Band nie glücklich werden würde, sagte ich selbstverständlich zu und verabredete mich zu einem Probetermin.

 

26_ Prüfungen oder die Haltung der besserwisserischen Menschen
Die Zwischenprüfung hatte ich mit zwei Zweiern erfolgreich abgeschlossen. Nun stand die Abschlußprüfung an und ich sollte auf die wirtschaftliche Welt losgelassen werden, sollte das Rädchen im Getriebe einer Deckel- und Dosenherstellenden Firma werden, um den Gewinn zu sichern, wenn nicht gar zu steigern. Nach etlichen Monaten der Einweisung und Unterweisung in dem Bereich der Metallverarbeitung konnte ich mit einer Feile umgehen, wußte was ein Eisen-Kohlenstoff-Diagramm ist und wie man zwei Metallstücke miteinander verbindet ohne Klebstoff zu benutzen. Ich hatte durch die Inspektionsschulung gelernt die Monstermaschinen auseinander- und wieder zusammenzubauen. Ich war in die Produktion integriert worden, trug Verantwortung und durfte nun, nach Erwerb eines Zertifikates zur Ausweisung des angesammelten Wissens an einer Weiterführung des Unternehmens teilnehmen.
Die Prüfung war ein Graus. Morgens um acht Uhr standen meine Kollegen und ich an den Schraubstöcken und warteten auf die Aufgaben, die uns zu ausgelernten Maschinenschlossern machen sollten. Der dicke Hans wischte sich ständig seine schweißnassen Händen an den Arschbacken ab, ich trippelte vor der Werkbank auf und ab, weil die Wirkung meiner Tropfen noch nicht abgeklungen war und mich in einen Zustand absoluter Nervosität versetzt hatte. Rudolf, der Streber unter uns Auszubildenden, einer, der sich immer abgesetzt hatte, ein Einzelgänger, der nicht trank, keine Drogen nahm, akurates Benehmen besaß und niemanden im Betrieb duzte, der blieb gelassen und war sich seiner Sache sicher. Im letzten Lehrjahr verbrachten wir die Tage oft im Glaspalast des Ausbilders, amüsierten uns über die Neulinge und tranken Bier und Sekt. Rudolf nie. Er erledigte gewissenhaft jede ihm gestellte Aufgabe, hielt seinen Kopf immer gesenkt und erlaubte sich keine Ausrutscher. Menschen seines Schlages sind gut für diese Fabrikgesellschaft, weil sie einwandfrei funktionieren, nichts in Frage stellen und ihren Job machen.
Rudolf lehnte an seiner Werkbank und wartete. Er sortierte abermals seine Werkzeuge, schob Schublehre und Haarwinkel in die richtige Position, ordnete die Feilen und legte sich Papier und Stift an einen übersichtlichen Platz. Als die Prüfer mit ihren Bögen und den darauf enthaltenen Aufgaben durch die Reihen gingen, war ich schon das erste Mal auf dem Klo und würgte die wenigen Essensreste hoch. Mich war hundeelend. Ich bekam Schweißausbrüche, wackelte durch die Gänge und zu den Maschinen, um meine Aufgabe zu bewältigen. Was wir da machen sollten, davon muß ich nicht berichten, das wäre zu langweilig. Nur war ich in meinem Zustand total überfordert. Ich verhaute jede Aufgabe, verbohrte mich um Millimeter, drehte schiefe Gewinde, verschraubte ohne Schmiermittel, weil mir ganz einfach das Schmiermittel fehlte, um hier Ehrgeiz aufzubringen. Mir war der Ausgang des Abschlußes egal. Schon seit längerer Zeit war mir klar, dass ich die Laufbahn eines Maschinenschlossers nicht lange aushalten würde und ich wollte ein Rockstar werden. In dieser Verfassung läßt sich schlecht das beste Ergebnis für eine Abschlußprüfung erzielen. Man hat den Kopf voll mit Groupies, die einen umschwirren, mit Reisen um den Globus, Auftritte vor tausenden von Menschen, die einem zujubeln und denkt in keiner Sekunde daran, Weichen für ein zukünftiges Leben als Mitglied der Arbeiterbevölkerung zu legen.
Vier/Vier.
Theoretisch/Praktisch.
Mein Ausbilder fiel aus allen Wolken, als er mein Ergebnis bekam.
“Mensch,Max!” brummelte er und zwickte sich zwischen den Beinen, “was war denn da los?”
“Keine Ahnung,” antwortete ich, “ich hatte einen schlechten Tag.”
“Scheiße,Mann,” sagte er weiter, ” das färbt doch auf mich ab. Deine Zensuren sind auch Belege meiner Ausbildungspraxis, verstehst du?”
“Hnnhnn…” machte ich.
Das Seltsame an dieser Prüfung war letztlich, dass alle Auszubildende eine viel schlechtere Note erzielt hatten, als erwartet. Rudolf allein schaffte Zwei/Zwei und ging sofort in die Produktion. Wahrscheinlich ist der heute noch im Betrieb, als Abteilungsleiter oder Qualitätsprüfer der Dosen. Dass heisst, wenn es den Betrieb noch gibt. (Den Betrieb gibt es noch und Rudolf arbeitet noch immer dort!)
Dieser schlechte Notendurchschnitt veranlasste natürlich unseren Betrieb zu einigen Maßnahmen. Die Zeiten in den einzelnen Abteilungen wurden verlängert, der theoretische Unterricht im Betrieb wurde erweitert und… unser Ausbilder wurde gefeuert. Er arbeitete wieder als Werkzeugmacher unter seinesgleichen. Und nur am Rande bemerkt : Nach seiner Heirat und der Befruchtung eines Eies seiner Partnerin, wurde er Vater eines geistigbehinderten Kindes. Soviel dann auch zu einem “Göttlichen Samen”.

27_ Reden wir doch endlich mal von Frauen
Maschinenschlossergeselle, Grundgehalt 1979 : 3200,00DM, netto, Nachtschichtzuschlag, Feiertagszuschlag, jeden Sonntag Sonntagszuschlag, dreizehntes Monatsgehalt, Urlaubsgeld, Prämien für Millionen von Deckeln…
Bassist in einer Band, die progressiven Rock spielte.
Einzimmerwohnraum bei den Eltern, Kostgeld 300,00DM.
Ich, 1979, Lebendgewicht ca. 98Kg, 178cm klein, Seitenscheitel. Ich wußte nicht was ein Buch ist. Ich las die Bildzeitung, jeden Morgen.
Robert. Bernd. Rudolf. Hans. Wie sie alle hießen.

Mein Leben wies entschiedene Mängel auf. Zu wenig Bewegung, zuviel Drogen. Zuviel Alkohol. Zu viel Geld. Materielles Futter für einen Nimmersattkonsumenten. Was sollte es noch geben, das mich verköstigen konnte und was mich endlich SATT machte? Genau : eine Frau. Ein weibliches Wesen. Etwas mit Rundungen, die wir Männer so gänzlich an uns vermissen. Etwas Andersriechendes, etwas Weiches, unbehaart, mit Höllenfeueraugen und langen, weißen Fingern.

Ich kann bis heute nichts, aber auch gar nichts mit Frauen anfangen. Sie dienen mir nur zur Befriedigung meiner sexuellen Lust. Warum man sich auf diesen Blödsinn einer Beziehung oder gar Ehe einläßt, ist mir schleierhaft. Man versucht etwas zusammen zu bringen, was nicht zusammen gehört und darum auch nicht passt. Eine Einrichtung, die jeder Daseinsberechtigung ermangelt ist doch dieses Paarbilden. Dabei geht es nur um Fortpflanzung. Sobald der Akt vollzogen ist, sollte man schleunigst getrennte Wege gehen. Aber nein, man hält Händchen, säuselt dem Partner Blödeleien ins Ohr, man gibt vor gleiche Interessen zu besitzen, schaut sich endloslange Serien in der Glotze an, wo man doch lieber auf ein Bier in der Kneipe säße oder wenigstens den Horror Thriller auf dem anderen Programm schauen würde. Man spaziert an Schaufenstern vorbei, die gefüllt sind mit Dingen, die einen nichtdieBohne interessieren. Man verschleudert sein harterworbenes Geld im Theater oder auf langweiligen Veranstaltungen.
Trotzdem denkt man täglich an Brüste, Hintern und lange Arme, die einen umschlingen.

28_ Mängelliste
Trotz des schlechten Abschlusses in der Prüfung ließ man mich an der Produktion teilhaben, obwohl ich eigentlich Besseres vorgehabt hätte, als im Drei Schichten Betrieb an Stanzen und Anrollern die Tage rumzukriegen. Doch, wie gesagt, verliefen meine Gedankenströme noch nicht so gezielt auf ein Selbstbewußtsein oder gar eine Eigenbestimmung hinaus, so dass ich mich einfach in mein Schicksal ergab. Ich ergab mich noch nicht einmal in mein Schicksal, ich fragte gar nicht nach, ob meine Situation durch irgendetwas Sinnvolleres bereichert werden könnte, weil ich keine Fragen stellte. Wie ein fremdbestimmtes Wesen taperte ich durch mein Leben, das so wie es war, einfach so sein mußte. Ich meine, alle lebten doch so wie ich, fuhren zur Arbeit, betranken sich sinnlos, nahmen Drogen, fügten sich ein in einen Apparat, der keinen Widerstand zuließ. Wie hätte ich auch auf andere Gedanken kommen sollen? Als Beispiel eines Lebens lebten mir doch meine Eltern vor, wie es zu sein hatte, wie man durchkommt, sich anpasst und Aufbegehren wäre doch nur hinderlich gewesen, wenn man denn aufbegehrt hätte. Naja gut, ich habe das nicht, ich bekannte mich zu keiner Organisation, verstand nichts von Politik, schon gar nichts vom Wirtschaftssystem und soziale Strukturen einer Gesellschaft waren “böhmische Dörfer” für mich. Ebenso verhielt es sich mit meinen weiblichen Bekanntschaften. Ich lernte viele Mädels und Frauen kennen, aber mehr war nicht drin, also weder eine Affäre noch eine Beziehung, an sowas war gar nicht zu denken. Ich nahm alles hin wie es kam. Jede Frau, mit der ich in Kontakt kam, machte mir sofort bewußt, dass meine Chancen auf einen eventuellen Beischlaf gegen Null liefen, nicht indem man sowas konkret ansprach, sondern einfach ihre Haltung mir gegenüber ließ erkennen, dass Abstand die beste Variante eines Austausches wären. Natürlich nahm ich es hin. Den Blicken der Damen konnte ich gleich entnehmen, in welche Richtung ihr Interesse ging, weil sie mich einfach komplett übersahen. Ich schaute nur zu, wie Frauen ihre Augen verdrehten und es auf richtige Kerle abgesehen hatten, die selbstverständlich ihr Chance witterten und sofort ansprangen, sich auf die Lauer legten oder gar nicht erst lange fackelten und mit der Tür ins Haus fielen.
Da ich von der Maloche relativ oft völlig fertig war, registriete ich dann auch bald gar nicht mehr diese Anbandeleien der anderen. Ich bestellte mein Bier, schaute auf die Uhr, bestellte noch ein Bier, schaute wieder auf die Uhr, bis ich schließlich betrunken die Nacht überstehen konnte.

Die Wochen verflogen wie Staub im Wind. Wöchentlicher Wechsel in den Schichten brachte meinen Rythmus, wenn ich denn einen besaß, aus dem Ruder. Die schwarzen Ränder unter meinen Augen gehörten schon fast zu meinem bleichen Teint. In den Nachtschichten versuchte ich mich auf den Beinen zu halten, was bei dem Lärm in der Halle eigentlich leicht hätte möglich sein sollen, nur bekam ich jetzt die Rechung für meinen jahrelangen Raubbau am eigenen Körper. Vollgestopft mit Drogen und Alkohol forderte das schlaflose Leben jetzt Tribut. Durch die Einnahme der Schlankheitstropfen hatte ich kräftig Gewicht verloren, aber auch Energie. Über Tage nichts gegessen, ständig hellwach und munter, spürte ich nichts vom eigenen Energiehaushalt. Erst als ich über vierzig Kilos weniger am Leib trug, die Augen fast aus den Höhlen fielen und mir die Beine zitterten, merkte ich, was ich da eigentlich die ganze Zeit über getan hatte. Ich hatte mich systematisch um die Kraft beraubt und wackelte nur noch in der Gegend herum.
Kam ich nach der Früschicht, die von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr mittags ging, nach hause, fiel ich wie tot ins Bett, schlief bis in den Abend und dann zog ich nochmal los, wollte Leute treffen oder Musik machen oder einfach nur planlos besoffen werden, um diesen Unsinn nicht mehr mitzukriegen. Ich war neunzehn Jahre jung und schon am Ende.

29_ Wildwechsel
Ich hatte in der Band vorgespielt, hatte mein ganzes Können ausgepackt und war ordentliches Mitglied einer eingeschworenen Vereinigung geworden, ohne dass ich viel davon mitbekommen hatte.
Wir probten in einem Pavillon im Garten des Flötisten/Saxophonisten. Dreimal die Woche wurden bereits vorhandene Stücke gespielt bis sie einem aus den Ohren wieder herauskamen und zusätzlich wurde neues Material gesammelt, was meistens oder eigentlich immer vom rothaarigen Sänger kam. Dieser Typ war ein Quell unerschöpflicher musikalischer Einfälle, dazu Texte, die ich nicht mal verstand. Zu jedem Termin brachte er neue Ideen mit, spielte kurz den Track an und erzählte wie er sich das Stück vorstellte. Dazu saßen wir herum, rauchten wie die Schornsteine und lauschten seinen Äußerungen. Zuerst quatschte er davon von was das Stück denn handelte, also lief es in die kritisch-politische oder eher in die gesellschaftskritische Ecke oder sollte es was mit Verliebtheit zu tun haben oder… naja, undsoweiter. Jedes Mal taten die das, quatschten über den Inhalt, dabei wollte ich endlich meinen Bass umschnallen und die Frequenzen in den Eingeweiden spüren.
Zur Band zählten nicht nur die Musiker, sondern auch noch andere Leute, die ich kennen lernen sollte. Einige von ihnen gaben manchmal Texte zum besten oder tummelten sich als Zuhörer während der Proben im Pavillon herum. Nach so einem Probetermin verabredeten wir uns noch für einen Abend bei einer gewissen Uta. Uta wohnte in der etwas nobleren Gegend und ich fuhr mit meinem Käfer auf einen großen Parkplatz, wo etliche LKW´s herumstanden. Ihr Vater war Speditionskaufmann und beschäftigte Fahrer und Packer. Gegenüber dem Wohnhaus standen säuberlich aufgereiht die Garagen zu den jeweiligen LKW´s und ich schaute erstmal nicht schlecht, als ich ausstieg. Ich klingelte an der großen Eingangstür und war irgendwie eingeschüchtert. Ich meine, ich blöder Arbeiter aus einem Arbeiterviertel mit Arbeitereltern hatte doch nichts auf solchen Grundstücken verloren. Vielmehr hätte ich Robert Bescheid sagen sollen, dass er sofort vorbeikommen müsse, hier gäbe es einiges zu holen. Stattdessen wurde mir aber die Tür geöffnet und Uta bat mich herein.
“Tach,” sagte sie, ” du bist bestimmt Max, was?”
“Ja,” antwortete ich und folgte ihr ins Haus. Ich schaute mich nur kurz um, weil ich noch nie in einem Einfamilienhaus gewesen war und bewunderte die Größe. Allein der Flur war so groß wie unsere gesamte Wohnung. Links neben der Eingangstür verlief eine Treppe ins Obergeschoss, wohin wir gingen.
Uta war füllig, dicke Beine, dicke Arme, Pausbackengesicht und kurze Füße. Ihr fettiges Haar hing ihr lustlos strähnig über die Schultern. Mein erster Eindruck war, das íss ´n Kerl oder sollte mal einer werden und hat sich aber auf halber Strecke anders entschieden. Uta war keine Schönheit, was mich beruhigte und mir die Unsicherheit etwas nahm.
Oben in ihrem Zimmer hockten meine neuen Bandmitglieder herum und quatschten und tranken Rotwein. Niemand saß in irgendeinem Sessel oder auf einem Stuhl oder gar auf einem Sofa, alle quetschten sich auf den Fußboden, die Beine über Kreuz und demonstrierten ihre Ablehnung gegenüber den üblichen wohnlichen Konventionen.
Ich mochte eigentlich nie auf dem Fußboden sitzen, erstens weil ich meine fetten Beine kaum übereinander bekam und zweitens wollte ich mir die Unannehmlichkeit ersparen, wenn ich aufstehen mußte, alle meine Quälerei vorzuführen, denn es kam schon einer Clownsaufführung gleich wie ich da prustend und schnaufend nach Halt suchte. Aber durch die verlorenen Pfunde der letzten Monate brauchte ich mir deswegen keine Sorgen mehr zu machen.
“Und?” fing Uta an, ” was wählst du?”
Ich blickte erstarrt in die Runde. Was wollte diese Göre von mir wissen? Was ich wähle? Was soll ich denn wählen? Ich wähle immer den Weg des geringsten Widerstands, oder was? Redet die hier von Politik? Mein Mund trocknete aus und ich goß mir Rotwein ein. Was sollte das jetzt bloß? Diese Halberwachsenen redeten über Politik und Weltgeschehen, während ich meine Schichten abriß und ansonsten mir die Rübe zuschüttete, was verstand ich denn schon von Politik?
“Du gehst doch wählen?” bohrte Uta nach, deren Gesicht immer häßlicher wurde, je mehr sie mir auf die Nerven ging mit ihren blöden Fragen.
“Ja, nein… eigentlich nicht!” meinte ich und trank das Glas auf Ex. Die anderen glotzten nur dumm und warteten wie Uta auf eine intelligente Antwort, die ich aber nicht geben konnte, weil es mir an Intelligenz absolut mangelte. Himmel, ich konnte Auto fahren, besaß jetzt den Führerschein, ich konnte eine Flasche ohne Flaschenöffner öffnen, ich konnte die Anrollmaschine vom überlaufenden Kleber befreien, ich konnte Steine in die Erde klopfen und auch Skat spielen, ich konnte die Handhabung und Wirkungsweise einer Fräsmaschine erläutern, aber Politik, Gesellschaft, Wissen, Bücher, Philosophie.? … keinen Schimmer.

30_ Komplexe
Wahlen! Wählen! Qualen! Quälen! Was umhimmelswillen sollte ich dieser Tussi nur antworten, damit ich mich nicht ins Fettnäpfchen setzte? Ich hatte wohl von den einzelnen Parteien gehört, wußte aus der Schule wie unsere Regierung funktionierte, so mit dieser 5%Klausel und Koalition und Opposition, aber mehr als Schlagwörter brachte ich nicht heraus, wenn ich mal meinen Senf zur politischen Lage der Nation abgeben sollte.
“Du mußt ja nicht antworten,” behauptete Uta, obwohl ihr gesamtes Verhalten, der Blick, das Rutschen auf den dicken Beinen genau das Gegenteil meinten.
“CDU!” preschte ich hervor, ohne darüber nachzudenken. Jeder kann sich denken, was dann kam. Ich meine, ich saß inmitten einer Horde von Weltverbesserern, Friedensstiftern und Demonstranten, die sich allmonatlich im Wendland trafen, um die Atommüll-Transporte zu stoppen. Sie diskutierten über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, über die Ausbeutung der Rohstoffe, über die Hungersnot in den Drittewelt Ländern, sie quatschten über Literatur, Film und Musik. Ich hörte Fremdworte und verstand nichts. Das waren die Kinder der Chefs, die mein Vater und ich ertragen mußten. Eine denkende Brut, die sich einen eigenen Blick auf die Welt verschaffen wollte, die ihr eigenes Urteil fällen wollte, die sich informierte und zu meinem Unglück auch noch las. CDU war der Feind!!!
Uta sagte erstmal gar nichts. Sie griff zur Rotweinflasche und schenkte sich nach. Der Rothaarige kicherte und verbarg sein weißes Gesicht hinter seiner Matte. Der Saxophonist,der auch Flöte spielte, beschäftigte sich mit der neuesten Ausgabe des Spiegel-Magazins. Rolf, der Schlagzeuger schaute mich verblüfft an, weil er wohl keine so deutliche Aussage erwartet hatte. Was hätte ich sonst sagen sollen? Der Gitarrist aus meiner vorherigen Band hatte mal beiläufig diese Partei erwähnt, in welchem Zusammenhang weiß ich nicht mehr. Ich dachte mir in diesem Augenblick, wenn der diese Partei wählt, na dann werden die hier wohl auch diese Partei wählen und weil ich mich mit ihnen solidarisieren wollte, prahlte ich eben : CDU. Wie konnte ich ahnen, dass sie alle zu den schärfsten Systemkritikern gehörten? CDU? Das war die Partei der Bonzen und Abzocker, ganz rechts, schwarz, na und so weiter.
Nach einem betretenen Schweigen begann Rolf ein Gespräch über das neuste Konzept der Band. Sie wollten sowas wie ein Image aufbauen, etwas Wiedererkennbares, das es dem Publikum erleichterte uns in eine Schublade zu stecken, man weiß ja wie die dummen Konsumenten so sind. Wenn man mit etwas Neuem daherkommt, schiefen Taktzahlen, Dissonanzen und so, dann braucht der eine Richtung, einen Halt, so was muß eingeordnet werden. Und wenn wir dem Kind einen Namen geben, wird es eben leichtert die Musik zu klassifizieren.
Da wir Tracks nicht unter zehn Minuten komponierten einigten wir uns auf progressiven Rock, der zu der Zeit mächtig in Mode war. Jeder hörte Pink Floyd oder Genesis oder auch Grobschnitt aus Deutschland. Die Texte sollten weiterhin in englisch gesungen werden, weil Deutsch einfach zu kantig sei. Außerdem konnte man die Botschaften für die AUßENWELT besser in fremdsprachige Schlagworte verpacken, als sie in der Muttersprache heraus zu posaunen. Das Outfit auf der Bühne sollte betont “grufti” sein, also schwarze Klamotten, vielleicht bemalte Gesichter, düstere Atmosphäre in der Beleuchtung. Wir wollten Stars werden..
Ich hielt mich mit meinen Kommentaren mehr als zurück, will sagen, ich sagte kein einziges Wort. Als Neueinsteiger wollte ich mich nicht zurrückhalten, sondern ich hatte keine Meinung zu deren Analysen, was eine erfolgversprechende Vermarktung der Musik sei. Überhaupt hatte ich noch keinen Gedanken daran verschwendet, wie man denn berühmt wird oder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erlangt. Ich wollte Bass spielen, fetzige, laute Rockmusik machen und mich leer kriegen. Die hingegen planten irgendeinen Coup.
Zu meinem Glück sprach niemand mehr über politische Parteien, nur ahnte ich, dass ich mich in die Nesseln gesetzt hatte, konnte aber keineswegs eine Erklärung dafür finden, warum ich denn jetzt mit meiner Aussage derartige Reaktionen hervorrief. Irgendetwas lief falsch mit meinen Gedanken. Es gab da keine Richtung, in die sie hätten marschieren können, nur ein Hin-und Herhangeln im Konsens der Meinungen anderer, so dass ich mir bald seltsame Reden zulegte, Geschichten erfand, die mein Ansehen vielleicht verbessern könnten. Da diese neue Clique durch die Bank weg aus “gutem Hause” stammte und vom Einkommen der Eltern gut existierte, Schulfinanzierung und so, dachte ich mir, ich müßte rumprotzen und Lügen verbreiten über die neuesten Anschaffungen meiner Eltern.
Der Abend verblasste zusehends unter starkem Rotweineinfluß und ich fuhr nach hause. Die Leute hatten zwar versucht mich zu integrieren, aber ich war noch nicht so weit, mich einzufügen oder gar offen mit jemanden zu sprechen. Ich spürte eine unangenehme Zweitklassigkeit, die ich nicht bewußt überspielte, sondern ich redete aus einem Instinkt heraus zwischen den jungen Leuten einen Platz zu bekommen. Ein Haufen Abiturienten und ein einzelner Arbeiter aus einer Dosenfabrik, dass meine Anstrengungen in die Hose gehen mußten war vorherbestimmt…

31_ Schicht für Schicht
Am schlimmsten war für mich die Spätschicht, weil da einfach nichts mehr vom Tag oder vielmehr von Freizeit übrig blieb. Nach einem versoffenen Wochenende, meist mit Robert, pennte ich montags bis mittag und mußte mich gleich fertigmachen für die Arbeit. Beginn war 14:00 Uhr und Ende 22:00Uhr.

In den Umkleideräumen stank es verheerend nach Mann. Ich puhlte mich in meinen Blaumann, rutschte in die Stahlkappenschuhe und griff Zigaretten und Börse. Dann ging es ab in die Produktionshalle, die lag gegenüber und die Spätschichtler latschten
quer über den Hof. Wir mußten immer kurz vor Beginn parat stehen, damit die Maschinen nicht stillstanden. Ich schlurfte zu meiner Straße, das waren zwei Minstermaschinen und der dazugehörige Anroller, hielt meine rechte Hand ausgestreckt und begrüßte meinen sogenannten Arbeitskollegen.
“Alles klar soweit!” brüllte der in meine verstopften Ohren.
“Heute morgen war ein ganz kurzer Ausfall, die Bleche hatten sich verkeilt und ich konnte eine Stunde puhlen bis ich das zerknitterte Zeugs da wieder raus hatte. Jetzt läuft sie, schnurrt seit vier Stunden ohne Murren.”
Er packte seinen Werkzeugwagen zusammen und machte sich ab in den Feierabend.Eigentlich konnte man bei mir nicht von Kollegen sprechen. Privat hatte ich mit niemanden aus dem Betrieb etwas zu tun, weil ich es vermied in meiner Freizeit auch noch irgendwie an die Maloche erinnert zu werden. Natürlich auch ein Grund, warum ich in den Pausen meist allein rumhockte und literweise Kaffee trank. Oberhalb der Anrollmaschine verlief ein Gang, auf dem sich Ali einfand. Ali war der Packer. Sämtliche Deckel tütete er in einen zwei Meter langen Papierfromms und stapelte den dann auf einen Gitterwagen. Eine Arbeit, die eintöniger nicht sein kann. Ich winkte ihm von unten zu und nickte nur zur Begrüßung. Ali sprach gut deutsch, wenn er sprechen wollte. Wie ich hielt er sich in irgendwelchen innerbetrieblichen Gemeinsamkeiten sehr zurück. Und innerhalb einer Schicht sprachen wir nie mehr als nötig. Da die Maschinen liefen und ihre blöden Deckel produzierten, hatte ich nichts weiter zu tun, als vor meiner Werkbank zu hocken und genug Biervorrat im Schrank zu haben und aufzupassen, dass sich daran nichts änderte.
Wenn alles gut lief, konnte man das Glück haben, dass es keinen einzigen Zwischenfall während der ganzen Schicht gab. Ali und ich wechselten uns dann immer mit der Raucherei ab. Mal ging ich nach draußen, gab Zeichen an Ali und mal ging eben Ali zum Rauchen, dann verpackte ich die Deckel. Dass man bei so einer Tätigkeit nicht eben auf erhellende Gedanken kommt, die einem das Leben versüßten oder aus dem Schlamassel gar befreiten, war klar. Roboterhaft schob ich Deckelstoß für Deckelstoß in die Papierfrömmse und warf sie uninteressiert in die Gitterboxen, rollte die gefüllten Boxen zum Abholen in den dafürvorgesehenen Gang, trabte wieder zurück und… nichts.
Es war ein idiotisches Dasein, was man nicht mal unter Drogeneinfluß unbeschadet überstand. Jede Minute blickte man auf die Riesenuhr, die von der zwanzig Meter hohen Decke herabhing und verfolgte den Sekundenzeiger wie die Kugel in einer Lostrommel, dass bloß bald die richtige Kugel fiel und man den großen Gewinn absahnte, oder dass nun endlich mal Feierabend wäre.
War es dann soweit und die Ablöse stand schon duftend nach schlechtem Rasierwasser vor mir, schloß ich eiligst meine Werkbank zu, winkte Ali und raste hinaus unter die Dusche und weg vom Gelände, als säße mir der Leibhaftige im Nacken. Sicher, ich wollte raus da, aber ich wollte auch noch was vom Tag haben, wollte in die Kneipe, wollte Leute treffen, Menschen sehen, richtige Menschen und nicht diese Wracks in ihren blauen Anzügen, die nicht sprechen konnten. Meist raste ich ins Babbels, eine kleine Pinte, wo sich die gesamte Musikerszenen der Stadt traf. Dort hockten eigentlich immer meine neuen Bandmitglieder.
“Max” winkte Rolf, der Drummer, “hier sind wir.”
Ich bahnte mir einen Weg zu ihm und quetschte mich an den Tisch. Die Kneipe besaß davon ganze vier Stück. Ich bestellte Bier und gähnte.
“Und?” fragte Rolf.
“Ja, nichts und! Mich kotzt diese Maloche nur noch an. Hier!” Ich kramte meine Börse hervor und zeigte ihm die vielen Geldscheine, “alles voll damit, aber ich brauch´das nicht. Ich hab´ja keine Zeit es auszugeben. Ich verdiene lieber weniger und kann stattdessen was anderes machen.”
“Versteh´ich,” antwortete er, aber ich glaub´nicht, dass er es tatsächlich verstand.
“In drei Wochen ist das Konzert in diesem Freizeit-Zentrum, ne?”
“Jaja…” sagte ich.
“Meinst du wir sollten noch einen Tag mehr in der Woche für die Proben veranschlagen?”
Ach du Scheiße! Veranschlagen! Wie der nun wieder mit mir redete. Als ob wir über ein großes Finanzprojekt sprachen. Da kam ich eben von der Arbeit, mußte mich mit dem murrenden Volk abplagen und sollte nun gleich wieder umschalten und den Intellektuelen heraushängen lassen.
“Nächste Woche hab´ich Nachtschicht, da geht gar nichts,” meinte ich und bestellte noch ein Bier beim Wirt, der hinter seinem Tresen gackerte.
“Scheiße, mann. Dass heißt eine Woche keine Proben, oder was?” Rolf guckte verärgert hinter seinem Glas zu mir herüber.
“Ja, klar. Was soll ich denn machen?”
Die Tür ging auf und der Rothaarige, den alle nur Pop nannten, unser Gitarrist kam zu uns rüber.
“Tach!” sagte er kurz und hockte sich neben Rolf auf die Bank. Er drehte sich eine Zigarette, zog die Schlutern hoch und verbarrikadierte wie üblich sein Gesicht mit den langen Haaren. Keiner sagte ein Wort und ich schaute in der Kneipe herum. Überalle standen oder saßen Typen, die angestrengt über ihre Musik diskutierten. Die einen waren schon im Radio zu hören gewesen, andere hatten schon Gigs außerhalb gehabt und jeder wartete auf den Durchbruch. So wie wir oder besser gesagt wie Rolf und Pop auch. Obwohl sie noch an ihren Abiturnoten feilten, sich schon auf ein Studienfach festgelegt hatten, glaubten sie im Hinterstübchen ihres Hirns noch irgendwie an eine Karriere als Musiker. Ihr Ehrgeiz war ansteckend und ihr Einsatz einmalig. Jede freie Minute wurde der Musik geopfert, doch man empfand es nicht als Opfer, sondern wurde getrieben besser und besser zu werden. Es war eine Droge und diese brauchten sie täglich.

32_ lerne Spagat machen
Da ich am nächsten Tag zur Spätschicht mußte und richtig ausschlafen konnte, hockte ich bis hinter Mitternacht in der Kneipe. Pop und Rolf soffen mit, als ginge es darum eine Wette zu gewinnen, die keiner angezettelt hatte. Jeder für sich trank sich ins Vergessensreich.
Der Wirt, ein abgehalfteter Gitarrist vom Dorfe, den keiner mehr in einer Band sehen wollte, wischte seinen Tresen sauber und beteuerte uns nun mal endlich Schluß zu machen. Ich hätte wohl gern Schluß gemacht mit allem, nicht nur mit dem Abend, aber ich war der Meinung, dass irgendwo noch eine große Chance auf mich wartete, ich mußte nur warten ,abwarten und die Zeichen erkennen.
Das erste Zeichen war die Kelle der Polizei, die uns nachts gegen ein Uhr auf dem Ring anhielt. In diesen Augenblicken rasen tausend Gedanken durchs Hirn, Führerschein weg, Punkte in Flensburg, Gericht, ich sehe mich schon vor den Geschworenen mit gesenktem Haupt, Angeklagter, gestehen sie! Da werde ich in Handschellen abgeführt, komme in eine Sammelzelle, überall schwule Knastbrüder, die es auf meinen kleinen Hintern abgesehen haben, sie hocken auf ihren Pritschen, vernarbte Gesichter, krächzende Laute und ein Gelache über mich ,den Grünschnabel, was?
Pop saß vorn und verbarrikadierte sein weißes Gesicht, Rolf hinten wedelte den Rauch hinaus aus dem Seitenfenster. Ich blieb ruhig und versuchte mich auf die nun eintretende Situation einzustellen. Wenn ich Glück hatte, mußte ich nicht mal pusten.
“Hat jemand ein Kaugummi?” fragte ich ins Auto.
Keine Antwort. Die beiden Rockstars blieben still. Wenn ich bloß irgendwie meine Bierfahne loswerden könnte, dachte ich. Das Polizeiauto hielt also hinter meinem Käfer und wie im Film verging eine elendige Zeit bis sich mal ein Beamter aus dem Wagen erhob. Die machen das sicher mit Absicht, um ihre exekutivische Erlaubnis zu untermauern. Sowas brachte Unsicherheit in den Fahrraum. Und vielleicht ließen sie einem ja auch noch Zeit, um über seine Schuld nach zu grübeln, und zwar solange bis man Reue zeigte, alles innerlich, versteht sich, reumütig schließlich begriff, dass es keinen Ausweg mehr gab, man gestehen mußte und die Strafe zu zahlen hatte, gleich wie hoch sie auch sei.
Endlich kam ein Beamter zu meinem Auto und ging leicht in die Hocke. Ich kurbelte das Fenster herunter und blickte in eisige Augen, so kam es mir jedenfalls vor.
“Guten Abend. Allgemeine Verkehrskontrolle, kann ich bitte die Fahrzeugpapiere und ihren Führerschein sehen?” verlangte der Bulle.
Ich griff ins Handschuhfach und klaubte meine kleine Hülle mit den Papieren heraus, reichte sie dem Beamten und vermied es zu atmen, was natürlich nicht lange möglich war, aber ich wollte einfach nicht pusten und dann feststellen, dass ich zig Promille im Blut hatte und den Führerschein los war. Der Beamte blätterte im Fahrzeugschein und fragte beiläufig:
“Haben sie Alkohol getrunken?”
“Nein, natürlich nicht, Herr Wachtmeister.” log ich.
“Einen Moment, ich überprüfe nur noch ihre Daten.”
Er verschwand mit meinen Papieren und gesellte sich zu seinem Kollegen. Über Funk, nahm ich an, holten sie Informationen über meine Person und mein Auto und ich zitterte dem Gefängnis entgegen. Pop meinte, wir hätten doch den letzten Bus nehmen sollen. Aber das machte ich nie. Bisher hat man mich noch nie angehalten oder kontrolliert. Ich hatte da so eine Gutgläubigkeit in mir und meinte, sowas geschehe mir nicht .Ich war ja praktisch ein Auserwählter, noch unerkannt, aber auf dem besten Wege den Sinn des Ganzen zu entdecken. Ich hatte einige Satoris hinter mir, konnte mit den Toten sprechen, sah Geister in der Nacht und unter Drogeneinfluß erschien mir das gesamte Universum als banale Lächerlichkeit, die ich enträtseln konnte.
Der Beamte reichte dann auch die Papiere durch das Fenster und wünschte… nein…

“Würde sie mal in das Röhrchen pusten?” fragte er höflich. Ich sagte: “Ja, aber ich habe nichts getrunken.”
“Das werden wir ja dann feststellen,” meinte er, ” steigen sie bitte aus!”
Ich pustete und blies wie ein Irrer, nach meinen Berechnungen mußte ich cirka 1,5Promille haben. Als der Beamte STOP rief, drehte er sich das Messgerät zurecht und entzifferte es.
“Okay!” sagte er, “das war es dann!”
“Wie jetzt?”
“Ich wünsche ihnen eine gute Weiterfahrt.”
Schleunigst stieg ich ein, drehte den Zündschlüssel und brauste davon, schickte Pop und Rolf ins Bett und auch ich haute mich strahlend und freudig aufs Ohr.

33_ Hin und Her
Dieser Spagat zwischen Maloche und intellektuellen Musikern, die in ihrer Freizeit auch noch Nietzsche lasen oder über Brecht diskutierten, machte mich zusehends nervös. In der Schicht verhielt ich mich kumpelhaft, redete den Slang der Arbeiter, pöbelte und motzte kleinlaut über Themen wie das verlorene Fußballspiel der heimischen Mannschaft oder prahlte mit ihnen über die schlechten Arbeitsbedingungen im Betrieb. Wenn ich nichts gelernt hatte in den letzten Jahren, so aber Anpassung an die Verhältnisse und die Menschen in meiner Umgebung. Mit dieser neuen Clique allerdings tat ich mich schwer. Ich meinte, die seien mir überlegen mit ihrem Wissen. Am schlimmsten war es mit Rolf, dem Drummer, der wirklich auf jedem Gebiet seinen Senf dazu gab. Und er besaß sogar handwerkliches Geschick, bastelte mit Lötkolben an Elektrogeräten herum, schraubte den Motor seines Motorrades komplett auseinander und wieder zusammen. Ganz gleich, was es auch war, Rolf konnte oder kannte es. Der Typ hatte soviel Ehrgeiz wie zehn. Um sein Trommeln zu perfektionieren kaufte er sich kleine Plastikpads, die er ständig mit zwei Stöcken mit sich herum schleppte und überall, wo er saß, kramte er die Dinger raus und kloppte drauf herum. Wenn wir in der Kneipe hockten und unsere große Karriere planten, klopfte er mit Fingern Takte und Rythmen, dass es einem bald auf die Nerven ging. Saßen wir bei Uta, der Emanze, hatte er mit Sicherheit Trommelstöcke dabei und malträtierte den Teppichboden mit seinen Schlägen.
Pop war nicht anders. Nach der Schule schnallte er sich die Gitarre um und dudelte
immer wieder die gleichen Riffs bis die Fingerkuppen bluteten und bis er diese Riffs
perfekt beherrschte. Dazu legte er die allerbesten Gitarristen auf und spielte das Zeugs nach. Manchmal wünschte ich einfach nur mit Robert in der Nacht herum zu stromern und mich sinnlos zu besaufen, aber bloß nicht irgendeinen Scheißwettbewerb in best-of-drummer oder best-of-guitarists mit zu kriegen. Diese Leute hatten einen Antrieb, der mir völlig abging. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie man stundenlang in der Bude hockte und Riffs oder Takte probte bis sie einem aus den Ohren wieder heraus kamen. Sicher spielte ich nicht schlecht auf meinen vier Saiten und ich wollte auch noch besser werden, aber mit diesen Vorbildern mußte ich wohl auf ganzer Strecke versagen.
Pop wohnte mit seinen Eltern in einer Mietwohnung ,anders als die anderen, die alle
in Einfamilienhäusern lebten und wo die Eltern Beamte oder Professoren oder gar Anwälte waren. Pops Mutter war ziemlich krank. Aber nicht im üblichen Sinne,i hr fehlte nichts an körperlicher Gesundheit, eher suchte sie nach seelischem Futter. Das äußerte sich dadurch, dass sie sammelte. Die komplette Wohnung stank wie ein Müllberg, überall konnte man Essensreste entdecken oder schmutziges Geschirr. Als ich Pop einmal besuchte mußte ich schnurstracks durch den Flur rennen, um in Pops Zimmer wieder atmen zu können. Schon beim Öffnen der Eingangstür strömte mir ein fauliger Geruch entgegen. Ich sah mich beiläufig um und konnte unter der Masse an Krempel kaum etwas Identifizierbares entdecken. Pop winkte gleich mit der Hand und ich sollte ihm folgen. Sein Zimmer war dunkel. Durch die Fenster kam nie Sonnenlicht und alles stand mit altem Krams voll, Radios, Plattenspieler, Bücher, Bücher über Bücher. Gleich hinter der Tür stand ein Käfig mit einem fetten Tier darin, es mußte mal ein Meerschweinchen gewesen sein. Auf dem Fußboden lagen zerstreut Kabel und Klemmen, Zeitungen und Papier.Ein Messie-Haushalt eben.
Pop war Komponist. Er besaß ein Talent, das bis heute unentdeckt blieb und mir jetzt
noch in der Seele brennt. Seine Stimme war einzigartig. Sein Gitarrenspiel göttlich, trotzdem latscht er jetzt wahrscheinlich noch von Tür zu Tür und wischt als Altenpfleger den Leuten die Ärsche ab…
Unser Schönling spielte Saxophon und war klassisch ausgebildeter Querflötist. Er war der Sohn eines cholerischen Weinbergbesitzers, der sich um die Zukunft nicht sorgte. Am besten beschreibt ihn das Bild eines muskulösen Hippies, der sich seine Frauenaffären in seinen imaginären Colt ritzte.
Rolfs Freundin in der Zeit hieß Rosa. Ich kannte sie aus der Schulzeit, aber sie war mir nie aufgefallen, wie übrigens mir nie irgendwelche Frauen auffallen. Rosa war die Tochter eines Fabrikanten, der Papierservietten herstellte und auch vertrieb. Als Einzelkind hatte sie ein leichtes Spiel mit ihrem Vater, der ihr jeden Wunsch erfüllte. Aber auch als verwöhntes Frauenzimmer besaß Rosa mir gegenüber eine Überlegenheit,die mich zunehmend verunsicherte. Ständig hatte sie ein Buch in der Hand. “Mein Name sei Gantenbein”, allein beim Titel mußte ich schon stutzen und dachte, was soll das denn nun bedeuten? Saßen wir mal zusammen, meist bei Uta oder in einer Kneipe ,konnte es durchaus sein, dass hefitg über ein Buch gesprochen wurde, was der Schreiber sagen will, das Thema und so… mir bedeutete das alles gar nichts. Ich mußte versuchen auf andere Weise Anschluß an diese Gruppe zu finden. Denn das wollte ich. Mit meinem Job als Maschineneinrichter im Drei-Schichten-Betrieb würde ich nicht weitkommen, zwar besaß ich Geld wie Heu, aber was fehlte, war… eine Meinung, ein Beweußtsein, ein Selbst… irgendwas, was mich als MICH auswies.

 

34_ geradwegs ins Dummenland
Mit neunzehn Jahre zog ich zu hause aus und machte mir ein Zimmer in einer Männer WG zurecht. Das war natürlich völliges Neuland für mich, alternatives Wohnen für mich als Verbrecherjüngling und Schichtarbeiter, der seine Bildung aus der Glotze erhielt und seinen Kopf eigentlich so gut wie nie einsetzte, sollte zwischen Abiturienten hausen, die mich als Instrumentalist zwar akzeptierten, ansonsten aber doch mit mir und meiner Aufzucht zum Mensch keinerlei Paralellen aufwiesen. Meine Mutter fragte kleinlaut und mit vorgahltener Hand: “Wann willst du denn ausziehen?” , ich schluckte zuerst, hörte aber von Pop, dass die Idee nach einer Wohngemeinschaft kursierte und man Ausschau hielt nach einem geeigneten Platz. Ich glaube die Suche dauerte etwa zwei Monate, dann hatten wir eine fast achtzig Quadratmeter große Bude, jeder ein Zimmer, Küche, Bad und Gemeinschaftsraum.
Meine Mutter konnte sich endlich ihr Speisezimmer einrichten, hatte ihre Gören aus der Wohnung und ich machte mich daran etwas für mein Selbstbewußtsein zu tun. Außer mir zogen also Pop, Rolf und der Schönling ein, sein Name war Leonardo, schätze mal so ein Faible für Italien kann sich auch negativ auswirken. Natürlich nannten die anderen ihn Leo. Leo unseren blauäugigen Frauenschwarm, der ständig nackt herumlief und sein Gehänge vor sich baumeln ließ.
Die erste Zeit schaute noch Robert vorbei, haute sich auf meine Matratze und drehte uns ein Teilchen zum Abhängen. Ich legte eine Platte auf und wir starrten gemeinsam in den Himmel. Meistens schliefen wir dabei ein. Ich, weil ich von der Schichtarbeit einfach völlig geschlaucht war und Robert, der sich in meiner Gegenwart einfach gut entspannen konnte. Doch leider ließen die Besuche nach, weil Robert nicht zur Gruppe passte .Er, der Fleischerssohn mit Schlägerlaufbahn ängstigte die Gemeinschaft. Sein Auftreten verursachte jedesmal Irritation; alle rauschten in ihre Zimmer und verbarrikadierten sich vor ihm. Mit Robert hätte man sicher schlecht über Böll oder Reiner Kunze reden können, solche Dinge interessierten ihn einfach nicht, aber meines Erachtens war er kein Schläger oder Killer, vor dem man sich hätte verstecken müssen.
Wir saßen auf dem Fußboden, knabberten unsere Chips und lauschten der Mucke aus meiner Stereoanlage, als Robert plötzlich anfing zu reden. Er hätte damals wohl jemanden aus meiner jetzigen Clique verprügelt, sogar getreten, als der schon unten lag. Wer es war, wollte er nicht sagen. Der Vater des Geschlagenen wollte mit Robert reden ,wollte Fragen stellen und Antworten haben, warum man so ein Verhalten an den Tag legen konnte. Also marschierte Robert mit einigen anderen Jungs, die alle zu den Kerlen aus meiner Gegend gehörten, zum Vater hin und… lachte sich schief. Jedenfalls erzählte das Robert so.
“Wir kauerten da in den Ledersesseln und konnten nichts anderes tun als Lachen. Der wollte doch von uns wissen, warum wir seinen Sohn geschlagen hatten. Ständig fragte er ,aber warum denn, aber warum denn…” Robert lachte während er sich den Mund mit Kartoffelchips stopfte.
“Nun sag´schon,” machte ich ihn an, “wer war das denn?”
“Der Typ hieß Rolf, glaube ich.”
Es war der letze Besuch von Robert und auch das letzte Mal, dass ich ihn sah. Nachdem er vom Vater aus dem Haus geworfen wurde, trampte er für zwei Jahre durch ganz Europa und suchte den besonderen KICK, wie er es nannte. Einen Platz, einen Ort, wo man ganz ohne gesellschaftliche Zwänge sich durch den Tag lungerte, ein Pfeifchen rauchte und Sonnenuntergänge zählte… bis ES vorbei war. Ich habe keine Ahnung, ob er seinen Platz gefunden hat, ob er noch immer Sonnenuntergänge zählt und sein Pfeifchen dabei raucht. Ich weiß nicht mal, ob er noch lebt oder nicht längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen ist. Vor einigen Jahre erhielt ich einen Anruf von einem Kumpel aus den alten Tagen, er wollte mich zum Geburtstag einladenRobert sollte auch da sein, aber ich stammelte wirr, meinte, ich hätte viel zu tun, müßte arbeiten oder sonstwas und lehnte ab.
Wahrscheinlich wollte ich die alte Zeit nicht wieder aufleben lassen. Die Erinnerung an Robert, so wie sie mir eingebrannt ist, reicht aus. Die Suche ist längst vorbei…

35_ Rosa
In der Firma bot man mir den Posten eines Arbeitersprechers an, ich sollte Vertrauensmann sein, der sich die Belange der jüngeren Angestellten anhörte und sie dem Betriebsrat unterbreitete. Von Monat zu Monat verließ mich die Motivation für diesen Betrieb zu schuften mehr und ich lehnte den Vertrauensposten ab. Man sollte mich einfach meine Arbeit tun lassen und nicht noch weiter einspannen für Dinge, die mich nichts angingen und schon gar nicht interessierten. Was scherte mich denn ein übereifriger Jungausgelernter, der sich nicht integrieren konnte, weil er kaum das Maul aufbekam und während der Pausen allein in einer Ecke der Kantine hockte? War ich sein Aufseher oder was? Er hatte schon seine Gründe, warum er nie mit den anderen Kollegen zusammen saß. Und ich wäre der Letzte, der ihn dazu auffordern würde doch,bitte schön, Teil einer Arbeitsgemeinschaft zu werden, die fast ausschließlich über betriebliche Angelegenheiten quatschte, selbst in den Pausen. Dauernd faselten sie von den niedrigen Produktionszahlen, von Geschwindigkeitsreduzierung, um die Maschinen zu schonen und so eine, wenn auch niedrige Ausbeute, so doch aber andauernde Produktion zu gewährleisten, die sich nicht täglich abzeichnen würde, aber doch monatlich die Zahlen erhöhen sollte. Jeder redete über seine Ideen zur Arbeits-oder Qualitätsverbesserung, die von der Firma bei einerUmsetzung der Vorschläge sogar honoriert wurde. Man hatte den Eindruck ihr ganzer Lebenssinn und -zweck bestünde nur darin möglichst viel Energie auf eine Produktionssteigerung zu verwenden, um dann die Lohnerhöhung einzufahren, die man dann wieder im Konsumrausch dem System zuführte. Eigene Gedanken oder gar Meinungen besaßen diese Menschen nicht. Also nicht verwunderlich, dass sich vereinzelnd Typen absetzten und wenigstens in der Pause vom Betrieb befreit waren.
Am Nachmittag nach meinen Frühschichten vertrieb ich mir die Zeit mit der Glotze. Pop, Rolf und Leo bereiteten sich auf das Abi vor und lernten fast täglich an die zehn Stunden. Abends kochten wir gemeinsam Spaghetti mit Pesto, welches Leo aus dem italienischenVorratslager seines Vaters geklaut hatte. Wir waren mit italienischen Spezialitäten eingedeckt bis zur Küchendecke, wobei die etlichen Flaschen Wein den meisten Platz wegnahmen. Bis in die Nacht hinein hockten wir am Küchentisch, faselten über unsere Musikerkarriere, planten große Europatourneen und komponierten die zukünftigen Dauerbrenner fürs Radio. Außer Rolf waren wir anderen solo, so dass Rosa das einzige weibliche Wesen in der WG war. Es war nicht so, dass wir solo sein wollten, Leo verzichtete auf eine feste Bindung und genoß seine abwechselnden Liebschaften, die er manchmal anschleppte. Pop und ich hatten einfach keine Zeit für das Weibliche. Pop, weil er Abitur machte und in der freien Zeit sich darauf vorbereitete der beste Gitarrist des Universums zu werden und nebenbei auch noch Rockopern komponieren mußte. Eine Frau hätte da nur gestört. Ich wollte zwar, fand aber keine, die mein Interesse geweckt hätte. Und wenn ich eine gefunden hätte, wäre der Aufwand sie für mich zu gewinnen, zu groß gewesen, als dass ich meine Energie darauf verschwendet hätte. Also ließ ich es bleiben. Ich beobachtete Rosa und Rolf jeden Abend und mit der Zeit entwickelte sich eine Ebene in mir, auf der ich auch mit Frauen kommunizieren konnte. Mittlerweile besaß ich sogar ein Buch, Tolkiens “Herr der Ringe”, in der damaligen Zeit ein Renner. Wir alle waren absolute Fanatiker, was diese Geschichte betraf. Leo hatte eigens zum Bündnis unserer Gruppe tellerrunde Plaketten aus Messing angefertigt, diese vorderseitig mit einem Wappen versehen und hinterseitig mit dem jeweiligen Namen des Besitzers. Jeder, der da seine Spaghetti schlürfte trug so eine Plakette an einem Lederband um den Hals. Auch Rosa. Und ich. Rosa hatte immer ein Buch mit dabei, in dem sie blätterte. Ich schaute auf die Buchdeckel wie auf extraterrestrische Überbleibsel, kannte partout nichts von dem, was sie da las und konnte somit auch nie irgendetwas Schlaues zu teilweise anfallende Diskussionen beisteuern. Ich erinnere mich an ein hitziges Wortgefecht zwischen meinen Mitbewohnern, als sie über George Orwell redeten. Bekannt war er durch Animal Farm und auch 1984, das Jahr auf das wir alle warteten. Pop, der fast alles von Orwell gelesen hatte, meinte dass 1984, dieser Fiction Roman eigentlich nicht zu den besten Werken Orwells zählen kann, da gibt es andere Romane, die so sehr an der Wirklichkeit sind, dass es schmerzt. Rosa meinte irgendwas von Metapher oder Fabel oder Parabel, aber ich verstand eigentlich nicht, worum es ging. Ich hatte ja nichts gelesen, weder von Orwell noch von sonst irgendeinem Autor.
Manchmal kam es vor, dass Rosa hereinschneite und außer mir, der sich den Dreck der Frühschicht abgeduscht hatte, niemand da war. Das erste Mal, als sie vorbei schaute, wußte ich nichts zu tun, als sie zu einem Kaffee einzuladen, hockte mich mit ihr in die Küche und bot Kekse an. Wir redeten nicht viel, mehr Small Talk als intensives Gequatsche und sie machte sich bald davon, weil ich mich wahrscheinlich eher als Langweiler entpuppt hatte. Aber sie tauchte öfters auf und bald verabredeten wir uns sogar zum Essen, zum Spaziergang, zum Kino sogar oder zum schwimmen… Zu keiner Sekunde, die ich mit Rosa verbrachte, dachte ich an ein Techtelmechtel mit ihr. Rosa und Rolf waren das Paar und ich hatte dazwischen nichts zu suchen. Trotzdem gefiel sie mir natürlich. Ich hechelte ihrem Hintern, ihrem blonden Haar wie ein brünftiger Hirsch hinterher, röhrte stumm und innerlich, wenn sie nur neben mir im Auto saß und die Beine übereinander schlug. Wieso war sie mir nie aufgefallen? Wie konnte ich diesen überaus attraktiven weiblichen Körper nur übersehen haben?
Rosa war schlank und etwa Einmeterfünfundsiebzig groß. Ihre blaue Augen funkelten zwischen den langen blonden Haaren heraus wie Sternchen. Ihre Nase war groß und gebogen, ihr Mund groß und rot. Sie war irgendwie langgezogen,i hre schmalen Arme schienen um ihre Knie herum zu wedeln. Die Beine erstreckten sich bis über ihre Hüfte hinaus unter ihren Brustkorb. Sie hatte spitze Brüste, die sie gern und oft zeigte. Ihre Kleidung war elegant bis leger. Es kam auf das Ereignis an. Gingen wir ins Kino trug sie einen Rock, der sich eng um ihren Po drängelte und eine weitgeöffnete Bluse darüber, je nach Jahreszeit. Einen BH schien sie nicht zu besitzen und meinen Augen wanderten automatisch zu ihrem Ausschnitt hin.

36_ rosarosa
Abgesehen von ihren äußerlichen Reizen, die ich wegen Rolf versuchte zu ignorieren und nicht mehr zu beachten, wurde die Zeit mit Rosa für mich zu einer Reise in die Welt der denkenden Wesen. Fast täglich kam sie in der WG vorbei und brachte ihre Bücher mit. Welche genau das nun waren ist ziemlich unerheblich, ich habe das alles vergessen. Auch sprach ich sie nie direkt auf eines der Bücher an, ich las den Titel, eilte in mein Zimmer, notierte mir Autor und so, bis ich später das ein oder andere Buch selbst kaufte. Also nicht falsch verstehen, Rosa und ich redeten kaum über Literatur, ganz einfach weil ich nichts davon verstand. Ich erspähte mir sozusagen das Wissen der
anderen, in diesem Falle Rosas Wissen.
Es war Sommer und Rosa und ich fuhren mit dem Auto ins Freibad. Sie luftig gekleidet, süßer Rock und ein Oberteil mit diesen dünnen Trägern, die ihre Schultern komplett freilegten. Während ihre Hände das Lenkrad umfassten, strömte der Geruch unter ihren Achseln in meine Nasenlöcher. Ihre zarte Haut roch süßlich nach einem Pudding. Sie war braungebrannt, straff und fast muskulös. Trat sie das Kupplungspedal, spannten sich die Waden zu einer ovalen Masse an, die ich gern gegriffen hätte, aber mich einfach nicht traute. Wegen Rolf und auch, weil ich in keinster Weise daran geglaubt hätte, dass Rosa dies zulassen würde. Wahrscheinlich hätte sie den üblichen Satz gesagt, du bist nett, ich unternehme gern etwas mit dir, aber mehr will ich nicht.

“Wie lange willst du eigentlich noch in dieser Scheißfabrik arbeiten?” fragte sie mich und bog auf den Parkplatz des Schwimmbades ein, kurvte etwas umher, bis sie ein schattiges Plätzchen fand.
“Keine Ahnung,” antwortete ich und öffnete die Wagentür, ” was sollte ich sonst anderes tun?”
“Na, es gibt ja wohl noch andere Jobs, die zwar weniger Kohle bringen, aber dafür nicht so schlauchen. Oder du könntest deinen Abschluß nachmachen, vielleicht sogar das Abi.”
Wir latschten schlaff zur Kasse, kauften zwei Tickets und suchten auf der Liegewiese eine freie Stelle. Die lagen dicht an dicht. Überall roch es nach Sonnencreme und Weichspülern. Kaum jemand fand sich im Wasser, das etwas modrig wirkte, weil man keinen Grund entdeckte. Auf häßlichen Handtüchern in engen Shorts oder Bikinis gezwängt dünsteten die Menschen ihren Gestank aus und brieten in der Sonne.
“Wollen wir hier bleiben?” fragte Rosa und kramte schon ihre Decke heraus. Ich nickte nur und breitete mein Badetuch über das Grün. Meine Badehose hatte ich zum Glück schon zuhause in meinem Zimmer angezogen, weil ich mich nicht nackt in der Öffentlichkeit zeigen wollte. Nachdem wir unseren Platz markiert und unsere Kleidung abgelegt hatten, legten wir uns in anständigem Abstand nebeneinander. Man braucht immer eine Weile bis man ins Wasser kommt. Zuerst gafft man sich um, peilt die Lage, wo sind die Spanner, wo sind die Gelangweilten, die keinen festen Punkt anstarren, wo sie die kreischenden Gören, die einem ständig zwischen den Beinen herum laufen? Und
dann brauche ich immer noch einen Augenblick, um mit der Situation klar zu kommen,
meinen nackten Körper der Menschheit zu offenbaren. Zwar hatte ich etliche Kilos abgespeckt, aber die Narben waren deutlich sichtbar. Rote Längsstreifen auf dem Bauch, wo die Haut aufgeplatzt war und den Umfang der Schwabbelbude nicht mehr halten konnte. Mittlerweile waren die weiß geworden und nur bei bestimmter Lichteinstrahlung erkannte man die Risse im Leib. Ich schämte mich…
Rosa lag ausgestreckt im Bikinihöschen auf ihrem Rücken und blinzelte in die Sonne. Keine Ahnung, ob sie meine Verlegenheit spürte, wohl eher nicht, denn sie redete ungezwungen mit mir weiter… über meine Zukunft.
Ich saß mit angezogenen Knien in Badehose neben ihr, als sie meinte:
“Ich finde, du solltest diesen Job schmeißen!”
Na hoppla, dachte ich, wie kommt denn nun dieses Mädel dazu, sich um meine Angelegenheiten zu scheren? Und woher rührte das Interesse an meiner Jobausübung?
“Leichter gesagt, als getan!” meinte ich und streckte die Beine etwas aus, gerade soweit,
dass mein Bauch nicht allzu sehr von der Sonne beschienen wurde. Ich atmete ein und zog das übergebliebene Fettpölsterchen ein. Diese Anstrengung hielt ich ziemlich lange durch.
“Wenn du dich nur mal erkundigst,” faselte sie weiter, als ob sie sich ernsthaft Gedanken machen würde, “zum Beispiel bei den berufsbildenden Schulen. Da kann man jeden Abschluß nachmachen, egal ob Realschule oder Abi. Ich glaube, da gibt es sogar staatliche Unterstützung.”
Ich antwortete nicht. Sicher fand ich den Gedanken an eine Kündigung meiner jetzigen
Tätigkeit spannend, aber dieser Schritt mußte überlegt werden. Ich konnte mir erstmal
gar nichts anderes vorstellen, was ich hätte arbeiten sollen und dann war mir ja auch
unmißverständlich eingetrichtert worden, dass eine feste Anstellung “Gold” wert war.
Warum, danach fragte ich nicht. Ich meine, ich hatte doch alles getan, was von mir verlangt wurde, eine Ausbildung, nun diesen Job als Schichtarbeiter, das ist es doch, worum es im Leben geht, eine Arbeit tun und Teil werden der Gesellschaft, Teil eines Ganzen, eines Systems, welches mit Belohnung auf mich wartete. Wieso sollte ich das nun aufgeben?
Was war denn schlecht daran? Außer meine ständige Müdigkeit und schlechte Laune, konnte ich doch eigentlich gut mit dem Job leben. Tatsächlich? Über sowas machte ich mir einfach keinen Kopf…
“Ich erkundige mich mal,was es für Möglichkeiten gibt,ja?” sagte Rosa und tauchte elegant aus der Waagerechten empor. Sofort erblickten meine armen Äugelein die festen, runden Brüste und ich jauchzte stumm.
“Meinetwegen,” antwortete ich und stand ebenfalls auf, folgte ihr dann ins Wasser und
paddelte mit hilflosen Bewegungen hinter ihr her.

 

37_ Warum eigentlich nicht?
Schon zwei Wochen später tauchte Rosa bei mir auf und händigte mir genug Information auf unzähligen Din A4 Zetteln aus, die mir darüber Auskunft gaben, was es für Möglichkeiten in Sachen Weiterbildung gibt. Darunter eine BAfög Anmeldung, Adressen von Berufbildende Schulen in unserer Stadt, Aufnahmebeschränkungen usw.
“Ich lese mir das mal durch,” meinte ich, obwohl ich eigentlich nicht die Absicht hatte mich durch diesen Wust an Blättern zu quälen. Aber Rosa hatte mit ihrer Bereitschaft mir unter die Arme zu greifen, jedenfalls bildungstechnisch, eine Welle von Hoffnungen in mir ausgelöst. Ich dachte, vielleicht gibt es ja eine Chance aus dem Joballtag auszubrechen, vielleicht hat man für mich noch eine andere Aufgabe, außer der Instandsetzung riesiger Maschine zur Herstellung von Dosendeckeln?
“Im August beginnen immer die neuen Weiterbildungen,” sagte sie und griff zur Kaffeetasse. Wir saßen uns in der WG-Küche gegenüber. Neben ihr Rolf, der seine Hand auf ihrem Bein lagerte. Gleich würden sie wieder in sein Zimmer verschwinden und diese alte Rein/Raus Spiel spielen, was ich jetzt irgendwie unfair fand. Seit ich in meiner Freizeit soviel mit Rosa unternommen hatte, meldete mir mein Köpfchen Besitzansprüche an Rosa an. Freundschaft, ja gut ,aber da mußte doch sowas wie Zuneigung vorhanden sein, sonst hätte man doch nicht ständig die Tage miteinander verbracht,hätte sich verabredet, wäre gemeinsam ins Kino gegangen oder eben ins Schwimmbad. Was fand sie überhaupt an Rolf? Und warum scherte sie sich um meine Arbeit,um meine Bildung? Was empfand sie für mich? Wollte sie mehr, als nur ein paar Treffen? Oder war das wieder die typische Zeitverschwendung, die wir gemeinsam genossen?
Rolf sagte jetzt: “Du solltest das wirklich überlegen. Ich meine, wie lange kannst du denn diesen Job noch aushalten? Ewig diese Schichtwechsel. Jede Woche eine andere Zeit, da kriegt man doch die Krise.” Er schaute auf Rosas Wangen.
“Ihr habt ja recht. Ich weiß nur nicht, ob ich das packe. Schule? Mensch, ich bin
froh, dass ich da raus bin. Und nun wieder pauken?”
“Denk´doch mal an die Band!” sagte Rolf mit ermunternder Stimme.
“Du und deine Band!” antwortete Rosa, die sich schon wieder eine Zigarette anzündete.
“Was willst du denn? Für irgendwas muß unsere Schinderei ja gut sein. Oder glaubt
hier etwa keiner an einen Erfolg?”
Es war kurz vor neun Uhr abends und meine Spätschicht begann um Punkt zehn Uhr. Ich stand auf und wollte mich für eine weitere Runde in der lärmenden Halle bereit
machen. Mir gefiel der Gedanke, diesen Job zu schmeißen, außerdem gefiel aber auch der Gedanke an die Kündigung. Ich stellte mir schon die Gesichter der Arbeiter vor, wie sie ungläubig auf mich starrten, sich mit den Händen in den Haaren wuselten und fragten:” Ja, aber…aber, ich meine…?” Allein den Gesichtsausdrücken wegen sollte ich
wenigstens versuchen eine weiterbildende Schule zu besuchen. Und wenn es nicht klappen sollte, kann ich auch alles wieder hinschmeißen.
“Erfolg?” fragte ich an Rolf gerichtet, “welchen Erfolg denn? Bislang gibt es nicht mal Demotape von uns. Glaubst du etwa, da kommen die Manager aus den großen Städten
und laden uns in ihre Studios ein?”
“Natürlich nicht!” fauchte Rolf los, “aber ich will einfach nicht glauben, dass unsere Proberei nur für die Katz sein soll. Wöchentlich drei Proben, zu Hause trommele ich
an die sieben bis acht Stunden, da muß doch was zu machen sein.”
“Ihr solltet mal raus hier aus diesem Kaff, euch um Gigs in anderen Städten bemühen.
Muß ja nicht gleich ´ne Großstadt sein…” Rosa ergriff Rolfs Hand und nahm sie fest
in die ihre.
“Na, ich muß jetzt los,” meinte ich, “die Deckel warten!”

Nach einigen Auftritten in unserer Stadt hatten wir einen kleinen Bekanntheitsgrad erreicht. Pop wurde in der hiesigen Presse als außergewöhnliche Stimme erwähnt, als von einem Wettbewerb berichtet wurde. Das Radio spielte ein Stück von uns, der Moderator meinte, die Musik sei gewöhnungsbedürftig,aber der Text hörenswert.Das war dann aber auch schon alles,was unseren Erfolg ausmachte. Und wenn ein Radiomoderator schon von gewöhnungsbedürftiger Musik sprach, dann sollte es nicht unbedingt der leichte Weg für uns werden ein größeres Publikum zu erreichen.

 

38_ Urlaub ohne Rosa 1
Trotz meiner Lustlosigkeit und dem geringen Ehrgeiz etwas an meinen Lebensumständen zu ändern, reichte ich Anfang des Jahres(1980) meine Bewerbung an einer Berufsbildenden Schule ein. Voraussetzung war eine abgeschlossene Lehre, die ich vorweisen konnte. Nun mußte ich noch den finanziellen Ausgleich regeln. Ich konnte schlecht ohne Einkommen meinen Lebensstandard halten, war allerdings auch bereit Abstriche zu machen. Wieder war es Rosa, die mich unterstützte und mir Formulare besorgte, die ich ausgefüllt beim BAfög-Amt einreichen mußte. Alles eigentlich ein Kinderspiel, wenn man sich erstmal entschlossen hatte, dem Job den Rücken zu kehren, trotzdem hegte ich Zweifel an meiner Entscheidung. Die erneute Lernerei in einer Schule war nicht so das Ziel, was ich vor Augen hatte. Dass ich mehr Freizeit wollte, war keine Frage und damit einhergehend dann auch viel Zeit hätte für unsere Band war eine tolle Aussicht, nur mußte ich diese ganze Geschichte auch noch meinen Eltern beibringen, die sich nicht großartig sorgten, weil sie annahmen, ich würde nun bis zum Rentenalter Deckel fabrizieren und eintüten und in Schmieröl baden.
In der WG gab es keine Waschmaschine, weshalb ich einmal die Woche zu meinen Eltern fuhr, den gelben VW Käfer mit einem dicken Sack dreckiger Wäsche gefüllt. Ich brauchte noch eine Unterschrift im BAfög-Antrag eines meiner Erziehungsberechtigten, weil man zu dieser Zeit erst mit einundzwanzig Jahren volljährig war, was bei mir in einem Jahr erst der Fall sein würde. So fuhr ich mit Sack und Pack ins traute Heim, ließ mich wie immer bekochen und hörte mir das ständige Gejammer meiner Mutter an, die über ihren Mann her zog. Trotz des Auszuges der Kinder (ich habe auch eine Schwester!), hatte sich an den Eheverhältnissen nichts geändert. Man hätte ja meinen können durch die aufgegebene Verantwortung gegenüber der Kinder wäre etwas von der alten, bekannten Freiheit zurück gewonnen worden, aber nein, meine Eltern zogen es vor sich täglich mit Wortschwallen zu überschütten, die uns schon damals zum Kotzen gebracht hatten.
“Warum gehst du denn nicht einfach?” fragte ich meine Mutter, die heulend auf dem Sofa hockte und sich ständig mit der Zunge über ihre Lippen fuhr. Sie rauchte stark, beim Einatmen der giftigen Rauchschwaden röchelte sie immer so komisch, als stecke ihr ein Frosch im Hals.
“Ich habe ihn gestern vor die Wahl gestellt, entweder du änderst dich, habe ich zu ihm
gesagt, oder ich gehe. Er ist dann immer ganz lieb und verspricht sich zu ändern, aber am nächsten Tag sucht er schon wieder einen Vorwand, um mit mir zu streiten.”
“Und was ist es.” frage ich gelassen. Ich habe mich der Situation entzogen und bin auch nicht bereit, mich wieder in dieses idiotische Drama verwickeln zu lassen.
“Nur Kleinigkeiten. Entweder schmeckt ihm mein Essen nicht oder das Essen ist ihm zu kalt. Dann krittelt er immer an meinem Aussehen herum, fragt warum ich nicht mal etwas anderes tragen könnte, außer diesen graumelierten Jogginganzug. Er findet immer einen Grund mit mir zu streiten.Gestern kam er von seiner Arbeit nach Hause und wollte im Fernsehen Sport schauen, auf einem anderen Programm gab es aber meine Lieblingsserie und ich bat ihn, doch Rücksicht zu nehmen, schließlich sehe er doch ständig Sport im Fernseher und ich stecke immer zurück, wenn es um meine Sendungen geht.Er brüllte sofort los, schmiß den Essensteller vom Tisch und meinte, er hätte es verdammt nochmal verdient, nach der Schicht seine Sportschau zu sehen, ich sagte ihm, das gönne ich ihm ja auch, nur gerade heute, könnte er doch mal mir
einen Gefallen tun.”
“Und?” fragte ich, fummelte dabei an den Hosenbeinen herum, griff zur Zigarette und rauchte im Duo mit meiner Mutter.
“Nichts!” meinte sie, “er schaltete den Fernseher ein und es lief stundenlang Sport.”

Verrückt, dachte ich, Menschen sitzen träge vor der Glotze und schauen sich Sportübertragungen an. Sie selbst bewegen sich nicht, wie angeschnürt füllen sie die Ritzen des Sessels aus.
“Seitdem haben wir nicht miteinander gesprochen. Pssst… da kommt er!” sagte meine Mutter und richtete sich mit einem wuchtigen Schups hoch.
Mein Vater arbeitete damals als Pförtner. In seiner Uniform mit Schlips und hellblauem
Hemd sah er wichtig aus, wenn er es auch nicht war. Es gab ihm eine gewisse Stellung wie Uniformen das so an sich haben. Als er in die Wohnung trat empfand ich sofort eine
Aufdringlichkeit in meiner Anwesenheit. Zwar freute er sich mich zu sehen, aber mein Dasein brachte seinen Rythmus durcheinander und er würde froh sein, wenn ich wieder
gegangen war.
“Junge!” begrüßte er mich nicht eben überschwenglich, “wie geht´s, was macht die Arbeit?”
Ich antwortete nicht, sondern blieb im Sessel sitzen und kramte meine Unterlagen für das BAfög-Amt hervor. Eine Antwort war auch nicht erforderlich. Mein Vater schritt ins Schlafzimmer und zog sich die enge Uniform aus, schlüpfte dann in seinen häßlichen Jogging-Anzug und setzte sich mir gegenüber auf die Couch. Der Fernseher lief.
Ich werde kündigen,” begann ich vorsichtig über meine Pläne zu plaudern.
“Aha?” sagte er und blickte auf die Mattscheibe.
“Ich meine, ich werde meine Arbeit hinschmeißen und wieder zur Schule gehen.” versuchte ich es erneut.
Meine Mutter kam mit einem Teller und Besteck herein, was sie vor meinem Vater abstellte. Er griff zur Gabel und wühlte im Gemüse herum, als suche er nach Neuigkeiten oder Dingen, die er selbst nicht benennen konnte. Das tat er immer, wenn es Essen gab. Er pflügte mit dem Besteck durch die Speisen und schaufelte sie hin und her.
“Und dann?” fragte er kurz.
“Ich werde meinen Realschulabschluß machen. Habe mich schon angemeldet.”
“Das sind doch bestimmt die Auswüchse dieser langhaarigen Typen, mit denen du neuerdings verkehrst. Diese faule Bande von reichen Eltern redet und redet, aber die Arbeit müssen wir tun.”
“Quatsch!” prahlte ich, “ich habe einfach keine Lust…”
“Genau das ist es!” seine Stimme wurde lauter, ” du hast keine Lust mehr zu arbeiten, willst genauso rumhängen wie diese verlotterten Rüpel, die sich ständig mit dieser Hottentotten-Musik volldröhnen.”
“Ich bin neunzehn!” sagte ich ,”ich ertrage das nicht mehr, diese Schichtwechsel, wenn meine Kumpels in der Kneipe hocken oder im Probenraum sind, gehe ich zur Schicht und keule bis morgens um sechs. Glaubst du vielleicht ich will das ewig machen.”
“Dir bleibt nichts anderes übrig. Laß dich doch nicht von diesen Typen beeinflussen. Die haben doch alle ihre Schäflein im Trockenen, Leo! Mensch, der Vater besitzt zwei Firmen hier, dann hat er noch einen Weinberg in Italien und auch noch einen Großhandel mit seinen Scheißspaghtties. Glaubst du Leo muß sich groß um seine Zukunft sorgen? Der kriegt das alles mal. Und dann stehst du da mit deinem ach-so-tollen Realschulabschluß und suchst aber wieder einen Job.”
“Ist mir egal. Ich ziehe das jetzt durch. Ich bekomme sogar Unterstützung…”
“Na, ich kann es mir nicht leisten, dich finanziell zu unterstützen, da mußt du schön selbst für sorgen.”
“Mußt du auch nicht. Ich bekomme BAfög…”
“Geld vom Staat, was? Wirst also auch so einer, der dem Steuerzahler auf der Tasche liegt? Ich verstehe dich nicht. Ich meine, du hast doch alles. Ein Auto, eine Bude, genug Verdienst, dass du sogar mal Urlaub machen kannst. Wir, deine Mutter und ich, können uns das nicht leisten. Wieso willst du denn das alles hinschmeißen?”
“Weil ich noch zu jung bin für diese Malocherei. Das kann doch nicht bis zum Ende
so weitergehen.”
“Und was erwartest du? Was willst du denn überhaupt mit einem Abschluß anfangen? Studieren, was? Wie diese Bombenleger, die dir den Kopf verdreht haben mit ihrem Gequatsche?
Der Fernseher läuft immer noch. Sie bringen eine Reportage über die RAF. Baader, Meinhoff und Ensslin sind in Gefangenschaft. Ich höre nur mit einem Ohr hin. Mein Vater blickt auf Stammheim.
“DA!” kreischt er jetzt, ” DA sind deine intelligenten Freunde, deine hochbegabten Studenten, sie jagen Autos und Häuser in die Luft. Alle aus gutem Haus. Alle mit erstklassiger Ausbildung. Da steckt das Geld.”
Ich will nur die Unterschrift und schleunigst raus. Mein Vater läßt sich herab und schaufelt sich das mittlerweile kalte Essen in den ausgetrockenen Mund und ignoriert mich. Meine Mutter sagte kein Wort zu meinen Plänen. Ihr war und ist das alles einerlei. Sie trägt einen Panzer.
In der Küche verabschiede ich mich von ihr und lasse mir das Formular unterschreiben.
Ich rufe noch “Tschüß” ins Wohnzimmer, warte auf eine Reaktion, die nicht kommt und verschwinde aus diesen engen Wänden.
“Die nächsten drei Wochen bin ich nicht da, ” sage ich zu meiner Mutter, ” ich fahre mit Leo und einigen anderen Leuten nach Italien, Weinernte.”
“Is gut, mein Junge!”, sagt sie und entläßt mich.

39_ Urlaub ohne Rosa 2
Ich hatte meinen Urlaub eingereicht und wollte meinen ersten Aufenthalt im Ausland angehen, als ich erfuhr, dass Rolf zwar mitkommen würde, auch Leo und Pop, nur Rosa
konnte nicht mit. Sie wollte nach Berlin, ihr Architektur Studium beginnen. Mich erfreute das erst nicht sehr, ich hatte Rosa gern in meiner Nähe, auch wenn der Körperkontakt fehlte. Allein ihre Anwesenheit gab mir Entspannung, weil sie mich in der letzten Zeit so aufgebaut , mir Sicherheit in Fragen meiner Weiterbildung gegeben hatte. Ihre Tipps in Sachen Literatur hatte ich alle befolgt, mich eingedeckt mit Büchern und war nun dabei die gesamte Weltliteratur kennenzulernern. Aber mein Interesse an Rosa ging weiter, als die Situation es erlaubt hätte und so empfand ich es fast schon als Erleichterung ,dass sie nicht mit von der Partie sein würde. Der Umgang mit Rolf fiel mir schwer, wenn Rosa in der Nähe war. Ich dachte, man müßte doch bemerken wie ich sie anglotzte oder wie ich an ihren Lippen hing, sobald sie nur den Mund aufmachte. Es hätte soweit kommen können, dass mir Rolf und seine Gefühle einerlei sein würden, dass ich Rosa ganz einfach für mich haben wollte, sie endlich umarmen, sie küssen, sie…
Nun ja, sie fuhr nicht mit und ersparte mir Komplikationen mit meinem Bandkollegen, wofür ich ihr heute noch dankbar bin. Ich beichtete dann auch sehr viel später Rolf, dass es eine Zeit gab, in der meine Verliebtheit in Rosa mich fast zerfressen hätte. Dieses Wegsperren meiner Gefühle, weil ich ihn nicht verletzen, unsere Freundschaft
nicht aufs Spiel setzen wollte, hatte mich manchmal krank gemacht.

Die letzte Nachtschicht an einem Samstagmorgen kurz vor meinem Urlaub brachte eine weitere Wendung in meinem Arbeiterleben. Ich ging in meinem speckigen Blaumann den Gang zur Produktionshalle entlang, neben mir Ali und Georg, der seit Jahren in der Firma beschäftigt war. Zwischen ihm und mir hatte sich eine nicht erwähnenswerte, flüchtige Bekanntschaft ergeben, einfach weil wir in derselben Schicht arbeiteten. Ihm erzählte ich an diesem Morgen von meinen Plänen, was mehr als fatal war. Eigentlich hätte ich es ahnen können, dass die Menschen aus diesen Fabrikhallen Plappermäuler besaßen und ihr Ego dermaßen demoliert ist, dass sie Glück oder freudige Umstände, die andere zu erwarten haben, als persönlichen Angriff erachteten. Georg schritt nämlich in meiner Abwesenheit, während ich in der Toskana Weintrauben schnitt und jeden Abend die Vorjahresernte in mich hinein schüttete, zum Abteilungsleiter und erzählte dem von meinen Plänen, wohl in der Überzeugung sein vorausschauendes Handeln brächte ihm irgendwelche Vorteile im Betrieb, schließlich mußte man doch rechtzeitig wissen, wenn sich Veränderungen auftun, die den gesamten Produktionsplan durcheinanderwürfeln, man muß Vorkehrungen treffen, in die Zukunft hinein handeln, Situationen erahnen, die sich aus dem Fehlen eines unwilligen Lohnarbeiters ergeben. Georg dachte dies zumindest. Der war der Auffassung, seine Plapperei war verantwortungsbewußt. Himmel, es geht um den Fortbestand des Betriebes. Meine lapidare Äußerung einer Verbesserung meiner Ausbildungssituation hatte ihn auf den Plan gerufen, endlich vor den Augen aller Gewissenhaftigkeit zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und…. …und die Konsequenzen zu tragen, die mit meiner Kündigung unweigerlich einhergehen würden. Selten so ein Schaf gesehen…

In Itallien, auch ohne Rosa, war es herrlich. Ich verstand kein Wort, wenn wir abends nach Siena reinfuhren und uns auf dem Marktplatz vor dieser Riesenkathedrale in die Kneipe hockten und der Kellner auf mich einblubberte. Bestellungen gab grundsätzlich
Leo auf, den man sogar hier kannte, weil man seinen Vater kannte und da der nunmal die Kohle besaß, behandelte man uns dementsprechend zuvorkommend. Die Arbeit auf dem Weinberg selbst war leicht, auch im Vergleich mit meiner Tätigkeit als Maschinenschlosser. Eine Woche lang schnitten wir Beeren, verfrachteten diese in Körbe und trugen sie dann zum Sammelbottich. Jeden Mittag tauchte Leos Mutter auf, bepackt mit Pane, Wurst und Käse, frisches Basilikum, Tomaten und allerlei Köstlichkeiten, die wir uns einverleibten. Außer mir , Leo, Rolf und Pop waren noch andere Ernter mit dabei. Deutsche, die sich auf eine Anzeige hin gemeldet hatten. Darunter ein junges Fräulein aus Berlin, dass ihre Augen nicht von mir lassen konnte. Mein Interesse an ihr hielt sich in Grenzen. Ihre offene Art war mir zu anstrengend. Lautes Gerede mochte ich von jeher nicht. Extrovertierte Menschen irritieren mich. Ihr Name war Elena.

 

40_ Episode Elena
Elena war morgens die Erste. Wir übernachteten in einem auf dem Weinberg gelegenen
Haus. Ein altes Backsteinhaus mit zwei Etagen.Unten befanden sich ein riesiger Aufenthaltsraum, die Küche und ein Bad mit Klo. Ober gab es ebenfalls nur einen großen Raum. An der hinteren Wand stand ein Bett für zwei Personen. Auf dem Boden verteilt lagen dann die jeweiligen Unterlagen mit Schlafsäcken, wo wir schliefen. Elena stolperte also über die schlaftrunkenen Gestalten und machte unten in der Küche das Frühstück. Diese soziale Anwandlung einiger weiblicher Menschen war mir auch schon immer suspekt gewesen. In Gruppen verhalten sich diese Wesen wie Samariter-Frauen, immer dazu bereit ihren Mitmenschen eine Freude zu machen, um wahrscheinlich Aufmerksamkeit zu provozieren oder sich ein Stück Lebensglück zu erhaschen, was sie allerdings dann nur durch die Bewunderung ihrer Artgenossen erhalten. Aussprüche wie, “toll, wie du das machst” oder ” deine Hilfsbereitschaft ist so selbstlos”, hörte ich jeden Tag. Mir ging das auf die Nerven. Ich bin ein asozialer Mensch.

Die ersten Tage beobachtete ich Elena nur. Es hatten sich Grüppchen gebildet, die zusammen arbeiteten, zusammen aßen und zusammen feierten. Meine Band und ich saßen abends im Freien und glotzten auf die untergehende Sonne, die in Italien keine andere Angewohnheit besaß wie sie auch nicht zu Hause vorwies, sie schien unerbittlich und grinste mich mit ihrem weißen Gesicht blöde an. Der kühle Abend war willkommen. Meist quasselten wir über unsere Projekte, neue Tracks, Demo-Aufnahmen oder eben die große Karriere und wie wir ihr einen gehörigen Schub verpassen könnten. Die Gruppe der Zuzügler aus fernen Städten saß abseits. Elena schaute ständig zu mir herüber. Diese Aufdringlichkeit wurde mir immer peinlicher. Als sie dann eines Morgens verkündete, sie wolle nun endlich von mir gefickt werden, fiel ich aus allen Wolken. Diese Offenherzigkeit war zum Kotzen. Schon allein dieses Wort vor allen Anwesenden auszusprechen ließ mich erröten. Sicher hatten alle mitbekommen, wie Elena mich umgarnte und nie aus den Augen ließ, aber ich wollte nicht auf ihre plumpe Anmache eingehen. Mir war das zu unschicklich. Außerdem kannte ich sie doch gar nicht. Eine Berlinerin mit der typischen Großschnauze, die mir hier den Urlaub versauen will, dachte ich, von der laß ich mich doch nicht verunsichern.

Nach einer Woche Ernte und etlichen dummen Annäherungsversuchen gab sie es dann auf. Während wir, also die Band und ich, die nächsten zwei Wochen am Strand verbrachten, den Vorjahreswein verköstigten und der Sonne des Mittelmeeres doch noch einiges an Annehmlichkeit abgewinnen wollten, nahm Elena Kontakt zu einem anderen Weinbauern auf, fragte nach Arbeit und schuftete die kommende Woche bei ihm. Wohl um ihre Wallungen sexueller Natur abzubauen. Was weiß ich…
In der Dritten Woche geschah es dann doch. Ich war jeden Abend betrunken.Wie übrigens alle. Elena kauerte auf einer Holzbank unweit des Hauses und vergnügte sich mit einer Flasche Averna, so ein italienischer Kräuterschnaps. Nachdem sie die Pulle geleert hatte, torkelte sie mir entgegen. Es war dunkel. Die meisten Leute lagen in ihren Schlafsäcken. Leo knutschte mit irgendeiner Tussi rum. Pop las wie immer, ich glaube es war… Orwell… oder… irgendein deutscher Autor, Hans Fallada. Rolf schnarchte seinen Rausch aus. Ich saß allein in einem Lehnstuhl und sah auf den Sternenhimmel, der so ganz anders aussah als der deutsche Sternenhimmel. Hier gab es vielmehr Sterne, jedenfalls hatte ich den Eindruck. Alle paar Minuten sah ich eine Sternschnuppe und wünschte mir einen Blödsinn zusammen, der sich nie erfüllt hatte. Elena taumelte vor mir hin und her, versuchte etwas zu sagen, was ihr aber nur schwerlich gelang, weil der Alkohol sie der Sprache bestohlen hatte. Sie nuschelte irgendwas von Idiot und Arschloch, der sie ignoriert und so… Ich blieb gelassen auf meinem Hintern sitzen und verfolgte das Schauspiel oben am Himmel. Dann fiel sie plötzlich ins Gras neben mir, streckte alle Viere von sich und schloß ihre Augen. Im Haus waren sämtliche Lichter erloschen. Ich hörte Leo irgendwo in der Nähe stöhnen. Wie immer.Langsam schob ich einen belanglos wirkenden Blick in Richtung der betrunkenen Lady. Ihr Gesicht hatte sich entspannt. Meist sorgten zwei große Falten zwischen ihren Augen für einen angestrengten Blick. Die waren nun verschwunden. Die Sterne leuchteten auf ihren Körper und ich erkannte ihre aufreizenden Umrisse, soweit es in diesem Licht möglich war.
Sie atmete schwer. Der Alkohol trieb in ihrem Innern sein Unwesen. Sie war schlank, fast dünn. Ihre Brüste hoben und senkten sich. Das Haar war zerzaust, lag unsortiert zwischen Grashalmen und Diesteln. Der Rock war etwas hochgerutscht und zeigte weiße Beine. Da ich ordentlich getrunken hatte, überwand ich meine Scham und berührte sie. Ich legte meine Hand sanft auf ihren Bauch und spürte den beseelten Leib. Ihre Wärme drang durch meine Finger. Sie seufzte leise und wand sich mir zu…

 

41_ Episode Elena,der Schluß
Gegen meine Natur verhielt ich mich die weiteren Tage wie ein ausgehungerter Sexist. Es verging nicht eine Minute, in der ich Elena über den Weg lief und wir sofort nach einer Möglichkeit der geschlechtlichen Vereinigung suchten. Der Weinberg lag offen auf einem Hügel. Ringsum hatte man freie Sicht auf andere Höfe oder vereinzelt stehende Olivenbäume. Eigentlich gab es nichts, wo wir uns hätten verstecken können, also taten wir es für alle und Gott sichtbar. In der Nacht nahmen wir das Bett in Beschlag und übersahen die Gestalten im gleichen Raum; es war, als müßten wir die Zeit, die wir durch meinen Widerwillen verloren hatten, aufholen, als gäbe es nur eines: die absolute Vereinigung. Stand ich am Morgen unter der Dusche, kam sie prompt herein und gesellte sich zu mich. Gingen wir tagsüber an den Strand, dauerte es nicht lange und wir verabschiedeten uns, um im nahgelegenen Wäldchen erneut eine Verbindung herzustellen. Verzweifelt krallten wir uns aneinander, ließen nicht eher von uns ab, bis sämtliche Kraft aus uns herausgepumpt war.
Wir sprachen kaum ein Wort miteinander. Niemand interessierte sich groß für die
Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft des anderen. Wir lebten ohne ein vorheriges Leben. Einzig nur sich zu verbinden und alle Scham, allen Frust, alle Pein und jeden Schmerz auszutreiben. Statt ihres Namens hätte ich ihr auch eine Nummer geben können, mit der ich sie angesprochen hätte. Sieben zum Beispiel. Und ich zwölf. Nummer sieben und Nummer zwölf. Der Grad an Bewußtlosigkeit, der in mir aufstieg, fegte alle Zweifel beiseite. Die Hilflosigkeit lieferte mich Nummer sieben aus. Ich war ohnmächtig geworden und der Realität entrückt. Am letzten Tag gab es nur eine kurze Verabschiedung. Sie stieg in ein Auto ein und fuhr davon, zurück nach Berlin. Ich stieg in ein Auto ein und fuhr zurück zu meiner Fabrik. Tausendfünfhundert Kilometer in totaler Stumpfheit. Leerer Blick und geschlossene Ohren. Erst als ich in meinem Zimmer saß wurde mir klar, dass ich auf ein Wiedersehen mit Nummer sieben verzichten kann. Ich war froh, dass der Abschied kein vorübergehender Abschied war, sondern Endgültigkeit besaß. Und das war gut so. Für einen kurzen Moment wollte ich heulen, verbat es mir aber, weil es nichts gab, um das ich heulen mußte. Außer die Leere in mir. Die gewohnte Umgebung meiner Arbeitsstätte sollte mich dann auch gleich wieder von kleinen Qualen befreien und begleitete mich sogleich ins Reich der Gefesselten. Sobald man die Fesseln ablegt, verliert man ja doch nur den Halt und taumelt auf sich gestellt durch ein Nichts. Erleuchtung muß sich anders anfühlen.

 

42_ ohne Arbeit, vorerst!
Es kam wie es kommen mußte: Georg, diese Pfeife war mir durch sein Gerede beim Abteilungsleiter voll zwischen die Beine gefahren, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt sei mal dahin gestellt. Ich kam gleich nach meinem Italienaufenthalt in die Produktionshalle und wurde, kaum hatte ich Ali begrüßt und mich an meinem Arbeitsplatz ausgebreitet, zum Abteilungsleiter zitiert .Zuerst konnte ich mir nicht recht vorstellen, was der nun von mir wollte, ob es Komplikationen mit den Maschinen gab während meiner Abwesenheit, ob ich womöglich befördert werden würde oder ob ich einer anderen Linie (so nannten sie die Maschinengruppe aus Minster und Anroller bestehend) zugeteilt werden sollte.
“Max!” begrüßte mich der Typ in seinem Kabuff, das nach Zigarette und Kaffee stank. Er saß auf einem drehbaren Stuhl mit gepolsterten Armlehnen und kreiste mit der Sitzfläche hin und her.
“Wie war der Urlaub? Haben sie sich erholt? Hatten sie schönes Wetter?”
Seine Fragen wollten keine Beantwortung. Er machte die anfängliche Konversation, um
möglichst schnell auf den Punkt zu kommen. Unsympathischer Kerl. Ich nickte nur und meinte, es wäre ganz großartig gewesen und so.
“Warum ich sie sprechen möchte ist folgendes…” Er rauchte und drehte beständig mit seinem Stuhl seine kleinen, dummen Kreise. “Mir ist zu Ohren gekommen…”
Ach Gott, dachte ich, wenn jemand schon so anfängt, dann kann es nur eine Rüge geben, einen Tadel für nicht angemessenes Verhalten in diesem altehrwürdigen Betrieb, von Johann soundso gegründet, anno 1898…
” …dass sie, Max, sich mit dem Gedanken tragen, wieder zur Schule zu gehen. Ist das
richtig so?” Nervös blies er den Rauch aus dem Mundwinkel zur Seite.
“Das ist richtig ,oh mein Herr…” wollte ich antworten, sagte aber nichts, sondern
nickte wiederum nur mit dem Kopf.
“Erzählen sie!” forderte er mich auf, “ich weiß ja nichts, nur was Georg mir erzählt hat.
Georg ist umsichtig. Er bringt sich voll ein, ist immer bei der Sache und solche Leute
brauchen wir hier, verstehen sie?”
Jetzt auch noch das! Ich hasste es schon immer, wenn Leute ihre Sätze mit einer Frage
endeten und wenn diese auch noch, verstehen sie? lautete könnte ich ausrasten, was ich
allerdings nicht in Gegenwart des Abteilungsleiter wagte.
“Ich meine, wir müssen planen. Wir müssen in die Zuknuft schauen. So ein Unternehmen wie unseres ist abhängig von den Leistungen der einzelnen. Wenn diese einzelnen ihre Leistungen nicht mehr erbringen, und, Max, sobald sie sich ihrer weiteren Ausbildung sicher sind, wird ihre Leistung sicherlich nachlassen, ihr Einsatz für das Unternehmen wird ein geringere sein, als es jetzt ist. Verstehen sie?”
“Um es kurz zu machen,” antwortete ich, ” ich werde kündigen, das steht bereits fest. Was ich tun werde geht sie gar nichts an. Und ob nun dieses lausige Unternehmen weiter besteht oder nicht, ist mir sowas von egal, das können sie sich wohl kaum vorstellen.”

Ihm fiel die Kinnlade runter. Die Asche seiner Zigarette fiel ebenfalls zu Boden. Das Gedrehe auf dem Stuhl fand ein jähes Ende. Seine Arme fielen herab wie zwei schwere Eisenstangen, die durch eine unsichtbare Kraft nach unten gezogen wurden. Sein Körper fiel in sich zusammen. Alles an ihm fiel…
Noch am gleichen Tag durfte ich ins Lohnbüro, ich sollte mir meine Papiere abholen, was ich mit großer Freude tat. Dort traf ich den Mann wieder, der mit mir das Einstellungsgespräch geführt hatte. Er würdigte mich keines Blickes. Na schön, dachte ich, wenn ihr einen auf beleidigt macht, mache ich eben auch einen auf beleidigt. Ich mußte Ausweis und Werkzeugwagen mit sämtlichem Werkzeug abgeben. Das wurde noch geprüft und selbstverständlich fand man einiges, was hätte vorhanden sein sollen, nun aber fehlte und ich es ersetzen sollte. Ich ermächtigte mich dazu die Personen, die für meine Ausweisung verantwortlich waren, zu ignorieren. Nie würde ich wieder ein Wort mit irgendjemand aus diesem Betrieb sprechen, nie wieder einen Fuß auf diesen ausbeuterischen Boden setzen. Meine Zeit war um. Mein Arbeiterleben vorerst begraben und kaum beweint, dazu fehlte es Hingabe. Es war April. Ständig wechselte das Wetter. Mal Regen an Bindfäden, mal Sonnenschein bis zur Erblindung. Meine Bewerbung war akzeptiert, mein BAfög-Antrag unterwegs und ich hatte frei…frei…frei…
Ob das nun die Freiheit war über die alle sich den Kopf zerbrechen, sei dahingestellt, für mich war es ein Schritt auf einem unsichtbaren Weg in ein unsicheres Terrain. Ich erlebte das Jetzt.

43_ Karrieresprung
Der Schneider mit der Klatsche. Sieben auf einen Streich. Na gut, bei mir waren es nur zwei bis drei Streiche. Zuerst der Job, den ich sang- und klanglos hinschmiß. Im August des Jahres meiner Kündigung sollte die Schule losgehen. Ich war Realschüler. Bis dahin hatte ich jede Menge Zeit mich für die Auftritte mit der Band vorzubereiten und probte jeden Tag am Bass. An den Fingerkuppen der linken Hand entstand Hornhaut und mein rechter Arm begann langsam unter einer Überbeanspruchung zu leiden : Sehnenscheidenentzündung. Mein Training umfasste nun von normalen Fingerübungen wie Tonleitern rauf und runter bis verschiedene Musikstile nachzuspielen. Dazu legte ich mir Schallplatten auf den Plattenspieler und spielte die jeweilige Basslinie des Stückes mit. Zuerst fing ich mit Police an. Sting hatte trotz der Einfachheit seiner Stücke immer nette Basslinien, Reggae ähnlich. Dann wechselte ich zum Jazzrock, deutsche Bands wie Kraan mit Helmut Hattler am Bass; der spielte zwar mit Plektrum, aber ich versuchte seine Linien mit den Fingern. Weiter ging es mit Jazz. Miles Davis. Da gab es diese “We want Miles” -LP mit Marcus Miller am Bass. Schöne Sachen, die der damals gespielt hatte und schöne Übungen für mich. Später, als ich fast sämtliche Stilrichtungen beherrschte und auch eigene Ideen entwickelte, ging ich schon mal über zum Improvisieren, dudelte stundenlang irgendwelche Töne bis mir die Finger wehtaten. Dann kam Jaco. Naja, und ich gestehe,mich mußte von vorn anfangen. Was der Kerl damals auf seinen vier Saiten zustande brachte, war einzigartig. Noch heute spielen angesagte Bassisten wie Darryl Jones, Michael Manring oder Bill Laswell die Sachen vom alten Jaco, der ja bekanntlich alkoholisiert was auf die Fresse bekam und dann starb…

Proben waren dreimal die Woche. Noch immer spielten wir in einem Kellerloch, das feucht war und dementsprechend nach Schimmel stank. Dass wir uns da nichts weggeholt haben, ist mir heute ein Rätsel. Leo kam ständig zu spät, weil er bei seinem Vater im Betrieb arbeitete und nicht vor siebzehn Uhr da raus kam. Ich fuhr mit Pop im gelben Käfer. Rolf schnurrte mit seinem Motorrad an. Sobald alle eingetrudelt waren stöpselten wir unsere Instrumente an, Rolf hockte sich hinter sein Schlagwerk und Leo verkabelte sein Mikro. Dann wurde losgeschrammt. Auf einem Ton, zumeist das A(440Htz). Das ging stundenlang so, bis wir in irgendeiner Improvisation endeten, Reaggae oder Hard Rock und so´n Zeugs.
Pop brachte ständig neues Material an. Selbstgeschriebene Texte, selbstkomponierte Musik und zu allem Überfluß noch eine Saxophon Melodie, die verschiedenen Drum-Parts und eine Basslinie. Für uns anderen gab es da wenig zu tun, außer die ausgefeilten Teile möglichst fehlerfrei zu spielen. Ungefähr zwölf Stücke hatten wir, die wir auf den Konzerten spielen konnten. Das sollte vorerst reichen und wir probten diese zwölf Tracks von vorn nach hinten und wieder zurück, solange bis alles saß und man sich damit an die Öffentlichkeit wagen konnte. Bis auf Leo waren wir ziemlich euphorisch, schließlich sollten wir zu einem Wettbewerb mit insgesamt fünf Bands antreten. Veranstaltet wurde das von einem Radiosender und als Erstplatzierung gab es drei Tage in einem vollausgestatteten Studio. Leo beschäftigte sich wenig mit unserer Musik und vertrieb sich die Zeit außerhalb seines Jobs mit Frauen. Er war ständig unterwegs, machte neue Bekanntschaften oder dröhnte sich mit Dope zu. Während der Proben kam es natürlich immer mal wieder zu Streitereien, weil Leo seine Parts nicht konnte oder sie so dermaßen verhaute, dass einem in den Ohren wehtat. Am schlimmsten war es, wenn er seine Querflöte auspackte und zu unserer (Pop´s) Musik improvisierte. Jeder zweiter Ton war falsch, passte nicht zur Harmonie oder war überblasen, schauderhaft. Rolf konnte damit am wenigsten umgehen. Er rastete jedesmal aus, schrie und verlangte, dass Leo endlich mal auch außerhalb der Proben übte. Aber Leo blieb gelassen. Sein Ehrgeiz erschöpfte sich völlig in der Suche nach Frauen. Außerdem, so meinte er, was stellten wir uns denn vor, dass wir innerhalb eines Jahres in die Charts kämen, einen Plattenvertrag unterzeichneten und durch die Lande tingelten mit unserem Tourbus? Völlig abwegig, meinte er.

Der Wettbewerb verlief ziemlich miserabel. Wir belegten den letzten Platz. Niemand im Publikum wollte so einen Kauderwelsch hören. Wir packten rasch zusammen, fuhren unsere Anlage in den Proberaum und betranken uns in der Muckerkneipe. Aber aufgeben wollten wir nicht. Vielleicht waren wir anders mit den zehn Minuten Stücken, mit den hochgestochenen Texten, die sowieso niemand verstand, weil sie auf englisch gesungen wurden. Vielleicht waren wir Außenseiter, was unseren Musikgeschmack betraf, aber wir hatten alle das Zeugs dazu, richtige Rockmusiker zu werden… alle, außer Leo!

44_ Schulbank drücken
August und die Schulzeit begann. Meine Firma hatte mir noch eine Bewertungmeiner Leistung ausgehändigt, die ich sogleich verbrannte, weil ich nichts mehr mit diesem Verein zu tun haben wollte. So ging ich frisch und frei zu meinem ersten Tag und lernte einige nette Leute kennen, u.a. auch einen abgedrehten Musiker, der sich auf eigene Kosten ein Aufnahmestudio eingerichtet hatte.
Chris war mein Jahrgang. Sein lockiges Haar hing ihm dauernd vor den Augen herum. Während der ersten Unterrichtstage waren wir alle noch ziemlich aufmerksam und es ergaben sich nur wenige Gespräche Doch mit Chris wurde ich gleich warm. Er selbst spielte Schlagzeug und wir hatten praktisch für unsere Jahre auf der Schule ständig ein Thema über das wir lamentieren konnten:die Musik. Ich erzählte von meiner Band,von unseren Auftritten und dem spärlichen Erfolg, den wir jedesmal einheimsten.
“Ihr braucht einen Manager!” meinte er, als wir gerade beim technischen Zeichnen saßen und die Striche auf dem Papier zu tanzen begannen.
“Genau!” stimmte ich ihm zu. “Das braucht alles soviel Zeit, diese Gigs ranzuholen, Plakate zu machen und wir brauchen unbedingt ein Demo-Tape, was wir verschicken
könnten.”
“Kann ich nicht mal mit zu den Proben kommen?” fragte Chris und zerknüddelte sein Milimenterpapier.
“Sicher, wir proben dreimal die Woche. Wir wär´s am nächsten Donnerstag?”
“Okay… ach, scheiße, diese Schule langweilt mich jetzt schon wieder. Diese ganzen unwichtigen Fächer .Müssen wir das alles überhaupt wissen?”
Ich hantierte mit Lineal und spitzem Bleistift herum und fragte mich das auch: brauche ich jetzt diesen ganzen Unsinn? Ich war auf einer technischen Schule. Hier gab es zu allererst Technikunterricht, Mathematik, Physik, Chemie… genau die Fächer, die mir gar nicht lagen. Aber ich wollte etwas aus mir machen, wollte vielleicht studieren, auf eine Universität gehen, dazu mußte ich nun lernen, was mir nicht leicht fiel.

Die Lehrer waren ganz okay. Russisch wurde von einem vollbärtgen Freak unterrichtet, der in seinem Zimmer, neben der Klasse wie ein Schlot rauchte und irgendwelche Krimis las. Da wir fast ausnahmslos Raucher waren, das brachte unsere Lehrzeit einfach mit sich, hielten wir uns zum größten Teil des Tages bei ihm auf. Gesprächsthema war auch bei ihm die Musik. Er war Fan von diesen psychedelischen Bands, Pink Floyd, Can und so…
Wir tauschten Lp´s und bekamen die Zeit gut herum. Ich machte mich im Unterricht, alles flutschte aus mir heraus, dank Rosa und den Gesprächen mit den Bandkollegen, die wir noch bei Uta führten. Mindestens einmal die Woche hockten wir da im Kreis und palaverten über unseren Jetztzustand. Was lag uns auf dem Herzen? Was ärgerte uns? Was wollten wir gegen das Establihment unternehmen? Wie konnte man FJS aufhalten? Sollte man in die Politik gehen? Wie reagiert man auf das verblödende Fernsehen? Wie wird man richtiger Rockstar?
Ich hatte mich ja anfangs ziemlich zurück gehalten, weil ich von nichts eine Ahnung hatte. Doch mittlerweile quasselte ich ebenso wie die anderen, prahlte meine Meinung heraus und ging Streitigkeiten nicht aus dem Weg. Die traten teilweise auf, weil ich immer noch Probleme mit Rolf hatte. Natürlich lag das auch an Rosa. Sie war mit Rolf zusammen, schenkte mir einige Nachmittage, an denen wir die Zeit totschlugen, aber mehr bekam ich von ihr nicht. Außerdem war Rolf sowas wie der Sprecher der Gruppe geworden, der Supervisior, der Gutinformierte, der Alleskönner, der Allwissende… egal, was wir auch sagten, Rolf wußte zu jedem Scheißthema etwas dazu zu steuern. Ich fragte mich, wann der Kerl sich denn sein ganzes Wissen noch aneignete. Nachts etwa, unter der Bettdecke mit Taschenlampe die Wirkungsweise der Kernfusion lesen? Das Reparaturhandbuch eines Boxermotors studieren? Die Weltliteratur mit sämtlichen Autoren auswendig lernen? Ich meinte, der Typ müßte ein fotografisches Gedächtnis haben, anders konnte man sich nicht erklären, wie er uns noch elektronische Schaltkreise erläuterte. Ob es nun Elektronik war oder Metalltechnik, Holzverarbeitung, Hausbau, Motoraufbau, Getriebetechnik, Kunst, Literatur, Kultur, Politk, Oper, Theater, Film und Fernsehen… der Kerl wußte alles. Wahrscheinlich brauchte Rosa so einen Mann, jemand, der ihr das Wasser reichen konnte, jemand, der selbstbewußt durch das Leben ging und nie auf die Idee kommen würde, er bekäme irgendeine Scheißsituation nicht in den Griff.
An einem Abend bei Uta platzte es mir dann aus dem Munde. Ich wußte nicht, was mich trieb, was mich befehligte, aber ich konnte nicht mehr an mich halten und fragte an Rolf gerichtet, wer ihn denn ,verdammt-noch-eins, zum Oberhäuptling der Gruppe ernannt hatte. Wir hatten reichlich getrunken wie immer, Uta riß ihre trüben Augen auf, schmiß ihr strähniges Haar zurück und….. grinste. Anscheinend fand sie meinen Vorstoß belustigend.

45_ Rolf und die Goldmedaille
Wir saßen wie immer auf dem Fußboden, Leo puhlte sich an den Zehennägeln herum und schnippte die abgerissenen Teilchen durch das Zimmer. Er schien wieder mal völlig abwesend zu sein. Pop grinste ebenso wie Uta und Rosa rückte näher an Rolf heran, so schien es mir wenigstens.
“Ich habe schon von Anfang an das Gefühl, dass du mich nicht leiden kannst!” sagte Rolf jetzt.
“Das hat doch mit leiden nichts zu tun!” antwortete ich,” du mußt nur zu allem deinen
Senf dazugeben, als ob du eine Meinungsmaschine verschluckt hättest. Ständig erzählst du, was zu tun ist, entweder bei der Band oder bei Leos Auto oder bei der Organisation
unserer Auftritte oder wenn es ums Boxenbauen geht, ewig höre ich nur deinen Kommentar. Mich nervt das einfach. Scheiße, vielleicht bin ich ja auch nur unsicher, wenn du anfängst zu reden, was weiß ich…”
Ich redete mich in Rage und Rolfs Augen wurden größer und größer. Wahrscheinlich hatte er längst bemerkt wie idiotisch ich mich ihm gegenüber verhielt. Ich und meine
Minderwertigkeitskomplexe.
“Ich tue das doch nicht mit Absicht,” sprach Rolf und schaute mich eindringlich an,
“mein Gott, du bist genauso ein vollwertiges Mitglied unserer Band wie alle anderen auch. Keiner will dich hier abwürgen oder bloßstellen.”
So hitzig wie die Auseinandersetzung begann so plätschernd fand sie ihren Abschluß, indem ich einfach stumm blieb, weil ich mir doof vorkam. Regelrecht doof. Keine Ahnung von nichts und hier dann den Zampano machen. Ich fand es einfach nur ungerecht, dass ich nicht dieses Wissen besaß, welches Rolf oder Rosa oder auch Pop besaßen. Ich hatte mich mit Maschinen beschäftigt, die Deckel herstellten, Deckel mit dem Druchmesser von zehn Zentimetern, Millionenfach… da konnte man wahrlich kein Einstein mit werden. Außerdem lebte ich in einer viel zu unbedeutenden Stadt, als dass hier ein neuer Michelangelo geboren werden könnte.
Betrunken schob ich ab und fuhr in die WG. Allein diesmal. Pop ließ ich zurück, der würde mit Leo kommen. Rosa und Uta nickte ich nur kurz zu. Sie hatten mich entlarvt, einen Idioten aus dem Arbeiterviertel, der sich weißmachen wollte, er könne zu den Intellektuellen aufbrechen und ihnen sein Potenzial unter die Nase reiben. Dabei war ich nur ein hilfloser Feigling, der sich nach allen Seiten umschaute, was er den Menschen abluchsen konnte, um ein kleines bißchen Ehrgefühl zu bekommen. Selbst der Weg des Schülers, jetzt nach der Beendigung der Maloche, machte aus mir noch lange nicht einen intelligenten Menschen. Dazu gehörten eine Meinung und ein Selbstbewußtsein, was ich beides nicht besaß.
Also erster Platz für Rolf. Der würde wahrscheinlich ewig auf dem obersten Podestchen stehen und sich die Goldmedaille umhängen lassen. Ich mußte noch viel weitergehen bis ich kapierte, was mit mir los war. Natürlich war dies auch der Punkt, an dem ich Rosa endgültig aufgab. Wenn ich noch im Hinterstübchen Gedanken an sie hegte und an eine eventuelle nähere Beziehung zwischen uns dachte, dann war sie, Rosa, an diesem Abend für immer unerreichbar für mich geworden.

46_ Demo-Tape/1
Meine Schultage plätscherten so dahin. Ich strengte mich nicht sonderlich an, es fiel mir zu. Vielleicht lag es an dem jahrelangen Entzug von Allgemeinwissen, keine Ahnung. Ob es nun Fremdsprachen wie Russisch oder Englisch waren, ob es Deutsch war mit Literatur und Grammatik, ob es Mathematik war mit Binomischen Formeln und Gleichungen, es rutschte irgendwie aus mir heraus, ohne dass ich viel tun mußte. Keinerlei Pauken oder Auswendiglernen, ich konnte die Anforderungen der Schule erfüllen, was mich wenigstens dort etwas stärkte. Chris sprach mit an und wollte unserer Musik lauschen. Ich sagte ihm, ich müsse mit den anderen sprechen, ob sie etwas dagegen hätten oder so. In diesen Belangen waren sie
nämlich recht komisch. Regelrechte Geheimniskrämer, als könnte jemand vorbeischauen und die einzigartigen Ideen von Pop stehlen und anderweitig verkaufen und damit Geld machen und überhaupt sämtliche Lorbeeren einheimsen, die ja Pop zustünden. Man hatte einfach das Gefühl, als seien andere Wesenmenschen unerwünscht. Überhaupt war es schon ein Wunder, dass ich Mitglied dieser eingeschworenen Gemeinschaft geworden war. Naja, sie hatten einen Bassisten gesucht und ich war zur Stelle. Ich war meinungslos, formbar und verblödet von meinen Millionen Deckeln, was hätte man bei mir zu befürchten gehabt? Anstandslos fügte ich mich in ihr System ein. Harmlos wie ich war, saugte ich alles auf, was von ihnen angeboten wurde, schließlich mußte meine Leere mit irgendwas aufgefüllt werden. Mal abgesehen von der Musik, die mir außerordentlich gefiel (da besaß ich eine Meinung), erhielt ich eine komplette Ausbildung in politischer Bildung, was mich ins Lager der Linken trieb. Man versorgte mich mit ausreichender Literatur, die so anspruchsvoll war, dass ich beim Lesen ein Fremdwörterbuch neben mir liegen hatte, weil ich sonst nichts von dem verstanden hätte, was da so geschrieben wurde. Langsam wurde meine Hirnleere angefüllt mit Information. Langsam begann ich eigenständig zu denken. Aus einem unbedarften Arbeiter wurde ein denkender Mann, der sich in eine Gruppe Jungintellektueller einfügte und ihrem Zirkel angehörte, der Außenstehende nur widerwillig einen Zugang verschaffte. Warum das so war, weiß ich nicht.
Also wenn ich nun mit Chris ankommen würde, hätte als allererstes Pop Bedenken angemeldet.Bei Rolf war ich nicht sicher, wie er reagieren würde, wenn ihm ein Typ gegenüber tritt, der ein gleichgroßes Wissen auf dem Gebiet der Studiotechnik aufweisen konnte wie er. Leo, ach Leo würde bloß wieder eine neue Chance sehen einem anderen Freundeskreis beizutreten und dann neue Frauen kennen lernen können.
Teilweise kam ich mir vor wie ein Mitglied einer Sekte. Aber natürlich war mir das nicht bewußt. Ich zog genauso über andere Bands her wie Pop. Ich versteckte meine LP´s und hatte ich eine Neuentdeckung gemacht, dann behielt ich das für mich. Ich wurde sonderbar, wenn ich es nicht schon immer gewesen war.
Ich erzählte dann Rolf von meiner Bekanntschaft zu Chris, der gern mal vorbei schauen würde, um unsere Musik zu hören. Er hätte ein Aufnahmestudio und vielleicht könnten wir dort ja unser erstes Demo-Tape/1 erstellen. Rolf war einverstanden, Pop grummelte in sich hinein und Leo stolzierte wie immer nackt an uns vorbei, als wir in der WG-Küche darüber diskutierten. Ihm war das nicht so wichtig. Als Chris dann im Probenraum war, erkannte ich schnell wie angetan er von unserer Mucke gewesen war und dass er mit uns Aufnahmen machen wolle. Wir spielten einige Tracks, redeten über eine Auswahl für das Demo-Tape/1 und verabredeten uns.

 

47_ Demo-Tape/2
Zu den Aufnahmen bei Chris mußten wir unsere komplette Anlage zu ihm schleppen, vielmehr aus unserem Kellerloch hoch in Leos VW Variant 1500, dann zu Chris und dort wieder ausladen. Wir hatten uns ein Wochenende ausgesucht, nun waren also drei Tage Aufnahme angesagt. Die meiste Zeit über hockte ich mit meinem Bass auf einem tiefen Ledersessel, dudelte irgendwas vor mich hin und beobachtete Chris und natürlich Rolf, die alles verkabelten, Mikrofone testeten, aussteuerten und fachsimpelten über Frequenzen und Effekte. Ich verstand eigentlich nichts von ihrem Gebrabbel. Wollte ich auch nicht. Ich wollte endlich spielen, die Songs aufnehmen und nicht stundenlang rumhocken und mir die Finger fusselig spielen. Soviel Übung war dann auch nicht mehr nötig.
Wir fingen Freitag Nachmittag an und endeten Sonntag in der Nacht. Die Songs waren festgehalten, aber noch nicht gemastert, also fertig abgemischt, das sollte nochmals drei Tage dauern, an denen ich mit Sicherheit nicht dabei sein werde, dachte ich. Im Ganzen habe ich vielleicht vier oder fünf Stunden gespielt, der Rest der Zeit ging fürs Reden und Aussteuern drauf. Elendig langweilig.

Leo kam dann eine Woche später mit einem selbstgebastelten Cover daher. Ein ziemlich gruseliges Face, das er aus irgendeiner Zeitschrift ausgeschnitten und dann über den Kopierer seines Vaters geschmissen hatte. Den Bandnamen hatten er wie einen Drohbrief aus mehreren Buchstaben zusammengesetzt. Auf mich wirkte das Cover furchteinflößend, aber das wollten wir ja auch irgendwie sein, jedenfalls wurde das bei unseren letzen Diskussionen beschlossen. Wir wollten ein Image aufbauen, die Leute brauchen ja immer etwas zum Festhalten, etwas Wiedererkennendes und wir waren ab jetzt mit unserem Demo-Tape die Düster-Kult-Band vom Lande…
Während einigen unbedeutenden Auftritten versuchten wir die Tapes zu verkaufen, aber niemand schien sich großartig für unser Zeugs zu interessieren. Es waren die 80er und man lauschte neuerdings synthetischen Klängen Human League oder Depeche Mode oder noch schlimmer Spandau Ballett, grauenhafte Musik, aber in den Charts.

Als mal wieder ein Wettbewerb anstand bewarben wir uns und wurden sogar engagiert.
Diesmal belegten wir den zweiten Platz und bekamen Kontakt zu einem Produzenten, der auf der Suche nach jungen Musikern war. Tja… und dann kam es wie es kommen mußte : Wir bekamen ein Angebot!
Folgendermaßen sollte es ablaufen: wir müßten einen Vertrag unterzeichnen, indem festgehalten wird, dass wir, die einzelnen Musiker mit Namen genannt, uns verpflichten für mindestens ein halbes Jahr die Europatournee der Gruppe Chrome als Vorband zu begleiten. Gage nach Vereinbarung usw.usft.
Wir hielten natürlich sofort eine große Sitzung ab, saßen in der Küche unserer Wohngemeinschaft, tranken elendig viel Bier und sagten eigentlich… nichts. Die Köpfe rauchten zwar, jeder hielt den seinigen in beiden Händen, aber niemand bekam ein Wort heraus. Es brutzelte in jedem.
Nun!
Da war die Chance!
Was würden unsere Helden tun?
Würden sie das Leben auf der Bühne im Scheinwerferlicht suchen?
Würden sie ordentlich das Studium beginnen und Vater und Mutter zufrieden stellen?
Sex and Drugs and Rock´n Roll?
Oder Haus und Frau und Kind?

Ich fange mal bei Rolf an, ja? Rolf hatte vor einem Jahr sein Abitur gemacht und sich wie Rosa für ein Architektur-Studium entschieden, den Platz würde er bekommen und das Semester sollte demnächst starten. Er wollte studieren anstatt auf Tour gehen.
Leo! Leo konnte es eigentlich egal sein. Er wollte nicht studieren. Er wollte nicht heiraten. Und… er wollte auch nicht professionell Musik machen. Er war einfach zu schlampig in seinem Spiel und das wußte er und sagte ebenfalls NEIN!
Pop! Pop hätte man es eigentlich zutrauen können, dass er juchzte und schrie und stampfte vor lauter Aufregung. So ein Vertrag hätte für ihn das Ende allen Klagens bedeutet. Weg vom Elternhaus. Weg vom Studium. Weg aus der Kleinstadt. Endlich wird sein Musik, seine eigene Musik in die Welt getragen, Himmel, wie kann man da Nein sagen? Er tat es trotzdem, meinte er wolle sein Sozialpädagogik-Studium machen und außerdem bräuchte seine Mutter seine Hilfe.
Und so blieb noch ich! Ich! Max. Der Maschinenschlosser, der Jobber vom Dienst, der mit den langen Fingern am Bass. Klar! Ich lehnte ab. Ich war im Begriff einen weiteren Schulabschluß zu machen, wollte das Abitur nachholen und Kunst studieren, so idiotisch das klingen mag. Ich hatte keine Zeit für eine EUROPATOURNEE…. EUROPATOURNEEEEEEE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Würde ich meinen Kopf heute soweit drehen können, dass ich ihn bis zu meinem Arsch
hinab biegen könnte, ich würde mich in diesen beißen. Niemand brachte den Mut auf eine professionelle Karriere als Musiker zu beginnen, unfassbar, wenn man das heute erzählt.

48_ Perspektiven
Das Schuljahr ging schnell vorbei und ich besaß den Realschulabschluß. Neben meiner Band damals vorerst das wichitgste für mich. Doch stellte sich dann bald die Frage, wollte ich noch weitergehen, weiterhin die Schulbank drücken und das Abitur machen?Ich wußte ja gar nicht,was ich mit dem Abi anfangen sollte. Es hieße, nochmals drei lange Jahre lernen, BAfög kassieren und irgendwie wohl auf eine Eingebung warten, die mir sagte, was denn aus mir werden sollte.

Rosa war jetzt in Berlin, studierte dort Architektur. Ihr Vater hatte ihr eine Wohnung dort besorgt, diese eingerichtet und Rosa entschwand somit völlig aus meinen Augen. Rolf fuhr ihr an den Wochenenden hinterher, soweit es seine Zeit erlaubte. Auch er studierte Architektur. Keine Ahnung, warum die alle nun gerade Häuser bauen wollten. Diese unbeseelten Objekte, die überall herum standen, konnten doch keine Anreiz bieten für kreative Arbeit. Jedenfalls nicht für mich.
Leo jobbte nachwievor in der Firma seines Herrn und es war tatsächlich absehbar, dass er, Leo, diese übernehmen würde. Ab und an half ich ihm bei dem Verpacken von Weinen und anderen Artikeln, die diese Firma vertrieb. Das brachte dann einen kleinen Nebenverdienst für mich, den ich zum größten Teil in meine musikalisch-technische Ausrüstung steckte. Neue Saiten für den Bass, auch wenn es nur vier Stück an der Zahl waren, kosteten schon damals um die achtzig D-Mark. Ich wollte Effekte haben, kleine Kästen, die man zwischen Anlage und Instrument schaltete und die den Sound veränderten. Ich spielte noch immer mindestens acht Stunden am Tag. Pop rammte sich wirklich in dieses Sozialpädagogik-Studium. Für mich unfassbar. Ein Kerl mit solchem Talent hätte sich wahrlich einer anderen Tätigkeit widmen können, als den Dienst am Menschen. Da wurde er und wird er, dessen bin ich mir sicher, aufgefressen.

Ohne Perspektive meldete ich mich also zum Abitur an. Erstmal machen, dachte ich, das verchafft mir Spielraum, ehe ich in die große Welt der Rädchen und Schrauben einsteigen mußte, die unser Wirtschaftssystem am Leben halten. Mein Leben wurde mit der Zeit langweilig. Mir genügte es nicht mehr immer nur mein Instrument umzuhängen, zu üben, zu lesen, zu lernen; ich wollte irgendeinen Sinn des ganzen Einerleis von irgendwem erfahren. Doch alles, was ich hörte, waren die ewig gleichen Litaneien über einen Job, eine Ausbildung, einer Familie und möglichst viel angehäufte Konsumgüter…
Ich besuchte Robert, der mittlerweile mit Frau und Kind eine eigene Wohnung bezogen
hatte. Er verdingte sich als professioneller Dealer, schlief bis mittags, saß im Lehnstuhl und rauchte sein Pfeifchen. Das Telefon stand neben ihm auf einem Beistelltisch und klingelte ständig.
“Meine Kunden!” meinte er und riß den Hörer von der Gabel, damals gab es noch keine
Mobiltelefone.
Er griff in eine Kiste, die auf dem Boden neben seinem Stuhl stand und langte zwei Flaschen Bier heraus. Wieder hockten wir angetrunken und angekifft zusammen, glotzten stumm in die Gegend und warteten. Es gab nicht viel zu reden. Das Übliche halt, was man so macht den öden langen Tag und wie es mit den Frauen lief. Naja, da allerdings erwischte Robert einen wunden Punkt bei mir. Mit Frauen hatte ich nichts am Hut. Zwar glotzte ich ihnen hinterher, gierte teilweise nach diesen fremden Körpern, aber ich war nicht in der Lage auf sie zu zugehen, was mich oft frustrierte, jedoch nie oder kaum irrierte. Was sollte ich denen schon zu geben haben? Überhaupt, warum sollte ich meine Zeit, die ich für das Bass-Spiel benötigte, für eine Bezihung hingeben, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war?
Männer und Frauen passen nicht zusammen. Oder ich passte zu keiner Frau. Oder keine Frau passte zu mir. Oder… was weiß ich!
Nach einigen Stunden des Abhängens bei Robert und der schlichten Umgehung seiner Anspielungen auf mein SOLOleben, verabschiedete ich mich von ihm.

“Laß´dich mal wieder sehen!” ermahnte er mich und köpfte eine weitere Flasche Bier, den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt.
“Ja doch,” hörte ich ihn, “ich hab´das Zeugs, komm´halt vorbei…”

49_ von einem,der auszog
Ich brauchte Ruhe. Nicht unbedingt, um für mein anstehendes Abitur zu pauken, ohne Ziel oder Perspektive gab es keinen besonderen Grund für ein herausragendes Zeugnis. Ach, mittlerweile war mir diese Tretmühle des Arbeitssystems mit ihren Pseudoangeboten einerlei. Ein Studium? Noch eine Ausbildung? Ein weiterer Job? Alles Ablenkungsmanöver einer festgefahrenen Wirtschaft, die ihre Ersatzteile benötigt,
um überleben zu können. Als Ersatzteillager wollte ich nicht dienen. Und bevor mir niemand sagte, wozu ich eigentlich jeglichen Müll an Wissen und Information in mich einsaugen sollte, gab es keinen Anlaß in ihren Gleisen zu fahren.
Zuerst einmal zog ich aus der Wohngemeinschaft aus. Mir gingen Pops Eigenarten auf den Nerv. Wie er für Stunden das Bad blockierte, sich immer in seinem düsteren Zimmer aufhielt und von morgens bis abends dudelte. Zwar benutzte er Kopfhörer, doch diese Plinkgeräusche seiner Gitarre hörte ich trotzdem. Leo stolzierte jeden Tag nackt umher und wedelte mit seinem Pimmel, als sei es der goldene Stab der Erkenntnis. Sein Zimmer war belagert von Frauen, deren Gesichter ich morgens am Kaffeetisch ertragen mußte. Und dann das Gerede, Hallo, ich bin die Susi, Hallo, ich bin die Tanja, Hallo, ich bin die… ich bin, ich bin, ich bin…
Rolf hockte nur am Schreibtisch und lernte für sein Studium, wenn er nicht in seinen Vorlesungen weilte. Seine Gestalt huschte nur ab und an in die Küche, wo er sich Kaffee machte oder etwas zu essen, dann verschwand er wieder. Gespräche kamen so gut wie nie zustande. Jeder versteckte sich hinter seiner Zimmertür und war darauf bedacht sich einen Platz in der Gesellschaft zu ergattern, selbstverständlich mit möglichst hohen zu erwartenden Einnahmen, mit angesehenen Stellungen. Eine einzige Bande von konditionierten Gestalten, die ihr Ego auf einen höchstmöglichen Umfang aufblasen wollten. Da war für mich kein Platz mehr…

Ich bekam eine Zweiraumwohnung. Arbeiterviertel, also schon mal passend für einen wie mich. Im Mehrfamilienhaus mit vier Parteien hauste ich im Parterre mit Kohleöfen. Insgesamt 48qm. Niedrige Decken, die die Wohnung in eine Höhle verwandelten, vielleicht auch das Richtige für einen wie mich, der sich am liebsten eingebuddelt hätte. Mein Auto ließ ich verschrotten und kaufte mir stattdessen ein Fahrrad. Ich wollte Bewegung in allen Belangen.

Nachdem ich sämtliche Räume renoviert hatte und auch meine spärlichen Möbel platziert waren, mußte ich feststellen, dass meine Nachbarn unten wie auch oben zur seltenen Gattung der Eigenbrötler gehörten… also auch schon mal passend für einen wie mich. Unten wohnte ein wortkarger Mann Mitte Zwanzig, der Posaune spielte und unlängst bei einem Vorspiel die Bekanntschaft mit David Byrne, Begründer der Talking Heads, gemacht hatte. Mich kannte er von diversen Gigs und Kleinauftritten. Der Typ spielte in einer Tour, ohne Unterlaß war ich seinem Tuten ausgesetzt. Schon da hätte ich das Weite suchen müssen.
Oben wohnte links ein Mann, der nur in Cowboy-Kleidung das Haus verließ. Komplett ausgestattet wie der Marlboro-Man klapperte er die Stufen hinab zu seinem Auto, kurbelte die Seitenscheiben runter und blies seine elende Country-Musik in sämtliche Himmelsrichtungen. Freitags dann stiefelte er mit einem großen Rucksack, ähnlich die der Marineleute, zum Wagen und ward bis Sonntagabend nicht mehr gesehen. Ich vermutete Wehrsportgruppe oder schlimmeres…
Oben rechts. Oben!Rechts! Dort wohnte ebenfalls ein Mensch männlichen Geschlechts. Wie ich war er täglich zu hause, lief mit Clogs, das sind diese lärmenden Holzpantoffeln, über seinen nichtgedämmten Fußboden und schien irgendwelche Laufwettbewerbe zu veranstalten. Ständig klapperte er auf und ab, schmiß die Türen, rutschte Möbel hin und her und lärmte wie eine fünfköpfige Familie. Das wäre vielleicht noch zu ertragen gewesen, schließlich hatte ich meinen Bass, meine fette Anlage mit hundert Watt Leistung und hätte ihn gern von unten mit Dezibelkanonen an seine Zimmerdecke katapultiert. Zu meinem Leid war dieser ausgewachsene Mann von bestimmt dreizig Jahren Alter ein Fan von… Schlagermusik!!!
Es war die Hölle. Es war Folter. Ich lag auf der Streckbank, wurde geteert und gefedert, die Extremitäten wurden abgehackt und dazu sangen und trällerten Cindy und Bert oder Roy Black oder Die Flippers… “immer wieder Sonntags…” Man hätte ja auch Kompromißbereitschaft gezeigt, hätte in Fällen geselligen Beisammenseins ein Auge zu gedrückt oder die Wohnung verlassen, wenn feststünde, dort wolle man mal feiern. Sicher, nur der Mensch besaß anscheinend die beste und teuerste Stereoanlage des Planeten. Ich stellte mir Boxentürme vor, hoch wie die damals noch stehenden Twin Towers, ich sah im Geiste Vorverstärker, Nachverstärker mit tellerrunden Reglern, die keine Begrenzung besaßen und man konnte sie weiter aufdrehen und weiter aufdrehen und weiter aufdrehen… ohne Ende. Die Lautstärke, in der besagter Mann seine Schlager hörte hätten die Trommelfälle der Anwohner zu Bersten gebracht, die noch in zehn Kilometer Entfernung wohnten.
Bewaffnet mit Besenstil und Taucherbrille stand ich entschlossen in meiner winzigen Küche. Der Besenstil wurde zu einer Lanze, die ich mit gewaltiger Kraft gegen die Küchendecke haute. Die Taucherbrille diente als Augenschutz, weil nämlich nach jedem Schlag,den ich tat, der Putz herunterrieselte und man ja zwangsläufig nach oben blickt. Mein Sichtschutz. Es half nichts. Es wurde zurück geschossen. Mit seinen häßlich lauten Clogs trampelte der Irre auf seinen Fußboden und brüllte sein Germanengeschrei. Was ich denn wollte? Ich sollte doch verbrennen, in der Hölle! Die Eingeweide wolle er mir rausreißen. Ich begriff ziemlich schnell, dass ein Wahnsinniger über mir hauste und beschloß fortan nicht allzu oft und allzu lange in meiner Wohnung zu bleiben.

50_ in Kognito
Meine anfängliche Euphorie zwecks alleinigem Wohnen ließ also rasch nach. Zuerst mal wegen der seltsamen Nachbarn, in deren Kreis ich mich als Außerirdischer ohne Aufenthaltsgenehmigung auf der Erde einreihen durfte. Und dann, weil ich kaum etwas mit mir anzufangen wußte. Die Schule plätscherte so dahin wie ein sauerstoffarmes Flüßchen,in dem kein Leben mehr vorhanden war. Mich ödete diese gesamte Eintrichterei von Informationen über Themen der Technik oder Mathematik nur noch an. Ich hätte feststellen können, dass der Weg vom technischen Verständnis der Dinge nicht mein Weg ist; hätte ich ja merken können, wenn ich nicht ständig besoffen und zugedröhnt gewesen wäre.
Fangen wir bei Montag an: Montags war der Unterricht so dermaßen langweilig, dass ich diesen Tag komplett ausfallen ließ. Ich schlief aus, also bis etwa zwölf Uhr mittags, setzte mir dann genug Kaffee auf, um überhaupt einen meiner Sinne in Gang zu bekommen, nämlich mein Sehvermögen. Dann hockte ich mit ausreichend Zigaretten
und einer großen Kanne dieses teakholzfarbenen Gesöffs in der Küche und starrte zum
Himmel. Ich starrte oft zum Himmel. Da gab es keine Begrenzung. Es ging in eine Endlosigkeit hinein, die mir nichts sagte. Vielleicht suchte ich da oben Zeichen oder Andeutungen für Hilfsanleitungen aus meinem stupiden Alltag? Ich glaube aber, ich suchte mir den Himmel als Anstarrungsopfer aus, damit ich den gesamten Quatsch auf horizontaler Ebene nicht erblicken mußte. Überall diese Menschwesen mit ihren ewigen Wünschen und Plänen und Zänkereien. Und überall ihre Errungenschaften, rechteckige Steinhäuser, Metallautos, mit Hecken umfasste Kleingärten, Stacheldrahtzäune, Kanalisation, Fernsehen…

Am Nachmittag ging ich duschen und wurde wacher. Mit dem Fahrrad ging es dann in
die nächste Kneipe, wo ich türkisches Fladenbrot mit Ziegenkäse aß. Dazu Kaffee, immer mehr Kaffee, schließlich wollte ich meinen Puls in die Höhe fahren, damit ich die Nacht noch erleben konnte. Ich saß meist allein an einem Tisch, las in der Zeitung oder in einem Buch und wartete, dass es endlich losgehen konnte. Auch wenn ich sie verabscheute, so suchte ich doch immer ihre Nähe. Gegen acht Uhr wechselte ich das Lokal und schlenderte zu einem Cafe, das sich zu einem Treffpunkt vor dem Besuch der Disco entwickelt hatte. Hier hockten sie alle, die nur darauf warteten endlich wieder im Lärm und Gestank stehen zu können. Man trank seinen Milchkaffee, quatschte über Belangloses und schaute auf die Armbanduhr. Kann ich schon? Ist es nicht doch noch zu früh für ein Bier?
Ich lehnte am Tresen und sah mit Stieraugen auf das sich ausbreitende Volk. Alle waren bereit auf die Pirsch zu gehen, alle bereit zum Angriff, männlich, weiblich, gierig, bereit zur Vereinigung, bereit für das nächsten Wagnis.
Um acht Uhr bestellte ich mir das erste Bier. In der Tür stand Chris und winkte. Auch er ließ sich kaum noch in der Schule blicken. Er hätte jetzt die Idee überhaupt und wolle das mit dem Abitur erstmal zurückstellen. Jetzt mit Führerschein KLasse zwei kaufte er sich einen großen Transporter, wollte Umzüge anbieten mit allem drum und dran. Ich räume denen alles aus, verpacke es und fahre es sogar noch in die neue Bude. Wir bestellten weitere Biere und Chris redete sich in Wallung. Natürlich könne er das nicht allein machen, er bräuchte noch Helfer und ob ich… um Himmels Willen, ich winkte ab, körperliche Arbeit? Die brauchte ich vorerst nicht. Aber danke für das Angebot. Was denn überhaupt mit der Demo Kassette sei, gefällt sie euch? Habt ihr sie verschickt? Gibt es Reaktionen?
Ich war ausgestiegen aus der Band und konnte ihm nichts beantworten. War mir auch egal, was diese Band noch anstellte. Für mich waren die alle gestorben, ausgestorben und eingeäschert. Hatte keinen bestimmten Grund, ich wollte nur nichts mehr mit ihnen zu tun haben.
Chris fing erneut mit seiner Möbelpackeridee an und meinte, er würde sich jetzt so einen LKW kaufen mit Laderampe, genug Decken, als Schutz beim Einräumen und so. Ihm ginge es vorallem um die Kohle. Abschluß sei ihm nicht wichtig, davon könne er nicht leben, er wolle jetzt auf der Stelle Geld verdienen. Na gut, sagte ich, nur zu, ich wünsch dir Glück. Und noch ein Bier……

Dann ging es ab in die Disco. Mit dem Rad fuhr ich im chaotischen Stil durch die Nacht.
Das Bier hatte mich ausreichend benebelt, dass ich die Menschenmassen ertragen konnte, ebenso wie den Lärm. Eigentlich geht man ja in die Disco, um zu tanzen, um Leute zu treffen, ich hingegen suchte mir abseits ein nettes Plätzchen, orderte genügend Gin/Tonic, zwischen durch auch mal ein Bier, wegen des Durstes und glotzte auf dieses wabernde Ectoplasma.
Mädchen und Frauen im geburtsfähigen Alter trippelten umher, auf der Suche nach Stechern. Männer mit entblößten Oberarmen zeigten ihre Qualitäten und warben um die Gunst dieser Hennen. Hatten sich zwei gefunden wurde erstmal auf der Tanzfläche abgetastet, was der Kerl denn so alles drauf hatte. Mit unbeholfenen Schritte torkelte der Typ dann dem bunten Vogel hinterher und ruderte mit seinen dicken Armen durch die Luft, als suche er Halt im Nichts. Sie tanzte rythmisch zur Musik, er stolperte vor ihr herum und lauerte auf ihre Oberweite. Dann ging es an die Bar, begleitet von einem ewigen Grinsen, die die Hilflosigkeit nur noch mehr hervorhob. Er bestellte Getränke, schrie ihr igendwas ins Ohr, woraufhin sie dann noch mehr grinste oder gar losgackerte. Rasch wurde zu geprostet, ausgetrunken und erneut bestellt, mit einem ordentlichen Alkoholpegel im Blut konnte man jeder Situation Herr werden. Sie hörte gar nicht mehr auf mit Grinsen und Gackern, er wurde nun mutiger und griff ihr an den Hintern, was sie selbstverständlich wünschte und wollte und mochte. Beide brüllten sich in die Ohren, verdrehten die Köpfe, als nähmen sie an, man beobachte sie. Und dann kreischende Musik aus den Lautsprechern, wahrscheinlich ihre Lieblingsmusik, denn sie springt wie ein Huhn herum und poltert auf die Tanzfläche, schwingt ihren dünnen Leib durch die anderen Tanzenden und wirbelt wie eine Irre im Kreis. Er blickt nun zu einem anderen Kerl, hebt seinen Daumen zum Zeichen des Sieges, oder sowas. Mein Bierglas ist leer…
Fünf Uhr morgens. Ich werde blind durch die grellen Scheinwerfer in der Disco. Ich höre nur ein Geraune von Stimmen, keine Musik mehr. Völlig benebelt erhebe ich mich und latsche nach draußen, suche mein Fahrrad, finde es und fahre davon. Auf meiner kleinen Außerirdischen Weltraumstation ist alles still. Der Cowboy schläft am Lagerfeuer. Der Posaunist stülpt im Traum die Lippen und ist Mitglied bei den Talking Heads. Der Oberaffe von direkt über mir hat seine Clogs in dreizig Zentimetern Abstand vom Bett gestellt, ist eingewickelt in seiner Bettwäsche mit dem Konterfei von Rex Gildo auf dem Kopfkissen. Er lächelt und träumt von Mexiko… Hossa Hossa Hossa… Ole´!
Ich rutsche ins Bett. Alles dreht sich. Mir ist übel. Der Raum bewegt sich. Mein Bett gleitet durch mein Zimmer wie ein Raumschiff. Immer wieder schlage ich die Augen auf. Dann ist Ruhe in mir.
Ich schlafe…

51_ pro reo
Dienstag:
Ich kriege kaum den Mund auf. Trockener Wüstensand im Rachen, Speichelfluß gleich Null, SP=0.Hämmern und Klopfen unter der Kopfhaut. Im Nacken sitzt der Folterknecht mit seiner Armwinde. Ich schiele aus Schlitzaugen, chinesisches Schauen nennt sich das, wenig Erleuchtung an diesem Tag. Durch das Küchenfenster drängelt sich der weiße Schein von Mutter Sonne, die drohend mit ihren Strahlen winkt. Jeder helle Fleck, der sich durch den Sonnenschein spiegelt trifft meine Augen wie tausend Nadelstiche. Ich erblinde.
Nach etlichen Tassen Kaffee dann wieder Menschlichkeit spürbar. Ich dusche. Ich trockne mich ab. Ich wälze mich durch meine Miniaturwohnung, bereit für den Abgesang. Die Uhr zeigt bereits drei Uhr nachmittags und ich muß schnellstens hier raus. Um diese Zeit ist der Halbaffe von direkt über mir auf Hochtour und räumt seine spartanische Einrichtung von einem Fleck auf den anderen, als bekäme er Besuch von Königin Elisabeth. Sein Clogsgetrappel beginnt, als Vorwarnung für alle Anwohner. Meine Ration Ziegenkäse und das türkische Fladenbrot stehen vor mir, aber ich bekomme keinen Bissen herunter. In mir sitzen Spülwürmer und planschen im Pool meines Magens. Schätze, die veranstalten irgendwelche Wettspiele, weil das Plätschern vom Nebentisch bemerkt wird. Dort sitz sie. Gerade Haltung, als säße ihr ein Stock im Arsch. Rapunzellanges Haar, rotbraun, ich tippe gefärbt. Gesunder Teint, blaue Sehorgane, die kreisend in den Höhlen sich bewegen, auf der Suche nach Irgendwas. Sie trägt ein knielanges Kleid, einfarbig rot, dunkelrot. Ihre Beine sind übereinandergeschlagen und unbehaart, löblich das. Vor ihr auf dem Tisch steht eine Tasse Kakako, leer getrunken, der obere Rand der Tasse zeigt mir Rückstände der Sahnehaube. Sofort Mutmaßungen meinerseits, sie trinkt keinen Kaffee, naja, bei diesem Teint, sie trinkt auch keinen Alkohol, ernährt sich vorwiegend fleischlos, Rohkost, schätze ich, aber zumindest vegetarisch. Nun guck schon mal rüber, schicke ich Energiegedanken in den Äther. Diese gelangen jedoch nicht zu ihr, was wahrscheinlich an der verdreckten Luft im Raum liegt.
Ich bezahle und marschiere mit dem Rad in der Hand zum Cafe. Um nur keine Zweifel aufkommen zu lassen, bestelle ich sofort ein Bier,0,4l, kalt, bitte… Es ist sieben Uhr abends.
Bis etwa zehn Uhr harre ich aus, treffe keine bekannten Gesichter, was ich begrüße und schwinge mich dann auf das Rad und fahre heim, schauen ob der Plejader noch an seiner Raumkapsel bastelt oder sich schon Roberto Blanco an den Hals geworfen hat. Wie erwartet ist Besuch oben. Man feiert das erfolgreiche Setzen und Stellen des Mobiliars oder was auch immer. Ich komme gar nicht dazu den Schlüssel ins Schloß zu stecken, schon vorn am Hauseingang bricht es aus mir heraus wie aus Seemännern. Spülwürmer bahnen sich ihren Weg ins Freie und ich lasse sie ziehen. Völlig verkatert steige ich stinkend ins Bett und warte auf den nächsten Tag. Mit Kopfhörern und Walgesängen segele ich in die Welt des Unterbewußtseins, wo mir Dieter Thomas Heck mit einem Zweimetermikrofon Wahrheiten verkaufen will. Ich lehne ab… ich lehne a…. ich lehne… ich lehn… ich leh… ich le… i……….

52_ in dubio
Mittwoch:
Das waren dann wohl dreizehn Stunden Schlaf. Heute gehe ich zur Schule. Beinahe fit radle ich die zehn Kilometer wie Jan Ullrich, nur ungedopt. Bis auf meinen Kaffee und
die tausend Zigaretten pro Tag gibt es keine Aufputscher. Die Vorbereitungen für die Mathematik Klausur sind in vollem Gange. Dr.Kinnskopf platziert akurat seine Folien auf den Overhead-Projektor und faselt in einer mir nichtverständlichen Sprache. Ich weiß nur, dass X gegen unendlich läuft wie mein Brummschädel. Als variabel läßt sich mein Zustand nun wahrlich nicht beschreiben, dazu gibt es zuviele Konstanten. Wie zum Beispiel Bier oder Schlaflosigkeit. Dope und Appetitlosigkeit. Rechenbeispiel:

In einer Welt bestehend aus
a=Bier;
b=Schlaflosigkeit,
c=Haschisch und
d=Appetitlosigkeit ist die
zu erwartende Antwort
y=einer Bestimmung zu ermitteln.
Berücksichtigen den Generationsfaktor X.

Y = a+c geteilt durch c+d ;
Generationsfaktor X = 0,3(bestimmt den Grad der seelischen Deformierung)

Wenn also a= 30E(0,3lx10) und b=70E(0,7Tütenx10Züge)
und c= 4E und d=12E ergibt das

y = 30E+70E=100E geteilt durch 16E = 6,25Einheiten einer Bestimmung

unter Berücksichtigung des Generationsfaktor X ergibt sich daraus:

y=6,25Einheiten geteilt durch 0,3 = 20,83Periode

Gehen wir nun von einer Bestimmungsrate von 100 aus, liegt für unseren Probanden
eine Wahrscheinlichkeit der Bestimmungsfindung bei 20,83Periode Punkten, Prozentual
wäre das : 100=100%
1=1%
20,83=20,8333333333% der Bestimmungsfindung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Proband sein Glück findet liegt bei sage und schreibe 20%. Nicht viel bei einer Lebenserwartung von 75 Jahren. Man sollte meinen in dieser Zeitspanne ließe sich doch eine Chance wenigstens nutzen, vielleicht im Bereich der Liebe, wo es am ehesten zu Erfolgen kommt. Im Beruflichen hingegen ist die Aussicht auf Erfüllung bei einer 20%igen Bestimmungsrate dann eher unwahrscheinlich. Folglich entscheidet sich der Proband für eine glückliche Beziehung und nimmt die Unannehmlichkeiten eines völlig verblödenden Jobs in Kauf, weil ihm keine andere Wahl bleibt, nein, es ist sogar der Weg des geringsten Widerstandes und somit eine weise Entscheidung.

Naja, schon nach der zweiten Stunde verließ ich die Schule. Ich fuhr nach hause und beschäftigte mich mit meinem Instrument. Ich wollte dem Idioten von oben mal einige Tieffrequenzen in der Fußboden schicken, vielleicht löste sich der Teppichbelag oder die Möbel verrückten sich auf seltsame Weise. Nach kurzer Zeit schon machte ich schlapp. Mir fehlte die Lust. Mir fehlte der Elan und der Ehrgeiz. Ich wartete auf den Nachmittag. Ich wartete…

53_ carpe diem
Donnerstag:

Ich wartete.
Wer jetzt glaubt,der Donnerstag sähe anders aus als die übrigen Tage täuscht sich nicht.
Ich wartete am Mittwoch auf eine nennenswerte Veränderung,die vorausahnend nicht
eintraf.Nach meinem beharrlichen Warten und den Überlegungen mathematischer
Beweisführung in bezug auf die Bestimmung in einem Leben,ging ich letztlich schlafen,
auch auf die Gefahr hin,dass mir Wencke Myrrhe im Traum begegnen sollte oder gar
Gitte…
Ich versuchte einen neuen Anlauf und radelte zur Schule.auch hier keine nennenswerten
Veränderungen.Die Schüler saßen artig in den Sitzreihen,blätterten in ihren Büchern oder
lauschten interessiert dem jeweiligen Lehrer.
Im Unterricht für Technische Zeichnung lockerte ich die miserable Stimmung im Raum
etwas auf,in dem ich zwei Bleistifte HB wie ein echter Drummer zusammen schlug,also
vier gezählte Takte vorgab.Na,das war doch was.Chris schmiß sich beinahe weg und
rotierte auf seinem Stuhl.Doch schon nach kurzer Zeit beugten sich die Streber über ihr
Millimeter-Papier und kritzelten weiter ihre Draufsichten,konstruierten die Seitenansicht
oder radierten um die Wette.Es war nicht zum Aushalten.Mich langweilte das Lernen so
dermaßen,dass ich in der zweiten Pause wieder verschwand;allerdings nicht ohne meine
kleine Pantomimen Einlage.Ich öffnete einen imaginären Koffer,der sich auf meinem Tisch
befand und schraubte in aller Seelenruhe Teile,die sich in diesem Koffer befanden zusammen.
Jeder konnte erkennen,dass ich ein professioneller Killer war,der sein Präzisionsgewehr montierte.
Dann legte ich an…

Wieder fuhr ich nach hause.Unterwegs hielt ich noch in der Innenstadt und schaute mir die neusten
Langspielplatten meiner favorisierten Bands an,aber auch da war nichts Interessantes zu finden.
Kaum hatten Bands wie The Cure oder Chameleons mal einen Hit gelandet,hörte sich das
darauffolgende angeblich neue Material genauso an.Niemand konnte mich noch überraschen.

Den gesamten Donnerstag verbrachte ich vor der Glotze und versuchte die tutende Posaune
meines Nachbarn zu ignorieren.Manchmal stand ich,schnallte mir meinen Bass um und dudelte
irgendetwas Belangloses auf vier Saiten.Das dauerte allerdings nicht länger als vier,fünf Minuten,dann hockte ich wieder im Sessel und starrte auf die andere Realität.Als es dämmerte
zog ich los.Zuerst in die Kneipe zum Fladenbrot,dann ins Cafe,um mir einige Damen anzugucken und dann in die Disco,um mich sinnlos zu besaufen.
Das Wochenende sah nicht anders.Schule,Lernen,Abitur,das waren Dinge,die ich wohl nicht gebrauchen konnte.Ziellos irrte ich umher und wartete auf eine Eingebung oder einen Hinweis,
der sich zwischen die Wolkengebilde oberhalb meiner Miniaturwohnung mittles eines Fingers
zeigen würde.Konnte doch sein,dass Gott mir auf die Sprünge helfen würde,weil er erkannte,dass man einem Taugenichts nur mal in den Arsch treten mußte,damit den selbigen hochbekam.Konnte doch sein,dass man mir Zeichen energetischer Art zukommen ließ,um mich auf den rechten Pfad zu geleiten.Konnte doch sein?War aber nicht so…

54_ neuer Job muß her, schließlich bin ich Arbeiter
Da also keine Hilfe von ganz oben zu erwarten war, mußte ich mal wieder selbst dafür sorgen, dass dieser Status Quo, in dem ich mich befand, aufgehoben wurde. Zuerst mal mußte ich dringend Kohle verdienen, weil ich durch die eigene Wohnung und meinen doch recht hohen Lebensstandard mit dem BAfög nicht mehr hinkam. Ich suchte was Leichtes, irgendwas, wo man nicht unbedingt denken mußte, was einem so von der Hand ging. Am besten wäre natürlich Müllmann gewesen, aber an so einen Job kam man nur schwer heran.
Bierfahrer hätte zu meinem Lebenswandel gepasst, ist aber körperlich zu anstrengend. Nach kurzen Überlegungen kam ich darauf eine Stelle als Kellner zu suchen. Ich fragte bei meinem Fladenbrot-Typen, aber der konnte sich mich nicht leisten und machte alles, was in seinem Laden anfiel lieber allein. Dann ging ich in das erwähnte Cafe, wo sich vor jedem Discoabend die Szene trifft. Besitzer waren zwei sympathische Freaks, die zu meinem Vorteil auch noch Musiker waren. Siggi spielte Bass und hatte sein Studium der Sozialpädagogik abgebrochen. Burki spielte Gitarre und hatte ebenso ein Studium der Rechtswissenschaften hingeschmissen, wozu man beide eigentlich nur beglückwünschen konnte. Gemeinsam kamen sie auf die glorreiche Idee eine Kneipe oder ein Cafe zu eröffnen, um so ihren geringen Lebensunterhalt zu verdienen. Erspartes gab es nicht und so mieteten sie eine heruntergekommene Pinte an, renovierten alles in Eigenarbeit und besorgten sich Mobiliar vom Sperrmüll oder wo man sonst noch was auftreiben konnte.
Ich fragte frei heraus an einem Abend, meinte, ich suche einen Job und könnte eigentlich täglich von mittags bis abends arbeiten. Sie waren begeistert, kannten mich auch von diversen Besuchen meinerseits und hatten mich auch schon auf einer Bühne gesehen. Musiker waren immer willkommen.
Meine erste Schicht machte ich mit Siggi zusammen. Es war ein lauer Abend. Am Tresen hockten die üblichen Verdächtigen und tranken ihren Sekt oder Kaffee oder eben Bier. Ich stand eigentlich nur vor der Zapfanlage und machte die Biergläser voll, damit der Rubel rollte. Wenn das so bleibt, dachte ich mir, dann ließe sich das schon ertragen.
Das Cafe war ein großer Raum von vielleicht 80qm. Tische standen wahllos herum, mit Stühlen davor. Es gab eine Getränkekarte und eine kleine Karte für Snacks, die hinten in der Küche zubereitet wurden. Nach einigen Tagen hinter dem Tresen freundete ich mich mit Anna an, die in der Küche fuhrwerkte. Sie war ein Paradiesvogel, sah auf alle Fälle so aus. Sie war zierlich und trug selbstgeschneiderte Kleidung. Ich vermutete sie hatte sich diese aus Stoffresten zusammengenäht. In allen Farben schimmerten ihre Oberteile. Sie trug nur Röcke, was ich sehr begrüßte, denn ich mag Frauenbeine. Meist trug sie noch irgendeine Mütze oder einen Hut, die natürlich auch selbst angefertigt waren. Ich mochte Anna vom ersten Tag an. Sie war nicht eine dieser Gören, die sich jedem Typen an den Hals warfen. Um ihre Aufmerksameit zu erwecken, mußte man schon anderes vorweisen als ein gutes Aussehen. Männer, die gut aussehen, sagte Anna, interessieren sie gar nicht. Die verwenden ihr halbes Leben darauf in den Spiegel zu schauen und ihr Äußeres auf ein Höchstmaß an Attraktivität zu polieren. Sicher ist es für eine Frau angenehm mit einem gutaussehenden Herrn durch die Gegend zu ziehen, aber sobald die den Mund auftun, kommt nichts als Luft heraus. Hirnlose Mutanten in Designerkleidung.

Wenn ich anfangs noch nach der Schicht in die Disco fuhr und mir die Gestalten dort ansah, warum weiß ich eigentlich nicht mehr, so verging mir immer mehr die Lust danach und ich hockte nach der Arbeit am Tresen des Cafes und wartete, dass Anna Feierabend machte. Wir tranken dann einige Biere gemeinsam, redeten über dies und das und warum eigentlich niemand mal anfängt dieses Wirtschaftssystem in die Luft zu jagen. Meist wurde es ein oder zwei Uhr nachts und ich fuhr sie mit meinem Fahrrad, wo sie auf dem Gepäckträger Platz nahm, nach hause. Wie ich war Anna auf der Suche. Was wir suchten hatte sich allerdings noch nicht herauskristallisiert. Wir wußten, dass wir Randfiguren waren, die einem materiellen Konsum aus dem Wege gingen. Ein teures Auto, schicke Kleidung, Gold und Edelsteine, das alles konnte uns nicht faszinieren.
Ich selbst war immer weniger zu hause, was wohl auch gut so war, denn ich hätte dort leicht durchdrehen können. Als ich wieder mal nachts in meiner Wohnung ankam, trommelte die Goombay Dance Band von oben ihre heißen Rythmen, dass mir schlecht wurde. Der Typ hatte seine Anlage voll aufgerissen und schrie dazu wie ein Wahnsinniger. Vielleicht wollte er mitsingen, ich weiß es nicht. In seinem besoffenen Kopf entwichen ihm nur Krächzlaute, die Ähnlichkeit mit dem Schreien eines Papageien hatten. Ich machte mir Gedanken, warum mich eigentlich die Lautstärke so verfolgte. Ich meine, dass mußte doch irgendwas zu bedeuten haben, dass ich in ein Haus eingezogen war, wo aus jeder Wohnung Gedröhne und Geschreie und Gelärme kam. Wollten die mich fertgtimachen?
Mit Kopfhörern legte ich mich ins Bett und schlief ganz, ganz langsam ein. Ich träumte von Anna.

55_ Die Sache mit Anna
Die Sache mit Anna war folgende:
Schon nach einer Woche, in der ich mit ihr zusammen gearbeitet hatte,war ich völlig in sie verknallt. Es gab da nur einen Haken, sie war bereits läiert, mit einem Typen namens Joe, der, wie fast alle aus unserer Stadt, in einer Band spielte und mir schon öfters über den Weg gelaufen war. Ich mochte Joe. Er dudelte Gitarre und das gar nicht mal schlecht. Ich hatte keine Ahnung wie ich mich verhalten sollte. Die Abende mit Anna waren zum eigentlichen Mittelpunkt meines trostlosen Daseins geworden. Mit der Schule hatte ich nichts mehr am Hut. Ich versäumte sämtliche Unterrichtsstunden,
verhaute jegliche Klausur und konnte mir eine Zukunft für mich nur schwerlich vorstellen. Die dicken Rosinen einer Musiker-Karriere waren längst mit weißem Schimmel übersät und das Bass-Spielen brachte mir keine Genugtuung mehr. Was sollte die ganze Quälerei mit Fingerübungen, wenn letztlich die Musik der Band scheiße war? Und ich hatte ja noch nicht mal eine Band.
In meiner Wohnung rastete ich fast täglich aus, weil ich das Posaunentröten und die Schlagermusik kaum ertragen konnte. Zum Glück war mein Wehrsportgruppenleiter nicht so ein Lautstärkefanatiker.
Ich hielt mich auch in der Freizeit im Cafe auf, saß an der Theke und quasselte mit den Mitarbeitern; meist waren das junge Kerle oder Mädels, die man aus der Szene kannte. Tom, der Cousin von Siggi, übernahm immer die Nachmittagsschicht, in der ich schon vor verschlossener Tür auf ihn wartete. Wenn er ankam, grinste er breit und fragte mich, ob ich denn kein Zuhause hätte, dass ich nur noch hier herumhänge? Aber was sollte ich anderes tun? Ohne Band? Ohne einer anständigen Bleibe? Ohne einer Perspektive? Ohne Anna?
Natürlich hockte ich nur im Cafe wegen Anna. Sie kam meist gegen siebzehn Uhr und bereitete die Snacks für den Abend vor, schnitt Salate, kochte Suppen oder dachte sich irgendeine neue Speise aus, von der sie annahm, man könnte sie an die verhungerten Discogänger verramschen. Sobald sie im Cafe erschien strahlten meine Augen. Wahrscheinlich wußte mittlerweile jeder, der mich sie anhimmeln sah, wie verknallt ich war. Selbst Joe, der mich dann eines Tages zu einem Gespräch einlud. Mir ging das Herz in die Hose, weil ich eigentlich wußte, dass ich ihn verletzen würde, wenn ich Anna anbaggerte. Ich befürchtete sogar ein Duell oder ähnliches.

Wiedermal saß ich mit krummem Rücken am Tresen und wartete auf den Beginn meiner Abendschicht, als Anna hereinschneite und sofort neben mir Platz nahm. Sie roch süßlich nach Rosenwasser, hatte sich die Haare mit Henna gefärbt und verzauberte das Cafe mit seiner tristen Einrichtung in einen bunten Zirkus. Dass Joe jeden Moment kommen würde störte sie nicht weiter, schließlich war sie eine gestandene, selbstbestimmte Frau und konnte tun, was sie wollte. Außerdem hatten wir, leider, nichts, aber auch gar nichts miteinander. Wir bestellten uns jeder einen großen Milchkaffee und redeten über Belangloses.
Je länger sie an meiner Seite saß, desto aufgeregter wurde ich. Ich war immer kurz davor sie zu berühren. Manchmal tauchte dann sogar so ein Gedankenblitz auf, der mir einhämmern wollte, Anna würde es wünschen, dass ich sie berührte, was natürlich vollkommener Unsinn war. Diese Eingebungen hatte ich schon bei Rosa verdrängen müssen, sonst hätte ich mich derbe in die Nesseln gesetzt. Anna blieb absolut ruhig, als Joe hereinkam und sich zu uns setzte .Er zog sich einen Barhocker zwischen uns, rückte jedoch gleich näher an Anna heran, um seine Position in dieser prikären Lage zu unterstreichen. Naja, und was dann kam, sollte man besser unerwähnt lassen, nur um meine Gesamtsituation nicht noch mehr in den Abgrund zu schleifen. Selbstverständlich hatte Anna bemerkt, dass da jemand auf sie scharf war, nämlich ich Idiot. Und selbstverständlich hatten auch alle anderen Menschenhüllen weltweit diesen Umstand erkannt, nur… Anna wollte gar nichts von mir, was sie Joe nun in meiner Gegenwart unter die Nase rieb. Wie er, Joe, überhaupt auf die Idee kommen würde, sie,Anna, hintergehe ihn oder beginne eine Affäre mit einem anderen?Sie brauste regelrecht auf und es verschlug beiden, mir und Joe, die Sprache.Ich mußte meinen Blick von ihr nehmen, als sie Joe umarmte und küsste. An mich gewand sagte sie noch, es tue ihr leid, aber sie genieße schon meine Verliebtheit, auch wenn sie diese nicht erwidern könne. Es tue ihr ja auch leid…
Himmel, wie oft sie das gesagt hatte, habe ich nicht mitgezählt, weil es mich ganz einfach nervte. Was nützt mir denn ihr Mitleid in meiner Lage? Was macht man überhaupt in so einer aussichtslosen Situation? Am besten man verkrümelt sich und zwar plötzlich.
An diesem Abend tauschte ich meine Abendschicht mit Tom, der einwilligte,aber stinksauer auf mich war. Nun durfte er zwölf Stunden am Stück des herrliche Leben eines Kellners ausleben.

56_ Körbe sammeln
Um mich zu beruhigen und meinem gebrochenen Herzen wieder etwas Leim zu spenden, damit es sich erholte und zusammenwachsen würde, gab ich mich meinem alten Lebensrythmus hin. Zuerst einmal nahm ich nur noch Schichten im Cafe an, in denen Anna NICHT arbeitete. Dann versuchte ich einen Neustart in der Schule, wobei mir das wohl am schwersten fiel, weil ich total von der Rolle war und kaum einen Einstieg in die jeweilige Materie fand. Diese gesamten technischen Fächer besaßen soviel Zauber für mich wie Tony Marshalls Schlagerstückchen “Schöne Maid”, ich hätte kotzen können… “wir machen hoppsassa und singen trallala…” Selbst in den Sprachfächern kam nicht ein Funken Ehrgeiz in mir auf. Im Englisch-Unterricht kam doch tatsächlich eine farbige Lehrerin in den Klassenraum und stellte einen Kassettenrekorder auf ihr Pult, kramte eine Kassette hervor und dudelte uns ein Stück von Crosby, Stills, Nash and Young vor, was wir dann übersetzen sollten… “teach your children well”.
Wie konnte man bei so einer Scheiße überhaupt jemals daran glauben in der Gesellschaft Fuß zu fassen? Die hatten doch nicht mehr alle an der Birne! Im Biologie-Unterricht faselte eine spindeldürre Krähe mit Glubschaugen vom Endoplasmatischen Retikulum und erwartete tatsächlich, dass wir Halberwachsenen Interesse an ihrem Steckenperdchen zeigten. Der Technik Unterricht war ein Hohn. Dort stand ein Greis, der bestimmt sein ganzes Leben schon an der Schule unterrichtete, vor uns und redete von Lufteinschlüssen im Stahl, vom voreilenden Riß beim Sägen eines Metallstückes. Jedes Mal, wenn er auf uns einredete, trocknete sein Mund völlig aus und in den Mundwinkeln bildeten sich weiße Spuckekugeln. Der fand das unübertroffen heiß, was er da von sich gab.
Nur mich konnte er in keinster Weise damit beglücken. Den Vogel schoß dann ein Professor ab, der uns unser heiliges Wirtschaftssystem näher bringen wollte. Ich krieg´das jetzt nicht mehr richtig zusammen, aber er meinte in etwa so, dass eigentlich unser gesamtes System, politisch, wirtschaftlich, sozial, aus einer mathematischen Formel besteht, die unser Denken, Handeln und letztendliches Tun bestimmt. Ich hatte das damals auch begriffen und fand es eigentlich nicht verwunderlich. Es braucht nur jede Menge Idioten, die mitlaufen und gut geölt die Maschinerie in Gang hielten. Ich wollte nicht dazu gehören. Trotzdem versuchte ich durch Auswendiglernen den einzelnen Themen Herr zu werden, um mal wieder eine Klausur mit zu schreiben und eventuell einen Abschluß zu bekommen, wobei mir das zu diesem Zeitpunkt aber nicht als oberste Priorität erschien.

Die Nächte waren ganz meinem Studium der Menschenhüllen und ihrem Gebahren in der Öffentlichkeit gewidmet. Ich hockte bei ausreichend Bier und Gin/Tonic auf meiner Aussichtsplattform in der Disco und studierte ihr Wesen. Das Balzverhalten der männlichen Spezie lag mir dabei besonders am Herzen, schließlich mußte ich lernen, wie die es anstellten das Weibchen für sich zu gewinnen. Nach meiner Abfuhr bei Anna hing mein Selbstbewußtsein im tiefsten Keller. Also beobachtete ich diese dümmlichen Gestalten mit ihren freigelegten Oberarmen, ihren blendend weißen Zähnen und dem aufpolierten Äußeren. Schon bald stellte ich fest, es kam nicht so sehr auf eine anregende Konversation an, sowas ist in der Disco bei dem Gelärme unmöglich, sondern die Weibchen suchten sich ihre Partner nach dem alten Darwin´schen Prinzip aus: Wer hat die größte Chance diesem Chaos auf Erden zu trotzen? Das konnte nur jemand sein, der eine gewisse körperliche Stärke aufweist, der Mut besitzt, der nicht vor Niederlagen zurückschreckt und der zu allem noch vorzeigbar ist, also kein Quasimodo oder so. Bald war klar, dass ich nicht zu diesen Wesen gehörte. Ich besaß überhaupt keine körperliche Stärke. Ich besaß keinen Mut. Niederlagen zeigten mir eigentlich nur immer wieder meine absolute Unfähigkeit auf, mit dem Leben zurecht zu kommen. Naja und der Schönste war ich nun wirklich nicht. Normalerweise wird so ein Exemplar wie ich dann automatisch aussortiert, entweder durch Tritte und Schläge der Alphatiere, die natürlich die Weibchen für sich haben wollen oder durch Ausstoß aus der Gemeinschaft. Letzteres nahm bei mir rasch seinen Lauf.

57_ im Einerlei
Der Ausstoß oder besser mein selbst vorbereiteter Ausstieg aus der Gemeinschaft der Humanoiden vollzog sich rasch und hinterließ eine bis heute andauernde Zweifelsfähigkeit an einem Sinn unseres gesamten Wirkens.
Ich verbarrikadierte mich zwischen dem Posaunisten, dem Wehrsportgruppenleiter und dem Fuzzi von direkt über mir. Den Laustärkepegel dieser illustren Gemeinschaft wider Willen versuchte ich mit Kopfhörern, Ohrstöpseln oder Flucht zu entgehen. Meine Arbeit als Kellner im Cafe schmiß ich hin und sagte der Szene aus Musikern, Halbintellektuellen und Möchtegernmilliardären Auf Wiedersehen. Der Kontakt zu diesen Wesen bestand nur noch aus dem kurzen Begrüßen des Postboten, der mir meine Rechnungen brachte und etwaigen Unbekannten, die ich während des Einkaufes von Ernährungsmitteln erblicken mußte. Allerdings vermied ich es geschickt Augenkontakt herzustellen. Mit hohen Schultern und tiefem Blick in den Einkaufswagen rollte ich durch die Reihen des Supermarktes bis hin zur Kasse, wo mich ein stumpfblickendes Frauchen anglotzte, als sei ich von einem anderen Stern. Mein Äußeres war sehr vernachlässigt. Die Haare hatte mich mir ratzekahl vom Kopf geschabt. Eines Abends kam mir diese Idee, die ich sofort in die Tat umsetzte. Ich kramte mein Rasierzeugs heraus und begann sämtliches Haar herunterzuwetzen. Einige Pickel auf dem Kopf mußten dranglauben und am nächsten Tag in der Schule konnten man deutliche Blutspuren meines nächtlichen Irrsinns ausmachen.
Wie es so ist unter den unaufmerksamen Menschen unserer Zeit, befanden die meisten mein Aussehen als überaus cool…. he´s a man of the past and one of the present, a man who hides behind a mask, believing it´s cool to be down…
Den Lehrern, die mich nach meinen fehlenden Haaren befragten, antwortete ich, ich hätte eine Wette verloren, was sie stillschweigend akzeptierten. Winnenden war nicht mehr weit. Doch ich war nie ein gewaltätiger Mensch gewesen. Ich war zurückhaltend, still, ja schüchtern. Ein Amokläufer wäre nie aus mir geworden, höchstens hätte ich mich selbst zerstümmelt, anstatt andere in den Tod zu schicken.

Ich brauchte einen neuen Job, wie immer. Ich meldete mich auf eine Anzeige hin bei einem Unternehmen, welches Eisenprofile sammelte und auslieferte. Eigentlich bestand der Schuppen nur aus einer einigen riesigen Lagerhalle, wo diese Profile auf großen Stößen übereinander lagerten. Ein kleines Büro für den Oberaufseher. Eine Betonpiste, die längs durch die Halle führte, auf der Lkw´s fuhren, die mit den Profilen beladen wurden.
Mein erster Tag war eine Katastrophe. Die Profile hatte eine Länge von sechs Metern und man mußte diese mit einem Kran, der von Hand mit einer riesigen Fernbedienung gesteuert wurde, auf die Lkw´s verfrachten. Morgens wurde ich kurz von einem stumpfen Typen namens Karl eingewiesen und sollte gleich loslegen. Die Bedienung des Krans war nicht weiter schwierig, viel schwieriger war das Ausbalancieren der Profile. Legte man das Seil nicht genau in der Mitte eines Stapels Profile an, so rutschten diese durch die Schlaufe heraus und krachten nach unten. Wenn ich mal einen Stapel in der Mitte zu fassen bekam, mußte ich mit einer Hand die Fernbedienung betätigen und mit der anderen Hand den Stapel in Waage halten. Dann mußte dieser elende Stapel noch auf einen Lkw verladen wurde. Tonnen an Gewicht zappelten über mir bis sie mit einem Krachen auf der Ladefläche landeten. Ständig schrien die anderen Mitarbeiter, ich solle mal nicht so einen Lärm veranstalten und vorsichtiger hantieren. Leichter gesagt als getan.
Nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh raus und es flutschte. Morgens holte ich mir beim Oberaufseher die Bestellscheine ab und marschierte dann zu meinen Profilen. Es gab etliche Profile, die jeweils für sich auf einem Stapel lagen und morgens wurde herum gefragt, wer denn welchen Stapel heute übernimmt. Mit der Zeit wußte man, welche Profile besonders gefragt waren und wo man richtig zulangen mußte. Bei anderen war die Nachfrage gering und man hatte eine laue Schicht. So wurde also täglich gewechselt, damit jeder in den genuß eines unausgefüllten Arbeitstages kam. Der Lohn war mächtig, aber auch die körperliche Anstrengung. Und es blieb wie es bleiben muß, aus einem Arbeiterviertel kann nur ein Arbeiter kommen.

Abends ging nichts mehr, weder Disco noch Bassspielen noch sonst irgendwelche Aktivitäten, bis auf Bier trinken. Mein Vorrat war unerschöpflich. Mittlerweile kaufte ich Kistenweise, weil ich mit vier fünf Flaschen pro Abend nicht mehr hinkam. Dieter Thomas Heck plärrte von oben herab, die mitklatschende Menge jubelte aus der Röhre des Fuzzis und ich schlief vollkommen besoffen einem neuen Tag entgegen.

58_ Sumpfgebiet
Da ich am Abend nach den Schichten im Betrieb reichlich Alkohol zu mir nahm, kam ich morgens immer schwerer aus dem Bett. Verkatert und mit strubbeligen Haaren radelte ich zu diesem Laden mit seinen Eisenprofilen, bei denen ich mich irgendwann fragte, wer denn sowas braucht? Antworten gab es wie immer nirgends. Keiner konnte mir sagen, wozu dieses oder sonst alles nütze war. Im Grunde hätte man damals die Ohren verschließen müssen vor dem ganzen Kauderwelsch dieser Besserwisser und Halbgötter von Lehrern, Professoren, Doktoren, Managern, Fernsehmoderatoren und Nachrichtensprechern, aber die hielten einfach nie die Klappe und vertraten ihre Positionen so vehement, dass selbst ich meinte, die hätten irgendwas von irgendwas verstanden.

Ich hatte bereits etwa fünf Wochen mit diesen Profilen und dem Kran rumhantiert, als ich im Nebel meines versoffenen Daseins mal wieder in die alte Wohngemeinschaft fuhr, nur um zu sehen, was die denn so trieben. Ob es Neuigkeiten im Bereich Musik gab? Ob Pop mittlerweile zum Weltstar aufgestiegen war oder noch immer an seiner sozialen Arbeit festhielt? Ob Rolf nun seine Hochhäuser bauen durfte, mit hochschulabschlüssiger Genehmigung? Und natürlich ob Leo sich mittlerweile eine Fahne gebastelt hatte mit sämtlichen Namen, der von ihm flachgelegten Frauen?
Was mich dazu trieb, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, was mich nie losließ und immer wieder in diese Clique zurückführen wollte. Oder es war ein nostalgischer Anflug, der die Sehnsucht nach dem Alten in mir erweckte. Ist ja auch egal, ich fuhr in die WG und hockte am Küchentisch. Man beäugte mich sorgfältig, hegte noch immer etwas Hass, weil ich aus der Band ausgestiegen war und fragte sich, was ich denn nun hier, in ihrem Reich noch verloren hätte.
Leo war mittlerweile vollständig im Betrieb seines Vaters integriert, regelte die Geschäfte und knüpfte neue Kontakte zu noch liquideren Kunden. Er war gar nicht da, sondern malochte täglich an die vierzehn Stunden. Pop nuckelte an seinem Tee und Rolf war zu einer seiner letzten Prüfungen unterwegs. So saß ich mit Pop allein und wir quatschten eigentlich nur über Musik. Was er vorhätte, was er auf die Beine stellen wolle, was er schon alles komponiert hätte usw.
Als es an der Tür klingelte, sauste Pop hoch und ich spürte eine Erleichterung beiderseits, dass unser Gespräch unterbrochen wurde. Zu Besuch kam dann ein hübsches Frauchen, die die Wohnung über der Wohngemeinschaft bezogen hatte. Ihr Name war und ist wohl noch heute :
Michaela. Sie war gerade Mutter geworden und ihr Typ, ein langhaariger Reggae-Fan, der das Kiffen zur Berufung für sich erhoben hatte, war über alle Berge, so dass Michaela allein mit einem Neugeborenen dasaß und heulte und heulte und heulte. Sie setzte sich zu uns in die Küche und plapperte sofort los. Ich hörte kaum hin, ebenso Pop. Wir fungierten als Mülltonne, in die Michaela ihren gesamten gedanklichen Unrat hineinstopfte. Es war kaum auszuhalten, was sie alles von sich gab, was ich hier auch gar nicht wiederholen will. Das einzige, was mich im Moment ihres Erscheinens tatsächlich fesselte, war ihre Schönheit. Himmel, hatte die Augen! Blaue, tiefe Augen, die mich strahlend anfunkelten. Ihr Körper war durch die Geburt sehr drall, große Brüste voller Muttermilch. Eine zarte weiße Haut umspannte ihre Knochen. Blondes Haar wie Rosa. Ihre Worte rauschten wie Windböen an mir vorbei und nichts blieb haften, allein ihr Äußeres hielt mich gefangen.
Nachdem sie auf uns eingeprahlt hatte, schob sie rasant den Stuhl zurück und flitzte hoch in ihre Wohnung. Das kam einem Tornado gleich, der über unsere Köpfe und die Kücheneinrichtung gefegt war und nun nach einer vollständigen Verwüstung diese Stille hinterließ. Gruselig.

Ich verabschiedete mich von Pop. Es gab weder große Worte noch Herzeleien. Keine Verabredungen und auch keine gemeinsamen Pläne. Wieso auch? Ich war der Schuldige, der alle im Stich gelassen hatte und man ließ mich nun hängen auf meiner Entscheidung. Sollte ich doch sehen wie ich ohne sie zurechtkam.
Zuhause hielt ich es nicht lange aus, weil mir der Posaunist das Hirn rausblasen wollte. Ich kehrte sofort um und entschloß mich auf einen Abstecher ins Cafe, wo ich Anna kennengelernt hatte. Dort betrank ich mich und torkelte dann… ich weiß nicht warum…. in die Wohngemeinschaft, jedenfalls in das Haus. Dort drückte ich heftig auf eine Klingel. Als der Summer lossummte, stemmte ich mich gegen die Tür und versuchte die Treppen hoch zu steigen. Am Eingang zur WG schlich ich vorbei und schritt noch weiter nach oben, dort stand im hellen Schein ein Engel im weißen Kleid. Die Tür war nur einen Spalt geöffnet und Michaela lehnte verschlafen an der Zarge. Sie rieb sich das Auge, um den Schlaf zu vertreiben. Ich torkelte weiter empor und stand hicksend vom Schluckauf vor ihr.
“Was willst du denn?” fragte sie mich. Durch ihr helles Nachthemd sah ich ihren makellosen Körper. Sie war nackt darunter. Deutlich zeichneten sich Beine, Taille und Oberkörper ab. Ich stotterte irgendwas von “besuchen” und wußte selbst nicht, wie ich auf die Idee gekommen war, sie nun aufzusuchen.
“Komm´´rein!” bat sie mich, “aber sei leise, das Baby schläft!”
Ich folgte ihr in ein großes Zimmer mit schrägen Wänden.

59_ nichts als Schall und Rauch (1.Teil)
Ich marschierte ihr schnurstracks hinterher und blickte nur auf ihren Körper, der sanft vom weichen Nachthemdchen gestreichelt wurde. Ihre Wohnung bestand eigentlich nur aus einem Zimmer, dem riesigen Wohnraum. Man hatte die Stützbalken des Daches bearbeitet, die nach Kiefern duftend wie Obelisken im Zimmer verteilt standen. Gleich links neben der Eingangstür war eine Küchenzeile angebracht, das Übliche wie Herd und Spüle waren integriert. Daneben ging eine kleine Tür in das Schlafzimmer des Babys und ins Bad. Michaelas Bett stand weit hinten im Raum unter einer Dachschräge und das Bettzeug war zerwühlt. Einige Möbel wie ein großer Schrank und diverse Sitzgelegenheiten machten die Halle bewohnbar.
Sie kuschelte sich gleich wieder in ihre Decken und lugte nur mit ihrem zarten Köpfchen darunter hervor.
“Was willst du hier?” fragte sie und gähnte.
“Keine Ahnung!” plapperte ich betrunken drauf los, “du bist so hübsch, eigentlich viel zu hübsch für einen Idioten wie mich, aber trotzdem hat mich ETWAS hierher zu dir geführt.”
Natürlich log ich mir irgendwas zusammen, wollte sie beeindrucken mit einem mystischem Hintergrund meines Besuches, doch sie lächelte nur und wußte, dass ich völlig bekloppt daher redete.
“Und nun?” fragte sie erneut und drehte sich unter der Decke zu mir. Ich saß auf dem Fußboden direkt an ihrem Bett im Schneidersitz und atmete sie.
“Ich weiß nicht!” meinte ich und lachte verlegen. “Ich habe keine Lust zu mir zu fahren, der Lärm dort ist unerträglich. Über mir, unter mir, neben mir, nur Idioten, die sich zuschaufeln mit irgendwelchen Krachmachern. Kann ich nicht einfach nur hier sitzen und dich angucken?”
In nüchternem Zustand hätte ich niemals so einen Unfug geredet, hätte mich gar nicht getraut, sie überhaupt zu dieser nachtschlafenden Zeit zu besuchen, geschweige denn so offenherzig über meine Verknalltheit gesprochen.
Sie sprach dann schlaftrunken über ihren Kerl, einen jungen Burschen, jünger als ich, der nach ihrer Schwangerschaft reißaus genommen hatte und mit einem Baby völlig überfordert war. Sie mochte ihn noch immer, aber ihre Entscheidung das Baby auszutragen, hatte einen Bruch bewirkt, der wohl auch nicht wieder zu kitten war. Prächtig für mich, dachte ich. Nun versucht sie allein das Baby großzuziehen, bekam ausreichend Unterstützung vom Staat und hatte sich diese Wohnung, in der wir saßen, genommen.
Ich hörte ihr nur zu, sah auf ihr weißes Gesicht, auf ihre blonden Haaren, die wild auf dem Kissen verteilt lagen, blickte in ihre blauen Augen und himmelte sie an, was sie wohl auch spürte und genoß, wenn ich mich nicht irrte. Schließlich war ich im Körbe sammeln Weltmeister…
Irgendwann schlief sie ein. Ich deckte sie nochmals zu und rollte mich auf dem Fußboden wie ein Wiesel in seiner Höhle zusammen. Schlafen konnte ich kaum. Ich war wie benebelt von ihrem Duft, der überall zu hängen schien. Am liebsten wäre ich zu ihr ins Bett gestiegen, hätte mich ganz in sie hinein gedrängelt, sie geatmet, getrunken, geliebt. Aber das war noch zu früh. So einen Edelstein mußte man behutsam behandeln, man durfte nicht die ganze Hand danach ausstrecken, sonst verlor er seinen Glanz. Finger für Finger mußte man sich vortasten, um das Strahlen einzufangen, um das Leuchten beobachten zu können, was entsteht, wenn man so einen Smaragd an seine Brust drücken durfte. Ich ließ sie schlafen und sah nur auf ihr Gesicht. Scheiße,war ich verknallt…

Am nächsten Morgen war die Situation etwas peinlich. Ich hatte mich nur besoffen gewagt, sie zu besuchen, sie anzusprechen, nun war ich nüchtern mit verklebten Mund und kein vernünftiges Wort wollte mir aus dem selbigen entschlüpfen. Doch sie überspielte meine Verlegenheit mit überaus großer Freundlichkeit. Sie kochte Kaffee, stillte das Baby in meinem Beisein, sie bereitete das Frühstück und ich half beim Decken des Tisches. Wahrscheinlich benahm ich mich wie der letzte Hinterwäldler in ihrer Gegenwart, aber Männer können das ja gut, wenn sie verliebt sind, machen sie sich zum Blödmann und ich war eben dabei mich zum Größten aller Zeiten zu machen, was aber niemanden interessierte, am allerwenigsten mich.
Am Tisch hielt ich dann das Baby, weil sie sich duschen wollte. Sicher wäre ich gern mit unter die Dusche gegangen, aber ich wollte ihr gleich beweisen, dass ich ein feiner Kerl war, wenn auch etwas unzuverlässig und verrückt. Mit diesem Winzling im Arm ging ich in der Wohnung auf und ab und machte mich mit dem Umstand vertraut, Michaela vielleicht, tatsächlich und in Wirklichkeit oder zumindest in absehbarer Zukunft als Freundin zu haben. Nicht im Sinne von Besitzen, sondern als Partnerin. Gott, Götter der Welt und des gesamten Universums, ich bete euch an und lege meine Seele in eure Hände, aber ich will das haben… ich will… ich muß!
Als sie aus dem Bad trat, bemerkte sie meinen Spieleifer mit dem Baby und lächelte, so als nähme sie an, ich hätte Erfahrung im Umgang mit Säuglingen, was natürlich nicht der Fall war. Mein Eifer berief sich nur auf eine Sache und zwar sie selbst, Michaela. Sie wollte ich in die Arme schließen. Sie wollte ich liebkosen und streicheln und küssen und dafür würde ich es sogar mit einem unausgewachsenen Erdling aufnehmen.
Mittags verabschiedete ich mich von ihr und fuhr heim zu meinem Irrenhort. Aber dort war es still. Der Wehrsportgruppenleiter war wohl unterwegs und trainierte für seinen demnächst anstehenden Aufmarsch, der Posaunist konnte nirgends ausgemacht werden und der Fuzzi von oben hielt wohl ein Schläfchen, damit er des Nachts fit für sein Trallala und Hoppsassa sein würde. Um mich meiner verknallten Lage zu versichern, rief ich gleich bei Michaela an.
“Du bist doch eben erst gegangen!” sagte sie und lachte durch den Draht.
“Sicher, aber….” ich stotterte, ” ich… ich wollte nur wissen, ob du da bist, ob wir uns heute noch sehen können?”
“Wir haben uns doch heute gesehen. Was ist los? Du bist so aufgeregt?”
“Nichts ist los! Ich will dich nur sehen. Ich… meine, können wir nicht irgendwas unternehmen oder so?”
“Du weißt doch, dass ich das Baby hier habe. Ich kann nicht weg.”
“Ist gut”, sagte ich völlig nervös und angespannt, versuchte es aber erneut, “kannst du keinen Babysitter bekommen?”
“Scheiße, wen denn?” Jetzt wurde sie wohl etwas grantig und ich merkte, ich sollte besser aufhören, sie zu nerven.
“Schongut, schongut…” versuchte ich die Situation zu bereinigen, “dann melde ich mich morgen bei dir, ja?”
Wenn ich das mal nicht versemmelt habe, dachte ich und haute mich aufs Ohr. Den nächsten Tag hätte ich gar keine Zeit, meine Eisenprofile warteten und ich mußte Geld verdienen. Obwohl, ich kann auch anrufen und behaupten, ich sei krank oder sowas. Was kann es Wichtigeres geben, als eine Frau zu sehen, die man liebt. Ob ich sie nun zu diesem Zeitpunkt liebte oder ob es nur Verknalltheit war, sei hier egal, auf alle Fälle, mußte man ALLES, ALLES, ALLES stehen und liegen lassen für so ein Mädel…………. oder etwa nicht?

60_ nichts als Schall und Rauch (2.Teil)
Nun, ich ging natürlich am nächsten Tag ordentlich zur Arbeit, schließlich war ich mittlerweile zum wohlgeölten Rädchen einer Arbeitergesellschaft ausfgestiegen, wenn auch widerwillig und reichlich unbewußt. Ich hatte eigentlich nichts davon gespürt. Es vollzog sich in unsichtbaren Schüben durch eine nichtzuregistrierende Konditionierung. Am Monatsende mußte Geld, das allseits begehrte Tauschmittel, auf dem Konto sein, damit die Miete gezahlt wurde. Um mir etwas zu Essen zu kaufen benötigte ich dieses Ungeheuer ebenfalls. Wenn ich mal in die Disco marschierte und mich betrinken wollte, verlangte man überall dieses Tauschmittel, für einen Eintritt, für ein Getränk, für egal was, ich konnte dem gar nicht entkommen, weil sich alle menschliche Wesen hier auf diese idiotische Tauschbörse geeinigt hatten. Was es letzlich mit ihnen anstellte, erkannten sie nicht, wollten sie nicht erkennen, denn es gab genug Belohnungen für ihr elendes Schuften in den Fabriken dieser Erde.
Schon am Nachmittag rief ich bei Michaela an und wollte ein Treffen, jetzt, sofort, auf der Stelle. Ich ließ keine Ausrede gelten, wollte nur sie, sie nur sehen. Sie meinte, ihre Freundin würde auf das Baby achten und wir hätten sogar genug Zeit allein etwas zu unternehmen. Nach Feierabend fuhr ich zu ihr. In ihrer großen Wohnung saß ihre Freundin in einem der Sessel und beäugte mich, als wolle sie sagen, WIE? DER IST DAS? Mir war sie unsympathisch.
Michaela kam auf mich zu und strahlte mich an, sagte dann: “Wollen wir?”
“Klar!” antwortete ich, ” was liegt denn an?”
“Ich dachte wir gehen ins Kino und hinterher tanzen oder sowas!”
“Okay, von mir aus.” Ich war mir nicht sicher, ob es dieselbe Frau war, die ich im betrunkenen Zustand besucht hatte und anhimmelte. Michaela wirkte irgendwie gelöster als bei unserem ersten Treffen. Sie fummelte ständig an ihrer Kleidung herum, die im übrigen absolut perfekt war. Sie trug ein knielanges schwarzes Kleid, das sich reichlich eng um ihren Körper zwängte. Wie eine zweite Haut schien es mir und unterstrich ihre kolossale Figur, was nicht heißt, dass sie zu dick war, sondern perfekt. Ja, Herrgottnochmal, sie war perfekt. Aber das irritierte mich. Wie konnte denn so ein Wesen tatsächlich den Wunsch haben mit mir auszugehen? Ich wollte gar keine Antwort auf meine stupide Frage. Ich wollte nicht einmal hören, dass sie zu mir sagte, Max, wir können Freunde sein…. ich wollte nur diesen einen Abend mit ihr; nur ein Abend sollte völlig ausreichen, um mich ins Reich der hirnrissigen Verliebten zu katapultieren.
Nachdem sie ihrer Freundin die Zubereitung der Flasche für das Baby erklärt hatte, stolzierte ich an ihrer Seite die Treppe hinab und lauschte auf das wunderbare Klackern ihrer hochhackigen Schuhe.
Zuerst fuhren wir in ihrem VW Käfer ins Kino und glotzten stumm und starr auf die Leinwand. Natürlich hatte ich sie entscheiden lassen, welchen Film wir uns ansehen wollten. Und es hat so kommen müssen, dass sie sich Dirty Dancing aussuchte, der eben in allen Kinos der Stadt anlief. Ich möchte das nicht weiter ausführen, weil dieser Film eigentlich noch nicht mal eine Rezension verdient hat, nein, er hätte es verdient, dass ich stillschweigend darüber hinweggehe, dass ich ihn überhaupt gesehen habe, dass ich… naja usw.
Danach ging es in die Disco. Es war laut und voll. Selbstverständlich standen diese Typen wieder überall herum und gafften, setzten ihr beklopptestes Gesicht auf und gierten nach Weibern. Ich wurde richtig eifersüchtig. Nachdem sie sich ausgiebig auf der Tanzfläcxhe vergnügt hatte, holte ich uns zwei Gin/Tonic und wir lehnten lässig an der Bar.
“Willst du heute bei mir bleiben?” schrie sie mir ins Ohr.
Ich konnte nicht antworten. Wie hätte ich ihr sagen sollen, dass sie nicht für mich bestimmt ist, dass es einen Prinzen gibt, der auf weißem Pferd dahergeritten kommt und sie aus dem Dornröschenschlaf erweckt, dass dieser Prinz aber sicher nicht ich sein werde, weil ich ein Loser bin, ein Verlierer, ein Taugenichts, der sie nicht verdient hat? Hätte ich ihr das sagen sollen?
Vielleicht, dann hätte ich mir die folgenden Komplikationen erspart, aber ich war zu egoistisch, zu willig, zu gierig wie all die tumben Typen an der Tanzfläche. Ich war zu ignorant, zu unbewußt und nur der Schiffsjunge an Bord meiner sinkenden Seele. Ich war gerade mal geeignet die Kartoffeln zu schälen, für die Rettung der Schiffbrüchigen bedurfte es eines ausgewachsenen Mannes, eines Kerls von anderem Schlag als mich.
Natürlich fuhren wir zu ihr. Natürlich bat sie mich in ihr Bett. Natürlich schliefen wir miteinander (ohh, war es berauschend!). Natürlich äugte ihre Freundin mißtrauisch zu mir herüber, als ahne sie die Katastrophe bereits. Aber was hält einen Jüngling und eine junge Maid schon zurück, wenn es um die Liebe geht? Nichts! Ihre Freundin verabschiedete sich dann auch, ich bildete mir ein, sie tuschele Michaela etwas ins Ohr, PASS AUF! oder derartiges. Das Baby schlief seelenruhig wie mein Verstand im Nebenzimmer und ich sah sie nackt vor mir stehen. Keine Worte, keine Worte können mein Empfinden beschreiben. Sie war ein Engel. Alles an ihr war perfekt und ich fasste nach ihr wie nach einem verbotenen Apfel, zog sie ins Bett und drang in sie ein.
Was ich vergaß oder besser, was ich gar nicht wußte war, dass Mütter, die vor kurzem ihr Baby zur Welt gebracht hatten, besonders empfänglich in den folgenden Wochen waren. Was soviel heißt dass… Max, wenn du nicht aufpasst, bist du auf der Stelle Papa. Niemand sagte mir sowas. Woher hätte ich das wissen sollen? Hätte ich Michaela fragen sollen? Natürlich!!!
Nach unserem gemeinsamen Abend mit jeglichem Brimbrambrorium schlief ich an ihrer Seite ein und am Morgen fuhr ich schnurstracks, wie sich das für einen ausgemachten Blödmann gehört zur Arbeit, weil die Eisenprofile warteten.

61_ nichts als Schall und Rauch (3.Teil)
Nach dem Verladen etlicher Profile und dem Herumgrübeln an meiner Situation kehrte ich heim ins Irrenhaus und wartete erstmal ab, was sich denn nun zwischen mir und Michaela ergeben würde. Weder fuhr ich zu ihr hin noch rief ich an oder tat irgendetwas, was sie vielleicht auf die Idee kommen ließ, wir seien nun ein Paar.
Ich hatte wieder reichlich getrunken und lag bereits im Bett, als es an meiner Fensterscheibe klopfte. Benebelt und mit Dröhnen im Schädel schaute ich nach und mußte Michaelas Freundin draußen erblicken. Mein erster Gedanke war… was will die denn hier? Ich ging zur Tür und ließ sie herein, fragte auch gleich, was das solle, hier um drei Uhr nachts aufzutauchen und mich wachzurütteln? Sie behauptete, ich sein ein Schwein, ein fieser Mopp, dem man die Eier am besten abkneifen sollte. Ich verstand nichts, wie so oft. Was veranlasste denn diese Tussi dazu, mich herunter zu machen? Hatte ich sie mit Michaela verwechselt? War es etwa sie, mit der ich im Bett gewesen war und nicht Michaela? Ich konnte mir nicht erklären, was dieses Frauenzimmer mir hier predigen wollte.
Nach dem sie ihren Ärger auf mich ausgeschüttet hatte, erfuhr ich dann auch, woher dieser rührte. Michaela lag zu hause in ihrem Bett und heulte, warum auch immer? Ich solle mal kommen und mit ihr reden, um die Situation zu klären. Ich verstand immer noch nicht, worum es ging, fuhr aber mit und kauerte mich vor Michaelas Bett, um nun den Hasstiraden einer jungen Mutter ausgesetzt zu sein.

62_ nichts als Schall und Rauch (letzter Teil)
Wieso, verdammt noch eins, hatte mich Michaela nicht darüber aufgeklart, was passieren könnte, wenn wir miteinanderschliefen? Wieso mußte ich jetzt hier an ihrem Bett den unsaglichen Anfeindungen ausgesetzt sein? Und wieso war eigentlich immer ich Schuld an irgendwelchen Problemen, die andere hatten?
Himmel, ich hatte keine Ahnung von irgendwas, konnte somit doch nicht ahnen, dass ihre Eierchen auf der Suche nach einer Befruchtung waren. Ihr wundervolles Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse, ihr atemberaubender Körper mutierte zu einem alienartigen Geschöpf, das mich fressen wollte. Meine Entschuldigungen hörte sie gar nicht, sie war zu vertieft in ihren Hass, den sie gegen mich richtete. Mußte ich ein schlechtes Gewissen haben? Nein. Ich ließ sie all ihren Frust auf mich eindreschen und erhob mich dann langsam, um Adios zu sagen. Ich sei nicht anders, als ihr Kerl, der Vater ihres Kindes, ein kleingeistiger, unreflektierter Bengel, der seinen Pimmel einfach nur irgendwo reinstecken will, ohne sich der Konsequenzen bewußt zu sein. Ich war in Therapie…

Ich verließ die Wohnung, sah ein letztes Mal auf diese wunderhübsche Frau mit ihrem verquollenen Gesicht und schlug die Tür zu. Tja, Max, dachte ich, dass hast du dir selbst eingebrockt; hätte ja auch gar nicht zu mir gepasst, diese gutaussehende Frau. Ich verdiente so jemanden überhaupt nicht. Eigentlich gab es keine Frau auf dieser Welt, die zu mir passen würde. Vielleicht eine aus der Steinzeit, unterentwickelt, geistig wie körperlich, die sich um die Höhle kümmert, während ich zur Jagd bin. Keine Ahnung…

Ich arbeitete noch weitere Wochen bei den Eisenprofilen, entwickelte meinen Bizeps und abends lief ich einige Kilometer um die Häuser, um meinen Frust abzubauen. Ich holte meist in der Nacht noch Tapeten hervor und Farben, um mich erneut als Künstler zu versuchen, was aber auch nur einem kläglichen Versuch meiner Herkunft zu entkommen entsprach. Eigentlich hätte ich mich ins All katapultieren müssen, mich für immer verabschieden vom Kampf der Geschlechter und der Egokrönungen. Am besten wäre es gewesen, man hätte mich eingesperrt, irgendwo in ein Verließ, zusammen mit Ratten und anderem Ungeziefer…aber wie es so schön heißt: Unkraut vergeht nicht. Ich war nicht kleinzukriegen.

63_  auf zu neuen Hindernissen oder wie wird man ein asoziales Schwein?
Mittlerweile war nun fast ein Jahr vergangen, in dem ich nicht in der Schule gewesen war. Ich versichere hier hoch und heilig: ich habe nichts verpasst, denn ich sprach mit dem Rektor, erfand irgendwelche Ausreden und durfte schließlich ein Jahr wiederholen, für was auch immer. Meine Eisenprofile hatte ich nach zwei, drei Monaten liegen gelassen und versuchte nun mit meinem BAfög auszukommen. Meine Wohnung hatte ich ebenso vernachlässigt wie das heitere Leben der Kurzweil in den Cafes, Kneipen und Discotheken dieser Stadt. An Frauen war gar nicht zu denken.

Abermals zog ich mich am eigenen Schopf und sagte mir, du mußt dich anpassen, alle tun es, tust du es nicht, bleibst du der Außenseiter. Es gibt nur einen Weg in die Erfolgsschiene des Lebens und das ist Akzeptanz.
Akzeptiere, dass du nun mal hier bist, hier zwischen Wesen, die dir nichts bedeuten, so wie du ihnen nichts bedeutest. Ob du dich zu Tode säufst oder kiffst, interessiert nun mal niemanden. Und wenn das nun schon mal so ist, dann kannst du diesen Umstand akzeptieren und einen Weg suchen, von niemanden abhängig zu sein. Dazu ist es nur nötig dich mit dem System zu arrangieren. Du brauchst Geld, jede Menge Geld. Du mußt eine “anständige” Ausbildung vorlegen, egal in welchem Bereich du mal malochen willst, mach´also Scheine, darauf stehen die. Zertifikate, die ihnen zeigen, wieviel Information du bereits gesammelt hast. Belege deiner Kenntnisse. Suche dir Unterstützer, Tutoren, die von deinen Absichten überzeugt sind und sauge sie aus, nutze deren Kenntnisse und Beziehungen zu wieder anderen Leuten, die dir nützlich sein könnten. Akzeptiere, dass man hart malochen muß, um sein Ziel zu erreichen…

Welches Ziel? fragte ich mich. Ich besuchte eine technische Hochschule, die mir erklärte wie ein Hochofen funktionierte, brachte mir die Lehren der Differentialrechnung nahe, ebenso verschaffte man mir Einblicke in die chemischen Zusammensetzungen von….Messing, Kupfer, was weiß ich, was interessiert mich das? Ich wollte ja akzeptieren, aber ich hatte mir noch kein Ziel formuliert. Musiker? Lachhaft! Millionen von Musikern träumen von einer Karriere auf der Bühne. Die leichteste Art richtig Kohle zu machen, in dem man sein Instrument umschnallte und irgendwelche Parolen ins Publikum brüllte, die diese dann mitbrüllten bis man zum Idol aufgestiegen war und man seine Parolen aus sämtlichen Radios der westlichen Welt hörte. Ich hatte diese Aussicht längst begraben. Es fehlte am Glauben! Mir war doch schon seit meiner Geburt klar, dass ich niemals sowas wie ein Idol werden, geschweige denn irgendeine Karriere hinlegen würde, die es mir ermöglichte möglichst frei und nicht ans Systems gebunden malochen zu können. Die Beweise hatte ich bereits fleißig gesammelt. Zu hause bei den Eltern, in Beziehungen und Freundschaften und auch in Bands. Mein Weg war vorgezeichnet… im gurdjeff´schen Sinne. Gehe hinaus und suche dir Hindernisse, die dich zermürben, die dich zertreten, die dich so niederdrücken, dass du am liebsten Verzweifeln willst, das ist Erkennen deines Selbstes! Ich tat dies unfreiwillig und bekannte mich zum Mittel einer anderen, nicht dem materiell-verhafteten, höheren Kraft, die ich wahrlich bis heute noch nicht kennenlernen durfte.

In der Schule schloß ich neue Freundschaften, zwangsläufig, wenn man ein Jahr wiederholt. Ich ging auch nach einigen Wochen der Abgeschiedenheit wieder hinaus ins Freie und verbrachte viel Zeit in der Disco. Mein ständiger Begleiter Alkohol ließ mich die Nähe der Menschen ertragen. Ach, und ich lernte sogar mal wieder einige Frauen kennen. Selbst als Bassist fand ich wieder Anschluß und spielte in einer Band. Der Weg zur Akzeptanz war geplant und beschritten, nur am Ziel mangelte es noch.

64_ Das Ziel
Wenn es damals tatsächlich ein Ziel gegeben hat, dann möglichst schnell den ganzen Unsinn mit Leben und Arbeit und Jobs und Beziehungen hinter sich bringen und wieder hinauffliegen, meinetwegen zu den Plejaden oder nach Alpha Centauri, was weiß ich. Eine durchaus vielversprechende Möglichkeit wäre das vorzeitige Ende selbst herbeiführen, also sich eine Kugel in den Kopf jagen oder Tabletten fressen, Drogen, Gift… irgendwas, das den Sensenmann herbeiruft und der seine große Seelensammeltüte öffnet, man hineinschlüpft und irgendwo im Bardo landet.
Gesagt, getan. Es war denkbar einfach sich einige Packungen Schlaftabletten zu besorgen. Man mußte nur die Apotheken abgrasen, einen dümmlichen Gesichtsausdruck auflegen und man bekam überall das Gewünschte gereicht. In der letzten Apotheke allerdings verabschiedete mich die nette Verkäuferin im weißen Kittel mit den Worten: ” Aber nicht alle auf einmal nehmen!”
Ich schüttelte meinen leeren Kopf, dass es nur so schepperte und machte mich davon. In einem Supermarkt besorgte ich noch ausreichend Wodka, den ich zum Runterspülen benötigte. Dann marschierte ich zurück in mein Appartment (?) und haute mich auf mein Bett.

Es war stockdunkel im Zimmer. Ich robbte auf allen Vieren über den harten Fußbodenbelag und landete mit meinem Schädel direkt an einer Wand. Dumpf prallte die hohle Birne gegen den Stein, aber ich verspürte keinen Schmerz. Von irgendwoher sah ich ein Licht, auf das ich zu kroch. Meine Kleidung trug ich noch; die Hose war eingepisst. Ich kroch zwischen Metallgestängen umher, suchte nach dem Nichts. Dann kotzte ich wie ein Irrer auf den Boden, patschte mit den Händen hinein und suchte weiter nach Zeichen. Nichts. Wieder ein dumpfer Schlag gegen meine Birne, den ich nur hörte, nicht aber spürte. Ich war schmerzfrei wie eine Aspirintablette. Wie ein Blinder zog ich meine Spur von Wand zu Wand, immer auf der Suche nach einem Ausgang oder ähnliches. Dann war es dunkel.
Ich erwachte in einem Krankenhaus. Eine hübsche, junge Krankenschwester stand an meinem Bett und wechselte eben einen Plastiksack, der mit gelber Flüssigkeit gefüllt war. Undeutlich konnte ich einen Schlauch erkennen, der unter die Bettdecke führte direkt in meinen Pimmel. Das junge Ding verfrachtete meinen Urin in einen anderen Plastiksack und grinste mir in die fahlen Augen.Ich sah nur Umrisse der Gegenstände im Zimmer. Ich lag allein in einem desinfizierten Nichts. Der Himmel vielleicht, oder ein Zwischenreich, dachte ich. Dass es so hübsche Dinger im Himmel gibt hatte ich schon vermutet. Doch recht bald wurde klar, dass ich weder im Himmel noch im Bardo noch sonstwo außerhalb der menschenzuständigen Abteilung Erde war.
Man hatte mich des Nachts im Freien gefunden. Ich sollte irgendwelche Laute von mir gegeben haben und die üblichen Fenstergaffer hätten die Polizei benachrichtigt. Ich wußte von alledem überhaupt nichts mehr. Ich fühlte mich elendig. Nicht mal mich selbst töten konnte ich! Die Aussichten für die Zukunft standen immer schlechter. Wenn das so weitergehen sollte, dann mußte ich zu härteren Maßnahmen greifen, Maßnahmen, die einen Fehlschlag einfach ausschlossen. Aber zunächst war die Welt darauf bedacht mich wieder gesellschaftsfähig zu machen. Man wollte ein ordentliches Mitglied und nicht so einen Pessimisten, so einen Ewigfragenden, wo man doch keine Antworten für ihn hätte. Ja, man wollte, dass ich funktionstüchtig blieb, für die Jobs, für die großen Tätigkeiten dieser Menschheit: Gabelstaplerfahrer, Nachtwächter, Müllmann, Fernsehmoderator, Kellner, Fließbandarbeiter.

Nach zwei Wochen hatte ich mich erholt und wurde endlich entlassen, jedoch nicht ohne diese dummen Versprechungen an den Arzt, dass ich “es” nie wieder tun würde. Der Weißkittel gab mir einen Zettel mit einer Adresse, an die ich mich gleich wenden sollte. Ich überflog die Zeilen und las einen Namen und die übliche Titulierung: Psychiater!

65_ Wir wissen, dass wir nichts wissen!
Die Reaktionen auf meinen Versuch der Flucht waren unterschiedlich. Ehemalige Bandkollegen waren kaum schockiert, eher mit einer “business as usual” Haltung ausgestattet, sie sprachen es nicht an. Und warum auch? Ich hätte ihnen kaum eine vernünftige Antwort geben können oder gar einen Grund, warum ich das getan hatte, was ich getan hatte. Pop stattete mir einen Besuch in meinem schönen Appartment ab und wurde auch freudig mit Musik von Marianne Rosenberg begrüßt: “Er gehört zu mir!”, der Fuzzi von oben war in Feierlaune oder so…
Pop sprach mich zum Glück nicht auf meinen Ausrutscher an, sondern war “nur so” vorbei gekommen, um zu plaudern, was ich ihm aber nicht ganz abnahm. Seiner ganzen Haltung nach wollte er sich erkundigen, wie es mir geht. Als ob ihn das sonst irgendwann interessiert hätte! Wir sprachen wie es immer war über die Musik, die ich nun dudelte und über den kleinen Erfolg, den meine Band damit hatte. Ein anderes Thema gab es nicht. Nach einigen Momenten oder Minuten oder Stunden war er dann auch wieder verschwunden und widmete sich der Sozialpflege und der Komposition von sphärischen Klängen, die kein Mensch hören wollte…

In der Schule hatte ein Lehrer etwas spitz gekriegt, wie, weiß ich nicht. Er sprach mich nach einer Unterrichtsstunde an und erzählte etwas von Glaube und Kirche und Jesus, das hatte mir gerade noch gefehlt! Ein Gläubiger Christ, der tatsächlich an die Auferstehung und die Erweckung eines gewissen Lazarus glaubte. Naja, sein Engagement war ihm hoch anzurechen, wenigstens ging er nicht stumm an den Menschen vorbei, sondern zeigte sowas wie Mitgefühl, obwohl ich darauf auch hätte verzichten können.
Michaela war schockiert und besuchte mich sogar im Krankenhaus, heulte und schniefte wie eine Regentonne. Trotzdem war an ein Zusammenkommen unsererseits nicht mehr zu denken. Sie berichtete mir, dass man mich irgendwo in einem Wohngebiet brüllend gefunden hatte. Ein Anwohner hatte die Polizei benachrichtigt und ein Krankenwagen mich sofort zur Notaufnahme gefahren. Ich fragte mich, wie ich denn dorthin gekommen sei, in dieses Wohngebiet? Ich mußte völlig benebelt aus meiner Wohnung abgehauen sein und mich auf dem Weg ins Nirvana gemacht haben, anders konnte ich mir das nicht erklären. Letztlich war es auch egal, wie und warum? Ich schickte Michaela fort.
Den Vogel schossen meine Eltern ab, als man sie befragte, warum denn ihr Sohn so eine Tat nur hätte ausüben können. Sie meinten, es läge an Michaela, diese Göre hätte mir den Verstand verdreht oder so. Dass es vielleicht mit etwaigen schiefgelaufenen Erziehungsmethoden zu tun gehabt haben könnte, schlossen sie aus. Er war doch immer so ein ruhiger Typ, ein netter Kerl, von dem man nur Gutes erwarten durfte. Nein, wir können uns das nicht erklären. Schuld muß diese Michaela gewesen sein.Egal… wenigstens hatten sie einen Schuldigen oder eine Schuldige in diesem Fall.
Um diese Episode arbeitsuntauglicher Vorkommnisse abzuschließen sei noch angemerkt, dass ich die vom Arzt erhaltene Karte eingelöst hatte und zu einem Besuch bei einer Psychiaterin vorstellig war. Die Frau mußte etwa achtzig Jahre alt gewesen sein. Sie war dürre, ein Klappergestell von einem Menschen; Hohlwangen, Lederhaut, tiefliegende Augen und lange Hexenfinger. Die erste Stunde bei ihr sagte ich kaum ein Wort, beantwortete brav Fragen und konnte mir nicht vorstellen, dass mich diese Tante auf irgendeinen sinnvollen Weg bringen würde. Nach einigen Sitzungen stellte sich auch heraus, dass sie eigentlich nicht verstand, was mein Anliegen war oder was ich wollte oder gar dachte oder fühlte oder spürte oder träumte…sie saß versunken in ihrem Riesensessel mit ihren Riesenohren und lauschte meiner Sprache der Ausserirdischen.
Schon bald war klar, das würde auch nichts werden mit uns zwei. Also ging ich einfach nicht mehr hin, sondern steigerte mich in den Gedanken hinein ein Künstler werden zu wollen, vielleicht sogar mit Studium oder so. Als erstes brauchte ich mal wieder einen Job und ich rief eine gute Bekannte an, deren Vater ein Architekturbüro betrieb. Die Geschichte zwischen der guten Bekannten und mir soll hier nicht erzählt werden, weil sie zu den sogenannten Schandtaten meinerseits zählt. Sie versprach mir jedenfalls mit ihrem Vater zu sprechen und würde mich zurückrufen.
Nach einigen Tagen rief sie an und meinte, ich solle mich mal bei ihrem Vater vorstellen, was ich schleunigst tat. Was Aushilfstätigkeiten anbelangt war ich immer spitze, zählte zu den Verantwortungsbewußten und stets verlässlichen Typen. Wenn ich nichts konnte, aber arbeiten konnte ich, egal was!
Ich hatte eine Stelle als Hausmeister ergattert, sollte Post holen, Gehwege reinigen, Gardinen auf- und abhängen, Kopien von diesen elenden Architekturzeichnungen auf einem Monsterkopierer machen, Besorgungen aller Art erledigen und mich stets zur Verfügung halten.
Leichte Aufgaben, die keine große Anstrengung meines Minihirns verlangten…

66_  Sie architekturieren also?
Das Büro befand sich unweit meiner Wohnung und ich erreichte den Laden allerbest mit dem Fahrrad. Morgens um acht Uhr begann der neue Job mit Aussichten auf Kenntniserweiterungen im Bereich Haus- und Gartenpflege. Es war Herbst. Die Bäume ließen ihre dicken Arme hängen wie angeschlagene Boxer und schüttelten die gelben Blätter ab, die natürlich der Gravitationskraft folgend gen Erdboden fielen. Meine erste Aufgabe im Architekturbüro war demzufolge das Beseitigen jeglichen Laubs auf den Gehwegen und Parkplätzen des Geländes. Da ich niemandem im Büro vorgestellt wurde und somit keine Rechenschaft über meine Person ablegen mußte, machte ich mich eifrig ans Werk. Der Chef des Hauses, ein untersetzter Kerl von Mitte Fünfzig, zeigte mir einige Räumlichkeiten, damit ich mich nicht verlaufen würde. Bei einem wie mir war das äußerst sinnvoll, weil ich keinerlei Orientierungssinn besaß, schon gar nicht in weltlichen Dingen. Es gab einen Schuppen auf dem Hof mit allerlei Utensilien, die ein ordentlicher Hausmeister so benötigte. Der Chef ließ mich allein nachdem er mir den Auftrag erteilt hatte, besagtes Laub zu beseitigen.
Auf dem Hof war es reichlich zugig und ich fröstelte etwas. Aber nach einigen Schwenkern mit dem Rechen wurde mir warm um den Leib. Ich schob eine alte Karre aus dem Schuppen und beförderte meine kleinen Häufchen Laub dort hinein; dann ging es zur Tonne. Nun, wie bekam ich die Karre oder vielmehr den Inhalt der Karre in die Tonne? Ich schüttete alles Laub wieder aus und sammelte es per Hand in die ein Meter Tonne. Der erste Auftrag erwies sich also schon mal als nicht so leicht zu bewältigen. Ich mußte mir eine Methode erdenken, die es mir erlaubte auf möglichst einfache Weise das Laub in die Tonne zu bekommen, ohne auch körperlichen Schaden davon zu tragen. Der Wind wehte mir die zusammengekehrten Haufen auseinander und blies die losen Blätter wild umher. Kaum hatte ich einen Haufen aufgeschüttete, kam ein Luftzug und mein errichteter Berg zerfiel zu einer kläglichen Ansammlung von Dreck und Sand und eben Blättern. Ob diese Aufgabe sinnvoll für mich war oder nicht, hinterfragte ich nicht. Einzig die Ausführung derselbigen war von Wichtigkeit. Man sollte es vermeiden in unserer materiellen Welt die Sinnhaftigkeit von Tätigkeiten zu kritisieren, sonst käme man meines Erachtens aus dem Lachanfall gar nicht mehr heraus. Es gab sogar Menschen, die sich auf den Knien rutschend, mit dem Unkraut, das zwischen Betonfußwegplatten hervorsprießt, beschäftigen. JA, spezielle Werkzeuge wurde eigens dafür angefertigt. Spitze Hacken, die dem Unkraut den Garaus machten, es aus den Fugen zerrten und den gepflasterten Wegen und Straßen und Plätzen diesen “sauberen” Charakter zurückgaben.
Mit großen Fingerhandschuhen bewaffnet harkte ich das Laub also zusammen und verfrachtete es dann in die Tonne. Meine anfängliche Idee, zuerst Häufchen zu machen, verwarf ich, einfach weil der Wind mich nicht mochte oder meine Tätigkeit oder was auch immer. Auf diese Weise verbrachte ich den Vormittag und als es während des Begehens der Wege nicht mehr raschelte und nicht das unsaubere Laub einem um die Füße geweht wurde, betrachtete ich die Aufgabe als erledigt an.

Nach dem Mittag, ich aß nichts, rauchte nur eine Zigarette nach der anderen, beorderte man mich hinunter in einer Kellerraum. Dort standen stinkende Maschinen, die ratterten und riesige Bögen Papier aus einem Schlund hinaus beförderten, Kopierer…. schätze, DIN A Doppel NUll oder so. Ich sollte von einem Stapel Zeichnungen, der neben der Maschine aufgeschichtet lag, etliche Kopien machen, diese sorgsam falten, wie würde man mir sogleich zeigen, und dann diese Kopien zu irgendeinem Büro in die Stadt fahren. Ich freute mich auf meine neue Aufgabe. Wie ich mich immer freute, wenn ich allein für mich war. Hier unten im Keller war keine Sau, niemand, der einem auf die Finger starrte und verunsicherte oder womöglich noch ein Gespräch anfangen wollte. Meist drehten sich diese Gespräche nur über das Wetter, Fußball oder Fernsehen. Vielleicht hätte man meinen können, in einem Architekturbüro wäre das Niveau etwas höher und man würde mal über politische Zusammenhänge faseln, über den Reaktorunfall in Tschernobyl oder über Reinkarnation, nein, nein. Selbst hier unter studierten Menschen mit Hochschulabschluß waren die Themen nicht sonderlich breit gefächert.

67_ Erste postalische Kenntnisserwerbungen
Nachdem mir irgendein Kerl die Handhabung und Wirkungsweise dieses Zyklopenkopierers erläutert hatte, hantierte ich unbeholfen mit den bettlakengroßen Zeichnungen herum, ließ sie schlucken und ablichten, um sie dann sorgsam in einer eigentümlichen Faltweise zusamen zu legen. Man kann sich vorstellen, dass Papier in derartiger Größe den behenden Umgang nicht erleichterte. Ich mußte schon grinsen, wenn ich den kopierten Bogen nur in die Hand nahm. Scheiße nochmal, dachte ich, wie kann man so einen Blödsinn nur verantworten? Ich riß meine Arme auseinander und wedelte mit dem Fetzen herum: zuerst längs die Mitte, quer die Mitte und so weiter, bis sich ein zerquetschtes Päckchen ergab, welches ich sogleich in einen Karton bugsierte, der später von mir irgendwo hin gebracht werden sollte. Nach einigen Versuchen gelang diese Arbeit schließlich ganz gut und ich vergab mir den Pokal des Nationalen Kopierwettbewerbs für besondere Verdienste. Als der Karton sich mehr und mehr füllte handelte ich auf eigene Faust und schaltete mein Hirn ein, nur kurz, um nicht Anzeichen eines Denkenden zu geben, doch der Karton sollte ja per Boten, in diesem Falle mich, weitergereicht werden, zu welchen Zwecken auch immer. Ich entschied den überfressenen Karton nach oben zu schleppen, mich dann ins Büro des Chefs zu begeben und nach der Adresse zu fragen, praktisch als Ausdruck eigenverantwortlicher Tätigkeitsausführung. Der Chef fragte nur, ob ich so und soviel Stück kopiert hätte und ich bejahte dies, dann reichte er mir einen Zettel mit der anzufahrenden Adresse nebst Telefonnummer derselbigen, um mich vorab anzumelden. Blieb noch die Frage, wie ich zu besagter Adresse kommen sollte. Der Chef riß eine Schublade seines Schreibtisches auf und schmiß mir locker einen Schlüsselbund entgegen, welchen ich geistesgegenwärtig auffing und sofort bestaunte.
” Auf dem Hof steht ein blauer VW Polo, unser Dienstfahrzeug, Du hast doch einen Führerschein?”
“Sicher!” antwortete ich stolz.
” Hier ist noch etwas Geld zum Tanken, Benzin, kein Super! Und fahr´vorsichtig, die Karre hat schon einige Jahre auf dem Puckel!”
Wieder einen Teil des Arbeitstages ganz für mich, allein in einem Auto, durch die Straßen und Häuser ohne Gesichter und Augen, ich war seelig vor Glück, rannte hinaus zu meinem Karton und stand auf dem Hof, wo mich eine zerbeulte Automobilfratze anlächelte. Den Karton stellte ich auf dem Rücksitz ab, hockte mich vor das Steuerrad und ließ die Leinen los…

In der Stadt kannte ich mich mehr als gut aus, schließlich war ich hier geboren und hatte mein verkorkstes Leben in ihr verbracht wie in einer stinkenden Höhle. Ich kurvte durch enge Gassen, auf breite Vierspurbahnen meinem Ziel entgegen. Unterwegs machte ich Halt bei einem Imbiss und verabreichte mir eine Mahlzeit Currywurst mit Pommes. Die Zeit holte ich locker wieder rein, dachte ich mir. Der Mensch muß essen.Ach, und das Auto muß fahren. Schnell fuhr ich zu einer Tankstelle, stille den Durst des Polos und raste weiter…

Ich parkte das Auto vor einem Glaskasten und kramte meine Fracht vom Rücksitz. Der Eingang war so eine bescheuerte Drehtür, die sich perpetuum mobile ewig um sich selbst drehte. Ich hatte schon immer Angst gehabt eines Tages in solch einem Ungeheuer aufgeschlitzt zu werden oder dass mir ein Bein weggerissen würde, das ich nicht rechtzeitig nachgezogen hatte. Und somit setzte ich meine Füße sachte voreinander und wartete DIE GELEGENHEIT ab, um den Rhytmus der eisenern Glasschleuder heraus zu finden. Innen beobachtete mich ein graues Männchen in Uniform. Er trug diese Brillen mit an den Seiten befestigten Bändelchen, das um seinen Lianenhals führte und lugte über den Rand des Gestells wie eine alte Eule. Ich wollte gar nicht wissen, was der jetzt dachte; wahrscheinlich amüsierte er sich über mich, dass ich Hilfe bräuchte, auf so eine Idee kommen diese Menschen nicht.
Mit kreisenden Kopfbewegungen lauerte ich dem Karussel nach und getraute mich endlich in eine Lücke zu treten, zog rasch das Bein nach und stand gefangen in dieser durchsichtigen Geisterbahn. Der Kerl in Uniform hockte noch immer hinter seinem Empfangstresen und beäugte mich wie ein Erdmännchen. Drinnen nun mußte ich abermals den korrekten Zeitpunkt meines Hinaustretens bestimmen, was mir Schweiß auf die Stirn trieb. Letztlich mußte man sich immer Mut fassen und die Dinge allein angehen und so stellte ich blitzeflink ein Bein ins Innere des Hauses, zog das andere wiederum nach und schon kam die Schwingtür von hinten wie ein Trojaner auf mein Rückgrat zugeritten. Ehe ich im Innern angelangt war, bekam ich einen Cassiusschwinger auf mein Schulterblatt, dreht mich instinktiv um und sprach Flüche in die Gruft hinein, die es wert waren in die Akasha Chronik aufgenommen zu werden. Mit dem Karton unterm Arm und Schmerzen an der rechten Schulter schritt ich zum Erdmännchen, der nun seine Bindfadenlesebrille auf seine harte Brust klopfen ließ und mich mit hochgezogenen Augenbrauen begrüßte.
“Alles in Ordnung bei dir?”
“Sicher!” sagte ich mannshaft, der sollte mir keinen Schmerz ansehen, ehe würde ich mir die Zunge ausbeißen.
“Wo willst du denn hin?” fragte er und tippte mit einem Kugelschreiber auf seinen fetten Empfangsblock.
“Ich habe Zeichnungskopien von Büro M&M, die ich hier abliefern soll.”
“Die sind sicher für den Herrn Schuster! Zweite Etage, links und dann die Tür am Ende des Gangs… ist wirklich alles in Ordnung?”
“Natürlich ist alles in Ordnung. Nichts passiert…” Ich stakste davon und machte mich auf in den Fahrstuhl zu steigen. Oben im Büro des Herrn Schuster überreichte ich den Karton, verabschiedete mich und stand abermals vor dem Drachen von einer Eingangstür. Diesmal sollte er mich nicht anfallen, diesmal würde ich seinen Klauen entkommen. Ich verfolgte die kreisenden Bewegungen, ahnte die Lücke vorab, trat vor, stand, tat einen weiteren Schritt, ahnte auch hier den Spalt und eilte hinaus in die Freiheit.
Mein Polo begrüßte mich mit Augenaufschlag und kutschierte mich zurück ins Land der Architekten.

68_ Stufe für Stufe, so steigt man die Leiter hinauf!
Zurück im Architektenbüro verlangte man sogleich Auskunft über den Ausgang meines mir erteilten Auftrages. Der Chef stolperte vor mir her und ich trabte galopper in seinem Rückenwind.
Er faselte die ganze Zeit während unseres Marsches zu neuen Erledigungen; ich mußte Energie aufwenden nicht alles mitzubekommen und stopfte mir die Ohren mit Luftwölkchen zu. Wir kamen im ersten Stock des Büros in ein Großraumlabyrinth, vollgestopft mit Tischen, Stühlen und Menschen, die bleistiftelten.
Direkt gegenüber des Eingangs befanden sich vier monolithhohe Fenster, bewacht von schmierigen Stoffsoldaten. Diese sollten abgenommen und zur Wäscherei gebracht werden. Aus dem Schuppen auf dem Hof sollte ich mir eine Leiter besorgen, diese messmerisch besteigen und die Fetzen in einen Korb deponieren, Ablöseballen seien in oberster Etage.
Mir behagte das überhaupt nicht. Begafft von etlichen Augenpaaren mußte ich in dieser Halle der Zeichner meine Arbeit verrichten, was mich arg verunsicherte. Als ich die Leiter durch den Holzmund schob, starrten alle anwesenden Kritzler sofort auf meine Person, beäugten generalsmäßig mein Utensil und dachten sich wohl: na, hopp und hoch! Ich verließ sie allerdings nochmals und suchte nach dem Korb und dem Austausch in oberster Etage. Dort angekommen trippelte ich zwischen Tischen herum, die allesamt mit flächendeckenden Konstruktionszeichnungen ausstaffiert waren. Ein Korb, ob Plastik oder Weide, war nirgends zu sichten. Ich kramte in den Ecken und Winkeln nach meinem Schatz und fand ihn ausgehungert hinter einem Stapel aufgeweichtem Karton. Das unbenutzte Gardinenmaterial verstaute ich dort drin.

Ich versuchte, zurück auf meinem Posten, wenig Lärm zu veranstalten, wollte das kreative Volk nicht schrecken; und außerdem wollte ich nichts von ihrer Aufmerksamkeit. Sollten sie schön stricheln und linealen. Um an die Gardinenstange zu gelangen, mußte ich die oberste Sprosse der Leiter erklimmen und Höhe war mein Feind. Mutig wie ein Großwildjäger schob ich mich Sprosse für Sprosse hinauf, um die Ösen zu lösen… Es gelang rascher, als ich angenommen hatte und nach kurzer Zeit stanken die vergilbten Leinentücher in meinem schatzigen Plastikkorb.
Ich bugsierte die Leiter hinaus in den Schuppen, griff mir in die Hosentasche und suchte nach dem Zündschlüssel des Polos. Jetzt mußte mir nur noch jemand anvertrauen, wo denn diese Wäscherei sei. Also retour zum Chef, der eben in sein Hackbrötchen biß und sich die fettigen Mundbalken leckte. Mit dem Handkanten fegte er Krümel von seinem Entwurf oder was auch immer er da vor sich liegen gehabt hatte. Ein paar Straßen weiter, murmelte er kauend, da und da entlang, nicht schwer zu finden. Nach meiner Rückkehr sollte ich mich sogleich bei ihm melden, einen Stundenzettel ausfüllen und FEIERABEND machen! Na, schön!

Ich kurvte also mit dem Polo in die besagte Chemierei und ladete die Himmelstücher ab, ließ mir einen Abholbeleg aushändigen und machte mich auf in meinen FEIERABEND…

Leidliches Thema zu dieser Zeit blieb die Schule. Rosas Versuch aus mir einen belesenen Abiturienten zu machen in allen Ehren, aber mir fehlte tatsächlich der Ehrgeiz. Mittlerweile war mir ein Abschluß schon völlig gleichgültig. Allgemeinwissen hin und her, das hatte keine Bedeutung, das langte mich nicht an. Die Anforderungen der Schule ließen mich immer wieder kopfschüttelnd zurück. Manchmal trat ich mir in den Hintern und sagte mir, ist doch egal, was die wollen, lerne diesen ganzen Scheiß auswendig und nach den Prüfungen vergiß den Müll, brauchste eh nie wieder…
Ich arbeitete drei Tage in der Woche für das Architekturbüro und ging zwei Tage in die Schule, wenn auch widerwillig. Ich stand kurz vorm Abitur und hatte mich mit einigen Mitschülern zusammen getan, um den Prüfungsstoff zu pauken. Immer wenn wir uns trafen, fingen wir ziemlich züchtig an, besprachen Formeln und Diagramme, aber schon nach einer Stunde war der Elan futsch. Wir lümmelten uns in meiner oder einer anderen Bude herum, glotzten in die Röhre und faulenzten, indem wir Musik hörten und Gedanken austauschten…
An den Wochenenden ließ ich mich noch oft im Cafe blicken, verfolgte Anna auf Schritt und Tritt, die aber meinem sehnsüchtigen Blick auswich, warum auch immer. Des Nachts war noch immer die Discototlachnummer angesagt. Ich auf meinem Stammplatz wie auf einem Hochsitz mit angelegter Flinte und das Wild im Visier… leider war ich meist zu besoffen, um irgendwas zu erlegen. Die Flinte wackelte unruhig in den Händen, der Atem ging schwer und noch ehe ich anlegen konnte hatten sich meine Opfer ins Unterholz gemacht.

69_ Mittelmäßigkeit und Durchschnitt
Ich bereitete mich halbherzig auf mein Abitur vor, lernte kaum und war eigentlich vollkommen desinteressiert; in sämtlichen Bereichen des Daseins. Der Hausmeisterjob forderte kaum mehr als körperlichen Einsatz. Zum größten Teil fegte ich Gehwege und Parkplätze, kopierte Riesenbögen Konstruktionszeichnungen, die ich dann ins schon bekannte Büro beförderte. Alles in allem ein überaus langweiliges Leben, das für die Zukunft keine Veränderungen versprach, sondern vielmehr eine Vorbereitung auf noch mehr Langeweile, Frust und Sinnlosigkeit beinhaltete.

Über vier Tage wurden Klausuren geschrieben. Es war geradezu lächerlich wie sich die kommenden Führungskräfte und Manager zu einem Haufen von vollgestopften Informationsfressern aufspielten. Ihr gesamtes Wissen beruhte einzig und allein auf den Aussagen irgendwelcher Besserwisser. Man plapperte ständig den Lehrern nach dem Maul, hängte sich an ihre Fersen wie Kletten und kroch in einer schmierigen Schleimspur ihrer Aufmerksamkeit hinterher. Einige der Schüler besaßen bereits Verträge für den zukünftigen Job; Autoindustrie, Forschung, Technik, dieser ganze Scheiß, der es ermöglicht hatte, uns zu angeblich intelligenten Tieren zu machen. Und diese Schüler ordneten sich fein in die Endlosspirale der Aufwärtsstrebenden ein, die nur ein Ziel hat: Materieller Überfluß. Also nichts für mich…
Mein Abschluß war mittelmäßig, nicht mal guter Durchschnitt. In Technik erzielte ich die höchste Punktzahl, wie, kann ich nicht sagen. Mathematik war ein Reinfall, ebenso Wirtschaftskunde. Die Sprachen beherrschte ich gut, dafür hatte ich ein Faible, also beschloß ich Englisch als mündliches Prüfungsfach zu belegen. Ich stand mit Händen an den Hosennähten wie ein Soldat vor einem Drei-Mann-Komitee und mußte Fragen beantworten, nur bekam ich kein Wort heraus. Es ging gar nichts. Stumm, für immer sprachlos, ohne Worte und Gedanken. Dementsprechend war das Resultat…
Die Abitursfeier ließ ich selbstverständlich ausfallen. Wie hätte ich mit diesen Kindsköpfen meine Freizeit verbringen können? Es gab und gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen diesen Menschen und mir. Den Fetzen Papier mit meiner Benotung verstaute ich in meiner Kiste für Unbrauchbares und Unfug.

Mir blieb noch der Hausmeisterjob. Irgendwie hat das System da ungewollt vorgesorgt: wenn man schon nicht Teil dieser überauserfolgreichen Gesellschaft werden wollte, hätte man immer noch die Chance den amerikanischen Weg zu gehen: vom Tellerwäscher zum Millionär. Aber ich wollte gar kein Millionär werden. Ich wollte, dass man mich in Ruhe läßt, dass die Verpflichtungen aufhörten. Tellerwäscher wäre ein Weg der Unabhängigkeit gewesen, aber doch zu schlecht bezahlt. Als Hausmeister besaß ich die geringste Veranwortung und befolgte nur irgendwelche Befehle, die man mir gab. Mehr wollte ich gar nicht…

70_ vom so Dahindümpeln
Mit meinem Job war ich drei Tage die Woche zufrieden. Mittlerweile Mitglied einer Band, die sich auf experimentelle Musik versteift hatte und auf Teufel komm´raus Krach machte, den kaum jemand hören wollte, geschweige denn irgendwelche Produzenten oder gar Labels, dudelte ich auf meinen vier Saiten herum und tat ansonsten “unschuldig”. Und ich war unschuldig. In der letzten Band hatte ich immer mal wieder versucht Pop Konkurrenz zu machen, hatte Texte geschrieben, Musik dazu komponiert, obwohl ich diesen Ausdruck nie benutzen wollte, ein Komponist der kennt sich aus mit Tönen und mit Leitern und Zeichen; ich konnte mal eben den BASS gut bedienen, hatte eine glänzende Technik, aber von der Komposition hörbaren Musikstücken verstand ich nicht viel. Trotzdem versuchte ich es immer mal wieder, spielte auf meiner Gitarre stundenlang Akkorde und sang in einer unverständlichen Sprache dazu, solange bis ich die Gesangsmelodie gefunden hatte oder besser, bis ich der Meinung war, das Stück ließe sich öffentlicht vortragen. Die Versuche damals hatten einige kurze Momente der Entdeckung einer anderen Welt, was allerdings nur ich so empfand. Während eines Auftrittes irgendwo im Nirgendwo bat dann auch das Publikum darum, dass doch lieber Pop singen sollte; und die Aufnahmen aus dieser Zeit belegen eindeutig, dass der Applaus bei meinen Stücke nie zu hören war, im Gegensatz zum Applaus nach Pops Stücken, da wurde gejohlt und geraunzt. Ich ließ das also bleiben.
In der neuen Band konnte ich mich ganz auf meinen BASS konzentrieren, gab ab und an einen Kommentar von mir, aber auch nur, wenn darum gebeten wurde. Ich spielte meinen Part, der meist vom Drummer oder Keyboarder komponiert wurde und das konnte ich gut. Auch hier also so wenig wie möglich Verantwortung. Wir spielten einige Gigs, ernteten gute Kritiken, aber der große Durchbruch war bei solch einer Mucke nicht zu erwarten.

Ein guter Freund damals rief mich an und meinte, er gehe mit seiner neuen Freundin ins Ausland, irgendwo hin ins Nirgendwo, ob ich seine Bude anmieten wollte? Und ob ich das wollte! Seit langem schon hingen mir die Schlager vom Fuzzi über mir aus dem Halse raus. Keine Nacht, wo er nicht Rex Gildo oder gar Roy Black dudelte. Das diese Leute nicht schon beim Namen der Interpreten einen Brechreiz bekamen! Die ganze Gegend, in der ich hauste, war Arbeiterviertel und dementsprechend waren die Interessen der Ansässigen: Fußball, Fernsehen und Volksmusik. Über Sex sprach man nicht.
Ich war völlig aus dem Häuschen, als mich der Anruf erreichte und sagte sofort zu. Seine Wohnung hatte zwar kein Bad, nichts, wo man sich ordentlich waschen oder duschen konnte, aber dafür besaß die Bude fünf Zimmer mit Küche, direkt unterm Dach eines Wohnhauses in der Innenstadt. Heizung gab es auch nicht, Wärme wurde durch Kohleöfen erzeugt, aber das machte mir auch nichts aus. Ich wollte nur raus aus meiner schäbigen Wohnung, die mittlerweile auch einiges an Negativem aufgesogen hatte, dem mußte ich mal entkommen.
Wir verabredeten ein Treffen und ich sollte mich dem Vermieter vorstellen. Timmi, so hieß mein Kumpel, war ein hochaufgeschoßener Kerl von fast einen Meter neunzig, hatte schwarzes Haar und war gertenschlank, kein sportlicher Typ, eher der alkoholsüchtige Intellektuelle. Dauernd hatte er ein Buch in der Hand und las, entweder Vian oder Rimbaud oder Camus oder eben Satre; und auch wegen dieser Franzmännerliteraten wollte er für einige Zeit nach Paris. Keine Ahnung, wie er sich das vorstellte. Seine damalige Freundin besaß natürlich ein Stipendium, hatte bereits eine Bleibe und genug Kohle vom Papa, dass sie bis ans Lebensende hätte in Paris verweilen können… ohne einen Finger krumm zu machen.

Als ich dann an der Haustür klingelte und die fünfte Etage erklomm, empfing sie mich mit einem Lächeln einer Erfolgsverwöhnten. Timmi zerrte mich gleich in die Wohnung hinein und hielt mir sogleich eine Flasche Bier entgegen. Einige Leute standen an den Wänden gelehnt herum und plapperten Belangloses, wie immer. Ich war nur nicht auf soviel Trubel vorbereitet.
Mir gingen diese Parties unsäglich auf die Nerven. Man schreit sich an und betrinkt sich in Gegenwart schöner Mädels, die mit anderen flirten. Sollte es mal vorkommen und ich ließ mich zu einem Besuch hinreißen, drückte ich mich meistens in einer Ecke herum und kippte den Alkohol herunter, um die Gestalten ertragen zu können. Ich war also nicht eben guter Laune , als ich Timmi in die Küche folgte.
“Ey, Mann!” brüllte mir ein blondes Jüngelchen zu, ” du spielst den heißesten BASS der Stadt!”

“Ich weiß!” antwortete ich. Man kannte mich und das war nicht gut. Gespräche auf Feten und Feiern sind das Unerträglichste. Ich hechtete also in die Küche, griff mir Bier und Timmi und fragte ihn, was denn das hier nun sei?

“Wir machen eine kleine Abschiedparty! Liz wollte es so. Sie hat dermaßen viele Freunde und Bekannte, dass einem schlecht werden kann bei soviel Oberflächlichkeit.”
“Sagst es!” meinte ich und trank auf Ex.”ALso ich halte das hier nicht lange aus”, redete ich weiter,” ich will nur wissen, ob alles glatt läuft?”
“Klar, Mann, die Vermieterin wohnt in Berlin. Es gibt einen Hausverwalter, dem habe ich deine Telefonnummer gegeben. Er wird dich demnächst anrufen und mit dem machst du einen Termin, dürfte nichts schief gehen.”

Nach einigen Bieren und der Telefonummer des Hausverwalters in der Tasche torkelte ich hinaus, schob mich an den Unbekannten vorbei, grinste und machte Abwehrzeichen, bis ich im Treppenflur stand. Ich drehte meinen Kopf nach rechts zu einer Wohnungstür hin und las das Namensschild. Kuttemeier stand dort. Das Schild war aus Holz und hatte diese hineingebrannten Schnörkel an den Seiten und Ecken. Vielleicht war es eine Botschaft für mich? Ich war zu besoffen, um mich über ein Klingelschild wundern zu können, trudelte die Treppenstufen hinab und stand im Dunkel auf der Straße. Dann machte ich eine 360° Drehung und wollte mir die zukünftige Umgebung ansehen, aber anstatt irgendetwas Freundliches oder Nettes zu erblicken, wurde mir schlecht und ich kotzte zwischen die Mülltonnen. Stinkend und angeheitert trabte ich nach haus.
Wieso war ich eigentlich der, der ich war? Oder: wieso bin ich eigentlich der, der ich bin? Wieso scharwenzelte Timmi mit so einer Braut herum? Liz war eine Schönheit; groß, schlank, pralle Brüste und Strahleaugen. Ich war ja schon immer der Meinung gewesen, dass zu gutaussehende Frauen nicht eben mit einer Riesenportion Intelligenz gesegnet seien. Obwohl? Timmi ist ein toller Kerl, bis auf seine Franzmann-Macke und diesen Existenzialisten-Quatsch. Timmi hatte schon so eine Frau, so ein Mädel verdient. Aber was hatte ich verdient?

71_ Neue Welt
Mit der Aussicht meine damalige Bude endlich verlassen zu können funktionierte ich besser im Job und im Alltagsleben; es gab mir etwas Glück, etwas Freude. Etwas Neues in einem verlotterten Leben beinhaltet immer die Annahme einer Veränderung der Umstände. In meinem Falle dachte ich mir, es könnte jetzt mal die Zeit der Entspannung beginnen, die Zeit der Entlastung, wovon, wußte ich nicht. Höchstwahrscheinlich war mein Hirn unter dieser ewigen Hochleistung einer Beantwortung der letztendlichen Frage, warum und wieso?, ziemlich überlastet gewesen. Jedenfalls hoffte es auf Gefühle und Begebenheiten, die mich befreiten. Wovon? naja, auch eben von dieser blöden Fragerei nach dem Sinn des Ganzen. Etwas Neues, Unbekanntes im Leben verspricht soviel, dass wir vor lauter Hirngespinsten kaum noch die Realität wahrnehmen; und das war vielleicht das einizge Ziel des Neuen: das Ausschalten der Realität.

In einer meiner Discothekenbesuche war ich auf eine nette Frau aufmerksam geworden. Ob sie nun nett war, wußte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, mir kam es vor, als steckte hinter ihren weitaufgerissenen Augen ein Mensch mit ähnlichen Ansichten, wie ich sie vertrat. Mara trug nur schwarze Kleidung. Ihr Haar war schwarz gefärbt. Die Fingernägel schwarz bemalt. Die Lider schwarz gestrichen. Sie trug selbst schwarze Unterwäsche, was ich später entdecken durfte. Ihr Gesicht hingegen war kreideblich. Eine weiße Landschaft ohne Schatten, in der ihre Augen wie zwei Spiegel flimmerten und den Betrachter ständig irritierten. Als ich sie das erste Mal sah, stand sie mit einer blonden Tusse an einer der Theken und trank eine durchsichtige Flüssigkeit. Ich beobachtete ihren Gesichtsausdruck, ihre Haltung und erkannte diese überaus große Verletztlichkeit. Ihr Lachen war gespielt. Ihre Haltung deutete auf Abgrenzung hin. Ihr Blick war suchend.
Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir zusammen gekommen waren und weiß nur noch, dass wir in ihrem Auto, einem gelben VW Käfer, zu ihr fuhren. Sie lebte in einer Zweier- Wohngemein-
schaft mit dieser blonden Tusse, ihren Namen habe ich längst vergessen. Sie war eins von diesen unbeholfenen Mädels, die erstmal ins Bett hüpften, sich durchpoppen ließen und anschließend dumme Fragen stellten. Unreflektierte Hühner mit Besitzansprüchen. Auf den ersten Blick war sie hübsch, auf den zeiten Blick entdeckte man tiefe Narben auf den Wangen, die die Akne hinter lassen hatte. Ihre Augen war kleinschlitzig und grün; naja und Menschen mit grünen Augen konnte ich noch nie ausstehen. Ich vermied es näheren Kontakt mit ihr zu bekommen.
Warum Mara mit ihr zusammen wohnte, konnte ich nicht sagen, habe auch dazu keinen Einfall. Vielleicht war es wie mit Max und Moritz, der eine dunkel und rundlich, der andere hell und schmal… oder eben Topf und Deckel, was weiß ich. Wahrscheinlich gab es hinsichtlich der weiblichen Probleme gewisse Gemeinsamkeiten, die sie dazu bewogen hatten eine Wohnung zu beziehen.
Mara kannte mich von einige Auftritten und mochte unsere abartige Musik. Sie selbst spielte kein Instrument, aber kannte sich sehr gut im Bereich experimenteller Musik aus. Bill Laswell war ihr sogar ein Begriff, John Lurie oder Tom Waits kannte sie; wenn das mal kein Zeichen war für eine Neue Welt? Ich sah wieder Land, wie man so schön sagt, wenn man jahrelang auf hoher See geschippert war und die Fluten einen nicht verschluckt hatten. Unsere ersten Gespräche drehten sich dann auch nur um unsere Musik. Ich erfuhr, dass Mara bisher einige Männerbekannschaften hatte, die ziemlich schnell kaputt gegangen waren und sie vorerst zurückhaltend bleiben wollte, also nichts Festes oder so wollte. Ich war froh um diesen Aspekt, weil ich eine einengende Beziehung ebenso hasste, was ich ihr natürlich sagte. Auch den ersten Beischlaf zögerten wir eine Weile hinaus. Wenn man erstmal miteinander geschlafen hatte, war eigentlich schon alles im Eimer. Sofort setzten Ansprüche ein, man wollte mich ständig sehen, ließ mir keinen Freiraum zu Musizieren, telefonierte mir ständig hinterher und stand unangemeldet vor der Haustür. Ich hasse das!

Vor ihrer Wohnung stiegen wir gemeinsam aus und ich verabschiedete mich von ihr, ging zu Fuß nach hause, um mir die Sache Mara genau zu überlegen. Am nächsten Tag sollte ich mich mit dem Hausverwalter treffen und eventuell schon einen Vertrag unterschreiben, dann konnte es endlich ganz von vorn beginnen, mein Leben. Ich fühlte mich wohl und konnte nicht zurück verfolgen, wann das eigentlich mal vorgekommen war. So schlenderte ich nachts um drei Uhr durch die Straßen und kam putzmunter in meiner Wohnung an, kramte Pinsel und Tapeten hervor und malte irgendwas. Vielleicht kam ja doch noch die Erleuchtung, was ich in dieser Wirtschaftsgesellschaft beruflich machen konnte. Künstler wäre nicht schlecht. Ich hatte schon immer einen Hang zum Expressionismus und konnte mich auf meinem Bass wie auch in der Malerei gut ausdrücken, ohne nun irgendwelche Farbkreiskenntnisse zu besitzen oder gar eine Ausbildung oder ein Studium. Künstler wäre echt nicht schlecht, dachte ich am Morgen und beschloß mich an der hiesigen Kunsthochschule zu informieren. Ich hängte die bemalten Tapetenstreifen in mein Pseudowohnzimmer, betrachtete die Kunstwerke und war auf dem besten Wege mir eine Karriere auszumalen, die mich erfüllen konnte.

72_ Neue Welt (Teil 2)
Also: um ein Studium der Kunst oder der Kunstpädagogik beginnen zu können, brauchte ich eine Mappe, die auswies, dass mein Talent hinreichen sollte, aus mir einen “anständigen” Künstler zu machen. Bisher besaß ich mal einige Bahnen Tapete, Rauhfaser Erfurt50 oder sowas, die bunt bemalt waren, aber parotut nicht in eine Mappe passten. Man hätte jetzt großen Aufwand betreiben und diese Lappen abfotografieren können, wollte ich aber nicht, somit mußte ich kleinformatige Bildchen zeichnen und versuchte mein Glück mit ersten Aktstudien. Fatal war damals, dass ich bei jeder nackten Frau, die ich versuchte abzubilden, einen Ständer bekam und nach kurzer Zeit das Zeichnen einstellte, weil meine Fantasie sonst komplett mit mir durchgegangen wäre. Ich verlagerte meine Übungen ins Freie und zeichnete Bäume, Büsche und Landschaften; die waren sexuell weniger aufregend. Trotzdem zeigte dieser seltsame Umstand ein Begehren in mir auf, das ich irgendwann mal stillen mußte. Ich konnte doch nicht ewig an mir herumfummeln, noch dazu während der Zeichenübungen. Ein Begehren verfolgt das nächste Begehren. Kaum war die Idee mit einer Bewerbungsmappe ausgereift, ich hatte tatsächlich jegliche Utensilien besorgt, ausreichend Papier, Bleistifte von 2H bis 7B, ich ließ mir Aquarellfarben schenken. Rosa kaufte den extraguten von Schmincke, zusätzlich mit einer schönen Schatulle. Sie war mir so fern wie der Mond der Sonne… und da haben wir auch schon das nächste Begehren, die Frau. Immer drehte sich alles nur um die Erfüllung irgendwelcher Begehren, die manchmal körperlicher Natur waren, manchmal geistiger. Meine Mappe füllte sich jedenfalls und Mara wartete auf einen Anruf von mir. Und ich wartete auf Maras Körpers.

Sie arbeitete in einer Kneipe im Studentenviertel. Nach ihrem leidlichen Schulabschluß zog sie nur herum auf der Suche nach Abwechslung. Ihre Tage verbrachte sie im Bett und las zumeist irgendwelche Klassiker, Mann, Grass, Musil, Kafka usw. Am Abend jobbte sie für ein paar lausige Mark in einer stinkenden Bude und nach Feierabend trieb sie sich in Sezenkneipen und Discotheken herum. Nach etwa einer Woche unseres ersten Treffens besuchte ich sie am Abend in der Kneipe. Sie lächelte, als sie mich erblickte, was mir Mut machte. Um sie herum standen Typen mit lausigen Haarschnitten und derber Ausdrucksweise. Allesamt Musiker aus einer mir bekannten Clique. Sie waren um einiges älter als ich und auch als Mara, aber Mara schätzte ihre Nähe und fühlte sich irgendwie wohl, wenn an die fünf Typen sie umgaben. Mich machte das nicht froh.
Ich setzte mich an einen freien Tisch und bestellte ein Glas Bier. Sofort kam ein lederjackentragender Kerl zu mir und fragte, ob ich nicht dieser Bassist sei, der sein Instrument beinahe auf der Bühne fickte. Natürlich antwortete ich, dass ich dieser Typ sei. Auf so eine blöde Frage kann es nur eine noch dämlichere Antwort geben. Er fand das jedenfalls toll, was ich da so auf dem BASS fabrizierte und wünschte mir und meiner neuen Combo alles Glück. Ich hatte keine Lust noch weiter mit ihm zu quatschen und schob den Stuhl zurück, trank mein Bier im Stehen aus und wollte draußen auf Mara warten. Als sie bemerkte, dass ich verschwunden war, sah ich deutlich ihr Entsetzen. Sie stürmte zur Tür, riß diese auf und stand vor mir.
“Ich bin gleich fertig!” sagte sie mit etwas zitternder Stimme, ” wartest du auf mich?”
“Ich warte!” antwortete ich, ” Hier draußen! Ich habe keine Lust auf dieses Gequatsche von diesen obercoolen Musikern da.” Ich zeigte ins Innere der Kneipe.

“Die sind alle ganz nett,” meinte Mara und öffnete die Tür erneut,” außerdem mögen sie dich!”
“Kann ja sein. Aber ich mag sie nicht!”
Sie grinste und ging hinein. Mir schien es, als nickten die Typen drinnen in der Kneipe mir zu. Sie tuschelten etwas und zeigten unfreiwillig Respekt vor mir, nur aufgrund der Tatsache, dass ich wie ein wilder Stier auf dem BASS spielte. Dummes Volk.

Nach etwa einer Stunde, die ich mit Rauchen und Musik aus dem Radio, ich hatte mir den Autoschlüssel zu Maras Auto geben lassen, verbracht hatte, kam Mara endlich heraus und setzte sich neben mich ins Auto.
“Fährst du?” fragte sie piepsig, als wollte sie mir sowas wie eine Untergebenheit andeuten.

Wir fuhren zu ihr. Es war Freitagabend und gegen neun Uhr, als ich hinter ihr die Treppenstufen zu ihrer Wohnung hochlatschte. Mara hatte eine tolle Figur. Sie schlingerte mit ihrem kleinen Po hin und her und machte mich auf mein Defizit aufmerksam. Aber ich konnte diese weibliche Zeichen nie richtig deuten. Hieß dieses Getue ihrerseits nun, sie sei willig mit mir ins Bett zu steigen? Wollte sie mir Mut machen, sie zu berühren, zu verführen? Oder war das alles wieder nur Ausdruck eines übergroßen Egos, das einen dummen Kerl wie mich, an der Nase herum führen wollte? Ich meine, ich wußte nichts zu tun. Dem äußeren Anschein nach wollte sie mir ihren Körper darbieten, aber auf der anderen Seite hätte es auch ganz banal nur ein typischer Bewegungsablauf eines menschlichen Körpers darstellen können, der Treppenstufen hinauf steigt.
Wir hockten uns auf ihr Bett und sprachen über die üblichen Dinge, die man bespricht, wenn man in der ersten Kennlernphase steckt: Interessen, Beruf und Berufung, Vorlieben, Geschmäcker aller Art, vor allem beim Essen. Ein Geplänkel, dass mich fast wahnsinnig machte, weil ich nur auf ihren Körper starrte, ihre festen Brüste, ihre schmale Taille, die ich endlich mal umfassen wollte. Bevor es aber dazukommt, muß man sich als Mann diesen endlosen, nichstbedeutenden Gelaber aussetzen. Es ist nun nicht so, dass ich ihr nicht von meinen großen Errungenschaften berichten wollte; ich erzählte vom Kunststudium, von der Band, vom BASS und von gelesenen Büchern. Nur kam mir ständig mein Begehren ins Gehege. Ich hatte lange kein weibliches Wesen mehr berühren dürfen und lechzte nach diesem Fleisch, zart und rosa… und ohne Haar.

Als schließlich sicher für mich war, dass es diesen Abend keine Chance geben sollte, berichtete ich von meinem Umzug, erzählte von Timmi und Liz und ihren Plänen, schleuderte Gedankenbälle gegen die Wände und machte mir verbal Luft. Ich quatschte sie dermaßen zu, dass wir schließlich beschlossen noch in einer der Szenekneipen zu fahren und uns zu erholen.
Was man alles machen muß, um eine Frau davon zu überzeugen, dass man nicht der leibhaftige Teufel ist und nur Sex mag, ist kaum jemanden verständlich zu machen. Das Weibchen baut durch ein Gespräch mit dem Männchen Vertrauen auf und öffnet sich erst, wenn es tatsächlich sicher sein kann, nicht vergewaltigt, gedemütigt, drangsaliert oder gar getötet zu werden. Das Männchen verfolgt nur das Ziel der Kopulation. Das Weibchen ist meist schon im Denken über den Akt hinaus und konstruiert sich die Welt nach dem Akt, in der das Männchen zum Versorger wird, zum Beschützer und Liebhaber. Der Akt an sich hat für das Weibchen keinerlei Bedeutung. Ich frage mich sogar, ob das Weibchen begehren kann? Kann ein Weibchen Leidenschaft empfinden? Meines Erachtens nicht!

In der Kneipe standen die üblichen Männchen und Weibchen herum, tranken und schrien sich an, glotzten stumpf in ein Nichts und warteten auf die Erlösung. Meine Erlösung folgte in der gleichen Nacht. Angetrunken ließ es sich besser kommunizieren. Zurück in ihrer Wohnung fiel sie über mich her wie ein wildes Tier und bescherte mir die schönste Nacht seit langem. Das weiter auszuführen bin ich nicht gewillt; so etwas läßt sich nicht teilen mit der Internetöffentlichkeit.

73_ Neue Welt (Teil 3)
Zwei Begierden oder meinetwegen Begehren mit einer Klappe, die im Anfangsstadium einen Erfolg beinhalteten, aber vorerst keine Rückschlüsse oder Prognosen auf die Zukunft zuließen.
Zum einen war da Mara; eine kluge Frau, gerade aus dem Mädchenalter heraus und willig mit mir eine Wegstrecke zurück zu legen. Sie schenkte mir etwas Halt und vorallem die fast absolute Befriedigung meiner Libido. Wir sahen uns jeden Tag und verbrachten die Nächte meist bei ihr. Während sie an den Nachmittagen in der Kneipe jobbte, räumte ich meine paar Sachen in der Wohnung zusammen, wobei ich aber den Größtteil einfach wegschmiß. Meine Tapetenbahnen zerknüddelte ich zu harten Wurgeschossen und knallte sie in die Tonne. Eigentlich besaß ich nur noch ein Bett, meine LP-Sammlung samt Stereo-Anlage und meinen Bass. Und das war auch gut so. Vor mir lag nämlich eine Neue Welt, die mich einkleiden wollte. Ich sollte nun endlich in den Genuß der Eigenverantwortung und Selbständigkeit kommen. Wenn ich das Wirtschaftssystem schon akzeptieren mußte, wenn ich gar nicht anders überleben konnte ohne diesem Tauschmittel GELD, dann wollte ich mir wenigstens aussuchen, wie ich dieses Tauschmittel erwerben würde. Ein Kunststudium war klasse. Sicher hatte ich damals noch keine Ahnung, was man denn mit so einem Studium anfängt; es war mir aber gleichgültig; die Zukunft, dachte ich, die liegt weit entfernt vor mir und ich will sie nicht kennen lernen. Mara unterstützte mich darin. Sie selbst malte ebenfalls. Wie ich nackte Frauen malte, malte sie nackte Männer…( wir wollen das hier jetzt nicht psychologisieren, ja?), sie konnte sich jedeoch noch nicht zu einem Studium an den Kunsthochschule überreden lassen. Meine Aussichten standen also zu diesem Zeitpunkt nicht schlecht. Wer hätte das gedacht, dass aus einem untauglichen Herumtreiber eines Tages mal ein großer Künstler werden würde? Am allerwenigsten meine Eltern, die mich auch für völlig bekloppt hielten, als ich ihnen meinen Studienwunsch näherbrachte. Ihre Meinung zählte nur überhaupt nicht mehr, hatte eigentlich auch nie gezählt. Sie schwirrten mit Fernbedienungen und Videokameras durchs All, auf der Suche nach dem richtigen Motiv…

Mara überließ mir zum Umzug ihr Auto. Man glaubt ja gar nicht, was in einen VW Käfer so hinein passt. Ich fuhr etliche Male hin und her zwischen der alten und der neuen Bude, schleppte meine Spärlichkeiten raus und hoch und runter und war innerhalb von drei Tagen umgezogen. Der Hausverwalter hatte ohne große Umschweife meinem Einzug zugestimmt und von Timmi bekam ich die Schlüssel ausgehändigt. Timmi saß jetzt mit seiner Liz im Flieger Richtung Paris und wollte die Wurzeln des Existentialismus erforschen, von mir aus!
Nach den Fahrten zwischen den beiden Wohnungen holte ich immer Mara von ihrem Job ab. Wie immer begafften mich die lederjackigen Typen von oben herab und hielten sich für die kommenden Eddie van Halens oder so…Ihr Gehabe ähnelte denen kleiner Schimpansen, die sich unbeholfen von Ast zu Ast eines Baumes hangelten. Sie strichen sich über ihre engen Hosen, griffen sich in den Schritt, ständig fuhren die Hände durch das Haar und fast minütlich suchte ihr Blick einen Spiegel, der ihnen ihre Unwiderstehlichkeit bewies. Ich wich ihren Blicken aus, indem ich irgendwann gar nicht mehr in die Kneipe hinein ging, sondern draußen im Wagen auf Mara wartete. Sie kam freudestrahlend heraus, küsste mich und fragte, was wir unternehmen wollten.
Der Anfang einer jeden Beziehung ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Zuerst läuft man Händchenhaltend durch die Szene, damit die anderen erkennen, dass man ab jetzt ein Paar ist. Die ersten Wochen bewegt man sich als Kerl wie ich noch auf dünnem Eis, schaut sich nach den Konkurrenten um, eifersüchtelt schlimm herum. Auch wird die Freizeit meist unter Mitmenschen verbracht, weil niemand der beiden des anderen Freiheit beschneiden will. Man fragt nach Unternehmungen, geht ins Kino, trifft sich mit Leuten, hockt stumpf in Kneipen, trinkt und schlägt die Zeit tot, bis man schließlich ins Bett geht und sich sexuell betätigt. Irgendwann kommt dann der Augenblick, wo sie sagt, sie wolle nicht weggehen, sie wolle lieber zu hause bleiben, einen guten Film im Fernsehen sehen oder ein Buch lesen oder gar sich kreativ beschäftigen. Ab da wird es in einer Beziehung zusehends komplizierter. Mara wollte irgendwann dann auch nicht mehr in eine Disco und schlug mir vor, wir sollten doch mal versuchen zusammen zu malen… UND DA WAR ES DANN: OBACHT JETZT! ZUSAMMEN MALEN??? DAS GEHT JA SOWAS VON GAR NICHT!
Trotzdem versuchte ich es. In ihrer Wohnung gab es einen Gemeinschaftsraum, der eigentlich nur mit Gerümpel vollstand und keine Funktion inne hatte. Die Wände waren kahlweiß, der Fußboden schmierig und die Fenster glubschäugig. Wir entschlossen uns an einer Wand zu beginnen, kauften Farben und Pinsel und eines Abends war es dann soweit. Für eine Beziehung in diesem Stadium gar kein schlechter Wegweiser: gemeinsam kreativ sein! Ich begann auf der rechten Seite der Wand, sie auf der linken und wir wollten sehen, was sich entwickelte. Nach einer Stunde oder so lagen wir im Bett, mit Farbe beschmiert und glücklich. Diese neue Welt mochte ich. Ich mochte Mara. Ich mochte für einige Zeit sogar mein Leben. Ich mochte auch die Musik, die ich in der neuen Band spielte. Ich mochte die Aussicht auf ein Kunststudium. Ja, diese neue Welt mochte ich.

74_ Freu dich nicht zu früh!
Alles, was neu ist, wird zwangsläufig irgendwann alt. Das ist Naturgesetz. Daran läßt sich nichts rütteln, auch wenn man wie ein Geretteter versucht die eben erblühte Knospe zu fassen, sie zu halten und nie wieder loslassen möchte; sie verblüht in Windeseile.
Ich verlor meinen Hausmeisterposten, weil ich den VW Polo demoliert hatte. Der Schaden war gering und ich nahm an, der Chef würde eine anständige Versicherung besitzen, die für den Schaden aufkommen sollte. Eigentlich war es eine Lappalie und nicht der Rede wert. Als ich von einem Botengang zurück zum Büro fahren wollte, nahm ich einem anderen Auto, welches von rechts aus einer Seitenstraße schoß, die Vorfahrt. Es gab keine Verkehrsschilder und somit galt die Vorschrift: rechts vor links. Das Auto zerbeulte den Kotflügel des Polos und mehr war nun auch schon nicht.
Trotzdem sagte man mir, man bräuchte meine Hilfe nicht mehr. Die Stelle sei sowieso nur als Überbrückung gedacht, für die Urlauber, die nun wieder da seien usw. Ausreden, weiter nichts.

Es gab kein Schüler-BAföG mehr und ich brauchte Geld, um meine neue Bude bezahlen zu können. Nach dem Abitur lebte ich praktisch nur vom hausmeistern. In den Zeitungen gab es nur Handlangerjobs, die harten Körpereinsatz erforderten, auf sowas konnte ich verzichten. Und dann fiel mir mein alter Herr ein, der doch seit einiger Zeit als Pförtner beschäftigt war; ihn fragte ich, ob er mir nicht einen Job besorgen könnte. Zuerst druckste er herum, das tat er immer, wenn ich ihn um etwas bat, aber schließlich nickte er mir zu und meinte: “Wenn ich mich darum kümmere, mußt du 100%ig zuverlässig sein! Ich habe keine Lust wegen dir in einen schlechten Ruf zu geraten!”
Er machte geradeso, als ob ich ihn schon irgendwann mal in Verlegenheit mit einer üblen Tat gebracht hätte. Idiot der!

75_ Die Leiden eines Nachtwächters
Mara war von meinem neuen Job überhaupt nicht begeistert. Ich erzählte ihr, dass ich von abends sechs Uhr bis morgens sechs Uhr als Nachtwächter in einer großen Forschungsfirma arbeitete. Wir konnten uns morgens bis zum Nachmittage hin sehen und irgendwas gemeinsam unternehmen, ansonsten war die restliche Zeit unseren Jobs gewidmet. Ich war natürlich auch nicht über diesen Job erfreut, fand mich aber damit ab, weil ich das Tauschmittel benötigte. Mara hingegen quakte dauernd davon, ich sollte doch nach etwas anderem Ausschau halten, ein normaler nine to five Job, aber ich hatte nun mal meinem Alten sowas wie mein Ehrenwort gegeben und wollte ihn nicht hängen lassen. Wie hätte das denn ausgesehen?

Es war ein riesiges Gelände, total ungenutzt. In den Hallen standen ausrangierte Maschinen herum, die ich nicht identifizieren konnte. Tags wie nachts war das komplette Gelände wie ausgestorben, weil niemand mehr dort arbeitete. Trotzdem wollte die Forschungsfirma eine Bewachung und das übernahm ich in der Nacht.
Mein erster Tag war lau. Ein dicker Kerl mit dunkelblauer Uniform wies mich ein und latschte träge durch die Hallen, ich hinter ihm her. Er zeigte mir die Stechuhren, in die ich eine Karte stecken mußte, damit nachgewiesen wurde, dass ich auch schön aufpasste auf deren Hab und Gut. Vier Mal pro Nacht sollte gestempelt werden. Im Pförtnerhäuschen am Eingang des Geländes stand ein großer Schreibtisch mit nichts darauf, weder Zettel noch Kugelschreiber noch Papier noch sonst irgendwas. Davor ein bequemer Drehsessel. Von zwei Seiten war das Häuschen verglast, so dass man auf die Straße blicken konnte. Das Gelände selbst war umzäunt und mit einer Schranke am Tor gesichert. Niemand kommt hier rein oder raus, wenn nicht durch das Tor, meinte der dicke Wächter. Er übergab mir Schlüssel und Fernsehprogramm und verabschiedete sich.
Bis etwa zwei Uhr nachts glotzte ich ins Fernehen, dann machte ich die dritte Runde, stempelte und wartete und wartete und wartete…

76_  Alte Welt
Nach einer scheinbar unendlichen Zeit machte ich mich daran die letzte Runde zu gehen, schlürfte durch die Hallen und dann ein kleines Stückchen Weg draußen im Freien entlang. Die ersten Vögel zwitscherten laut und bereiteten mir Kopfschmerzen; kann aber auch sein, dass ich die Kopfschmerzen durch das endlose Grübeln während des Wartens selbst hervorgerufen hatte, wen interessiert das schon. Ich stellte mir vor diesen elenden Job über Wochen hin ausüben zu müssen und mir wurde schlecht dabei. Wenn mein alter Herr nicht gewesen wäre, hätte ich gleich nach der ersten Nacht alles hingeschmissen. Ich meine, wer läßt sich so eine Tätigkeit einfallen? Nachts, zwölf Stunden unbrauchbares Zeugs zu bewachen, ist doch klar, dass die Leute durchdrehen, Amoklaufen und ihre Mitmenschen erschießen…
Meine Ablöse kam relativ pünktlich und fragte natürlich sofort mit einem hämischen Grinsen um die Backen, wie ich denn die Nacht überstanden hätte? Ohne ihm eine Antwort zu geben machte ich mich davon. Ich fuhr mit Maras Auto sofort zu ihr und haute mich ins Bett neben sie. Sie murmelte etwas im Schlaf und ich stellte ihr daraufhin einige Fragen, so das übliche Zeugs; wen liebst du? betrügst du Max? und sowas, aber sie antwortete nur unverständliches Kram. Ich drehte mich um und schlief sofort ein.
Gegen mittag stand Mara dann mit heißem Kaffee am Bett und versuchte mich zu wecken, wollte auch wissen, wie es mir ergangen ist. Ich konnte nichts sagen, sabberte am Kaffee und blickte dauernd zur Uhr, schließlich ging diese Scheiße in einigen Stunden gleich wieder von vorn los.

Mara verließ mich um zwei Uhr und fuhr zu diesen lederjackigen Kerlen, um sie ausreichend mit Bier oder sonstwas zu versorgen. Ich duschte, glotzte stumpf aus dem Fenster und nichts da draußen ereichte meine Aufmerksamkeit, weder rauschende Bäume noch zwitschernde Vögel und schon gar nicht Menschen.

77_  im Trott
Obwohl ich nun eine neue Wohnung besaß, hielt ich mich fast ausschließlich bei Mara auf. Ab und zu fuhr ich zu meinem neuen Briefkasten, um mich von den erhaltenen Rechnungen über Strom, Gas und Telefon überraschen zu lassen. Ich stieg dann nur kurz die Treppenstufen hoch, schaute jedesmal auf dieses Namensschild “Kuttemeier” und fragte mich, was sich für eine Person oder Familie hinter diesem Namen verbarg. In der Bude selbst hatte ich nichts Großartiges renoviert. Die Wände waren weiß, die Fenster speckig und die Aussicht vom fünften Stock über die Stadt gab mir auch kein Glücksgefühl. Ich latschte durch die Räume, drehte mich im Kreis und wartete auf eine Eingebung. Man hätte die Bude ziemlich toll herrichten können; es gab wie gesagt etliche Zimmer, ich hätte mich ausbreiten können, hätte ein Atelier einrichten können, hätte, hätte, hätte.
Ich tat nichts dergleichen. Ich fuhr zurück in Maras Bude und haute mich auf ihr Bett. Ihr Geruch überall war mir wichtiger, als eine räumliche Ausweitung.
Die Nachtschichten verbrachte ich nun damit meine Mappe für die Kunsthochschule zu vervollständigen. Während einer Ausstellung von Alfred Hrdlicka durfte ich seine leicht obszönen Zeichnungen bewundern und versuchte es ihm gleich zu tun. Den Fernseher in meinem Glashäuschen stellte ich gar nicht mehr ein, stattdessen zeichnete ich pornografische Bildchen, Schnappschüsse aus dem Familienalbum, Feierabendstunden eines Paares, so was eben. Ob das die Jury von meinem Talent überzeugen würde war mir egal, ich wollte auf jeden Fall auffallen. Das tut man nunmal mit pornografischem Bildmaterial. Die Mappe füllte sich rasch, die Themen gingen mir nicht aus, dass mein zeichnerisches Können bei Null lag, erkannte ich allerdings nicht.
Bevor meine Ablöse am Morgen kam verstaute ich die Bildchen aus der Nacht in meiner Mappe. Durch diese Abwechslung schossen die Stunden der Nachtwächterei wie Sternschnuppen dahin und ich konnte mir vorstellen diesen Job noch eine Weile zu ertragen. Mara war allerdings nicht dieser Ansicht.

78_ in Beziehung
“Wie lange soll denn das noch so weiter gehen?” fragte mich Mara. Wir saßen am Frühstückstisch in ihrer Miniküche, tranken Riesenbecher Milchkaffee und aßen Brötchen dazu.
“Ich kann es nicht sagen! Himmel, ich brauche das Geld für die Miete und für sämtliche Ausgaben.
Außerdem will ich mir auch mal etwas leisten können!” antwortete ich steckte mir die erste Zigarette des Tages an.
“Was leisten?” fragte sie jetzt mit aufgerissenen Augen, ” ich denke, du bist nicht scharf auf diesen ganzen Materialismus hier; sagst doch selbst immer, du bräuchtest nicht viel, könntest auf vieles, wenn nicht gar auf alles verzichten. Nur Gerede, was?”
“Wenn ich das System beschimpfe und auf diese Konsumgesellschaft scheiße, dann heißt das ja nicht zwangsläufig, ich hätte keine Wünsche oder Bedürfnisse. Ich sage nur, ich kann auf den Größteil der Komplettprodukte verzichten. Aber einen schönen E – Bass, Stingray, 5 – Saiter, das wäre doch nicht schlecht!”
“Ist doch auch nichts weiter als konsumieren. Einerseits das System kritisieren, aber andererseits die eigenen, egoistischen Wünsche erfüllt haben. Das passt einfach nicht zusammen. Du muß dich entscheiden!”
“Entscheiden? Wofür denn? Ich sage nur, ich will meine Talente ausleben, will Musik machen, will malen und zeichnen und brauche diesen ganzen anderen Quatsch nicht. Endlose Schlangen Fliesbänder, Überproduktion sämtlicher Waren, dass man sie teilweise sogar wegwirft, das meine ich!”
“Ach, egal! Wie lange also willst du noch in der Nacht da herumhängen?”
“Mal sehen! Ich kann gut zeichnen dort. Niemand stört mich. Ich habe einiges geschafft…habe…”
“Pornos zeichnen nennst du ” einiges geschafft”?”
“Na und? Ich bin da ganz allein und wenn ich dabei noch Geld verdiene, ist doch das genial!”
“Ich find´s scheiße. Wir haben kaum mehr Zeit füreinander.”

Mara stand auf, griff sich die Autoschlüssel und meinte, ich solle mit dem Fahrrad fahren oder mir eben ein eigenes Auto kaufen, wenn es meine antikapitalistische Haltung zuließe. Sie war schlecht drauf an diesem Morgen.

79_ nächtens
Ich blieb bis etwa vier Uhr nachmittags bei Mara in der Wohnung, hockte zum größten Teil der Zeit auf ihrem Bett und dachte an meine Zukunft. Meine Zukunft mit Mara. Nach so ein paar Wochen Beziehung geschieht das wohl zwangsläufig, dass sich die Leute um die Zukunft ihrer Beziehung weitgreifende Gedanken machen, sich fragen, wie es mit einer Familiengründung steht, ob das nun die Frau oder der Mann für das Leben ist, ob man eventuell Kinder zusammen haben könnte, na und so weiter. Für mich stand fest, dass ich auf eine Familiengründung keinen Wert legte, genauso wenig Wert legte ich auf eine ewigandauernde Zweierbeziehung, wo man sich einengte mit Ansprüchen und Erwartungen. Ich wollte frei sein, wenn das überhaupt möglich war. In meinem damaligen Zustand und an dem Entwicklungspunkt, an dem ich stand, gab es Freiheit nur als äußere Erscheinung, als eine Lebensweise sozusagen, die es mir erlaubte, so wenig Verantwortung wie möglich für eine Partnerschaft oder auch im Berufsleben tragen zu müssen. Ich wollte mir nicht vorschreiben lassen, wie ich meine Zeit zu verbringen hatte, wollte zuallererst mich selbst entdecken, um dann mit vielleicht neuen Erkenntnissen über Liebe und Partnerschaft, zu entscheiden, wie meine Zukunft aussehen kann. Meinetwegen dann auch mit Mara, falls sie es solange mit mir ertragen würde. Jedenfalls wollte ich nicht den Nachtwächterjob für sie aufgeben, auch wenn uns gemeinsame Unternehmungen fehlten. Wir hatten doch Sex. Mehr brauchte ich nicht.

Halb sechs Uhr fuhr ich dann mit meinem Fahrrad, was in meinem damaligen Alter absolute Unabhängigkeit in Bezug auf Massenkonsum und Verbraucherverhalten bewies, also für mich, meine ich. Ich fand es bemerkenswert neben einem herausgeputzten Schönling von zwanzig Jahren, der in seinem Golf GTI Cabrio an der Ampel stand, vorbei zu radeln und in keinster Weise Neid empfunden zu haben. Er war im Vergleich zu mir ein völlig konditionierter Idiot, der wahrscheinlich seine gesamte Kohle, die er verdiente, in den Kauf und den Unterhalt seines blöden Autos steckte. Mein Anschaffungspreis lag bei etwa 30 D-Mark und Unterhalt kostete mich das Zweirad gar nichts.

Im Glashäuschen erwartete mich der Dicke und grinste wie immer. Ich denke, es war Verlegenheit, weil er nach zwölf Stunden der Selbstbeschäftigung und Gedankengrübelei, einfach kein vernünftiges Wort mehr heraus bekam, was ich ihm übrigens hoch anrechnete. Seine Meinung interessierte mich nun wirklich nicht.
Kaum war er verschwunden räumte ich mir den Schreibtisch zurecht, legte Bleistifte und Papier vor mich hin und hoffte auf Eingebungen, wie ich denn noch die akademischen Künstler und Professoren beeindrucken konnte. Ich hatte mittlerweile erfahren, dass es gern gesehen wurde, wenn man mal als Gasthörer z.B. zum Aktzeichnen vorbeischaute oder an einer anderen öffentlichen Veranstaltung teilnahm. Einige Male war ich beim Aktzeichnen und kämpfte mit meinen Komplexen, weil dort in der Mitte des Raumes eine etwa siebzigjährige Dame völlig entblößt stand und mir ihren verrunzelten Körper zeigte. Also, mich machte das nun wahrlich nicht an und ich versuchte die Dame nur umrisshaft wahrzunehmen. Ein Typ, der ständig an seinem Brillenbügel nuckelte und wichtig aussehen wollte, glotzte mir über die Schulter und gab Laute von sich. Meines Erachtens ein Zeichen seiner Hochachtung meiner Kunst gegenüber. Ich besuchte diese Veranstaltungen regelmäßig, damit sich der Typ meinen Namen einbläute und mich bei eventueller Beurteilung meines Talentes während der Aufnahmeprüfung sofort an mich und meine aufopferungsvolle Hingabe an das Zeichnen erinnerte.

Die Nacht verlief ruhig, wie alle Nächte. Bei meinen Streifzügen durch die Dunkelheit der Hallen und den immerwieder aufschreckenden Geräuschen, war ich ganz bei mir, ganz ich selbst und irgendwie machte mir das mehr und mehr Angst.

80_ unabhängig mit Fahrrad
Am nächsten Morgen beschloß ich, unabhängig mit Fahrrad, zu mir zu fahren und Mara für eine kleine Weile mal in Ruhe zu lassen, damit sie sich beruhigte und auch um ihr tatsächliches Gefühl mir gegenüber zu testen. Wollte doch mal sehen, wie weit so ein Frauchen geht bei mir, ob sie wirklich etwas für mich emfpand und das mir auch durch Taten beweisen würde.
Kaum war ich im Bett, klingelte auch schon mein Telefon und Mara war am anderen Ende der Leitung; sie wollte wissen, warum ich denn nicht nach der Schicht zu ihr gekommen sei, ob ich sauer auf sie war wegen des Beinahestreits am Vortag. Ich hatte meinen kleinen Beweis ihrer Zuneigung und schnellte aus dem Bett hoch, rutschte in die Klamotten und fuhr zu ihr.
Sie lag eingekuschelt unter ihrer Bettdecke. Die Haare waren zerzaust und das Gesicht etwas zerknittert. Ich solle so etwas nicht noch einmal tun, meinte sie beinahe traurig, sie hängen lassen, ohne Anruf, ohne ein Zeichen. Wir drängten uns aneinander und schliefen gemeinsam noch einige Stunden bis sie kurz vor dem Nachmittag duschen ging und sich fertig für ihren Kneipenjob machte.
“Was meinst du?” begann sie kleinlaut, ” ob wir vielleicht im Mai einen kleinen Urlaub machen könnten?”
Ich richtete mich im Bett auf, strich mir durch das Haar und antwortete gähnend, dass ich schon Lust dazu hätte mit ihr zu verreisen, nur blieb von meinem kläglichen Lohn kaum etwas übrig. Ich hatte mir unlängst einen neuen Bass zugelegt, einen Steinberger, so ein kleines, plattes Plastikding ohne Kopf, wo die Mechaniken am Korpus angebracht waren. Ich fühlte mich beim Spielen des Instrumentes, als hätte ich einen Stock mit Saiten um die Schulter; der Sound war geil und das Gewicht verglichen mit meinem Ibanez MC 924 1984, der mir so manche verrenkte Schulter beschert hatte, war gering. Aber Geld hatte ich nun nicht übrig, um Urlaub zu machen.

“Ich habe einiges zurück gelegt, das könnten wir doch benutzen. Meinetwegen könnte es doch so ein Pauschal-Urlaub sein, all inclusive, Hotel,Frühstück, Flug und so…”
Sie wartete meine Antwort ab und hoffte wohl ich würde nun in Glückstaumel verfallen, aber ich war stutzig; sie wollte alles bezahlen und das hieß für mich: spuren, funktionieren, abhängig sein, was ich auf keinen Fall wollte. Ich sagte ihr, sie solle mir noch etwas Zeit zum Überlegen lassen; nächsten Monat sei der Auftritt in der angemieteten Halle und die Band würde noch einige Proben einschieben müssen, wenn wir uns nicht blamieren wollten. Es war eben nicht die Zeit für Urlaubspläne.
Natürlich war sie nicht begeistert und schmollte über ihrem Kaffee. Sie rauchte extrem viel, blies mir übellaunig den Qualm entgegen und wurde sprachlos. Kurze Zeit später war sie dann auch schon verschwunden und beglückte die lederjackigen Alleskönner und Schnacker in der Kneipe. Ich trollte mich hoch, schwang mich aufs Rad und fuhr zu einer neuen Schicht des Nachtwächterns.